Sie sind hier:   Kurpfälzer Zeit > Religions- und Machtpolitik

Die Religions- und Machtpolitik kurpfälzischer Herrscher in der Neuzeit


Autorin: Margarete Köhler
nach Veröffentlichungen von H. Steitz, A. Burger, C. A. Hoffmann und T. Schäfer

Inhalt: 

  1. Die Zeit unter Ludwig V. (1508-1544) und Friedrich II. (1544-1556)
  2. Die Zeit unter Ottheinrich (1556-1559)
  3. Die Zeit unter Friedrich III. (1559-1576)
  4. Die Zeit unter Ludwig VI. (1576-1583)
  5. Die Zeit unter Friedrich IV. (1583-1610)
  6. Die Zeit unter Friedrich V. (1610-1623), genannt Winterkönig
  7. Die Zeit unter Karl Ludwig (1649-1680) und Karl II. (1680-1685)
  8. Die Zeit unter Philipp Wilhelm (1685-1690)
  9. Die Zeit unter Johann Wilhelm (1690-1716), genannt Jan Wellem
10. Die Zeit unter Karl Philipp (1716-1742)
11. Die Zeit unter Karl Theodor (1742-1799)


1. Die Zeit unter Ludwig V. (1508-1544) und Friedrich II. (1544-1556)

Ludwig, genannt der Friedfertige, in dessen Regierungszeit die Reformation ihren Anfang nahm, blieb der alten Lehre treu. Er duldete jedoch lutherische Prediger in seinem Territorium. Auch sein Bruder Friedrich behielt die katholische Konfession bei. Unter seiner Herrschaft wurden aber bereits lutherische Pfarrer eingeführt.

Ingelheim war zunächst von den Umbrüchen nicht betroffen. Die hoheitsrechtlichen Spielräume der Kurfürsten als Pfandherren waren ohnehin durch Patronats- und Zehntrechte des Mainzer Domkapitels (Ober-Ingelheim) und des Mainzer Stiftes St. Stephan (Nieder-Ingelheim) beschränkt. Auch die übrigen Orte des "Ingelheimer Grundes" standen kirchlich in enger Beziehung zum Erzstift Mainz.


2. Die Zeit unter Ottheinrich (1556-1559)

Ottheinrich, der Enkel Philipps I., wurde 1502 als Sohn des 1504 während des Landshuter Erbfolgekrieges verstorbenen Kurprinzen Ruprecht bei Rhein geboren. Als er 1556 die Nachfolge seines Onkels Friedrich II. antrat, blickte er bereits auf einen bewegten Lebenslauf zurück. Der Kaiser hatte bei Ruprechts Tod Friedrich zum Vormund über dessen unmündige Söhne bestimmt. Als Erbe aus dem wittelsbachischen Besitz sollte ihnen das neu gebildete Fürstenturm „Junge Pfalz“ (Pfalz-Neuburg) zufallen, in dem ihr Onkel und Vormund Friedrich die Herrschaft bis 1522 ausübte.

In seiner ab 1522 folgenden eigenen Regierungszeit machte sich Ottheinrich als Bauherr (Neuburger Residenz), Mäzen und Sammler einen Namen, was 1544 fast zum finanziellen Kollaps seines Fürstentums führte. Man entzog ihm die wirtschaftliche Verantwortung, und er durfte nur noch repräsentieren.

Ottheinrich war Befürworter der lutherischen Glaubenslehre und konvertierte 1542. Das gesamte Fürstentum Neuburg wechselte mit ihm die Konfession. Der nach Neuburg berufene Prediger Osiander verfasste 1543 für ihn eine Kirchenordnung. Als der Pfalzgraf nach dem Schmalkaldischen Krieg ins Exil musste und in der Kurpfalz bis 1552 Zuflucht fand, begann er zum Verdruss seines katholischen Onkels Friedrich auch dort, reformatorische Aktivitäten zu entfalten. Nach dem Tode seines Onkels fiel ihm 1556 die Kurwürde zu. Nun waren seinem missionarischen Eifer keine Grenzen mehr gesetzt.

Zur Einführung des Luthertums als Landesreligion wurde eine Kirchenordnung erlassen und 1556 die erste Kirchenvisitation durchgeführt. Mit Unterstützung Melanchthons reformierte er die Heidelberger Universität und förderte den Ausbau der berühmten Palatina, der kurfürstlichen Bibliothek. Für sie beschaffte er sich 1557 die Bibliothek des säkularisierten Klosters Lorsch. Obwohl seine Visitationskommission in Ober-Ingelheim noch katholische Verhältnisse feststellte und anprangerte, kam es zu keinen tiefgreifenden Änderungen, weil Schultheiß und Rat als „Freie Reichsleute“ entschlossen waren, eine Beschneidung ihres religiösen Selbstbestimmungsrechts abzuwehren.


3. Die Zeit unter Friedrich III. (1559-1576)

Weil Ottheinrich ohne erbberechtigte Nachkommen starb, fiel die Kurwürde 1559 an den Pfalzgrafen Friedrich von Simmern-Sponheim. Obwohl katholisch erzogen, wandte sich Friedrich nach seiner Heirat mit Maria von Brandenburg-Kulmbach der Reformation zu und konvertierte zum Calvinismus. Er betrieb als Kurfürst eine harte und unduldsame Religionspolitik. Für Lutheraner und Katholiken gab es keine Toleranzspielräume mehr. Mit der Kirchenordnung“ von 1563, dem „Heidelberger Katechismus“ und der „Kirchenzuchtordnung“ von 1570 sorgte er für strenge kirchliche Reglementierung. Die Heidelberger Universität wurde nunmehr in calvinistischem Sinne reformiert und die Säkularisierung der Klöster zu Ende geführt.

Um seinen Anordnungen auch im Amt Oppenheim Nachdruck zu verleihen, traf der Kurfürst am 12. Mai 1565 persönlich zu einer Visitation in Oppenheim ein. Sein Auftreten ließ die lutherisch gesonnenen Räte Böses ahnen. Am folgenden Tag nannte er nach dem Gottesdienst in der Katharinenkirche die lutherischen Theologen „Papisten“ und entließ alle aus dem Dienst. Vergeblich legte der Rat unter Berufung auf die kaiserlichen Privilegien am nächsten Tag Protest ein. Den befohlenen Bildersturm leiteten die kurfürstlichen Räte noch am 15. Mai, dem Tag der Abreise Friedrichs, in die Wege. Die überaus gründliche Erledigung dieses Auftrags, der sich auf alle Kirchen und Klöster des Amtes Oppenheim erstreckte - und damit wahrscheinlich auch auf Ingelheim - , nahm mehrere Tage in Anspruch. Mit den in Oppenheim getroffenen Maßnahmen hatte der Kurfürst ein Exempel statuiert, nach dem in allen zum Amt Oppenheim gehörenden Gemeinden verfahren werden sollte.

Die Empörung der Bürger war so groß, dass Lutheraner und Katholiken beschlossen, sich gemeinsam zur Wehr zu setzen. Die Räte richteten eine „Supplication“ an den Kaiser, der sich auf ihre Seite stellte. Trotzdem gelang es ihnen nicht, das Rad zurückzudrehen. Sie ließen sich von den kurfürstlichen Räten umstimmen und einigten sich schließlich gütlich mit ihrem Pfandherren, weil sie die Konfrontation mit ihm scheuten. (Vgl. Steitz)

Die nunmehr calvinistische Pfalz bot sich als Zufluchtsort für Glaubensflüchtlinge aus dem benachbarten Ausland an (Engländer, Niederländer und Franzosen). Auf diesem Wege war auch die vor Herzog Alba geflohene Familie Lopes de Villanova nach Ober-Ingelheim gekommen.

Martin Lopez de Villanova stammte aus den spanischen Niederlanden und hatte inquisitorische Maßnahmen zu befürchten. Deshalb war er mit seiner Familie von Antwerpen über Köln nach Ober-Ingelheim geflüchtet und blieb dort ansässig. Sein Sohn Martin und sein Enkel Justus hatten den Ober-Ingelheimer Zehnthof (später Geismar’scher Hof) und ein Mitzehntrecht zu Lehen.

Vom traurigen Schicksal des Justus (und zweier seiner Kinder), der 1666 der Pest zum Opfer fiel, legt ein noch erhaltenes prächtiges Epitaph in der Burgkirche Zeugnis ab.


4. Die Zeit unter Ludwig VI. (1576-1583)

Ludwig war im Gegensatz zu seinem Vater streng lutherisch gesinnt und hatte sich schon als Administrator der Oberpfalz einer Calvinisierung entgegengestellt. Als Kurfürst griff er auf Ottheinrichs Kirchenordnung zurück und verlangte, die lutherische Konkordienformel von 1577, die er selbst mit unterzeichnet hatte und die die innerlutherischen Streitigkeiten beenden sollte, zu akzeptieren.


5. Die Zeit unter Friedrich IV. (1583-1610)

Beim Tode seines Vaters war Friedrich noch nicht regierungsfähig. Pfalzgraf Johann Casimir von Pfalz-Lautern, ein Bruder seines Vaters, wurde sein Vormund und nahm bis 1592 als Administrator die kurfürstlichen Aufgaben wahr. Casimir war überzeugter Calvinist und beeilte sich, eine religionspolitische Kurskorrektur vorzunehmen. Er führte im Innern die strenge Religionspolitik seines Vaters Friedrich III. fort, war aber bestrebt, sich außenpolitisch mit den Lutheranern gegen die Habsburger zu verbünden. Als Friedrich 1592 selbst die Regierungsgeschäfte übernahm, versuchte er, in seinem Territorium mit einer Politik des Ausgleichs eine Union zwischen Lutheranern und Reformierten herbeizuführen.


6. Die Zeit unter Friedrich V. (1610-1623), genannt "Winterkönig"

Eine streng calvinistische Erziehung hatte Friedrich religiös geprägt. Er solidarisierte sich mit den französischen Hugenotten und den niederländischen Aufständischen und spielte eine führende Rolle in der Union der protestantischen Reichsstände. Im Vertrauen auf diesen Rückhalt ließ er sich 1619 zum böhmischen König wählen. Mit diesem Schritt ging er in offene Konfrontation zum Kaiser und den bayrischen Wittelsbachern. Nach seiner Niederlage in der Schlacht am Weißen Berg (1620) wurde die Reichsacht über ihn verhängt, und er floh nach Holland. Die Kurwürde verlor er 1623 an Maximilian von Bayern, der 1622 seine Residenz Heidelberg eingenommen hatte.

Als Folge der Reichsacht rückten kaiserliche Truppen unter Marchese Spinola im Herbst 1620 mit spanischer Unterstützung von Norden in die linksrheinische Kurpfalz ein und hielten sie besetzt, auch Mainz und Ingelheim. Vom spanischen Hauptquartier in Kreuznach aus beherrschten ein militärischer "Pfalzgubernator" und ein ziviler "Superintendant" die Kurpfalz (und damit auch Ingelheim), bis die Reichstruppen den Schweden weichen mussten, die sich von 1631 bis 1635 in Mainz und Ingelheim halten konnten. Der abgesetzte Kurfürst Friedrich V. zog mit den siegreichen Schweden in München ein, erlag aber vermutlich Mitte November 1632 in Mainz einer ansteckenden Krankheit.

Als die Schweden mehr und mehr von den Kaiserlichen bedrängt wurden, kam der auf schwedischer Seite stehende Herzog Bernhard von Weimar zu ihrer Unterstützung an den Rhein und bezog 1635 Quartier in Ingelheim. Die Kapitulation der Festung Mainz war jedoch nicht zu verhindern. »In den Kapitulationsbedingungen wurde unter § 14 vereinbart, daß den kranken und verwundeten hohen und niederen Offizieren, gemeinen Knechten oder andern Bedienten in den beiden pfälzischen Flecken Ober- und Nieder-Ingelheim ein gebührliches Quartier, beneben gehörigem Unterhalt von 4-6 Wochen ohne Zahlung verstattet und gereicht werden solle.« (Burger S. 79-80).

Frankreich verbündete sich 1635 mit den Gegnern des Kaisers und trat in den Krieg ein. Im Jahre 1644 waren seine Truppen so erfolgreich bis zum Mittelrhein vorgedrungen, dass Mainz, Ingelheim und Bingen besetzt werden konnten (vgl. Burger S. 81). An diesem militärischen Zustand änderte sich bis zum Kriegsende nichts mehr.

Während des ganzen Krieges hatte die Bevölkerung unter der religiösen Bevormundung durch die jeweiligen Besatzer zu leiden. Die Spanier versuchten, unter militärischem Druck eine Rekatholisierung herbeizuführen, und die Schweden verlangten lutherischen Gottesdienst. Man muss es als Ironie des Schicksals bezeichnen, dass von den Franzosen, die zur Unterstützung der Protestanten ins Land gekommen waren, wieder die katholische Konfession favorisiert wurde.

Es ist zu befürchten, dass die Religiosität der zermürbten und verwahrlosten Bevölkerung am Ende völlig verflacht war. Verordnete Veränderungen wurden vermutlich nur noch formal mitvollzogen. Alle kirchlichen und weltlichen Strukturen waren zusammengebrochen, die Kirchen und Schulen verwüstet und das Land durch Krieg, Seuchen und Missernten äußerst verarmt und fast entvölkert.


7. Die Zeit unter Karl Ludwig (1649-1680) und Karl II. (1680-1685)

Im Westfälischen Frieden (1648) wurde der Übergang der Kurwürde auf Maximilian von Bayern ausdrücklich bestätigt. Für den Pfalzgrafen Karl Ludwig von Pfalz-Simmern, den Sohn und Nachfolger Friedrich V., wurde eine achte Kurwürde, verbunden mit dem Amt des "Erzschatzmeisters", geschaffen und Kurpfalz als Staat restituiert. Auf Betreiben der protestantischen Fürsten wurde eigens für die Pfalz festgelegt, dass die Konfessionsverhältnisse wiederherzustellen seien, die im Jahre 1618 geherrscht hatten.

Unter Karl Ludwig, der wie sein Vater der reformierten Lehre anhing, begann sich in Ansätzen ein Klima religiöser Toleranz zu entwickeln. Nach den Zerstörungen des Krieges wurden alle Menschen für den Wiederaufbau gebraucht. Entvölkerte Gebiete mussten wieder besiedelt werden. Es wäre unklug gewesen, bestimmte Gruppen zu vertreiben. Der Kurfürst, aus dem Exil nach Heidelberg zurückgekehrt, baute ein Stehendes Heer auf und führte das Land zu finanzieller Konsolidierung und partieller wirtschaftlicher Blüte. Seine Tochter Lieselotte verheiratete er aus politischen Gründen mit einem Bruder des französischen Königs. Er konnte nicht ahnen, dass dieser vermeintlich kluge Schachzug nach dem Tode seines kränklichen Sohnes Karl dem Land zum Verhängnis geraten sollte.

Schon zwei Jahrzehnte nach dem Westfälischen Frieden musste sich die Kurpfalz militärisch gegen die Begehrlichkeit des Herzogs von Lothringen zur Wehr setzen. Wie aus den Akten des Stadtarchivs hervorgeht, drangen lothringische Soldaten 1668 nach einer Niederlage von Pfälzer Truppen gegen die Lothringer bei Gensingen bis nach Ingelheim vor und verschafften sich in Ober-Ingelheim gewaltsam Verpflegung (vgl. Burger S.82).

Unter Karl, dem Sohn und Nachfolger Karl Ludwigs, büßten die Lutheraner ihre neu gewonnenen Freiheiten zum Teil wieder ein. Ihm lag sehr an der festen Etablierung der reformierten Glaubenslehre. Da er kinderlos blieb, war abzusehen, dass die Kurwürde nach seinem Tode an das katholische Haus Pfalz-Neuburg fallen würde. In Sorge um die calvinistischen Gemeinden verpflichtete er deshalb seinen Nachfolger vertraglich, den konfessionellen Status des Landes zu erhalten.


8. Die Zeit unter Philipp Wilhelm (1685-1690)

Im Jahre 1685 wurde der in Düsseldorf (Herzogtum Berg) residierende katholische Philipp Wilhelm aus der Nebenlinie Pfalz-Neuburg Kurfürst. Er fühlte sich an die vertraglichen Abmachungen mit Karl gebunden und strebte ein tolerantes Nebeneinander der drei Konfessionen an. Durch einen Erlass von 1685 wurde nicht nur den Reformierten und Lutheranern, sondern auch den Katholiken wieder die freie Religionsausübung gestattet.

Auch in Ingelheim und Umgebung wurden wieder lutherische Pfarreien gegründet.

Leider behinderten sich die Religionsgemeinschaften nun gegenseitig, indem sie um Benutzungsrechte stritten. Alle Bemühungen um ein geordnetes Nebeneinander wurden zunichte gemacht, als der französische König Ludwig XIV. im Namen seiner Schwägerin Lieselotte von der Pfalz, der Schwester Karls, Erbansprüche auf die Kurpfalz erhob. Er entfachte 1688 den Pfälzischen Erbfolgekrieg, das linksrheinische Gebiet der Pfalz (und damit auch Ingelheim) wurde schnell erobert und ausgeplündert. Beim Abzug zerstörten die Franzosen unter General Ezéchiel de Mélac systematisch Orte, Wälder, Gärten und Weinberge, damit das Land auf Dauer unbrauchbar gemacht würde (Politik der verbrannten Erde). So brachte der Krieg bis 1697 erneut Tod und Verwüstung sowie religiöse Indoktrination über die pfälzischen Lande.

Die Franzosen führten in ihrem Einflussbereich den katholischen Gottesdienst wieder ein, und die katholischen Restgemeinden nutzten als Minderheiten die französische Protektion, um die simultane Nutzung der Kirchen und die Partizipation an den Kirchengütern zu erzwingen.

9. Die Zeit unter Johann Wilhelm (1690-1716), genannt Jan Wellem

Als Johann Wilhelm die Nachfolge seines Vaters antrat, dauerte der Krieg noch an. Im Frieden von Rijswijk 1697 schrieben die Franzosen, die zum Zeitpunkt des Friedensschlusses bestehenden kirchlichen Besitz- und Nutzungsrechte vertraglich fest. Diese Regelung war im Sinne Johann Wilhelms. Doch sie brachte seinem Land nur Unfrieden.

Schließlich sah er sich veranlasst, 1698 die Simultaneumsverordnung zu erlassen, die allen drei Konfessionen die Kirchenbenutzung gestattete, in der Praxis aber die Katholiken bevorzugte, denn sie galt nicht für schon katholische Kirchen. Als die Streitigkeiten eskalierten und die Beschwerden zunahmen und außerdem der Kurfürst die Unterstützung der protestantischen Reichsstände gegen Bayern suchte, versuchte er durch die Religions-Deklaration von 1705 die Konfliktursachen zu mindern. Sie sicherte den christlichen Konfessionen vollkommene Gewissensfreiheit zu und regelte auf komplizierte Weise die Nutzungsrechte.

Das Kirchengut wurde zwischen Reformierten und Katholiken im Verhältnis fünf zu zwei aufgeteilt. In diesem Zusammenhang erhielten die Katholiken 1707 in Nieder-Ingelheim die Remigiuskirche und die Evangelischen die Ruine der Saalkirche, während in Ober-Ingelheim die Reformierten die Kirche St. Wigbert (die spätere "Burgkirche") bekamen und die Katholiken sich eine neue Kirche bauen mussten, St. Michael. Statt des erhofften inneren Friedens erreichte der Kurfürst mit diesen Maßnahmen jedoch nur ein spannungsgeladenes Nebeneinander der Religionsgemeinschaften.

Außenpolitisch kündigte sich schon bald nach dem Frieden von Rijswijk der Krieg um das Erbe der spanischen Habsburger an, der von 1701 bis 1713/14 ganz Europa in Atem hielt. Der Kaiser, England, die Niederlande, Savoyen und Portugal bildeten eine Koalition gegen das mit Bayern und Köln verbündete Frankreich. Die kurpfälzischen Territorien lagen sowohl am Nieder- als auch am Oberrhein im Krisengebiet. Dem Kurfürsten blieb keine andere Wahl, als sich der kaiserlich-holländisch-englischen Partei anzuschließen und sich gleichzeitig an die Reichskreise anzulehnen, denen die verschiedenen Teile seines zersplitterten Kurfürstentums angegliedert waren. Ingelheim war vermutlich nur insofern behelligt, als es gelegentlich durchziehende Truppen zu beherbergen hatte.


10. Die Zeit unter Karl Philipp (1716-1742)

Nach dem Tode Johann Wilhelms trat sein Bruder Karl Philipp die Nachfolge in Düsseldorf an. Er war ein frommer Katholik und zeichnete sich durch besondere Affinität zum Jesuitenorden aus. Seine Residenz verlegte er zunächst nach Heidelberg und wegen andauernden Auseinandersetzungen mit den Reformierten um die Nutzung der Heidelberger Heiliggeistkirche ab 1720 nach Mannheim, das er schachbrettartige wieder aufbauen und in dem er das größte Schloss auf deutschem Boden errichten ließ. Die Hofkirche wurde als Jesuitenkirche fundiert. Er setzte im Heer Feldgeistliche sowie Militärseelsorger ein. Die Ausübung der religiösen Pflichten war für alle Militärangehörigen streng reglementiert.

Einige Jahre nach dem spanischen Erbfolgekrieg siedelte sich in Ingelheim der Kommandeur der Oberrheinischen Kreiseskadron, der katholische Obrist (später Generalwachtmeister) Anton Otto von Cloß an. Er war ein verlässlicher Wahrer der Interessen seines Kurfürsten und entfaltete gleichzeitig ein für die Bevölkerung segensreiches Wirken. In engem Kontakt mit der Ingelheimer Jesuitenmission förderte er die Wiederbelebung und Ausstattung der katholischen Kirchengemeinden und kümmerte sich um die wirtschaftlichen und sozialen Belange der Region. Sein Vermögen wurde nach seinem Tode testamentarisch einer wohltätigen Stiftung zugeführt, von der nicht nur die Armen Ingelheims profitierten.

Ein barocker Grabstein, der seinem Andenken gewidmet ist, befindet sich in der Remigiuskirche.


11. Die Zeit unter Carl Theodor (1742-1799)

Weil mit Carl Philipp das Haus Pfalz-Neuburg im Mannesstamm ausstarb, ging die Kurwürde auf die Linie Pfalz-Sulzbach über. Carl Theodor, der bei Brüssel aufgewachsen war und Deutsch später lernen musste, trat die Nachfolge Carl Philipps an. Er residierte bis 1777 glanzvoll in Mannheim und versammelte an seinem Hof alles, was zu seiner Zeit in der Kulturszene Rang und Namen hatte. 1763 gründete er in Mannheim die Kurpfälzische Akademie der Wissenschaften. Als die Linie der bayerischen Wittelsbacher erlosch, fiel ihm auch dieses Kurfürstentum zu und er siedelte nach München über, wo er bis zu seinem Tode 1799 über ein relativ großes, aber sehr heterogenes Streuterritorium von der Nordsee bis zu den Alpen regierte.

"Die Kurpfalz durchlief nach den Katastrophen des 17. Jahrhunderts seit ungefähr 1700 eine Phase des rasanten Bevölkerungswachstums. Die Bevölkerungsverluste waren um 1725 wieder aufgeholt. Exakte Zahlen liegen für die Jahre zwischen 1773 und 1792 vor, als die Einwohnerzahl von 264.000 auf 323.000 stieg, also um gut 22 Prozent in 18 Jahren... Ende des 18. Jahrhunderts war die Kurpfalz mit ca. 75 bis 80 Einwohnern pro Quadratkilometer eines der am dichtesten besiedelten Gebiete Deutschlands." (Kohnle, S. 177f.)

Carl Theodor betrieb eine ausgeprägte merkantilistische Wirtschaftspolitik nach französischen Vorbild: Aufbau von Textilmanufakturen, Tabakverarbeitung, Anbau von Maulbeerbäumen zur Seidenproduktion, vielleicht auch in Ingelheim. Neben anderen Routen wurde auch die Straße von Germersheim und Franckenthal nach Mainz ausgebaut, als befestigte Chaussee mit Entwässerungsgräben und Alleebäumen. Sie wurde später in französischer Zeit durch den Präfekten Jeanbon St. André weiter ausgebaut und repariert.

Auf dem linken Rheinufer endete die kurfürstliche Herrschaft schon vor Karl Theodors Tod. Seit die französischen Revolutionsheere unter General Custine 1792 die Festung Mainz eingenommen hatten, kam auch das im Vorfeld gelegene Ingelheim nicht mehr zur Ruhe, bis es schließlich im Frieden von Lunéville (1801) mit dem linken Rheinufer an Frankreich abgetreten wurde.

 

Zurück zum Seitenanfang

Gs, erstmals: 21.09.06; Stand: 05.02.17