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Demographische Daten aus Ober-Ingelheim in der frühen Neuzeit


Autor: Hartmut Geißler
nach Krämer und Herbert

sowie nach Saalwächter, Ingelheimer Anzeiger vom 15.07.1916 (mit Dank an Peter Weiland)


Die frühesten Zahlen, die Krämer angibt, sind diejenigen des "Muster-Registers die Bürgerschaft zu Ober-Ingelheim belangend" "besichtigt und verbessert durch den Edlen Vesten Wolf Michel von Geispit[z]heim".

Wolf Michel von Geispitzheim war von 1597 bis 1619 Oberschultheiß des Reichsgerichtes und musterte 1597 die waffenfähige Bürgerschaft. (Krämer, S. 27)

Darin sind in Ober-Ingelheim im Jahr 1597 insgesamt 224 Familien erfasst, und zwar nach Straßen geordnet:

- 30 in der Kirchgasse
- 37 in der Offhob,
- 34 in der Stiegelgasse,
- 24 an der Ohrenbrück,
- 44 in der Altengasse,
- 29 in der Hammergasse und
- 26 in der Rinderbach (-gasse)

Rechnet man jede dieser Familien durchschnittlich mit 4 Personen, wie dies Krämer auch an anderer Stelle tut, dann wären dies etwa 896 Einwohner, ohne Adlige und ihr Gesinde. Zählte man diese noch dazu, dann muss die gesamte Einwohnerzahl von Ober-Ingelheim am Ende des 16. Jahrhunderts bei 1000 Personen gelegen haben.

Aus dem Jahre 1606 überliefert eine Bedeliste (Bede war eine Grundsteuer, die Adlige nicht zu zahlen brauchten) folgende Zahlen:

- 252 Bürgerfamilien, und zwar
-   36 in der Kirchgasse,
-   27 in der Vffhouer,
-   27 in der Stiegelgasse,
-   18 an der Ohren Brück,
-   34 in der Altengasse,
-   22 in der Hammergasse,
-   28 in der Rinderbach,
-   19 Wittfrauen; dazu noch
-     2 Vormundschaften und
-   25 neu zugezogene Personen

Dies ergibt (Familie x 4) allein schon im nichtadligen Bereich etwa 1000 Personen.


Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) ging die Bevölkerungszahl bis 1633 auf 202 Familien mit etwa 800 Personen zurück; sie sank also um ein Fünftel.

Saalwächter veröffentlichte 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, wohl nicht ohne Nebenabsicht, Zahlen aus dem Kontributionsregister Ober-Ingelheims vom Jahr 1650, also Abgaben an die französischen Besatzer, die zwei Jahre nach dem offiziellen Ende des Dreißigjährigen Krieges immer noch hier waren. Dieses Dokument war damals im Depositum von Ober-Ingelheim im Darmstädter Archiv noch vorhanden (Kasten 10, Nr. 56).

Seiner Meinung nach waren darin nur verheiratete Familienväter bzw. vaterlose Familien enthalten. Adelsfamilien und ihr Dienstpersonalwaren darin nicht erfasst. Gegenüber der Zeit vor dem 30jährigen Krieg war die Personenzahl stark gesunken. Die Personenzahl für volle Familien setzte er mit durchschnittlich 6 Personen pro Familie an, die für Familien ohne Vater mit 5 Personen. Diese Rechnung ergab folgende geschätzte Personenzahlen, geordnet nach Straßen:

- Kirchgasse                20 Familien  mit  120 Personen
- Uffhob                       12      "                72       "
- Stiegelgasse             16      "                96       "
- Ohrenbrück               10      "                60       "
- Altengasse                 5       "                30       "
- Hammergasse           20      "              120       "
- Rinderbach                  8      "                48       "
  zusammen                 91      "              546       "

  zuzüglich
Familien ohne Väter    14      "                70       "

Gesamtbevölkerung105     "              616      "

Noch größere Bevölkerungsverluste brachte die verheerende Pestwelle von Juni 1666 bis zum Februar 1667.

Krämer hat das Sterbebuch der evangelischen Bevölkerungsteile Ober-Ingelheims auswerten können und kommt unter Einbeziehung auch des katholischen Bevölkerungsteiles zu dem Ergebnis, dass auf der Basis der Einwohnerzahl von 1663 nur noch weniger als 300 Personen am Leben geblieben waren, also nur mehr ein Drittel der Zahlen um 1600.

Prominente Opfer dieser Pestwelle waren auch Angehörige der Familie Lopes de Villanova, an deren Tod ihr Grabmal in der Burgkirche erinnert, sowie die Familie Hartung in Nieder-Ingelheim.


Ein Verzeichnis aller zu Ober-Ingelheim befindlichen bürgerlichen Einwohner vom 25.02.1698 (also während des Pfälzischen Erbfolgekrieges, in dem 11 Personen wegzogen) zählte 132 Familien mit 360 Kindern, aus denen Krämer 602 bürgerliche Einwohner errechnete.


Eine Zusammenstellung vom Jahre 1721 ergab als Ober-Ingelheimer Einwohner immer noch deutlich weniger als vor dem Dreißigjährigen Krieg:

- 143 Bürger,
- 133 (Ehe-) Weiber,
-   13 Witwen,
- 144 Bürger-Söhne,
- 153 Bürger-Töchter,
-     8 Witwen-Söhne,
-     7 Witwen-Töchter,
-     7 Beisassen-Männer,
-     7 Beisassen-Weiber,
-     7 Beisassen-Söhne,
-     4 Beisassen-Töchter,
-     4 Juden-Männer,
-     4 Juden-Weiber,
-     6 Juden-Söhne,
-     6 Juden-Töchter,
-     2 unter Vormund stehende Kinder,
-   15 Taglöhner

=663 Personen


Erst in einer Conscriptionstabelle vom 14. Februar 1758 wurden wieder über 1000 Personen gezählt, nämlich
- 1062 Einwohner
- in 235 Familien
- mit 615 Kindern.


Eine Schatzungsrechnung von 1770/71 ergab
- 256 Männer,
- 271 Weiber,
- 360 Söhne,
- 348 Töchter,
-   47 Knechte,
-   64 Mägde

= 1346 Personen


Das bedeutet, dass der starke Bevölkerungsrückgang des 17. Jahrhunderts erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts wieder ausgeglichen wurde und die Zahlen vom Ende des 16. Jahrhunderts erst danach übertroffen wurden. Das schlimme 17. Jahrhundert hat also in der Bevölkerung des Ingelheimer Grundes verheerende und tiefe Spuren hinterlassen.

Zu den demografischen Daten der Ingelheimer Orte im 19. und 20. Jahrhundert

 

Gs, erstmals 18.02.09; Stand: 07.02.17