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Die Streitigkeiten um die Rheinauen


Autor: Hartmut Geißler

nach Alexander Burger, Streitigkeiten (BIG 3) und Wolf-Heino Struck


Nachdem das Ingelheimer Reichsgebiet ab 1375 von König Karl IV. an Kurpfalz verpfändet worden war, ergaben sich immer wieder Streitigkeiten, die u. a. die Kranrechte in Frei-Weinheim und die Rechte an den Auen im Rhein zwischen dem Rheingau (kurmainzisch) und dem Ingelheimer Grund (kurpfälzisch) betrafen.

Während die Kranstreitigkeiten 1430 und nochmals 1495 durch Schiedssprüche für eine gewisse Zeit friedlich beigelegt werden konnten, schwelten die Auseinandersetzungen über das Geleitrecht und zwischen den Bewohnern beider Seiten um die Rheinauen, die nach Überschwemmungen und Stromverlagerungen immer wieder ihre Form verändert hatten bzw. entstanden waren, über fast drei Jahrhunderte hin weiter, nämlich insgesamt von 1453 bis 1714/15! (Burger).

Es ging dabei vor allem um die Nutzungsrechte an neuen Sandbänken, wo man Weiden pflanzte, und um die Fischerei im allgemeinen wie um das Eisbrechen, um im Winter Fische fangen zu können.

Wiederholt kam es zu gewalttätigen Zwischenfällen, vereinzelt sogar mit Toten, zwischen Fischergruppen aus dem mainzischen Rheingau und dem pfälzischen Ingelheim, hier unterstützt vom Ingelheimer Vogt und dem kurpfälzischen Amtmann in Oppenheim als seinem Vorgesetzten. Man nahm sich gegenseitig Netze und Nachen ab, schnitt die Weiden ab, die von der anderen Seite gepflanzt worden waren, und bedrohte sich mit Schusswaffen. Es wird von bewaffneten Gruppen bis zur Stärke von 150 bis 300 Mann berichtet (1574).

Die beiderseitigen Regierungen tauschten Schriftstücke aus und prozessierten vor dem Reichsgericht in Speyer. 1541 wurde ein Stillhalteabkommen vereinbart, aber schon 1549 kam es zu einem neuen Zusammenstoß. 1571 führte die pfälzische Seite eine Strombefahrung im umstrittenen Gebiet durch und fertigte Protokolle des genauen Bestandes an.

1572 wurden zwei Walluffer durch den Ingelheimer Vogt festgenommen und im Bolander-Turm, einem "bösen Gefängnis bei Wasser und Brot", festgesetzt (Struck, S. 70). 1575 ließ die pfälzische Regierung sogar einige Geschütze, von je 12 Pferden gezogen, von Alzey in den Ingelheimer "Saal" verlegen, als militärische Drohgebärde. Die Rheingauer Seite antwortete darauf mit eigenen Rüstungsmaßnahmen. Es wurde aber weiter verhandelt bis zum Stillhalteabkommen des "Wormser Interims". In diesen Jahren wurden deswegen auch die zwei Rheingau-Landkarten angefertigt, zur Bestandsaufnahme des eigenen Besitzes, und zwar 1573 und 1575, von zwei verschiedenen Autoren unabhängig voneinander. Sie liegen im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden.

Der folgende Ausschnitt aus der Karte 645 R von 1573 bietet die älteste Kartenansicht Ingelheims.

Links oben eine "Capell", wohl am Rastplatz für die Aachen-Wallfahrer, unterhalb davon auf halber Höhe "Ingelheim", d.h. das burgartig befestigte Saalgebiet mit dem Dorf Nieder-Ingelheim rechts sehr dicht daneben.

Weiter rechts zwischen stark überhöhten Hügeln des Selztales Ober-Ingelheim, überschrieben mit "Ingelheimer Grund", rechts davon weiter vorn, einsam in der Landschaft, der Ingelheimer Galgen, am Rheinufer Frei-Weinheim mit einem Schwimmkran und rechts oben (Gau-) Algesheim. Im Rhein die verschiedenen damaligen Inseln ("Auen").

Ausschnitt aus der Rheingaukarte von 1573 mit dem Frei-Weinheimer Ufer und seinen Inseln (Blick von Nord nach Süd)

 

Der Konflikt war damit aber noch nicht beendet. Er schwelte weiter und brach erneut mehrfach aus, nur durch den Dreißigjährigen Krieg und den Pfälzer Erbfolgekrieg unterbrochen durch pfälzische Handlungsunfähigkeit.

1706 wurden neue Verhandlungen aufgenommen, die 1714/15 zu einem Vergleich führten, der bis zur französischen Revolution Bestand hatte.

Zum alten Weinheimer Kran

Zum Hafenverkehr und der Fahrgemeinschaft in Frei-Weinheim

Zur "Kundschaft" von 1454 aus Widder (1787)


Gs, erstmals: 12.03.06; Stand: 05.02.17