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Die Landwirtschaft unserer Region am Ende des 18. Jahrhunderts


Autor: Hartmut Geißler
nach:
Frey in 100 Jahre Landwirtschaftsschule,
Rettinger, Umgebung und
Bernhard, Die beiden Ingelheim und ihre Umgebung


In seinem 1788 erschienenen Büchlein „Etwas über Ackerbau und Landwirtschaft die Beförderung des ländlichen Wohlstandes betreffend“ schreibt der berühmte Bauerndichter Isaak Maus (1748-1832) aus Badenheim (heute in der Verbandsgemeinde Sprendlingen-Gensingen):

„Wir haben zwei Felder, die sich an Morgenzahl fast gleich sind, und bauen Einflürig, das heißt: alle Getraidearten, als Korn (Roggen), Weiz, Gerst und Spelz [Dinkel], in einem Flur, zwischeneinander; das andere Feld liegt brach, und wird aufs künftige Jahr besamt. Auf diesem Feld werden gegenwärtiges Jahre unsere Futterkräuter als Klee, Rüben u. d. g. gezogen, aber nicht in solcher Menge, daß der Körnerbau darunter litte oder für die Schweine nicht Trift noch Weide übrig blieb.

Auch hat fast jedes Dorf noch ein Stückgutes Ackerland an einem Bach, oder im Thal, welches alljährlich mit Gemüsen, Hanf und Futter bepflanzt wird, und weder zu diesem noch jenem Feld gehöret.

Die Weinberge sind auch abgesondert und betragen auf den meisten Gemarkungen hiesiger Gegend kaum den zehnten Theil der Morgenzahl.

Und der natürliche Wiesen sind noch weniger ...

Bei dieser Eintheilung nun ackert der Bauer, welcher 45 bis 50 Morgen Guth hat jährlich ohngefehr 20 Morgen; diese kann er mit einem Pferd oder mit zwei Ochsen bauen.

Er hält 4 bis 5 Kühe, ein oder zwei Rinder und 2 oder 3 Schweine; letztere kauft er im Frühjahr, treibt sie den Sommer hindurch aufs Feld, und mästet sie hernach für seine Küche.

Vier Personen können auf obigem Guth die Arbeiten verrichten, folglich braucht ein Haus, das keine erwachsenen Kinder hat, einen Knecht und eine Magd.“

Diese Ausführungen von Isaak Maus geben nicht nur Hinweise auf die damalige Größe eines mittleren bäuerlichen Betriebes von 40 - 45 Morgen (10 -11,25 ha), sondern lassen auch den Vieh- und Zugkräftebesatz und den erforderlichen Arbeitskräftebesatz erkennen.

Wie die 40 Morgen Ackerland im Wechsel von 2 Jahren genutzt wurden, zeigt seine auf der folgenden Seite angegebene Aufstellung:

Den Ertrag von 11 Morgen Getreide gibt er mit 110 Haufen an; je Haufen 4 Simmer (1 Simmer = 12,5 kg) ergibt 440 Simmer, gleich 55 Malter (Malter = 8 Simmer = 100 kg = 1 dt). Umgerechnet ergibt dies bis einen Durchschnittsertrag von 5 dt/Mg = 20 dt/ha.

Mit aller Entschiedenheit wendet sich Isaak Maus gegen den „Doppelbau“; gemeint ist der Ackerbau ohne Brache. „Doppelt Schor (Ertrag) - Halb verlohr!“. Isaak Maus ergeht sich in allerlei Spekulationen und aus heutiger Sicht nicht begründeten Berechnungen, um seine These zu rechtfertigen.

Von der Düngewirkung des Stallmistes und der Fruchtfolgewirkung der Leguminosen (Kleearten) hält er nicht viel. Er schreibt: „Die Hälfte seiner Ackerfelder alljährlich mit Getraide die andere Hälfte aber mit Futterkräutern zu haben; vieles Vieh zu halten um Dung für den Doppelbau zu gewinnen; denn dieser Dung soll eigentlich das ersetzen, was dem Acker durch die Aufhebung der Brache abgeht. Nehmlich was durch Thau, Regen und Luft, ein Jahr dem Acker zugeführt würde, das soll jetzt alles auf einmal mit dem Mistwagen geschehen. Die natürliche Verwitterung des Bodens, die der Bauer uneigentlich Ruhe nennt, welche den Acker nur einzig geschickt macht, seine enthaltene Nahrungstheilgen in die Pflanzen zu überführen, dieser vortreffliche Zustand des Ackers soll hier blos durch Dung und künstliche Abwechslung der Fruchtarten entbehrlich gemacht werden!“

Soweit das Zitat aus Dr. Frey

Kommentar (Gs):

1. Erträge: Während also im 18. Jahrhundert jedes zweite Jahr bei der noch vorherrschenden Zweifelderwirtschaft Erträge von durchschnittlich 20 dt/ha Getreide erzielt wurden, mit Brache in jedem zweiten Jahr und noch ohne zusätzliche Düngung, liegen die heutigen Erträge in Deutschland im Jahr 2006 und 2007 (nach EUROSTAT) bei 72.0 bzw. 69.6 dt/ha, also bei einem Dreieinhalbfachen, und das jedes Jahr, also insgesamt etwa bei einem Siebenfachen pro Anbaufläche; dies freilich nur durch den Einsatz industriell hergestellten Düngers und von Schädlingsmitteln sowie von landwitschaftlichen Maschinen.

Gerda Bernhard zitiert einen Bericht des engagierten Agrarwissenschaftlers Johann Nepomuk (von) Schwerz (Beobachtungen über den Ackerbau der Pfälzer, Berlin, Reimer, 1816), der den Übergang von der Zweifelderwirtschaft zur Düngung durch den Anbau von Luzerne und Esparsette in Wintersheim (Kreis Oppenheim) etwa ein Jahrzehnt zuvor sehr anschaulich beschrieb.

2. Betriebsgröße: nach Maus bei ca. 40 - 45 Morgen = 10 - 11,25 Hektar; nach EUROSTAT liegt der Schwerpunkt der bäuerlichen Betriebsgröße in Deutschland im Jahre 2005 zwischen 5 und 20 ha, aber es gibt heute auch viele erheblich größere Betriebe.

3. Besatz mit Arbeitskräften: nach Maus 4 Personen (Eltern und zwei erwachsene Kinder oder Magd und Knecht); nach EUROSTAT lag 2005 die Zahl der zusätzlichen landwirtschaftlichen Vollzeitarbeitskräfte in Betrieben zwischen 10 und 20 Hektar bei weniger als einer Person pro Betrieb (0,1 Personen).
Das heißt, Betriebe dieser Größe ernähren heute gerade einmal den Bauern selbst, aber keine weiteren Vollerwerbspersonen, die er aufgrund der Mechanisierung auch nicht mehr benötigt.

4. Vieh und Zugkräfte pro Betrieb:
Vieh nach Maus: 4 - 5 Kühe, 1 - 2 Rinder und 2 - 3 Schweine
Zugvieh: 1 Pferd oder 2 Ochsen

So wird man sich wahrscheinlich auch den durchschnittlichen landwirtschaftlichen Betrieb in den Ingelheimer Dörfern im 18. Jahrhundert und bis weit ins 19. Jahrhundert hinein vorstellen müssen, bis die Verwissenschaftlichung der Landwirtschaft zu künstlicher Düngung führte und später die Mechanisierung hinzukam.

Den Weinbau schätzt Maus in Rheinhessen auf höchsten 10% der landwirtschaftlichen Fläche ein. Diese Schätzung wird bestätigt durch die Statistiken von Johann Goswin Widder 1787, der
- für Nieder-Ingelheim 4,0 %,
- Ober-Ingelheim 11,2 % und
- Großwinternheim 8,5 % Weinbaufläche angibt,

sowie durch die französische Statistik des Kantons Ober-Ingelheim von 1801/02:
- 9,2% Weinbaufläche,
bezogen jeweils auf die gesamte angegebene landwirtschaftliche Nutzfläche.

Abkürzungen:
dt = Dezitonne = 100 Kilogramm (früher = dz = Doppelzentner)
Mg = Morgen = 0,25 Hektar; 1 Hektar = 4 Morgen ha = Hektar = 100 Ar = 10.000 Quadratmeter


Erich Hinkel berichtet in seiner Geschichte Bubenheims, eines der acht Dörfer des Ingelheimer Grundes, dass dort die Dreifelderwirtschaft 1721 aufgegeben wurde und dass schon ab 1750 Kartoffeln angebaut wurden.

Auch wenn die meisten Bauern einer (oft geistlichen) Grundherrschaft unterworfen waren, der sie ebenso wie den Pfälzer Territorialherren abgabepflichtig waren, scheint es ihnen, wie allgemein den Bauern der katholischen Regionen im Südwesten, relativ gut gegangen zu sein.

Rettinger, Umgebung, zitiert die Darstellung eines Johann Konrad Riesbeck von 1783:
"Der Bauer findet sich, überhaupt genommen, in diesem Strich Landes äußerst wohl. Er ist fast durchaus ein freier Eigentümer, der von keinen zu harten Auflagen gedrückt wird." (S. 72)

Gleichwohl waren die Überschüsse aus der eigenen Produktion, die nicht für Eigenbedarf und Pacht benötigt wurden, zu gering, um auf den lokalen Märkten größere Einnahmen zu erzielen. Überwiegend war Landwirtschaft damals also reine Subsistenzwirtschaft.

Hinzu kam das allgemeine Bevölkerungswachstum schon im 18. Jahrhundert, das durch Verkleinerung der ländlichen Parzellen zu einem Anwachsen der Armut führte, zu Tagelöhnern und Erwerbslosen. Dies setzte sich im 19. Jahrhundert verstärkt fort.

Für die Ernährung spielte im 18. Jahrhundert das Getreide noch eine zentrale Rolle mit der Deckung von drei Vierteln des Kalorienbedarfs. Kartoffeln scheinen erst nach der Agrarkrise der 1780er Jahre verstärkt angebaut worden zu sein.

Beim Getreide dominierten aufgrund der Bodenbeschaffenheit Spelz (Dinkel) und Roggen. Rettinger zitiert hier Wilhelm Hesses Darstellung der bäuerlichen Ernährungsgewohnheiten in Rheinhessen vom Anfang des 19. Jahrhunderts mit folgenden Angaben:

"Im Sommer gab es morgens um 8 Uhr nach schon 5-stündiger Arbeit ein Stück Kornbrot mit Käse. Das Mittagsessen bestand aus Kartoffeln bzw. anderen Gemüsen mit Schweinefleisch. Oft fiel das Fleisch weg. Wein gab es selten. Zum Abendessen gab es etwa um 19 Uhr Suppe, weichen Käse und im Sommer häufig saure Milch. Nur bei schwerer Feldarbeit war der Speiseplan reichhaltiger." (aus Heße S. 73-74, bei Rettinger S. 81/82).

Hesse fügt hinzu: "Die Taglöhner und ärmeren Bürger nähren sich hauptsächlich von Kartoffeln und Milch." (S. 74).

Zur Fortsetzung der Ingelheimer Landwirtschaftsgeschichte im 19. Jahrhundert

 

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Gs, erstmals: 21.11.07; Stand: 07.02.17