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Auswanderung aus Ingelheim in kurpfälzischer Zeit


Autor: Hartmut Geißler
nach Steitz. Kohnle und Saalwächter (BIG 9, 1958, S. 63-67)


"Die Kurpfalz durchlief nach den Katastrophen des 17. Jahrhunderts seit ungefähr 1700 eine Phase des rasanten Bevölkerungswachstums. Die Bevölkerungsverluste waren um 1725 wieder aufgeholt.

Exakte Zahlen liegen für die Jahre zwischen 1773 und 1792 vor, als die Einwohnerzahl von 264.000 auf 323.000 stieg, also um gut 22 Prozent in 18 Jahren. Ein ähnliches Bevölkerungswachstum wird man für die vorangegangenen, durch Statistiken weniger abgesicherten Jahrzehnte seit 1700 annehmen dürfen. Man kam deshalb schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts auf den Gedanken, die Politik der gezielten Anwerbung aufzugeben und zu einer rigideren Abgaben- und Ansiedlungspolitik überzugehen.

Auf der anderen Seite stand die Kurpfalz unter einem erheblichen Auswanderungsdruck, der den Zuwachs leicht wieder aufzehren konnte; 1764 erging sogar ein Auswanderungsverbot. (s.u.)

Für die Auswanderung aus der Pfalz gab es unterschiedliche Motive. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts spielten das wirtschaftliche Elend nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg und die gegenreformatorische Politik der Kurfürsten die wichtigste Rolle. Damals zogen viele Pfälzer nach Amerika, vor allem Pennsylvania.

Weitere Auswanderungswellen verteilten sich über das gesamte 18. Jahrhundert. Amerika blieb das beliebteste Ziel für die Reformierten, viele Katholiken zogen nach Ungarn. Preußen, Galizien und Rußland waren weitere Auswanderungsziele. Zwischen 1743 und 1790 verließen etwa 35.000 Menschen das Land.

Die Auswanderung hat insgesamt das Bevölkerungswachstum aber nicht aufgehalten. Ihr stand eine stetige Einwanderung gegenüber. Davon profitierten vor allem die Städte, die im 18. Jahrhundert beachtlich wuchsen:

- Mannheim erreichte 25.000 Einwohner um 1777, erlitt 1778 mit der pfalz-bayerischen Union aber einen schlimmen Aderlass, als es an die 5.000 Einwohner verlor.
- Heidelberg kam auf etwa 10.000 Einwohner,
- deutlich kleiner waren Frankenthal, Neustadt und Kreuznach (3.500), Alzey (2.600) und Weinheim (2.300).

Ende des 18. Jahrhunderts war die Kurpfalz mit ca. 75 bis 80 Einwohnern pro Quadratkilometer eines der am dichtesten besiedelten Gebiete Deutschlands. Das Bevölkerungswachstum brachte es mit sich, dass der verfügbare Boden im 18. Jahrhundert wieder unter den Pflug genommen und dass bisher nicht bestelltes oder verwildertes Land bebaut wurde."
(soweit Kohnle, S. 176 ff.)

Die Bevölkerungssituation im Ingelheimer Grund gegen Ende des 18. Jahrhunderts kann man der "Historisch-Geographische Beschreibung der Kurfürstl. Pfalz am Rheine" des kurpfälzischen Beamten Johann Goswin Widder aus dem Jahre 1785 - 1787 entnehmen, die aber keine Vergleichszahlen früherer Jahre enthält. Siehe Seite "Ingelheim 1787"


Zum Verbot illegaler Auswanderung aus der Kurpfalz:

Die absolutistischen Staaten waren in aller Regel an einer wachsenden Bevölkerung interessiert und bekämpften daher die Auswanderung. Im Ingelheimer Stadtarchiv ist eine Urkunde von 1779 erhalten, in der illegale Auswanderung mit allen Mitteln verhindert werden soll und unter Strafe gestellt wird.

 

 

 

 

 

An Leibeigenen kann es im Ingelheimer Grund höchstens sog. "Wildfang" gegeben haben, d. h. Personen, die von auswärts zugezogen sind und dadurch automatisch den pfälzischen Kurfürsten als Leibherren bekamen. Die alteingesessenen Ingelheimer waren ursprünglich reichsunmittelbar und dadurch alle "freie" Untertanen, gleich ob adlig oder nichtadlig. Konkrete Zahlen über Auswanderung aus Ingelheim in dieser zeit sind nicht bekannt.

 

 

 

Viele Einzelbeispiele sind von Andreas Saalwächter in seinen Beiträgen in der AZ 1951 zusammengestellt, erneut gedruckt in BIG 9 (1958), S. 63-67.

 

Gs, erstmals: 02.11.06; Stand: 07.02.17