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Ober-Ingelheim

(nach der Vereinigung zur Stadt Ingelheim 1939 auch längere Zeit "Ingelheim-Süd" genannt)

Autor: Hartmut Geißler
Neufassung 2020

 

Ober-Ingelheim - ein fränkisches Dorf in Königsbesitz

Ober-Ingelheim gehörte ebenso wie Nieder-Ingelheim mit seiner Pfalz und mehreren Dörfern des Selztales zu einem größeren Königsbesitz, der nach der Verpfändung an die Kurpfalz "Ingelheimer Grund" genannt wurde. Beide Orte waren wie Ober- und Nieder-Hilbersheim im benachbarten Welzbachtal Zwillingsdörfer eines gemeinsamen Besitzes und wurden später von der Pfälzer Verwaltung auch "Ingelheim und Ingelheim" oder "die beiden Ingelheim" genannt. Wer der wahrscheinlich namengebende Ingilo (oder ähnlich) war, ist unbekannt (s. Merowingerzeit).

Der Name "Ober-Ingelheim" erscheint zum ersten Mal in einer originalen Schenkungsurkunde Ottos III. aus Ravenna vom 12. Mai 1001, in der einem Grafen Tammo eine Manse "in villa Inglinheim superiori in comitatu Emichoni comitis in pago Nahegouue dicta situm" übereignet wird ("im Hofgut Ober-Ingelheim in der Grafschaft des Grafen Emicho im Nahegau"; MGH, DO III, 837, 403).

Ähnlich auch unter Heinrich III., allerdings nur in der Abschrift einer Bestätigung einer angeblichen Urkunde Karls des Großen (vor 800), in der - zusätzlich zu weiteren Schenkungen - schon früherer Besitz des Klosters Hersfeld bestätigt wurde, der dem Kloster möglicherweise bei seiner Gründung (769) durch den Mainzer Erzbischof Lullus übertragen worden war. Die Urkunde Karls selbst ist nicht erhalten.

Mit jener Schenkung Karls verbunden war die Übertragung von 2 Höfen mit ca. 60 Morgen und 4 Mansen (Landarbeiterhöfe) in Ober-Ingelheim an das Hersfelder Kloster.

Wie sah dieses Königsdorf Ober-Ingelheim früher aus? Die älteste Abbildung ist die von 1645 aus dem Werk von Matthäus Merian d. Ä. über die Orte der Rheinpfalz ("Topographia Palatinatus Rheni"):

Kupferstich aus Matthäus Merians Topographia Palatinatus Rheni von 1645; Kopie UB Düsseldorf, gemeinfrei


Wappen und Beschriftung sind verwechselt: Was links, klein und  entfernt vor den Rheingauhöhen, als "Ober-Ingelheim" überschrieben ist, ist in Wirklichkeit Nieder-Ingelheim, zu dem auch das Wappen (Reichsadler über Burgmauern) gehört (oben rechts), und was groß mit "Ingelheim" überschrieben ist, das ist in Wirklichkeit (nur) Ober-Ingelheim mit einem übersteigert großen Burgkirchenareal und idyllisch gelegenen Hausgruppen, so als hätte es den Dreißigjährigen Krieg gar nicht gegeben.

Diese Darstellungsweise war auch Richtschnur für die anderen Orte dieses Werkes. Offenbar wollten die Käufer eines so teuren Werkes die Orte lieber unzerstört und schön sehen. Das bedeutet leider, dass die Abbildung keine verlässliche Auskunft über den Zustand der Gebäude und seiner Ortsbefestigung in der Mitte des 17. Jahrhunderts vermittelt. Vermutlich sollten aber ganz bestimmte Gebäude, so die Adelspalais der potentiellen Käufer des Buches, zu erkennen sein.

Zu einem Hochkant-Ausschnitt des Merianplanes

 

Der Ortsplan aus der Zeit um 1800

Dieser in Ober-Ingelheim sehr bekannte Plan wurde 1934 von Christian Rauch veröffentlicht. Oben ist Osten, Norden nach links. Zu der Kommentierung seiner Einzelheiten siehe bei Ortsbefestigung!

Gut zu erkennen ist am oberen Bildrand rechts im doppelt ummauerten Burgkirchenareal die "reform. Kirche" mit Wehrmauerresten links und rechts sowie mehrere Vorlagetürme, d.h. Türme, die vor der Mauer stehen, und zwar vertieft im Graben, um diesen bei Eroberungsversuchen besser beschießen zu können. Unterhalb und rechts davon sind auch die katholische Kirche St. Michael und die luth. Kirche am Neuweg eingezeichnet.

Die mittelalterliche Hauptstraße (Stiegelgasse - Markt - Rinderbach) verläuft quer durch diesen Plan. Rechts unten fließt die Selz.

Zur besserung Orientierung wurde von uns auch dieser Plan bearbeitet, und zwar durch Hinzufügung der Tornamen mit Kreisen um ihre Lage sowie durch eine deutlichere Windrose oben links.

Ortsplan angeblich von ca. 1800, aus Rauch 1934, mit Tornamen und Himmelsrichtungen ergänzt von K.P. Wörns 2020

 

In einem etwas nach links verschobenen Zentrum befindet sich der Marktplatz, von dem strahlenförmig die ursprünglich stets so genannten "Gassen" ausgehen. Kern der Verteidigungsanlage ist die Kirchenburg mit der Burgkirche oben (östlich) am Hang, die das Ortsbild beherrschende, ehemals katholische Pfarrkirche St. Wigbert ("Burgkirche" erst seit 1940) mit eigener Doppelmauer (Zwinger) und Graben. Es gibt Indizien, die daraufhin deuten, dass diese Kirchenburg schon eher bestand als die Mauer um den Ort.

Die Kirche in ihrer Gestalt aus dem 15. Jahrhundert spiegelt insbesondere von außen durch vier verschiedene Dachhöhen und ihren älteren Turm die verschiedenen Bauphasen von der Romanik bis zur späten Gotik wider. Ihr durch zwei Seitenschiffe erweiterter Innenraum diente bis ins 17. Jahrhundert als Grablege für den Ingelheimer Adel.

Der romanische Turm barg das Urkundenarchiv des Ingelheimer Grundes, während das Archiv des Adels und der Gerichte in einem Nebenraum der Nikolaus-Kapelle untergebracht war.

Zur Sozialstruktur:

Schon im Mittelalter wohnten in Ober-Ingelheim neben den adligen Familien und ihrem Gesinde auch nichtadlige Freie, "Bürger" (lateinisch "cives") genannt. Es waren vor allem Bauern, die teilweise auch Wein anbauten, Handwerker und Händler. Dementsprechend gab es am Ende des 15. Jahrhunderts  wie bei einer Stadt mit Stadtrechten einen "Bürgermeister," einen "Rat" und eine "Gemeinde" (Haderbuch OI 1467, fol. 105). Der Schwerpunkt der adligen Höfe lag rechts im südwestlichen Teil, während die Nichtadligen eher links im nördlichen Bereich wohnten.

Zu einigen demographischen Daten aus der frühen Neuzeit Ober-Ingelheims

Wie schon Matthäus Merian betonte auch der Offenbacher Maler Leopold Bode die beherrschende Lage des Burgkirchenareals in einer Farblithografie, die er um 1880 in der Offenbacher Druckerei seines Vaters möglicherweise für die Erlangers in Nieder-Ingelheim anfertigte. Denn für sie malte er auch andere Bilder.

Bei einem Klick auf das Bild erscheint es in Vergrößerung.

Farblithografie des Offenbacher Malers Leopold Bode ca. 1880; Copyright Hist. Verein


Zur Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert:

Seit dem 19. Jahrhunder und besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchsen Ober- und Nieder-Ingelheim aufgrund der Industrialisierung und des starken Bevölkerungswachstums aufeinander zu, durch Neubaugebiete zwischen Selz (Selztalstraße) und Mainzer Berg (Rotweinstraße). "Vorreiterin" der Neubautätigkeit war um die Jahrhundertwende die Grundstraße. Ihr folgten die 1876 neu angelegte Bahnhofstraße und dann die Gebiete dazwischen.

Mit Wirkung zum 1. April 1939 wurde Ober-Ingelheim schließlich mit Nieder-Ingelheim (mit Sporkenheim) und Frei-Weinheim zur "Stadt Ingelheim am Rhein" vereinigt.

Heute gehen beide Orte sozusagen fugenlos ineinander über, die ehemalige Gemarkungsgrenze ist nicht mehr zu spüren, ebenso wenig wie noch etwas von den früheren, bei der Jugend durchaus handfesten Animositäten.

Auf der hessischen Höhenschichtkarte von ca. 1900 (unten) ist sie rot eingetragen. Oben verläuft quer die Binger Straße. Zur ihr parallel ist der Verlauf der Schwebebahn für die Zementfabrik durch eine Linie mit kleinen Querstrichen eingezeichnet. Deutlich ist die noch dünne Wohnbebauung zwischen Ober- und Nieder-Ingelheim zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Gemarkungsgrenze kreuzte die Grundstraße auf Höhe der San-Pietro/Kreuzbergstraße und die Bahnhofstraße oberhalb der Abzweigung der Mühlstraße, so dass fast der ganze Teil der Bahnhofstraße mit ihrer Steigung in Ober-Ingelheimer Gemarkung liegt. Dem gegenüber gehörte der größere Teil der heutigen Grundstraße zu Nieder-Ingelheim, und auf der erst später ausgebauten Rotweinstraße ragte Nieder-Ingelheim bis zum Ober-Ingelheimer Friedhof und zur Friedensallee nach Süden.

Gemarkungsgrenze rot in in der Höhenschichtkarte von Hessen 1900-1902
Foto: H. Geißler

 

 

 

 

 

Als Beispiel für einen Industrialisierungsansatz in Ober-Ingelheim rechts das älteste Elektrizitätswerk des Ortes. Es lag an der Ecke Gärtnerstraße / Untere Froschau und war in Betrieb von 1894 bis 1906. Errichtet wurde es von Friedrich Wilhelm Freund, der dazu seine bisherige Gerberei umbaute.

Zum zweiten Elektrizitätswerk von Ober-Ingelheim siehe hier!

 

 

 

In Ober-Ingelheim siedelte sich aus Verkehrsgründen nur wenig Industrie an. Als Beispiel dafür mag die Verkaufsannonce des letzten, kinderlosen Müllers Philipp Wolf 1873 dienen, die sein großes landwirtschaftliches Anwesen der Klostermühle an der Ohrenbrücke als günstig gelegen für den Handel anpries ("1/4 Stunde von der [Bahn-] Station entfernt") und als geeignet "zu jeglicher Fabrik-Anlage": Sie wurde weder als Standort für Handel noch an einen Fabrikanten verkauft, sondern blieb bis heute ein großes landwirtschaftliches bzw. Weingut.

Die Selztalbahn war noch nicht gebaut, Gespanne mit Wagen mussten immer noch durch die Selzfurt fahren und mit der "Station" war der Bahnhof in Nieder-Ingelheim gemeint. In dessen Nähe siedelte sich die Industrie Ingelheims an. Die Viertelstunde bis zu dieser Station war außerdem wohl mit einem galoppierenden Pferd gemessen.

Auch in den 1970er Jahren wurde aus Ober-Ingelheim keine autogerechte Stadt gemacht. Dadurch blieb sein auf uns idyllisch wirkender mittelalterlicher Ortskern bis heute erhalten. Freilich werden nach dem Hinzukommen von Neubaugebieten die Klagen über fehlende Parkplätze immer lauter.

 

Literatur zur Ober-Ingelheimer Geschichte

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Gs, erstmals: 08.03.06; Stand: 09.02.21