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12. Edelgasse, Kloster Engelthal, Klostermühle und Ohrenbrücker Tor


Autor und Fotos: Hartmut Geißler und Hist. Verein

unter Benutzung des Forschungsberichtes von Jutta Hundhausen StArchiv Ing. A/34/2013/19
sowie ihres Aufsatzes in Ingelheim am Rhein 2019, S. 314-325
Stadtarchiv Ingelheim Parzellenkatasterblatt I G von 1848, Rep. II/418
Krämer Ober-Ingelheim
Krienke, S. 416
Dank an Peter Weiland für viele hilfreiche Hinweise!

 

a) Adelshöfe in der Edelgasse

Der Straßenname "Edelgasse" ist erst seit dem 18. Jh. nachgewiesen, die Häuser dort wurden vorher noch zur Stiegelgasse gerechnet.

In der Edelgasse Nr. 1 und 5
zeitweise Güter der Wölfe von Sponheim bzw. der Hund von Saulheim.

b) Kloster Engelthal

Edelgasse 15:

heute Teil des Weinguts Wasem, mit Vinothek, Gaststätte und Tagungsräumen; bis 1573 ein Zisterzienserinnen-Kloster „Engelthal“ für adlige Frauen, wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert (Ersterwähnung 1290), seelsorgerlich betreut und beaufsichtigt vom Kloster Eberbach.

Zwei Gebäude am Hof mit Fachwerk und eng beieinander liegenden Fenstern deuten noch auf Zellen von Nonnen hin. Alle anderen Klostergebäude, auch die Kapelle im hinteren Bereich, wurden nach der Aufhebung des Klosters durch die Reformation zugunsten von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden der Mühlenhofreite abgerissen.

Das Kloster bezog Einkünfte aus vielen verschiedenen Höfen, u. a. auch aus Sporkenheim (Krämer ausführlich S. 37-42). In den Haderbüchern finden sich viele Eintragungen über säumige Zahlungen. Auch nach der Reformation mussten die Kloster-Abgaben trotzdem weiter bezahlt werden und fielen nun an Kurpfalz; die Pfälzer Regierung vergab sie zu Beginn als Lehen an den kurpfälzischen Oberamtmann in Oppenheim, Dietrich Freitag, † 9.12.1598, dessen Grabmal sich in der Burgkirche befindet.

Ursprünglich waren Schenkungen an das Kloster gemacht worden, damit die Nonnen für das Seelenheil der Schenkenden beteten; nun, nach der Auflösung des Klosters und der Vertreibung der Nonnen durch die Kurpfalz, dienten sie einem Pfälzer Adligen als ein Teil seiner Existenzgrundlage.

Wahrscheinlich der Zellentrakt der Nonnen

 

Zum Kloster gehörte eine Mühle zur Getreide- und Flachsverarbeitung, die gegenüber den Klostergebäuden auf der Insel zwischen dem (1911 zugeschütteten) Mühlgraben und der Selz stand, etwa da, wo heute ein Holzpavillon steht. Solche Mühlen an Gewässern, die wie die Selz nicht viel kinetische Energie mitbrachten, sind zumeist im Hochmittelalter, der Stauferzeit, gebaut worden, um eine damals stark wachsende Bevölkerung mit Mehl zu versorgen. Insofern könnte die Mühle auch älter sein als das Kloster. Das für die moderne Straße abgerissene Gebäude, das mit dem Südturm des Tores verbunden war, war nicht die Mühle selbst, wie bisweilen zu lesen ist, sondern ein zur Mühlenhofreite gehörendes Wirtschaftsgebäude.

Ausschnitt aus dem Katasterplan von 1848 mit der Mühle auf der Insel zwischen Mühlgraben und Selz sowie mit den Gebäuden der Mühlenhofreite gegenüber; von den Resten des ehemaligen Tores sieht man nur noch den nördlichen Schalenturm frei stehend, aber halb abgetragen (siehe unten), während der südliche Turm zu einem Teil des kuchenstückartigen Gebäudes geworden war, das 1903 abgerissen wurde (siehe unten); Gs

c) Die (Kloster-)Mühle

Aus: Busch, Hans: Ingelheimer Mühlen von 1880 bis 1980. Historischer Verein, Ingelheim 1982 (= BIG 33); auch in abgescannter Form gegen eine Schutzgebühr erhältlich


"DIE FRÜHERE KLOSTERMÜHLE ODER ENGELTHALER MÜHLE

Zu den ältesten Mühlen im Ingelheimer Grund gehörte die am Ende der Edelgasse und an der Selz gelegene „Klostermühle“ , die zu dem Kloster Engelthal gehörte und deshalb auch so genannt wurde. Gerade diese Mühle, von der heute als Mühle nichts mehr zu erkennen ist, erscheint unter verschiedenen Namen: Neben Klostermühle auch Engelthals-Mühle, Herrenmühle und zuletzt Wolffsche-Mühle und Ohrenbrücker-Mühle genannt.

Aus Prof. Rauch: „Die Kunstdenkmäler des Kreises Bingen“, Seite 531: „Die Klostermühle dem Kloster (Engelthal) benachbart und diesem gehörig. Sie wird 1403 mit dem Müller von Quwirnsheim erwähnt. 1665 war der Erbbeständer ein Mann namens Freitag, 1671 wurde es Johann Heger von Heidesheim. 1738 kam Johann Georg Wolff in Besitz der Güter, die 1850 noch im Besitz derselben Familie waren. 1908 wurde ein Teil des Klostergebäudes mit der benachbarten Mühle abgebrochen.“ (Anmerkung [Busch]: nicht 1738 sondern 1745 wurde der Kaufvertrag geschrieben) ...

 Phil. Krämer berichtet...: 1573 wurde Kloster Engelthal durch die Landeshoheit der Kurpfalz aufgehoben. Das Gut bestand zuletzt noch aus 94 Morgen Äcker, 51/2 Morgen Wiesen und der sogenannten „Herrenmühle“, die zwischen dem Conventsgebäude und den Tortürmen (Ohrenbrücker Tor) lag. Die Nonnen hatten die Mühle stets verpachtet. 1870 war die Mühle noch in Besitz der Wolffschen Nachkommen. Im 18. Jahrhundert arbeitete die Mühle mit 4 Mahlgängen und einem Ölgang. 1904 war die Mühle noch in Betrieb, wurde aber dann abgebrochen. Der letzte Müller war Robert von Gilsa, der noch eine Senfmühle einrichtete.“ (Soweit Phil. Krämer)

Nach Auskunft von Herrn Freund soll es zuletzt auch eine Lohmühle gewesen sein.

Ab 1938 wird Julius Weitzel Besitzer des Anwesens. Er betreibt Landwirtschaft, Obst- und Weinbau und hatte 1978 noch einige Milchkühe im Stall - als einziger Landwirt in Ober-Ingelheim, bis Ende 1978 die Milchwirtschaft auch eingestellt wurde. Es war keine Milchsammelstelle mehr vorhanden. Julius Weitzels Sohn, Wolfgang, wird heute noch von seinen Kameraden mit dem Namen "Mühler" (nicht Müller) gerufen. Seit 1978 war Wolfgang Weitzel Inhaber des Betriebes..."

Soweit die Zitate aus Busch.

Mittlerweile ist der Hof in den Besitz der Nachbarfamilie Wasem übergegangen (Gs).

d) Das Ohrenbrücker Tor

Das folgende Bild zeigt den ruinösen Zustand des ehemaligen Tores und die daran gebauten Gebäude im Jahre 1903. Weil die neue Straße 1906 nicht mehr durch das enge Tor, sondern daran vorbei zur neuen Brücke führen solte, wurde das Wirtschaftsgebäude am südlichen Torturm abgerissen. Davor gab es dort nur zwei kleine Brücken über den Mühlengraben und die Selz, die für Fußgänger und Esel geeignet und wahrscheinlich so stark gewölbt waren, dass sie an Ohren erinnerten. Die Personen des folgenden Bildes stehen auf der kleinen Brücke über den Mühlgraben, der 1911 zugeschüttet wurde. Er vereinigte sich am unteren Bildrand mit der von unten rechts kommenden (Rest-)Selz.

Das Gelände einer (wahrscheinlich) alten Landarbeitersiedlung (des Klosters?) auf der anderen Selzseite heißt bis heute "Ohrenbrück".

Im Mittellater und der frühen Neuzeit diente das Tor außer zum Schutz der Furt, der Mühle und des Klosters wahrscheinlich auch zur Zollerhebung und Weinzehnterfassung. Ob es allein stand oder irgendwie an eine von Norden her kommende Wehrmauer durch den oberen Ochsenborn angeschlossen war, ist noch nicht geklärt.

Reste des Ohrenbrücker Tores 1903 vor dem Abriss des angebauten Gebäudes rechts: Repro: Gs


Nach dem Abschluss erneuter Restaurierungsarbeiten im Jahre 2011 bietet sich das Tor mit einer neu gestalteten Grünanlage so dar (siehe unten); man kann im Vergleich leicht erkennen, dass die verschiedenen Restaurierungsarbeiten einige Bausubstanz nach dem Vorbild des Uffhubtores ergänzt haben, die 1903 nicht mehr vorhanden war.

Aus der Französischen Zeit und danach ist keine Notiz über eine Wohnungsvermietung in einem Torhaus erhalten, das auch dieses Tor ursprünglich gehabt haben dürfte (vgl. Stiegelgässer Tor). Sein Verfall hat wahrscheinlich schon erheblich früher eingesetzt, vielleicht weil es erst sehr spät eine befahrbare Brücke bekam.

Zur Erinnerung an die Klostermühle wurde ein Mühlrad vor dem Tor deponiert.

Aus dem verfallenen Verkehrshindernis von 1903 ist ein hübsches Stück Idylle geworden, das auch den End- oder Anfangspunkt eines Spazierganges durch den neu geschaffenen Park am Ochsenborn bildet.

 

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Gs, erstmals: 10.03.06; Stand: 10.01.21