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Die Saalkirche

 

Autor der Neufassung 2021: Hartmut Geißler
(zur Zeit noch in Überarbeitung)

Die Neufassung wurde im Jahr 2020 nötig, als sich das Ergebnis von Nachuntersuchungen der Forschungsstelle Kaiserpfalz verfestigte, dass diese Kirche nicht schon im 10. Jahrhundert unter Otto I. gebaut worden sein kann, sondern erst viel später, in salisch-staufischer Zeit (2. Hälte des 11. Jahrhunderts oder 1. Hälfte des 12. Jahrhundert). Denn Messungen von Kohlenstoffresten (C14-Datierung) aus zwei Stellen des Fundamentes der östlichen Wand des nördlichen Querhausarmes ergaben die Notwendigkeit eines erheblich späteren Datierungsansatzes. Sie kann deshalb nicht mehr als ein Beispiel für die ottonische Benutzung der Pfalz dienen, wie es die Ausstelung im nördlichen Seitenarm noch zeigt. Diese soll deswegen in Kürze überarbeitet werden.

Zur Zeit ist deshalb noch völlig unklar, wozu und von wem diese Kirche erbaut wurde, denn die frühesten Jahre ihrer neu berechneten Bauzeitansetzung fallen mit dem Ende der Pfalzbenutzung durch Heinrch III. (Hochzeitsfest 1043) zusammen, sodass sie nicht mehr als Pfalzkirche dienen konnte.

Dessen Sohn, Heinrich IV., ließ zwar auch am großartigen Speyrer Dom, der Grablege der Staufer, bauen, aber vor allem ließ er viele Burgen bauen. Wenn in seiner 50jährigen Regierungszeit schon mit dem Umbau der zweifellos nicht mehr benutzten "Pfalz" zu einer großen Burganlage begonnen wurde, dann wäre freilich die Saalkirche als Burgkapelle nur für die wenigen dort wohnenden Burgmannen viel zu groß gewesen.

Die Ausgrabungen von Walter Sage sollen u.a. ergeben haben, dass die Kirche auf älteren Fundamenten in staufischer Zeit neu errichtet worden sei (siehe unten), und aus dem stauferzeitlichen Bildprogramm stammen auch die wenigen noch erhaltenen Verzierungen der Kirche.

Dass die Kirche niemals eine Pfarrkirche war, sondern wenn sie als Kirche diente, stets eine Filialkirche von St. Remigius, steht fest.

Apsis und Querschiffe mit den drei Türmen, den beiden Chorflankentürmen aus staufischer Zeit und dem modernen Glockenturm von 1861 im August 2016



1. Die karolingisch-ottonischen Sakralbauten

Seit merowingischer Zeit gab es eine große Steinkirche beim Königshof am Belzer, die St. Remigius geweiht war, die heutige Remigiuskirche. Sie war die "Pfalzkapelle" (capella palatina).

Sie war es auch, die zur Feier von Weihnachten und Ostern durch Karl den Großen 787/88 und zur großen Synode von 948 unter Otto I. als Pfalzkirche gedient haben muss. Sie bestand weiter fort, bekam auch das Patrozinium von St. Kilian und wurde in staufischer Zeit umgebaut. Die Saalkirche hingegen bestand damals noch nicht und konnte deshalb auch nicht als Pfalzkapelle für die Ottonen und ersten Salier gedient haben.

Die Bodenöffnung auf dem Saalplatz nördlich der Saalkirche förderte 2004 außerdem die hier vermuteten Reste zweier oder dreier weiterer Sakralbauten zu Tage, erstens einen kleinen Trikonchenbau ("Trikonchos, Kirche I") nach byzantinischen Vorbildern, dessen Ursprung in die anfängliche, karolingische Bauzeit fällt. Dieser wurde später (im 9./10. Jh.) durch einen größeren Kapellenneubau an gleicher Stelle ersetzt ("Apsidensaal, Kirche II"), geostet, einschiffig mit einer halbrunder Apsis.

 

 

 

 

"Apsidensaal" = Kirche II,
zu erkennen auch auf der Videoprojektion in der Saalkirche

 

 

 

Andere Gebäudeteile der Pfalz waren vor dem Bau der Kirche offenbar niedergelegt worden, denn die Grabungen von Holger Grewe 2005 an der Ostwand des nördlichen Querschiffes haben ergeben, dass es dort unter das Kirchenfundament reichende und damit ältere Mauerreste gibt, deren Deutung allerdings abzuwarten bleibt. Zu einer Vorgängerkirche scheinen sie nach bisherigen Erkenntnissen nicht gehört zu haben.

 

Foto (Gs): Grabungsleiter Holger Grewe erläutert die Grundmauerfunde unter der Apsis (29.09.2005)

Grundriss der Saalkirche in der Videoprojektion.

Die Grabungen unter Walter Sage (1960 - 63) haben die Einschiffigkeit und die Kreuzform dieses Kirchenbaus belegt. Diese Form hat die Kirche auch seit 1963 wieder, nachdem die Protestanten wegen Verfalls und Zerstörungen im 17. Jahrhundert lange Zeit nur die Apsis und die Seitenschiffe als Kirche benutzen konnten (s.u.). Das Langhaus bzw. Kirchenschiff hat eine Länge von über 20 m und eine lichte Weite von 11 m, nördliches und südliches Querhaus je 8 m. In die dazwischen befindliche Vierung öffnet sich die flache Ostapsis, die von zwei viereckigen Chortürmchen flankiert wird. Die Gesamtlänge des Baukörpers beträgt ca. 36 m.

Der Chorraum innen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein spätgotisches Reliefbild, dessen ursprünglicher Aufstellungsort unbekannt ist und das heute an der östlichen Innenseite des südlichen Querhauses angebracht ist, wird stilistisch dem 14. Jahrhundert zugeordnet und stellt wahrscheinlich den jugendlichen als Heiligen verehrten Karl den Großen dar, als diese Kirche als Wallfahrtskirche zur Verehrung Karls und des tschechischen Nationalheiligen Wenzel diente.

Lamey sah den Stein bei seinem Besuch von Ingelheim 1764 im Boden vor der Kanzel eingelassen und hielt ihn wie sein Lehrer Schöpflin für ein Bild der Hildegard, einer Gemahlin Karls des Großen, sicher eine Fehlinterpretation.

Alle anderen heute noch sichtbaren Ausschmückungen stammen aus der Stauferzeit, als die Kirche - nach Sages Erkenntnissen - zumindest im Chorbereich von den Fundamenten aufwärts neu erbaut worden sein soll.

Vom sicher vielfältigen Bauschmuck aus der Stauferzeit sind innen nur noch wenige Friese, Kämpfer und Kapitelle erhalten, weiterhin die Masken an den Konsolen (Mauervorsprüngen) im Innern über der Apsis (oben)

 

 

 

 

 

rechts die Schmuckformen am Äußeren der Apsis und ein Löwenrelief am nördlichen Chortürmchen, das einen Löwen zeigt, der ein Lamm reißt, ein typisches Motiv der Stauferzeit; vielleicht besteht ein Zusammenhang mit Gerichtssitzungen darunter

 

 

Chor der Saalkirche nach neuem Anstrich 2016 (Foto: Gs)


An der Außenseite der Apsis wurden Rundbogen-Röllchenfriese angebracht, die Wand durch Lisenen unterteilt, also durch flache, senkrechte Mauerstreifen zur Gliederung der Wand, die durch die Rundbogenfriese miteinander verbunden sind. Damit verweist die Kirche auf ihrer Ostseite heute auf einen staufischerzeitlichen Bau, in rötlicher Farbe gehalten, während die Bausubstanz des 19. und 20. Jahrhunderts (Glockenturm und Langhaus) durch ockerfarbene Gestaltung davon abgesetzt ist.

 

2. Ereignisgeschichte und Kirchenbau im Hochmittelalter (12./13. Jh.)

Eine dritte Phase ihrer Bedeutung erlebte die karolingische Pfalz unter den Staufern. Friedrich I., „Barbarossa“ (König 1152-1190) versuchte die unter seinen Vorgängern geschwächte Herrscherstellung wieder zu festigen, dabei die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Deutschland zu beseitigen und die an die norditalienischen Städte verlorenen Regalien (königliche Rechte) zurückzugewinnen.

In diesem Zusammenhang sieht man gewöhnlich den Ausbau des stauferzeitlichen Burgensystems, ausgehend von den schwäbisch-staufischen Kernlanden. Zu diesem System gehörte wohl auch der Ingelheimer Königsbesitz, dessen ehemals repräsentativer, aber seit 1043, dem letzten Reichsfest hier, verfallener Palast zu einer wehrhaften Burganlage umgebaut wurde. In ihr siedelten königliche Ritter.

Während bei diesem Umbau die Außenmauern der ruinösen Palastgebäude in einen Wehrmauerring einbezogen wurden, so handelte es sich bei anderen bauten im Inneren und bei der Kirche um einen Neubau von den Fundamenten aufwärts, bei dem die vorhergehende Gebäudegestalt jedoch erhalten blieb. Auch die Aula regia scheint n ihrer ursprünglichen Gestalt noch einmal renoviert worden zu sein.

Es ist allerdings unklar, wozu die - für Burgmannen allein - viel zu große Kirche dienen sollte. Inwieweit sie schon damals von Pilger zum Verehrung Karls des Großen besucht wurde, lässt sich nicht feststellen, aber die Verehrung Karls, dessen Heiligsprechung an Weihnachten 1165 in Aachen vorgenommen wurde, wird vielfach als ein weiteres Motiv für den Umbau bzw. die Erneuerung "seines" Palatiums angesehen.

Gebaut wurde in dieser Zeit eines günstigen Klimas und aufgrund der Bevölkerungsvermehrung an vielen Stellen, vorher schon in Ober-Ingelheim, aber in staufischer Zeit auch die Remigiuskirche und die bolandische Zollburg, die 1254 von den Mainzern zerstört wurde.


3. Im Spätmittelalter – das Augustiner-Chorherrenstift für die Aachenpilger

Karl IV. (König 1346-1378, böhmischer und deutscher König, ab 1355 römischer Kaiser) gründete jedenfalls zwei Jahrhunderte später (1354) im Westen des Saals mit seiner Kirche ein Augustinerchorherrenstift zur Verehrung des tschechischen Heiligen Wenzel und des Heiligen Karls des Großen. Karl IV., der nach seiner Geburt eigentlich auf den tschechischen Traditionsnamen Wenzel getauft worden war und seinen später benutzten Namen Karl erst bei der Firmung in Frankreich bekam, war persönlich ein großer Verehrer des großen Karl. So fanden die beiden dort zu verehrenden Heiligen ihre Entsprechung in den beiden Namen Karls selbst. Hauptzweck war aber wohl die religiöse Betreuung der durchziehenden Pilger aus Ost-Mitteleuropa, der Aachen-Wallfahrer zum Grab Karls des Großen, denn die vier Chorherren mussten alle der tschechischen Sprache mächtig sein.

Saalwächter (BIG 14, S. 30 f.) rekonstruierte aus verstreuten Urkundenerwähnungen ihre weitere Nutzung: Sie habe einerseits für die Aachenwallfahrer gedient, andererseits aber auch als Kirche für die Bewohner des Saales und der Höfe auf dem Böhl.

In der Kirche gab es mehrere Altäre, an denen die Pilger beten und Ablass erwerben konnten, möglicherweise einen Petersaltar, auf den Saalwächter hinweist, und einen Karls-Altar mit dem erhaltenen Verehrungsbild, sowie den Altar einer (sonst unbekannten) Nupurgis, wie es ein Privileg des Mainzer Erzbischofs Johann vom 3. Mai 1407 zusammen mit der Nupurgis-Verehrung überhaupt bestätigte (Würdtwein, S. 264). Über die dort verehrte Jungfrau hat sich bisher nichts herausfinden lassen. Die Saalkirche diente demnach im 14. und 15. Jahrhundert als Wallfahrtskirche.

Ein Patrozinium ist aber auch zu dieser Zeit nicht nachweisbar. Die Kirche blieb eine Filialkirche von St. Remigius.

Saalwächter schloss aus der Tradition eines Kirchweihfestes im Saal (am Sonntag Misericoria Domini im April) schließt, dass es weder St. Kilian (8. Juli), noch St. Remigius (1. Oktober), noch der Apostel Petrus (29. Juni) sein konnte; es ist nur eine Peterskapelle bekannt, die am 4.11.1346, also noch vor der Gründung des Augustiner-Stifts, im "königlichen Saal" (wahrscheinlich in der namenlosen Kirche selbst) gestiftet wurde (Baur, Urkunden III, S. 274, Nr. 1193).

Zwei Jahrhunderte später (1550) beschreibt Sebastian Münster in seiner Cosmographia alle dem Stift zugehörigen Gebäude als sehr verfallen, das Stift zu dieser Zeit verwaist, aber die "Creutzkirch" sei  noch gut erhalten. In einem Haderbuch von Nieder-Ingelheim (1522, f 6 und f 7) wird sie übrigens schon damals zweimal  als "Saalkirche" erwähnt. Vielleicht wurde sie aufgrund der Nutzung durch die Bewohner des Saales und des Böhls vor weiterem Verfall bewahrt.

Emmerling berichtet schließlich von einem letzten (katholischen) Gottesdienst in der Kirche im Jahre 1576. Anschließend sei der Bau von den nunmehr reformierten Nieder-Ingelheimern zu weltlichen Zwecken (als Getreidespeicher) verwendet worden und später zum Steinbruch geworden.

Nach einem Bericht von Nicolaus Lindenmayr aus dem Jahre 1638 (bei Emmerling) wurde das Gebäude im Dreißigjährigen Krieg während der Schwedenzeit (1631-1634) bis auf den Chor zerstört. Durch diesen Krieg sei der letzte Rest der Kirchenausstattung des 14. Jahrhunderts zugrunde gegangen. Die Saalkirche als (aus der Erinnerung vorgestellte) Ruine zeigt eine Illustration Schöpflins in seinem Aufsatz von 1766.

Schöpflins Tabula III


4. Neuzeit – aus Trümmern zur Gemeindekirche

Nach 1705 fiel die Kirchenruine im Rahmen der kurpfälzischen Kirchenteilung als Gemeindekirche an die Reformierten, die sich sogleich an einen Teil-Wiederaufbau machten, während die Katholiken von Nieder-Ingelheim wieder in die Remigiuskirche einziehen konnten; bald nach 1707 konnte wohl der erste Gottesdienst  abgehalten werden. Lamey beschreibt sie 1764 als uneingeschränkt im Gebrauch der Reformierten, mit Kanzel. Schöpflins Tafel I zeigt sie - im Widerspruch zu seiner Ruinenvorstellung auf Tafel III - hier mit Turmdach und Dach auf dem Querschiff.

Ausschnitt aus Schöpflins Tabula I


In der Folge der Französischen Revolution wurde Ingelheim von 1792 an immer wieder von französischen Revolutionstruppen und von Reichstruppen besetzt, was empfindliche Folgen für die Ingelheimer und auch für die Saalkirche hatte.

1794 beschlagnahmten die Franzosen die Kirche. Sie diente nun als Pferdestall, Hospital und Militärgefängnis und war später nur noch als Heu- und Strohmagazin zu gebrauchen. Dabe iwurde das meiste Inventar beschädigt oder vernichtet. Die reformierten Nieder-Ingelheimer durften in dieser Zeit die Remigiuskirche mitbenutzen.

Eine erneute Instandsetzung begann 1803 in napoleonischer Zeit, und der erste Gottesdienst fand 1804 statt. Aber das alte Langhaus aus ottonischer Zeit wurde nicht wieder aufgebaut, sondern man begnügte sich 160 Jahre lang mit den vorhandenen, unten rot markierten Teilen, d.h. mit den beiden Seitenschiffen, der Apsis und einem kurzem Stummel des Langhauses.

Unter Pfarrer Dr. Ludwig Walther (1854 - 1895) erfolgte eine umfassende Renovierung der Kirche. Außerdem wurde am 4. März 1861 der Grundstein zum Bau des 132 Fuß (33 bis 38 Meter) hohen  Glockenturms (grün) gelegt. Bei dieser Renovierung spendete der reiche reformierte niederländische Kaufmann de Rook (1787-1867) viel Geld.

Innenaufnahme der verkürzten Kirche; rechts die Apsis, links das nördliche Seitenschiff mit der Orgel, die Kanzel gegenüber der heutigen Stelle. Beide Seitenschiffe zusammen wurden als Kirche benutzt.

Als die Gemeinde aufgrund der zahlreichen Zuzüge nach dem Zweiten Weltkrieg gewachsen war, wurde zwischen 1962 und 1964 unter Dekan Heusel auch das Langhaus auf den ursprünglichen Fundamenten (blau markiert) neu errichtet, ermöglicht durch die seitliche Lage des Glockenturms. Davor konnten auch die Grabungen von Sage, Ament und Wengenroth durchgeführt werden. Leider wurden durch den Einbau einer Heizung im Keller am Westende die ottonischen Fundamente dieses Bereichs beseitigt. Am 1. November 1964 wurde die Kirche zum Reformationsfest neu eröffnet, die Festpredigt hielt D. Martin Niemöller.

1996 wurde unter Pfarrer Dr. Fellechner die erneut notwendige Außenrenovierung abgeschlossen.

In den Jahren 2003/2004 folgten der Anbau eines Versorgungstraktes mit Toiletten im Kirchgarten (Nordseite) und die Innensanierung.

Dabei wurde von Holger Grewe die Präsentation der ottonischen Pfalzgeschichte mit den drei Phasen der Sakralbaugeschichte (Lichtprojektion) im nördlichen Seitenschiff eingerichtet.

Im Jahre 2008 wurde die Orgel versetzt, und zwar von der hinteren Empore auf eine neugeschaffene Empore im südlichen Seitenschiff, und auf der hinteren Empore wurde eine in den USA gekaufte und vielseits bewunderte Skinner-Orgel aufgebaut. In Zuge diese Umbaumaßnahmen wurde auch das obige Relief Karls an die Seitenwand umgehängt.

Vor dem Rheinland-Pfalz-Tag in Ingelheim (2012) erhielt das Gotteshaus einen neuen Anstrichn und während der Corona-Zeit 2020 diente es dem ZDF als Schauplatz einiger Internet-Gottesdienste.

 

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Gs, erstmals 14.08.05; Stand: 12.01.21