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10. Stiegelgässer Tor



Autor und Foto: Hartmut Geißler
unter Benutzung des Parzellenkatasterblattes I G von 1848, Rep. II/418,
und der Feuerversicherungseinträge zum Pfennig-Haus im StArchiv Ingelheim
sowie Krämer, Ober-Ingelheim
und Herbert, Ingelheimer Lesebuch S. 64

Blick von außen in die Stiegelgasse hinein durch die beiden Tortürme; das mittelalterliche Straßenniveau war niedriger; Foto: Gs

 

Der Name der Gasse und ihres Tores (in hiesiger Sprache „Stielport“ = Stiegelpforte) leitet sich ab von einer ungewöhnlichen Schlupfpforte neben dem eigentlichen Tor, die nur über eine Treppe (die Stiegel, weiblich!) zu erreichen war. Die Ableitung von einem hölzernen „Steg“ über den Graben ist etymologisch nicht haltbar.

Der Weg durch diese große Pforte führte über die Flutgrabenbrücke zur Layenmühle mit Verbindung zum Rheinweg auf der anderen Seite der Selz bzw. aufwärts nach Großwinternheim. Er war wegen der geringen Steigung ein von Fahrzeugen vielbenutzter Weg. Stiegelgasse, Marktplatz und Rinderbachgasse waren über Jahrhunderte die Hauptstraßen durch Ober-Ingelheim. Eigentlichen Durchfahrtverkehr, etwa von Großwinternheim nach Freiweinheim zum Hafen, gab es nicht in Ober-Ingelheim, denn ein solcher Verkehr benutzte den Rheinweg auf der anderen Selzseite.

Die Pforte, die bisher archäologisch noch nicht untersucht ist, wurde durch die zwei üblichen Türme (hier aber als volle Rundtürme errichtet) flankiert. Sie standen als Tortürme natürlich nicht im Graben, sondern mit dem ganzen querstehenden Torhaus hinter dem Graben (siehe unten). In dessen Obergeschoss konnte der Torscheiber bzw. andere Personen wohnen, als man Torschreiber seit der französischen Zeit nicht mehr brauchte. Wie bei anderen Toren (Uffhubtor, Ohrenbrücker Tor) liegt das heutige Straßenniveau erheblich über dem der Erbauungszeit, sodass auch diese Türme in einer größeren Höhe zu sehen waren und imposanter gewirkt haben müssen. Die Stiegelpforte war wohl diejenige, die vielleicht am meisten beeindrucken sollte, weil hinter ihr das Quartier der Adelshöfe begann.

Grundriss des Stiegelgässer Torhauses aus dem hessischen Katasterplan von 1848 (StA. Ing., Rep. II/418)
Das bewohnte Torhaus (rot) war hinter den Türmen angebaut und besaß noch zwei Ökonomieanbauten (bräunlich).

 

Bauhistorisch erforscht sind dieses Tor und seiner Umgebung noch nicht. Von der Erscheinung her dürfte es wie das Uffhubtor und das Ohrenbrücker Tor auch im 15. Jh. als Nachfolgebau für einen früheren Torbau errichtet worden sein.

Die durchquerende Straße musste immer eine Brücke über den Flutgraben befahren, die deshalb wohl schon länger bestanden haben muss als die neueren Selzbrücken an den dortigen Toren.

Urkundlich erwähnt wurde diese bzw. ihre Vorgängerpforte erstmals 1339 zur Lokalisation der Lage eines Gartens: „zu der sti(e)gelin bi der Porten“. Es ist die erste Erwähnung einer „Stiegelin" „bei" einer „Pforte" und zugleich die erste bisher bekannte Erwähnung einer Ober-Ingelheimer Pforte überhaupt.

Westlich des Tores (auf dem oberen Foto links, auf dem Katasterplan nach rechts unten) verlief der (im 19. Jh. zugeschüttete) Flutgraben, der zugleich den Wehrgraben vor der Mauer bildete, weiter geradeaus hinab bis zu seiner Mündung in den Mühlgraben der ehemaligen Klostermühle.

Zu den Wehrmauern Ober-Ingelheim allgemein

Der Maurer Adam Saalwächter III. baute im Jahr 1854 ein neues Haus daneben. Wahrscheinlich wurde danach der quer über der Durchfahrt liegende ältere Torhausbau abgerissen. Hinzu kam 1871 ein Keller, 1882 ein Um- oder Neubau zu einem 2-stöckigen Wohnhaus unter Gertrude Saalwächter, einer seiner Töchter. Scheuer und Stall waren jetzt ein extra Gebäude ohne Fundament. Der Abtritt befand sich wie der Schweinestall im Schuppen ohne Fundament. (Angaben aus den Feuerversicherungsbüchern des Stadtarchivs sowie den Bauplänen von 1882 (StA Rep. IV-347).

1988 wurde dieses Haus, wie es Schönherr gezeichnet hat, niedergelegt und machte der heutigen Grünanlage Platz. Dabei wurden die Reste des Ostturms restauriert. Wie hoch er war und wie sein oberer Abschluss gestaltet war, ist unbekannt.

Zeichnung des Pfennighauses von Wilhelm Schönherr im Ingelheimer Lesebuch S. 66


Gs, erstmals: 10.03.06; Stand: 02.05.21