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6. Uffhub-Tor


Autor und Fotos: Hartmut Geißler
unter Benutzung der hessische Parzellenkarten von 1848, Rep. II/418, aus dem Stadt-Archiv Ingelheim,
mit der Beratung durch Peter Weiland
sowie mit Hundhausen 2010 und 2019


Zur Uffhub-Straße und zum "Ernst-Elenonoren-Baum"

Zu der Ortsbefestigung von Ober-Ingelheim allgemein

Uffhubtor vor der Restaurierung von oben mit Blick bis zur Uffhubstraße; die vielen rechteckogen Fenster zeigen eher eine Wohnung als einen Wehrgang! Demgegenüber wirken die angerundeten Ecken, die wohl die üblichen Schalentürme andeuten sollen, ebenso wie die zwei Büchsenschießscharten und der Wurferker wie romantischer Zierrat; Foto Gs
Uffhubtur vor der Restaurierung von unten mit dem alten (zweiten) Eelektrizitätswerk von Ober-Ingelheim (1906); Foto: Gs
Uffhubtor seitlich (2021); die Eckquader der unteren Mauern zeigen anscheinend die geringe Tiefe dieses Torhauses an: Es war nur ein ziemlich schmales, überbautes Tor; Foto: Gs

 

Alle Ortstore bzw. Torhäuser wurden in früheren Dokumenten stets „Pforten“ genannt, während man unter „Toren“ nur Hoftore verstand.

Am oberen Ende der Aufhof-Straße (die "Uffhub") erschloss eine mit drei Außenmauern noch relativ gut erhaltene „Pforte“ einen früheren Weg über den Mainzer Berg nach Wackernheim und Mainz ("Hesselweg").

Das heute sichtbare Tor, eigentlich nur die vorderen und seitlichen Mauern eines Torhauses, steht nach den Befunden von Frau Hundhausen auf den Resten eines älteren Vorgängertores (Bauzeit unbekannt) und wurde in der ersten Hälfte des 15. Jhs. errichtet. Die Anlage verfügt noch jetzt über die Außenmauern eines Wehrgangsgeschosses, das (später oder von Anfang an?) als Wohnung diente, von außen mit einem Rundbogenfries verziert und oben wie bei Schalentürmen abgerundet. Die vielen Fensteröffnungen zeigen die Benutzung als Wohnung. Über dem Torscheitel tragen Konsolen einen Wurferker, die sog. Pechnase, links und rechts sind zwei Schießscharten für Büchsen eingefügt worden - ursprünglich oder erst bei einer romantisierenden Restaurierung? Im Inneren haben sich die tiefen oberen Zapfenlöcher der Torflügel erhalten. Darüber lag der Boden des Wehrganges bzw. der Torhauswohnung auf. Frau Hundhausen hat nichts von der Lage einer Treppe berichtet, die hier ja keinen Turm benutzen konnte; sie muss außen links oder rechts angebaut gewesen sein.

Als Dach dürfte dieses Torhaus wie das am Ende der Rinderbach(-gasse) ein quer aufgesetztes Satteldach besessen haben. Auf dem Merianstich scheint es angedeutet zu sein.

Auf alten Fotos kasnn man erkennen, dass das Tor zum Schutz der Steine verputzt war.

Frau Hundhausen hat 2009/10 vor diesem Tor keinen Graben gefunden. Andererseits besagt ein Hinweis von 1771 aus verlässlicher Quelle, dass ein Stück eines Grabens am Uffhubtor einem Gemeindehirten zur Benutzung überlassen war. Oberhalb des Tores befand sich nämlich der Beginn des südlichen Flutgrabens, der weiter abwärts vor der Wehrmauer an der heutigen Burgunderstraße hinab zum Mühlgraben führte. Den heute verrohrten Flutgraben für das Wasser, das u. U. vom Hesselweg herunterströmt, kann man etwas oberhalb des Tores durch eine mit Geländer umgebene Bodenöffnung an der Bürgermeister-Bauer-Straße sehen. Dieser Graben diente also anscheinend nicht wie der nördliche Flutgraben als Hindernisgraben vor dem Tor, sondern wurde neben dem Tor in einiger Entfernung unter der heutigen Straße hinabgeleitet.

Insgesamt kann man aus dieser Gesamtsituation auf eine eher geringe fortifikatorsche Bedeutung dieses Tores schließen, durch das wohl hauptsächlich die Bauern zu ihren Feldern am und auf dem Mainzer Berg fahren konnten und durch das sie den geernteten Wein in den Ort brachten (Erhebung des Weinzehnten!).

Unterirdischer Flutgraben vom Hesselweg, der unter der Straße links am Uffhubtor vorbei geführt wird, hinab zum Turm am Neuweg und dort wieder links vorbei - also neben dem Uffhubtor, nicht quer davor als Annäherungshindernis wie der Flutgraben am Seufzerpfad; Foto: Gs

 

Die Pforten bzw. Torhäuser wurden auch nach dem 17. Jahrhrundert weiter benutzt, als die spätmittelalterlichen Wehrmauern wegen der Kanonen keinen Nutzen mehr für die Verteidigung brachten, und zwar zur Zollerhebung durch die Kurpfalz und zur Messung und Registrierung des schuldigen Weinzehnten im Herbst.

Ob aber der „Torschreiber“ die doch sehr schmale Wohnung über dieser Tordurchfahrt noch als Dienstzimmer benutzte, ist zweifelhaft, denn aus dem Jahr 1787 liegt ein Bericht an das Pfälzer Oberamt in Oppenheim vor, in dem der Zustand des Tores beklagt wurde: "Es liege ganz darnieder und ... könnte nicht mehr geschlossen werden, wodurch es Ausfälle beim Zehnten geben könne". Es wurde eine Schließung der Mauerlücken, die als Umgehung des Tores benutzt werden konnten, und eine schnelle Instandsetzung des Tores gefordert. Ob beides erfolgte, ist nicht bekannt. Man sieht an dieser Begebenheit aber, dass auch das Uffhubtor im 18. Jahrhundert noch zur Erfassung des Weinzehnten benutzt werden sollte.

Vielleicht reichte es jedoch Ende des 18. Jhs. in seinem ruinösen Zustand nur noch als Unterkunft eines Gemeindehirten (s.o.).

Der folgende Ausschnitt aus dem Parzellenkataster von 1848 zeigt die Seitenmauern des ehemaligen kleinen Torhauses. Ganz anders ist das hinter zwei dicken Tortürmen quer liegende Torhaus des Stiegelgässer Tores gebaut. Die unterschiedliche Bauweise könnte auf die unterschiedliche Verkehrsfrequenz an beiden Toren hindeuten.

Parzellen des Uffhubtores aus dem Katasterplan von 1848 (StA. Ing., Rep II/418): links und rechts der Gasse sind rot die beiden Seitenmauern des Torhauses eingezeichnet, rechteckig, weil die schalenturmartig abgerundete Vorderfront erst oben ansetzt. Der nach oben spitz zulaufende Geländestreifen (510/511) war die Prallmauer des hier nach Süden abgeleiteten Flutgrabens vom Hesselweg.


Personen konnten ohne Öffnung der Torflügel durch eine (nördlich? Hundhausen) daneben liegende Schlupfpforte (auch „Mannloch/Mannpforte“ genannt) hindurch gelangen. Man vergleiche damit die Mannpforte neben dem großen Hoftor des Erthaler Hofes in Großwinternheim!

Außerhalb des Ortes wurde daneben das zweite Elektrizitätswerk von Ober-Ingelheim gebaut, dessen vom Jugendstil beeinflusstes und schön restauriertes Gebäude man hinter dem Tor sieht.

 

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Gs, erstmals: 09.03.06, Stand: 02.05.21