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Die Burgkirche in Ober-Ingelheim

 

Autor und Fotos: Hartmut Geißler/Hist. Verein
unter Verwendung der jüngsten Forschungsergebnisse von Dr. Hauke Horn, 2017/2018
und unter Mithilfe von Irene Ahl (2021)

Die Burgkirche mit spätgotischem Chor (um 1400) und romanischem Wehrturm (um 1100) hinter der restaurierten Wehrmauer, von Osten gesehen; Foto: Gs


"Burgkirche"
wurde das evangelische Gotteshaus erst nach der Vereinigung zur Stadt genannt, als es in der neuen "Stadt Ingelheim am Rhein" mehrere namenlose evangelische Kirchen gab, die unterschieden werden mussten (Gesetz- und Verordnungsblatt der Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen vom 16. Februar 1940). Die evangelische Kirche im Nieder-Ingelheimer Saal wurde dabei auf den Namen "Kirche im Saal" festgelegt, in der allgemein benutzten Kurzform, die schon in den Haderbüchern zu finden ist, "Saalkirche".

Vor der Reformation hieß die Burgkirche "St. Wigbert", spätmittelalterlich auch "Wypert", "Weypert" oder "Wiprecht", denn sie war dem heiligen Wigbert/Wiprecht geweiht, dem Gefährten des Bonifatius und Schutzpatron des Klosters Bad Hersfeld, das seine umfangreichen  Besitzungen in Ober-Ingelheim schon auf Schenkungen Karls des Großen zurückführte.

An der Stelle der heutigen Kirche könnte deshalb als Hersfelder Eigenkirche schon eine Vorgängerkirche in einem fränkischen Gräberfeld gestanden haben, eine sog. Coemeterialkirche, von der bisher aber keine Spuren gefunden wurden. Ihre ursprüngliche Funktion als Toten-Gedächtniskirche könnte dazu geführt haben, dass ihr Haupteingang bis heute auf der Nordseite liegt, also vom Kirchhof her, vermutet Hauke Horn.

Er skizzierte 2017 die Ausmaße der vermuteten Vor-Vorgängerkirche vor dem Bau des Turmes (durchgezogene Linien) und dem Umbau der Kirche im 15. Jahrhundert (gestrichelt) so (S. 199):

St. Wigbert vor dem Umbau (Horn)

 

Aus der dendrochronologischen Untersuchung eines Gerüstholzes aus dem zweiten Obergeschoss des Turmes ergibt sich das Jahr 1103 als Anhaltspunkt zur Datierung des  romanischen Turmes. Die beiden Geschosse darunter, in deutlich anderer Bauweise, werden von Horn in die 80-er/90-er Jahre des 11. Jahrhunderts eingestuft, also in die Zeit Heinrichs IV., in der viel gebaut wurde, möglicherweise auch schon im Saal. Die Geschosse darüber können erst nach 1103 gebaut worden sein. Der Zinnenkranz mit dem Erker stammt nach Horn aus spätgotischer Zeit (14./15. Jh.), aus der auch die Wehrmauern des Ortes insgesamt stammen.

Das alte, noch erhaltene Uhrwerk bestand aus drei Uhrwerken, aus einem Gangwerk für die Uhr und aus zwei Schlagwerken für die Glockenschläge, die nur die vollen Stunden anzeigten. Dabei benutzten sie zwei verschiedene Glocken, die nur zur vollen Stunde nacheinander schlugen, damit man noch einmal mitzählen konnte, wenn man die Zahl der ersten Schläge nicht behalten hatte. Die älteste Glocke stammt von 1384, die beiden anderen wurden nach dem Ersten Weltkrieg gegossen (AZ, 8.2.21).

Nach Hauke Horn wurde die Kirche in einem längeren Zeitraum vom 14. bis ins 16. Jahrhundert um zwei verschieden breite Seitenschiffe erweitert und nach Westen verlängert, denn die Begräbnis- oder Gedenkaltarplätze waren begehrt und knapp. Der verlängerte Rohbau wurde in den 1460-er Jahren fertig, der gesamte Kirchenumbau dauerte jedoch bis zur Fertigstellung der Inneneinrichtung und der Orgelempore bis etwa 1520.

Die Schwierigkeit eines solchen Kirchenumbaus bestand darin, dass die alte Kirche so lange stehen bleiben musste, bis die neue Kirche über der alten und um sie herum nach dem „Matroschka“-Prinzip endlich fertiggestellt war. Deshalb blieb das alte Kirchenschiff mit dem alten Chor während der langen Umbauzeit erhalten. In Großwinternheim löste man das Problem anders, indem die neue Kirche St. Johannes Evangelist neben die alte gesetzt wurde, aus Platzgründen mit anderer Ausrichtung.

Begonnen wurde der Umbau im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts. Bauziel war eine dreischiffige Basilika. Dabei wurden die drei östlichen Joche des Mittelschiffs und das östliche Joch im südlichen Seitenschiff fertiggestellt und überdacht. Der Bau war höher geplant als der heutige Bau, was man vor allem an den drei Obergadenfenstern sieht, die an der südlichen Seitenwand des Mittelschiffs von innen noch sichtbar sind, an der nördlichen aber zugemauert wurden.

Nach Einstellung der Arbeiten am Mittelschiff wurde stattdessen ab ca. 1380/90 der neue Chor  um den alten Chor herum errichtet. Die Wiederaufnahme des Langhausumbaus erfolgte ab ca. 1420 nach einem neuen Plan: Aus der anfangs geplanten Basilika sollte eine Staffelkirche werden. (Definition: Eine Staffelkirche oder Staffelhalle ist eine Hallenkirche, bei der die Außenschiffe niedriger gestaffelt sind als das Mittelschiff, ohne Belichtung des Obergadens.)

Der alte Dachstuhl aus dem letzten Drittel des 14. Jahrhundert blieb erhalten und wurde 1433/4 durch die neue Dachkonstruktion über den Seitenschiffen überbaut. So lässt es sich erklären, dass man heute zwei Dachstuhl-Konstruktionen übereinander sehen kann. Gleich im Anschluss daran wurde die Kirche ab ca. 1440 im Westen um weitere zwei Joche erweitert, der temporäre Giebel wurde abgerissen und um 1450 war auch das Dachwerk über dem Mittelschiff und den Seitenschiffen fertiggestellt. (s. Horn).

Von außen zeigen die vier unterschiedlichen Dachhöhen die verschiedenen Bauabschnitte des 15. Jahrhunderts.

Die unterschiedliche Breite der Seitenschiffe erklärt sich durch vorhandene Bauten, die jeweils einbezogen werden sollten: im Norden der Turm, der stehen blieb, und im Süden ein schon bestehender Anbau gegenüber dem Turm, der aus verschiedenen Indizien, besonders durch das andersartige Fenster, anzunehmen ist (Horn).

Folgende sechs Gedenk-Altäre aus vorreformatorischer Zeit sind bekannt:

- ein Liebfrauen-Altar
- ein Johannes-Altar
- ein Nikolaus-Altar
- ein Katharinen-Altar
- ein Peter-und-Paul-Altar
- ein Heiligkreuz-Altar.

Wo sie im Einzelnen standen, ist unklar. Sie alle wurden im Zuge der Reformation Friedrichs III. 1565 beseitigt.

Zum Übersichtsplan der Epitaphien in der Burgkirche.

Die heute noch aufgestellten Grabplatten, 25 innerhalb der Kirche, 7 außerhalb und eine weitere im Gemeindehaus, zusammen 33, stellen nur noch einen Rest der ehemaligen Grabdenkmäler dar. Helwich beschrieb 1615 noch 37 Grabplatten, Krämer noch 32 und zudem 10 hölzerne Totenschilde, die leider alle verschwunden sind.

Nach der Reformation wurde sie zuerst nur von der reformierten Gemeinde genutzt, ohne Seiten-Altäre und schmucklos, alle Bemalungen weiß übertüncht, aber die Epitaphien blieben stehen.

Seit 1690 musste sie simultan von beiden Konfessionen benutzt werden. Zu diesem Zweck wurde der Chor mit dem Altar, den die Katholiken brauchten, durch ein Eisengitter, das durch eine Mauer ersetzt werden sollte, abgetrennt. Nach der Pfälzer Kirchenteilung von 1705/07 bestand jedoch die reformierte Gemeinde auf dem Beschluss, dass nun die ganze Kirche (mit Einkünften und Schulhaus, Glöcknerhaus) den Reformierten zugefallen war (Saalwächter, BIG 9, S. 87/88), sodass die katholische Gemeinde sich nach einer Übergangslösung im alten Rathaus an der Ringgasse entschließen musste, eine eigene Kirche zu bauen, St. Michael am Neuweg.

Die ehemalige Pfarrkirche St. Wigbert hieß danach nur noch die "Kirch[e]", weshalb die vom Markt zu ihr führende Straße bis zur Doppelstraßennamenbereinigung 1947 die "Kirchgasse" hieß, jetzt "An der Burgkirche".


Anzumerken ist, dass die Kirche selbst keine "Wehrkirche" im eigentliche Sinne ist, wie man sie z. B. aus Ungarn kennt; man kann sie aber zusammen mit den sie umgebenden Wehrmauern, dem ältesten Teil der Ortsbefestigung, als eine "Kirchenburg" bezeichnen, wie es sie im fränkischen Raum mehrfach gab, z. B. in Ostheim vor der Rhön. Denn ihr spätgotisches Kirchenschiff mit seinen hohen Fenstern war als Gebäude natürlich nicht zur Verteidigung geeignet, im Gegensatz zum älteren romanischen Turm (s.u.). Ernst Emmerling nannte 1975 das Gelände, das von der inneren Mauer umschlossen wird, einen "Wehrfriedhof", ein Begriff, der auch an anderen Orten Verwendung findet (siehe Wikipedia).

Bei der Verlängerung des Chores Anfangs des 15. Jahrhunderts wurde sogar die Wehrmauer dahinter auf die halbe Dicke verdünnt, um noch ausreichend Platz rings um den längeren Chor zu gewinnen. Die Verteidigungsfähigkeit durch die Wehrmauer wurde zu dieser Zeit offenbar schon als sekundär eingestuft. Zu den Wehrmauern allgemein


Seit ihrem großen Umbau im 15. Jahrhundert wurde sie mehrfach renoviert:

- 1521-1525: "außerordentliche Instandsetzungsarbeiten" (Saalwächter, BIG 9, S, 150f.)
- 1576 Renovierung des Helmes des Kirchturmes (Urkundenabschrift im Glockenturm)
- 1675 Wiederherstellung des Chores nach Beschädigungen im 30jährigen Krieg
- 1703 Renovierung des Kirchturmes
- 1821 Reparatur des Kirchendaches
- 1849-51 Wiederherstellung der Kirchenfenster
- 1876-77 umfassende Kirchenrenovierung
- 1904 Einbau einer Heizung, Erneuerung des Fußbodens
- 1952-1964 umfassende Renovierung unter Dekan Seyerle mit Wiedereinbau und Ergänzung des Marienfensters nach Auslagerung während des Zweiten Weltkrieges
- 1994-2006 umfassende Innen- und Außenrestaurierung

Im Zusammenhang mit diesen verschiedenen Renovierungsmaßnahmen sind auch die Epitaphien mehrfach umgruppiert worden, sodass heute nur noch die wenigsten an ihrer ursprünglichen Stelle stehen bzw. hängen.


Johann Wolfgang von Goethe
schrieb über diese Kirche anlässlich seines Besuches von Ober-Ingelheim am 5. September 1814:

"Zu oberst liegt ein altes, durchaus verfallenes, weitläufiges Schloß, in dessen Bezirk eine noch gebrauchte, aber schlecht erhaltene Kirche.

Zur Revolutionszeit meißelte man die Wappen von den Rittergräbern. Uralte Glasscheiben brechen nach und nach selbst zusammen. Die Kirche ist protestantisch.

Ein wunderbarer Gebrauch war zu bemerken. Auf den Häuptern der steinernen Ritterkolossen sah man bunte, leichte Kronen von Draht, Papier und Band, turmartig zusammengeflochten. Dergleichen standen auch auf Gesimsen, große beschriebene Papierherzen daran gehängt. Wir erfuhren, daß es zum Andenken verstorbener unverheirateter Personen geschehe. Diese Totengedächtnisse waren der einzige Schmuck des Gebäudes."

Blick durch das Eingangstor auf den romanischen Turm und die Westfront der Burgkirche, die nach der letzten Restaurierung anfangs in einem ungewohnt blendenden Weiß strahlten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das scheinbar wehrhafte Aussehen, vor allem der Westfront, entsprang wohl einer Baumode des 15. Jahrhunderts und findet sein Pendant in der Gestaltung der Ritterepitaphien (s.u.) in der Kirche, wo die Verstorbenen auch in romantisierender Ritterrüstung dargestellt wurden.

Freilichtbühne, Zwingermauer und Hauptmauer vor der Burgkirche von Süden

Die Burgkirche von Süden aus, hinter der doppelter Wehrmauer mit Zwinger, davor die Freilichtbühne.

Gut zu erkennen sind die verschiedenen Bauabschnitte des Kirchenschiffes (von rechts nach links aus den Jahren ca. 1400 bis ca. 1462).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf der Nordseite ist der Turm durch das ihm angepasste Seitenschiff völlig in die Front einbezogen.

 

Links der äußere Dachstuhl, rechts, wo die Personen laufen, der innere, ältere Dachstuhl.


 

Die beiden Archivräume

Das Erdgeschoss des Turmes und ein durch eine Zwischenmauer (heute nicht mehr vorhanden) abgetrennter Teil der Nikolaus-Kapelle hinter dem Turm dienten als Sakristei und als gut gesicherte Archive für wichtige Urkunden:

1. Die Privilegienurkunden des Ingelheimer Adels sowie für die Gerichtsakten des Rittergerichts, d.h. für die Protokolle des Oberhofs und die Prozessnotizen der Ortsgerichte - die "Haderbücher" - und andere Urkunden der freiwilligen Gerichtsbarkeit waren im "Rittergewölb" der Nikolaus-Kapelle gelagert.

2. Im "Ratsgewölb" in einem Wandgelass des Turmes wurden die Akten des Ingelheimer Grund(s)rates aufbewahrt. Mit "Gewölb" (franz. "voute") bezeichnete man im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit alle Archivräume, unabhängig davon, ob sie wirklich eine "gewölbte" Decke hatten.

Die Urkunden des Adels waren dort sicher verwahrt, bis sie 1728 im Archiv der rheinischen Ritterschaft in Mainz gesammelt wurden, wo sie 1793 bei der deutschen Bombardierung von Mainz verbrannten. Auch die meisten Gerichtsprotokolle wurden 1879 abgegeben, und zwar ins Hessische Staatsarchiv nach Darmstadt, wo sie 1944 durch englische Bombardierung verbrannten. Erhalten blieben nur diejenigen Haderbücher, die 1879 "nicht auffindbar" waren, und ein Band mit Oberhofprotokollen, der in London liegt und den deutschen Bomben auf London entging.

In der Sakristei des Turmes stand auch der prächtige Paramentenschrank (Buchenholz, 2,25 m hoch und 2,95 m breit; siehe unten). Er wurde 1899 von der Gemeinde aus Geldmangel für 600 Mark an das Darmstädter Landesmuseum verkauft, wo er vor den Bomben gerettet wurde und noch heute zu sehen ist.

Paramentenschrank aus dem Turm, heute im Landesmuseum Darmstadt; Foto: Gs

 

Die Außenanbauten

Auf beiden Seiten des Chores gibt es Anbauten, deren südlicher die ursprünglichen Chorfenster teilweise verdeckt, während der nördliche schon vor dem Chorausbau vorhanden war.

Links   = südlich die heutige Sakristei
Rechts = nördlich eine Kapelle, die an den Turm stößt und von außen einen Zugang hat (frühere Nikolaus-Kapelle). Von ihr aus führt eine Treppe als einziger Eingang in den Turm, der früher einen Zugang von der Wehrmauer her hatte, sodass er von den Gemeindewächtern auch bestiegen werden konnte, wenn die eigentliche Kirche verschlossen war.


Die renovierte Burgkirche von innen

Die ausgewählten Fotos können nur einen kleinen Einblick geben, aber keinen eigenen Gang durch die sehenswerte Kirche ersetzen. Sie ist während bestimmter Zeit offen für jeden Besuch.

Die augenblicklichen Öffnungszeiten erfahren Sie durch einen Anruf beim Gemeindeamt: 06132 73031.

Außerdem ist derzeit (2020) eine virtuelle Schau des Inneren der Burgkirche mit der Ausstellung zur Ortsbefestigung im Internet zu sehen: www.ortsbefestigung3punkt0.de

Mittelschiff und Blick in den dunklen Chor. Die Farben sollen den ursprünglichen Farben entsprechen.
Chor mit Deckenverzierungen und Marienfenster


Die Decke im Chor mit ihrer Rosettenbemalung entspricht dem ursprünglichen Aussehen vom Anfang des 15. Jahrhunderts. Ein originaler Teil davon war noch unter den verschiedenen Anstrichen der späteren Jahrhunderte erhalten.

Auch das Marienfenster in der Mitte stammt zu großen Teilen noch aus dem Beginn des 15. Jhs, die Seitenfenster aus dem 20. Jh. (1961). Maria war die Hauptheilige der Ritter im Mittelalter. Ein Stoßgebet zu ihr hieß: "O Maria hilf" (OMH). Deshalb passte ein Marienfenster gut zu der ganz wesentlichen Funktion der Kirche als Begräbnis- und Gedächtnisstätte für verstorbene Adlige.

Eine genaue Beschreibung dieses mehrfach restaurierten Fensters ist in der Burgkirche erhältlich: "Das Marienfenster der Burgkirche zu Ingelheim".




Grabmale in der Kirche


Der im Verlauf des Mittelalter zu Wohlstand und Einfluss gelangte Adel in Ober-Ingelheim und Umgebung benutzte die Burgkirche für Grabmale, die entweder im Boden eingelassen waren, oder für (ergänzende) Epitaphien, die zum Gedächtnis der Verstorbenen an den Wänden aufgestellt oder aufgehängt waren.

Links: Hans von Ingelheim, gestorben 1480, und rechts: Wilhelm von Ockenheim (genannt "von Ingelheim"), gestorben 1465 (zu vergrößerten Ansichten bitte anklicken)

Beide stehen nebeneinander und sind mit Turnier-Plattenpanzern und Sturmhauben gewappnet, etwa lebensgroß, Hellebarden in ihren rechten Händen, die linken Hände auf das umgegürtete Schwert gestützt; beide stehen auf Tieren, einem Löwen bzw. einem Untier, was Bezug auf den Psalm 91, Vers 13 des Alten Testamentes nimmt:

Über Nattern und Basilisken wirst du wandern und zertreten Löwen und Drachen.

Solche Tiere oder kleine Ungeheuer finden sich auf mehreren Epitaphien der Burgkirche. Diese Symbolik war schon seit der Spätantike (5. Jh., Nordafrika und Ravenna) üblich, vor allem in Verbindung mit Jesus Christus.

Bei beiden Epitaphien sind die Wappen neben bzw. über den Köpfen zur Zeit der französischen Revolution sorgfältig herausgehauen worden, ohne die Figuren selbst zu zerstören.

Links: der Ritter Philipp von Ingelheim, gefallen am 2.7.1431 in der Schlacht bei Bulgnéville in Lothringen; rechts: unter einem gotischen Baldachin seine Ehefrau Meygen (Maria, Mia) Werberg von Lindenfels, gest. 1442 (zur Vergrößerung bitte anklicken)


Der Mainzer Meistersinger Bernkopf (15. Jh.) dichtete über Philipp diese Strophe:

"Her Philipps do von Ingelheim
den schaden muß ich klagen
er hat tugend und eren vil
er streit in ritterlichem zil
von dem ich noch wil sagen."

(Zum Gesamttext)

 

 

 

 

Dass die Familie der Herren von Ingelheim (später "Reichs-Freiherren" und "Grafen" von Ingelheim) daran einen besonderen Anteil hatte, zeigen nicht nur ihre herausragenden Grabmale in der Kirche, sondern auch ihr Wappen im Schlussstein des mittleren Rippenbogens, das rot-gold "geschachte" Kreuz ("geschacht" = in quadratische Würfel aufgeteilt).

Aus dieser Familie stammen der Vater Philipp, gefallen bei Bulgnéville, seine Ehefrau Mia von Werberg und sein hochangesehener Sohn Hans. Näheres bei den jeweiligen Personenseiten!

 

 

 

 

Zu den Epitaphien der protestantischen Familie Lopes von Villanova (1666 starben Vater und zwei Kinder an der großen Pestwelle) oder Bild anklicken


Die äußeren Rippen der beiden hintersten Pfeiler stützen sich auf je drei Narrenkopf (?) - Konsolen, die in ihren bunten Farben nach der Restaurierung 2006 erst richtig auffallen. Sie könnten nach Horn "die (sündige) bürgerliche Gesellschaft spiegeln", auf die sich die Kirche stützt (S. 206).

die südlichen Köpfe:



die nördlichen Köpfe:

 


Schlusssteine:

links (im Chor): der Gründerabt Wigbert (?), Mitte: Reichsadler, rechts: Mond als Mariensymbol

 

In den Jahren 1994 bis 2006 wurde die Kirche außen und innen aufwändig restauriert. Die Gemeinde ist daher für jede dringend benötigte Spende sehr dankbar. Es hängt auch eine Kollektenbüchse neben dem Ausgang.

Evang. Burgkirchengemeinde Ober-Ingelheim
Konto 467510053,
BLZ 551 900 00,
Mainzer Volksbank

burgkirche-ingelheim.ekhn.de/startseite.html

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Gs, erstmals: 16.11.06; Stand: 25.07.21