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Das Augustiner-Chorherrenstift im Ingelheimer Saal


Autor: Hartmut Geißler

nach Schöpflin (1765), Neuwirth (1890), Saalwächter (BIG 1955, 1958 und 1963), Emmerling (1951 und 1967), Seibt, Machilek, Würdtwein, Erler
und den Regesta Imperii sowie den MGH, Const. et acta publica Band 11, S. 26ff

1. Die Stiftung

Mit Datum vom 14. Januar 1354 stiftete Karl in der Ingelheimer "Aula nostra imperiali" ("in unserem kaiserlichen Saal") ein Augustiner-Chorherrenstift, und zwar als Filiale des Prager Karlshofes, eines Klosters, das er in der Prager Neustadt etwa drei Jahre vorher, am 18. November 1350, für sein und seiner Familie Seelenheil gegründet und reich ausgestattet hatte. Für das Prager Mutterstift nahm Karl aus Aachen u. a. drei Zähne Karls des Großen als Reliquien mit. Zu den Augustinern hatte er seit 1331 ein besonders enges Verhältnis, weil er in ihrem Kloster in Pavia 1331 angeblich einem Giftanschlag entgangen war. Ihre Hauptaufgaben bestanden in Seelsorge, Gottesdienst, Studium, Unterweisung des Volkes und Nächstenliebe. Sie hatten oft bedeutende Bibliotheken, auch aus Ingelheim berichtet Trithemius von einer kleinen Bibliothek.

Die Stiftungsurkunde soll am 14. Januar in "Nieder-Ingelheim" ausgestellt worden sein ("datum in Nidern Ingelnheim"), woraus gemeinhin geschlossen wird, dass Karl tatsächlich zu diesem Zweck in Ingelheim war; mit seinem ganzen Sekretariat und den an sich nötigen Zeugen? Das ist freilich ziemlich unwahrscheinlich. Zur Diskussion dieses Problems siehe hier!

Die Ortsangabe, wo das Oratorium gestiftet wurde, lautet:

"ad honorem salvatoris domini nostri Iesu Christi necnon beatorum Wenceslai et Karoli predictorum reverenciam singularem in aula nostra imperiali in Ingelnheim, de consensu et bona voluntate venerabilis Gerlaci Moguntinensis archiepiscopi principis et honorabilis sui capituli devotorum nostrorum, oratorium novum ereximus"

d. h.: "Zur Ehre des Heilands, unseres Herrn Jesus Christus, aber auch zur einzigartigen Verehrung der oben erwähnten Heiligen Wenzel und Karl haben wir in unserem kaiserlichen Saal in Ingelheim, mit der Zustimmung und dem guten Willen des ehrwürdigen Erzbischofs und (Kur-) Fürsten von Mainz, Gerlach, und unserer ergebenen Mitglieder seines ehrwürdigen Domkapitels, ein neues Oratorium errichtet."

Die Übersetzung von "in aula nostra imperiali" mit "in unserem kaiserlichen Saal" und nicht mit "in unserer kaiserlichen Aula (regia)" ergibt sich eindeutig aus ihrer Gleichsetzung in Würdtweins Einleitung („solitum vocitari Aula Ingelheimica, vernacule der Ingelheimer Saal“ = der üblicherweise Ingelheimer Aula genannt wird, in einheimischer Sprache der Ingelheimer Saal, S. 148) und aus den weiteren Urkunden der folgenden Jahre.

Der karolingische Palast nämlich war schon seit der Mitte des 11. Jhs. nicht mehr als solcher benutzt worden und allmählich verfallen. Spätestens seit der Stauferzeit (um 1200) waren die Außenmauerreste seiner Ruinen in eine wehrhafte Burganlage umgewandelt worden, wozu man auch die Außenmauer der Basilika benutzte. Völlig verschwunden waren für die Wahrnehmung im 14. Jahrhundert sowohl das Gebäude des Nordflügels als auch der imposante Halbkreisbau im Osten.

Das ehemalige Palastgebiet wurde hier auch niemals Palast/Pfalz genannt, sondern so lange es dazu schriftliche Überlieferungen gibt, stets "Ingelheimer Saal", genauso wie das der Ingelheimer Sebastian Münster im 16. Jahrhundert tat. Diesen Sprachgebrauch zu kennen, ist wichtig, damit man nicht von der falschen Vorstellung geleitet wird, mit der "Aula" sei damals noch die Basilika/Königshalle des Palastes gemeint, die heute sogenannten Aula regia.

Die Stiftung in Ingelheim erfolgte zu Ehren Christi sowie des heiligen Wenzel und Kaiser Karls des Großen (in dieser Reihenfolge!), was zweifellos die von Karl IV. vielfach betonten tschechisch-deutsche Doppelherrschaft betonen sollte. Auch in der Prager Kathedrale wurde die Idee der zwei Throne - des Thrones von Wenzel und des Thrones Karls des Großen - baulich symbolisiert. Vielleicht zur Demonstration der bevorzugten Stellung Böhmens im Reich, vor allem aber zur Betreuung der zahlreichen Pilger aus Böhmen stiftete Karl noch weitere Wenzelaltäre in Rom, Aachen, Nürnberg.

Die Stiftung in Ingelheim erfolgte mit der nötigen Zustimmung des Mainzer Erzbischofs Gerlach und seines Domkapitels (am 2.2.1354 in Mainz). Die Zustimmungen auch der anderen Kurfürsten folgten später (März 1354 bis Juni 1356) in der Form von sog. Willebriefen (alle bei Würdtwein, Mon. Pal. II). Es war also eine hochoffizielle Reichsangelegenheit.

 

2. Die Augustiner-Chorherren und ihre Aufgaben

Aachenpilger an einer Säule in Kornelimünster - mit freundlicher Erlaubnis von Roland Wentzler, Domkapitel Aachen

Personell besetzt wurde es mit vier Augustiner-Chorherren, die der Prager Abt beaufsichtigen sowie ein- und absetzen konnte. In der Stiftungsurkunde wurde ausdrücklich festgehalten, dass sie der "liebenswerten" ("amabilis") böhmischen (= tschechischen) Sprache mächtig sein mussten. Seibt nimmt deshalb an, dass das Stift vor allem als Herberge für tschechische Pilger dienen sollte (S. 174). Für ein Spital im Saal gibt es jedoch keinen Beleg, sondern nur für eine Mensa mit Essensausgabe.  Als Pilgerherberge dürfte das Spital bei der Remigiuskirche gedient haben.

Erzählt wurde (den Pilgern?) nach Trithemius (Chronicon Hirsaugiense)auch, dass eine kleine Bibliothek der Mönche der Raum sei, wo das Geburtsbett Karls des Großen gestanden habe und wo er das Himmelsschwert von einem Engel empfangen habe (daher angeblich der Ortsname "Engel-heim"). Gemeint war damit das zeremonielle Reichsschwert, das zu den Reichskleinodien gehörte und das wahrscheinlich aber erst Ende des 12. Jahrhunderts für Otto IV. angefertigt wurde.

Auch für den Wenzelsaltar im Aachener Dom bestimmte Karl 1362, dass der betreffende Kaplan tschechische Sprachkenntnisse haben müsse, und zwar mit der ausdrücklichen Begründung, dass dies zur Betreuung der zahlreichen Aachen-Pilger tschechischer Sprache nötig sei. Die lateinische Gründungsurkunde formuliert dies so: "... tota gens Bohemiae linguae sacras Reliquias et limina Dei genetricis Aquisgrani humiliter visitat et de longinquis regionibus laboriosa peregrinatio frequentat..." ( = weil das ganze Volk böhmischer Zunge die heiligen Reliquien und das Gebäude der Gottesmutter von Aachen ehrerbietig besucht und immer wieder aus weit entfernten Gegenden eine mühsame Wallfahrt stattfindet; Gs). (Hilger, Anhang, und Regesten Aachen S. 283).

Die Verteilung von Almosen, z. B. kostenlosem Essen, gehörte zur üblichen Tätigkeit der Augustiner-Chorherren. Deshalb erhielt auch der Propst Moritz in Ingelheim 1357 für sich und seine Nachfolger die Würde eines kaiserlichen Hofalmoseniers (= Almosenverwalter) im Ingelheimer Saal. 

3. Die materielle Ausstattung der Stiftung

Materiell wurde das Stift hauptsächlich mit Einkünften aus dem restlichen Königsbesitz im Ingelheimer Grund ausgestattet (Classen S. 138, Würdtwein, Mon. Palat. II, Saalwächter, BIG 9 S. 110 f.). Es bekam sämtliche Weinzinse in Ober- und Nieder-Ingelheim aus dem zugehörigen Reichsgut, ferner 40 Gulden der "Steura" von hier und einige Abgaben von elsässischen (!) Reichsgütern. Wenig später wurde die Ausstattung durch einen Weinzoll bei Oppenheim und eine Korngülte (50 Malter) aus drei Höfen in Nierstein ergänzt. 1356 fügte der Kaiser die "Königsbeunde" genannten Äcker in Ober- und Nieder-Ingelheim sowie auf dem "Königswald" und andere, zur Ausstattung des Schultheißenamtes in Oppenheim gehörige Güter hinzu. Zur Ausstattung des Stiftes mit Altargeräten, Messgewändern und liturgischen Büchern erhielt Propst Moritz 1360 eine Anweisung auf den Judenzins in Frankfurt bis zur Gesamthöhe von 2000 Mark Silber.

Um den Besitz des "Grabens" um den Saal, der offenbar auch landwirtschaftlich zu nutzen war, gab es später einen Streit, in dem König Wenzel für das Stift entschied (Luxemburg, 16.10.1364).

Die Ausstattungsgüter wurden von allen anderen Abgaben an das Reich befreit. Diese Einkünfte und Steuerbefreiung wurde von allen folgenden Königen bis Maximilian wiederholt (s. Würdtwein, Mon. Pal. II, ab S. 185).

Mit Urkunden vom 5.12.1417 bzw. 26.3.1431 befahl König Sigmund das Kloster dem besonderen Schutz der Städte Frankfurt und Mainz bzw. des Pfalzgrafen Ludwig III. (Würdtwein Nr. 61 bzw. 60).

Saalwächter (BIG 9) schätzt diese Einkünfte als "groß genug" ein, "um den Geistlichen ein anständiges Auskommen zu gewährleisten" (S. 111). Zu Einzelheiten dieser materiellen Ausstattung des Stiftes lese man Saalwächters Aufsatz in BIG 9, S. 111 ff.

Über die Nutzungsrechte von einigen dieser Stiftungen gab es gerichtliche Auseinandersetzungen.

Wie anderwärts bebauten die Klosterbrüder ihren Grundbesitz selbst und hielten dazu das erforderliche Gesinde. Johann von Westhofen erscheint 1513 als des Propstes Knecht im Saale. Auch Pfründner nehmen sie in ihr Hauswesen auf, wenn es Vorteil bringt. So schließen sie mit Henne Haldus und seiner Frau Grede 1399 einen Alimentationsvertrag gegen Hingabe aller Güter und mit dem Vorbehalt, daß Haldus dem Kloster nach Kräften arbeite. Die Einkünfte des Stiftes gestatteten mitunter weitere Erwerbungen. So kaufen Propst und Konvent am 26. August 1516 von dem Pfalzgrafen Ludwig bei Rhein namens seines Bruders Friedrich einen Weinberg zu Nieder-Ingelheim „unden am Saale naher dem Bohell gelegen, genannt das lehen, das uns als ein Bastartsfall ankommen ist“… Es handelt sich hier um das heutige „Lehfeld“. (Saalwächter, BIG 9, S. 112f.)

Saalwächter zitiert aus Würdtwein ein Inventar von 1550, in dem - ohne die Kirche - folgende zehn Räume aufgezählt werden:

- eine Sakristeikammer,
- eine Gastkammer,
- eine kleine Kammer im Dormitorium,
- eine größere Kammer,
- ein Stüblein zwischen beiden Kammern,
- eine obere Stube,
- ein hinteres kleines Stüblein,
- eine große Kammerstube,
- eine Konventstube,
- eine Küche

Von einem Spital ist dabei keine Rede. Das gab es nicht im Saal.

4. Darstellungen des Ingelheimer Saals mit dem Kloster durch Sebastian Münster im 16. Jahrhundert

Es folgen zwei Abbildungen des ummauerten Saalgebietes aus Sebastian Münsters Cosmographia in zwei verschiedenen Auflagen. In deren späteren war das Wort "Monasteriu(m)" auf das Dach des Querschiffs der Saalkirche geschrieben und meinte anscheinend sowohl die Kirche als auch die Gebäude davor, d.h. die ehemalige Aula regia und die links - nördlich - daran anschließenden Gebäude, also den gesamten Besitz der Augustiner. In der Urkunde zum Nupurgis-Ablass des Mainzer Erzbischofs von 1407 ist mit "ecclesia" = Kirche offenbar auch nicht nur das Kirchengebäude, sondern das gesamte Stift gemeint.

Ältere Cosmographie-Abbildung

Anno 1360 oder um diese Zeit (richtig: 1354) ließ Kaiser Karl, König zu Böhmen, zum Angedenken an Kaiser Karl den Großen diesen Saal erneuern und stiftete darin ein Kollegium vom regulierten Orden und unterstellte dasselbe Kloster dem Kloster zu Prag in Böhmen. Und das steht noch. Es sind keine Mönche mehr darin. Alle alten Gebäude sind auch sehr verfallen, abgesehen von der Kreuzkirche. Die Ringmauer und der Graben sind auch noch in gutem Zustand...

Jüngere Cosmographie-Abbildung

Auffällig ist, dass Münster ca. 200 Jahre nach der Gründung des Stifts als Gründungszweck zwar die Verehrung Karls des Großen, nicht hingegen die des hl. Wenzel erwähnt; wusste er nicht mehr, dass diese Stiftung eigentlich der Betreuung von tschechischen Pilgern bei deren Karlswallfahrt dienen sollte, weil diese schon lange ausgeblieben waren?

5. Die Saalkirche als Wallfahrtskirche mit Ablässen

Dass die Kirche aber über eine längere Zeit, die wahrscheinlich schon vor der Stiftung begann, als Wallfahrtskirche gedient hat, ergbit sich aus den zwei noch existierenden Ablassbriefen, die heute im tschechischen Nationalarchiv in Prag aufbewahrt werden und die digitalisiert im monasterium.net veröffentlicht sind:

monasterium.net/mom/CZ-NA/AZK%7CKarlov/9/charter

und

monasterium.net/mom/CZ-NA/AZK%7CKarlov/15/charter

Die ursprüngliche Aufgabe, die Betreuung der tschechischen Pilger, spiegelt sich wohl noch in dem Ablass durch Papst Urban VI. vom 20. Februar 1386, ausgestellt in Genua, für den Besuch der Kirche an den Gedenktagen der neuen Patrone der Kirche St. Wenzel und St. Karl (der Große), und zwar einen Ablass von einem Jahr und 40 Tagen, gegen ein Almosen, versteht sich.

Eine gerichtlich beglaubigte Abschrift einer zweiten Ablassurkunde des Mainzer Erzbischofs Johannes II. von Nassau (1397-1419) vom 3. Mai 1407 (auch in Würdtwein Mon. Pal. II, S. 264 ff.) gewährt den Mönchen im Ingelheimer Saal das Recht, einen weiteren Ablass zu erteilen für reuige Sünder, die an bestimmten kirchlichen Festtagen den Altar einer ansonsten unbekannten, dort aber schon längere Zeit verehrten NUPURGIS besuchen und ein Vaterunser und ein Ave Maria beten sowie etwas spenden. War mit der auch in der Prager Handschrift zweifelsfrei lesbaren Namensform "Nupurgis" vielleicht die in Köln verehrte Notburga gemeint, die lieber sterben wollte, als zwangsverheiratet zu werden?

 

6. Der Zustand des Stiftes in der Mitte des 16. Jahrhunderts

In seiner lateinischen Cosmographieausgabe von 1550 bemerkte Sebastian Münster, dass es seit zwanzig Jahren - also seit etwa 1530 - keine Mönche mehr darin gebe. Unter dem Einfluss der Reformation war das Verlassen der Klöster in den 1520er Jahren weit verbreitet, also keine Ingelheimer Besonderheit.

Für diese Zeit lässt sich Folgendes aus lateinischen und deutschen Urkunden (bei Würdtwein, Mon Pal. II, S. 273-462) rekonstruieren:

Durch Dekret des Kaisers Ferdinand I. (1558-1564) vom 4. Juli 1540 wurde der kaiserliche Rat Doktor Friedrich Grau aus Waischenfeld, Landkeis Beyreuth, der sich Nausea (Blancicampianus) nannte, zum Propst in Ingelheim ernannt, weil durch die Reformation in Prag von dort keine neuen Augustiner in das ausgestorbene Kloster geschickt werden konnten. Er sollte, wie er selbst behauptete (Brief vom 28. März 1549), dort für die Wiederaufrichtung des katholischen Glaubens wirken. Nausea hatte in Leipzig, Pavia und Padua Jura studiert, stand zeitweise im Dienst eines päpstlichen Legaten, wurde Pfarrer an St. Bartholomäus in Frankfurt und wurde 1526 Mainzer Domprediger. 1534 wurde er in Siena zum Doktor promoviert. Danach wurde er in Wien Hofprediger und Koadjutor des Bischofs, dem er 1541 nach seinem Tode im Amt nachfolgte. Zum Zeitpunkt der Ernennung (1550) war er also bereits Bischof in Salzburg, hätte deswegen niemals persönlich als Probst ein wieder belebtes Ingelheimer Stift geleitet.

Da die Pfälzer Kurfürst Ludwig IV. aber einen Verwalter in den von Mönchen verlassenen Saal eingesetzt hatte, stieß Nausea auf Schwierigkeiten, von der Propstei förmlich Besitz zu ergreifen (Brief König Ferdinands an Ludwig vom 3. Oktober 1540). Bis zu seinem Tode 1552 bemühte Nausea sich aber immer wieder schriftlich bei Kaiser und Kurfürst um die Ingelheimer Propstei und seine Einkommensrechte, woraus sich ein umfangreicher Briefwechsel ergab.

In einem Bittbrief an den neuen Kurfürsten Friedrich II. bat er ihn darum, ihm doch die ihm vom Kaiser übertragene Propstei endlich zu überlassen, weil er sie, falls er vor den Türken aus Salzburg fliehen müsse, als Rückzugssitz benutzen könne. Doch der hielt ihn hin, obwohl sich Ferdinand wiederholt für ihn verwandte. Kurfürst Friedrich beharrte darauf, dass sich entweder Bischof Nausea oder ein bevollmächtigter persönlich nach Heidelberg bemühen möge, um die Übergabe des Klösterleins, das auch in Zukunft höchstens einen oder zwei Kanoniker ernähren könne, zu besprechen. Das Kloster habe im Bayrischen Erbfolgekrieg und dem Bauernkrieg sehr gelitten. 1550 wurde der Frankfurter Kanoniker und Notar Heinrich Pfleger mit seinem Bruder Johann als Vertreter des Bischofs Nausea in der Ingelheimer Propstei eingesetzt, in Anwesenheit des Mainzer Notars Eucharius Dornberger und der Zeugen Nikolaus Acker und Alban Winecken, des Nieder-Ingelheimer Pfarrers und seines Altaristen. Deren Verhandlungen in Heidelberg und Oppenheim änderten aber nichts an der Position der Kurpfalz, die Einkünfte des ehemaligen Klosters auch in Zukunft selbst zu verwalten.

Im Sommer 1550 begab sich Nausea deshalb mit seinem Gesinde zu seiner persönlichen Besitzergreifung in den Saal und schrieb dort am 16. Juli 1550 seinen Dank und einen Bericht an den Kurfürsten (Würdtwein, S. 439 ff), in dem es unter anderem heißt:

Darauf hab ich mich alher gen Ingelheim mit grossen schweren costen verfügt, und die Possession berürtes Probsteyleins auch selbst Persöhnl. genomhen, und wie wohl ich vermeindt, ich solte ein Hauffen weyn, getreidt, heü und stroh so viel gefunden haben, daß ich doch samt meinen gesündt ettlich Tage hette unterhaltung haben mögen; so hab ich doch Leyder nichts denn ein altzerrissenen zins-rath (?), verwiste Beth, öden und aufgeraumten Probsthoffe, und ein wenig Wein, und getreide gefunden, derwegen ich mit grossen Kosten und Schaden in ein offen Wirthshauß einzukheren gedrucken worden.

Darauf bin ich unter großen Kosten nach Ingelheim gereist und habe den Besitz des betreffenden Propsteileins auch selbst übernommen. Und obwohl ich angenommen hatte, dass ich an Hausrat, Wein, Getreide, Heu und Stroh so viel finden würde, dass ich mit meinem Gesinde einige Tage davon hätte leben können, so habe ich doch leider nichts anderes gefunden als einen alten zerrissenen Zinssrat (?), verwüstete Betten, einen öden und ausgeräumten Propsthof, ein wenig Wein und Getreide. Deswegen war ich gezwungen, unter großen Kosten und zu meinem eigenen Schaden in einem offenen Wirtshaus einzukehren. (Gs)

Als letztes Dokument nahm Würdtwein in seine Sammlung ein undatiertes Inventarverzeichnis (Hausrat, Wein Korn und Kirchengeräte in der Sakristei) auf (S. 453-462). An Räumen gehörte dazu auch eine "Kelterei".

Nach einem Bericht der Bevollmächtigten aus Frankfurt übten 1550 zwei weltliche Priester die religiösen Handlungen (Messen und anderer Dienste) aus, der Unterschultheiß von Nieder-Ingelheim, Peter Heim, hatte die Schlüssel der Gebäude. Die noch vorhandenen Dokumente sowie ein Verzeichnis der dem Kloster zustehenden Ingelheimer Abgaben nahmen die Frankfurter Beauftragten mit nach Frankfurt, übergaben sie aber später Kurpfälzer Beamten in Oppenheim, dem Amtmann "Dham Knebel von Caczenelenbogen, Philips Heyles Docto, Adam Calmann Rechenmeister und Johann Lincken, Landschreibern". (Würdtwein, S. 393 f.)

Vom Aussehen her dürfte der Saal eher der ersten Abbildung bei Sebastian Münster von 1545 geähnelt haben, mit viel Freifläche im Osten, als der zweiten, die voller Häuser gestaltet wurde. Die Kurpfalz benutzte ihn auch als militärischen Sammelplatz (Reutlinger-Bericht von 1587, Blatt174 v): "solchen wagen undt pferd in zweyen monathen zu rüsten, undt in Saal gen Nider Ingelheim zu schickhen".

7. Welches Gebäude diente als Stiftskirche ("Präpositurkirche")?

Auf Wunsch des Prager Appellationssekretärs Georg von Wunschwitz berichtete ein knappes Jahrhundert später (1638, nach dem Abzug der Schweden, als Ingelheim eine Zeit lang ohne Besatzungstruppen war) Nicolaus Lindenmayr aus Mainz nach Prag, wie es um das tschechische Stift in Ingelheim stand, auf das man in Prag immer noch Ansprüche aufrecht erhielt. Nach einem Besuch im Ingelheimer Saal ging er davon aus, dass es darin in den Jahrhunderten davor zwei Kirchen gegeben habe ("der[en] zwo in gemelter Ingelheymer Burg gestanden"), nämlich die "Kreuzkirche", also die heutige Saalkirche, die von den Schweden (1632-1635) stark gelitten habe, und die "Präpositurkirche", also die Kirche des Augustiner-Chorherrenstiftes, die er in den Resten der Königshalle (Aula regia) zu sehen glaubte.

Inwieweit er sich das selbst so gedacht hat oder ob es ihm Einheimische erzählten, ein knappes Jahrhundert nach der Reformation, die das Stift säkularisierte, wissen wir nicht. Eine Abschrift dieser Briefe aus der Prager Universitätsbibliothek veröffentlichte Joseph Neuwirth 1890 als Ergänzung von Paul Clemens Bericht über die karolingische Kaiserpfalz. Auch der Zustand der karolingische Königshalle, die Lindenmayr für die Präpositurkirche hielt, sei sehr vernachlässigt. Ihr Chor aber, so schrieb er nach Prag, sei steingedeckt und habe darauf einen Doppeladler und über ihm ein Kreuz. Er charakterisiert den Zustand der Gebäude insgesamt mit einem Zitat aus Sebastian Münsters Cosmographie ("halben verfallen"). Nach seiner Auffassung bestanden die Stiftsgebäude also aus einer eigenen großen Kirche  und den sich anschließenden Stiftgebäuden, zu seiner Zeit die Schaffnerei für die Abgaben. Jedenfalls war zu seiner Zeit die Erinnerung an den ursprünglichen Palast Karls des Großen so weit verschwunden, dass man sich die Königshalle nur mehr als seine Kirche und die der Augustiner vorstellen konnte.

Dieser Lokalisation folgten 1935 Adolf Zeller und 1951 auch Ernst Emmerling, als er im Heimatjahrbuch einen Aufsatz veröffentlichte, der 1967 in BIG 17 nochmals abgedruckt wurde. Darin zitiert er aus Lindenmayr. Er änderte jedoch seine Meinung und hielt im Jahre 1963 nun die "Saalkirche" für die Stiftskirche (BIG 14, S. 30 ff.).

Classen stellte 1964 fest, dass eine genauere Rekonstruktion der baulichen Verhältnisse des Stiftes nach dem damaligen Forschungsstand nicht möglich sei.

Auch Schmitz unterzog 1974 diese Frage noch einmal einer sehr detaillierten Betrachtung und kam - wieder Lindenmayr folgend - zu dem Schluss, dass die Stiftskirche doch in dem Gebäude zu sehen ist, das wir heute Aula regia nennen, das er freilich für eine frühere karolingische Kirche hielt. Diese Position ist allerdings nicht haltbar.

Wenn man die Abbildungen und ihre Legenden aus der Abhandlung von Daniel Schöpflin aus dem Jahre 1765 hinzunimmt (siehe unten), so muss man zu dem Schluss kommen, dass die "ecclesia" aus dem Elemosinarius-Diplom von 1357 die Kreuzkirche Sebastian Münsters gewesen ist, auf deren Dach er "Monasterium" geschrieben hat. Sie war die ehemalige Pfalzkapelle Ottos I., die in staufischer Zeit schon einmal völlig neu aufgebaut wurde, erneut verfallen ist, bis sie zur Zeit Karls IV. wieder renoviert wurde und nach drittem Verfall von den Reformierten nach 1707 in verkürzter Form wieder hergestellt wurde, die heutige "Saalkirche".

Das folgende Reliefbild, das heute für eine Abbildung Karls des Großen gehalten wird und das nach der letzten Umgruppierung der Orgeln an der Ostwand des südlichen Seitenschiffes angebracht ist, wird der Ausstattung des damaligen Augustiner-Stiftes zugeschrieben. Stilistisch wird es jedenfalls ins 14. Jahrhundert eingeordnet. Schöpflin (vor S. 307) hielt es für ein Bild von Karls Ehefrau Hildegard.

Relief Karls des Großen aus dem 14. Jh.
Kupferstich Schöpflins 1766

 

8. Das tatsächliche Ende des Augustiner-Stiftes im 16. Jahrhundert und sein rechtlicher Fortbestand

Im Jahre 1576 (Würdtwein Mon. Pla. II S. 462) wurde die kleine Propstei von der Kurpfälzer Verwaltung ganz geschlossen. Die ihm geschuldeten Abgaben zog ein Pfälzer Schaffner ein, der in dem ehemaligen Probsteigebäude amtierte. Denn sowohl die Pfälzer Verwaltung als auch das Prager Mutterkloster hielt an dem Fortbestand der Abgabenrechte fest.

Saalwächter beschließt seinen Aufsatz (in BIG 9) mit folgenden Feststellungen:

Über die Größe des Propsteigutes spricht sich der Ratsbericht von 1679 genau aus. „5. Die Bropstey (oder hiesige schaffnerey) hatt alhie ein pfachtgut 94 morgen an Weingarth, äcker, Wiesen vnd Holtzwachß, bekombt davon Jarlich 25 malder korn und 400 gebundt stroh, und zinst in die gemeine an beth 4 fl. undt gibt dem Kloster Erbach 4 Viertel Wein.“ Das Ingelheimer Schatzungs-Belagsbuch von 1752 verzeichnet dagegen ein Groß-Probstey-Administrations-Gut in einer Größe von 66 Morgen, 21 Ruten Acker, einigen Wiesen und 2 Morgen, 2 Viertel, 12 Ruten Wingart, die verliehen seien. Die Güter sind aller Wahrscheinlichkeit noch in der französischen Zeit verkauft worden. Der Flurname „im Probsteiklauer“ bildet nunmehr die einzige Erinnerung an den ehemals umfangreichen Klosterbesitz. (BIG 9, S. 114)

Der Rechtshistoriker Adalbert Erler hat 1966 mithilfe tschechischer Professoren Akten in der Prager Universitätsbibliothek und im Staatsarchiv umfangreiche Urkundensammlungen ausfindig gemacht, die unzweideutig belegen, dass das Prager Mutterkloster mindestens bis zur Aufhebung aller Chorherrenstifte durch Josef II. 1785 von der rechtlichen Fortexistenz der Ingelheimer Filial-Propstei ausgegangen ist.

Sie bestand also zwar faktisch nicht mehr, rechtlich aber wurde an ihrer Existenz festgehalten.

So nannten sich die Äbte des Prager Mutterklosters durch die Jahrhunderte "perpetuus visitator von Ingelheim", ließen sich immer wieder über seinen Zustand berichten, unterstützt von den katholischen Habsburgern, und warteten auf einen günstigen Augenblick, ihr verbrieftes Eigentum wieder zurück zu bekommen.

Die Pröpste für das Ingelheimer Stift waren, soweit erkennbar (Erler, S. 26), nach der Reformation nur mehr Titularpröpste:

- Mauritius 1357, 1360
- Mathias 1380
- Joannes 1384
- Benedictus 1414, 1417
- Simon 1489
- Joannes 1489
- Fridericus de Nausea 1540, 1550 (dann Bischof von Wien)
- Johannes Stitzka 1740

Über die Ernennung Stitzkas sind umfangreiche Originaldokumente in der Prager Universitätsbibliothek (Signatur VI C 2)  erhalten. Erler fragt sich, ob das Prager Mutterkloster im 18. Jahrhundert, als das Kurfürstentum der Pfalz von einem katholischen Zweig der Wittelsbacher regiert wurde, erneut eine politische Chance sah, seine Ansprüche in Ingelheim wieder zu aktivieren.

 

9. Der Zustand des Stiftes im 18. Jahrhundert

Joan Simon Kuper 1722

In dem Prager Aktenfaszikel mit den Briefen zum Stift befand sich auch eine Brief eines kurpfälzischen Beamten, Joan Simon Kuper, vom 26. Februar 1722, über den Zustand des Stiftes zu seiner Zeit, den Neuwirth gleichfalls 1890 abdruckte. Kuper beschrieb den Zustand im Saal 1722 in einem sehr gelehrten barocken Stil folgendermaßen:

"Brief des Joan Simon Kuper vom 26. Februar 1722.

Dass allhie zu Nider-Ingelheim in dem sogenannten Kayserl. sahl die rudera
(= Ruinen) von der Clostercapell oder Kirchen zwar devastiret (= verwüstet), doch noch vorhanden, wie in gleichem dass Dormitorium (= Schlafraum der Augustiner), so noch in suo Esse (= Existenz), welgess (= welches) aber dismahlen (= damals) secularisiert und von den Churhauss-Pfalz zu einem schaffnereyhauss aptiret (= umgebaut), auch alle geistl. Clostergefälle (= Abgaben) eingezogen worden und darauss die so geistl. Catholische alss reformirte salarirt (= bezahlt) worden, so viel mir wissent und die Historischreiber melten, solle in sothanem (= damaligen) Closter Paulus Pisanus dess Caroli Magni instructor gewohnt haben u. s. w.

So geben Nider-Ingelheim den 26.ten Febr. 1722."

Aus dem Brief geht Folgendes hervor:

1. 1722 standen noch die Ruinen der Aula regia, die Kuper für die Ruinen der Pfalzkapelle hielt, sowie ein Gebäude, das als Wohnhaus der Augustiner gedient habe (Dormitorium, eigentlich Schlafraum).
2. Dieses Gebäude diente seit der Säkularisation des Klosters im 16. Jahrhundert für den Kurpfälzer Schaffner als Sitz. Die Abgaben flossen seitdem der Pfälzer Geistlichen Güter-Administration zu.
3. Davon wurden sowohl katholische als auch refomierte Geistliche bezahlt.
4. Aus dem Sagenkreis über Karl den Großen in Ingelheim berichtet er noch, dass in diesem Kloster der Lehrer Karls gewohnt habe, ein "Paulus Pisanus". Gemeint war möglicherweise der berühmte Grammatiker Petrus von Pisa, den Kuper aber wohl mit Paulus Diaconus, einem Gelehrten an Karls Hof, verwechselte.

Es war die Zeit, als sich die Kurpfalz unter der Herrschaft des katholischen Kurfürsten Karl Philipp befand, der 1720 wegen des Streites mit den reformierten Heidelbergern seine Residenz nach Mannheim verlegte. Die damalige katholische Verwaltung war offenbar aufgeschlossen gegenüber den katholischen Ansprüchen aus dem habsburgischen Prag auf das alte Ingelheimer Stift.

Von Mannheim aus wurde 1737 die Jesuitenmission in Nieder-Ingelheim gegründet, auf der materiellen Basis einer Stiftung von Anton Otto von Cloß. Auch in ihr wirkten wieder vier Personen. Ganz offenbar wollte man damals aber nicht die alte Einrichtung im Saal reaktivieren, sondern zog ein Gelände bei der Remigiuskirche vor. Dass die Ruinen der Saalkirche bei der Pfälzer Kirchenteilung 1705/07 den Reformierten zugewiesen worden waren, mag dabei eine Rolle gespielt haben; so entwickelte sich im 19. Jahrhundert der Saal zu einem eher reformierten Zentrum Nieder-Ingelheims, während die den Katholiken zugeteilte Remigiuskirche zu deren Zentrum wurde.


10. Lamey - Schöpflin 1764/66

Im Jahre 1764 unternahmen zwei Mitarbeiter der neu gegründeten Mannheimer Akademie eine historische Forschungsreise ins heutige Rheinhessen, darunter auch zum Saal in Nieder-Ingelheim und zum Archiv des Ingelheimer Grundes in der Burgkirche. Es waren der Sekretär der Akademie, Andreas Lamey, und der Kurpfälzer Historiker Kremer sowie wahrscheinlich ein oder mehrere Zeichner. Sie sollten für den Professor Daniel Schöpflin in Straßburg, den Ehrenpräsidenten der Akademie, gute Abbildungen von der berühmten alten Kaiserpfalz Karls des Großen anfertigen, die Schöpflin 1766 als Kupferstiche seinem Aufsatz "Dissertatio de Caesareo Ingelheimensi Palatio – Abhandlung über den kaiserlichen Ingelheimer Palast" beifügte, im ersten Band der Akademieveröffentlichungen.

Daraus lässt sich zum Augustiner-Chorherrenstift und seiner Kirche folgendes entnehmen:

1. In seinem Stich (vor S. 301) von der Westansicht des Saales kennzeichnete Lamey (oder Schöpflin) die Gebäude und Mauern mit den römischen Ziffern I, II und III. Dabei benannte er die Wehrmauern auf der rechten Seite, rechts und links des Eingangstores, als die Ruinen des Palastes (I = Palatii rudera), den Kirchturm links daneben, etwas weiter hinten, als den Turm der Stiftskirche (II = Ecclesia a Carolo IV. exstructa, dein restaurata - die Kirche, die von Karl IV. erbaut, später wieder hergestellt wurde) und das höhere Gebäude mit Anbau am linken Rand als das Haus der neuen Schaffnerei (III = Domus nova quaestura). Für seine Mitarbeiter und ihn war also nicht die ehemalige Königshalle (Aula regia), die Lamey anscheinend gar nicht wahrnahm, die Stiftskirche, sondern die heutige Saalkirche.

Panoramabild des Ingelheimer Saales von Westen (Schöpflin 1766)

 

2. Gestützt wird diese Auffassung durch einen Brief Lameys an Schöpflin vom 9. Oktober 1764: Nous avons fait dessiner les restes du Palais d'Ingelheim et l'Eglise qui s'y trouve encore. - Wir haben die Reste des Ingelheimer Palastes und die Kirche zeichnen lassen, die sich dort noch befindet.

 

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Gs, erstmals: 27.03.06; Stand: 05.09.17