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Konfessionsstreitigkeiten in Ingelheim


Autor: Hartmut Geißler
nach Burger, Häusser, Petry, Saalwächter (BIG 9, S. 84-86)


Im Dreißigjährigen Krieg gab es durch verschiedene Besatzungsmächte auch eine unterschiedliche Konfessionspolitik in Ingelheim:

Im August 1620 waren spanische Truppen unter Spinola aus den spanischen Niederlanden rheinaufwärts gezogen und hatten mit den pfälzischen Orten Kreuznach, Alzey und Oppenheim auch das Selztal Ingelheims besetzt. Ein spanischer Unterführer, Johann der Jüngere von Nassau-Siegen, nahm Winterquartier in "Ingelheim", wie Petry vermerkt.

Zehn Jahre blieben nun die Kaiserlichen ("Spanier") faktisch die Herren im linksrheinischen Teil der Kurpfalz und regierten von Kreuznach aus. Sie gingen seit 1626 daran, den Katholizismus in ihrem Einflussbereich zu stärken: Neue katholische Pfarrer wurden eingesetzt, und am 6. April 1628 wurde eine Porphytafel an der Mauer der Saalkirchenruine abgebracht, mit dem Text, dass in der ganzen Rheinpfalz der katholische Glauben wieder eingeführt worden sei.

Mit dem Einfall der lutherischen Schweden in Deutschland (1630) endete jedoch die spanisch-katholische Epoche; sie überschritten im Dezember 1631 den Rhein bei Oppenheim und nahmen am 23.12. Mainz ein; Bingen wurde übergeben, so dass der Ingelheimer Grund seit dem Winter 1631/32 für vier Jahre unter schwedische Herrschaft geriet. Als Generalstatthalter des Ober- und Niederrheinischen Reichskreises wurde vom schwedischen Kanzler Axel Oxenstierna der Wild- und Rheingraf Otto ernannt, mit Sitz in Mainz. Es entfiel nun jede Ausübung konfessionellen Zwanges. Petry (S. 230) sieht darin sogar ein Vorstufe des späteren friedlichen Neben- und Miteinanders der Konfessionen.

"In Ober-Ingelheim feierten die Katholiken im Chor (der Burgkirche), die Reformierten im Schiff ihre Gottesdienste. Die Einkünfte, die bisher nur den Reformierten zukamen, erhielten nun die drei christlichen Konfessionen. Ja noch mehr: Reformierte und Lutheraner mußten die katholischen Feiertage mitbegehen, sich an Prozessionen beteiligen und die katholische Erziehung der Kinder aus Mischehen zulassen.

Es kam zu erheblichen Reibereien, besonders in Ober-Ingelheim. Der auf Veranlassung von König Ludwig XIV. in Ober-Ingelheim für den Ingelheimer Grund angestellte katholische Pfarrer Doppes mußte mancherlei Anfeindungen der Reformierten ertragen, wie es aus einem Beschwerdebrief Ober-Ingelheimer Katholiken hervorgeht:

Er sei "... geschendet, geschmehet, einen öffenlichen Warwolff benahmst..." und bei einem Gottesdienst im Freien "... mit spott Undt Honn dem allerhöchsten gott Undt aller weldt zuwidter ausgehöndt verunehrt ...ihm den Tod gedrohet..." worden.

Noch 1693 hielten die Reformierten alle Ratsherren- und Schöffenstühle besetzt und versuchten die Katholiken, deren Zahl schon mit 500 angegeben wird, zu vertreiben." (Schönherr/Schicke, S. 19f.)

Der kurpfälzische Versuch (vom 29. Oktober 1698), den Religionsfrieden durch die simultane Benutzung der Kirchen herzustellen, brachte keinen Frieden zwischen den Konfessionen; deshalb verordnete die Regierung auf massiven preußischen Druck hin 1705 in der „Chur-Pfälzische Religions-Declaration" eine Aufteilung der Kirchen. Termin der Realisierung war der 31.05.07.

Dadurch bekamen in Nieder-Ingelheim die Katholiken ihre alte Kirche St. Kilian wieder - heute St. Remigius - und die Reformierten mussten sich das Querschiff und den Chor der Ruine der Kreuzkirche im Saal (heute: "Saalkirche") wieder zur Kirche aufbauen, während in Ober-Ingelheim die (vorreformatorische) Kirche St. Wigbert (seit 1940 "Burgkirche") den Reformierten zufiel und die Katholiken sich eine neue Kirche bauen mussten ("St. Michael"). Mit dieser Aufteilung verbunden war auch die Nutzung der Erträge aus dem Kirchen- bzw. Schulbesitz, sodass die Aufteilung der Kirchen zugleich eine Aufteilung der Schulen und der Lehrereinkommen bedeutete.

Zur Situation in Großwinternheim im 17. Jahrhundert


Gs, erstmals: 22.10.06; Stand: 06.02.17