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Der Propst wird zum kaiserlichen Elemosinarius ernannt - der Ingelheimer Saal als Pilgerstation

 

Autor: Hartmut Geißler

auf der Basis von: Würdtwein, Mon. Palat. II, Nr. XLVIII.

Am 23. Februar 1357 wurde in Mainz eine Urkunde Karls IV. ausgefertigt, unterschrieben von mehreren hochrangigen Adligen, an deren erster Stelle der Erzbischof von Mainz, Gerlach von Nassau.

Darin wurde der Propst des drei Jahre zuvor gestifteten Ingelheimer Augustiner-Chorherrenstiftes, Mauritius, (und alle seine Nachfolger) zu einem kaiserlichen Elemosinarius ernannt. Dies war ein Hofamt, dessen Inhaber nach kirchlichem Vorbild für Karitatives und Almosenwesen zuständig war. Ob das in Ingelheim auch bedeutete, dass das Oratorium zugleich eine Wohlfahrtsstation war, hängt davon ab, wie man das Wort Mensa in seinen Aufgaben auffasst: als Tisch des Herrn, also als Altar, an dem er täglich eine Messe mit Eucharistiefeier zu lesen hatte, oder als Mensa im Sinne einer heutigen Tafel, an der Spenden für Bedürftige verteilt wurden. Wahrscheinlicher ist das erste (neues Verständnis 2019; Gs).

Außerdem soll es dort eine kleine Bibliothek gegeben haben, wie Trithemius (um 1500) im Chronicon Hirsaugiense schreibt (von Würdtwein als Anmerkung zitiert). In dieser gebe es in einem kleinen Raum einen Altar, der da errichtet wurde, wo das Geburtsbett Karls des Großen gestanden habe. Im selben Raum soll Karl auch das Glaubensschwert von einem Engel empfangen haben.

Offenbar wollten die durchziehenden Karls-Pilger auf ihrem Weg nach Aachen im 15. Jahrhundert bei ihrem Besuch im Ingelheimer Saal auch diejenigen Stellen gezeigt bekommen, die sie aus den Sagen über Karl den Großen in Ingelheim kannten, und die tschechischen Augustiner-Chorherren gingen auf diese Bedürfnisse ein (kostenpflichtig?).

In der Urkunde werden die Pflichten und Rechte des Elemosinarius festgelegt:

1. Pflichten: täglich in Amtskleidung (Chorrock, bunte Mithra, Abtsstab) die „Mensa“ leiten („cottidie ante mensam Imperialem“), also ständige Anwesenheitspflicht mit täglicher Eucharistiefeier

2. Rechte: zwei Diener mit drei Pferden; Lebensmittel und Unterhalt durch die Beamten des kaiserlichen Meierhofes ("Curia Imerialis", bei der Remigiuskirche?), wohlwollende Unterstützung durch diese Beamten; außerdem zwei Kleriker als Diener, die auch an anderen Altären dienen dürfen

3. Rechtliche Gleichstellung mit den anderen kaiserlichen Bediensteten

Karl rühmt sich außerdem, die von Karl dem Großen einst gegründete Kirche, die sehr baufällig („collapsam“) geworden sei, wieder ordentlich („condecentem“) restauriert/renoviert zu haben („restaurare curavimus“). Er kann damit eigentlich nur die heutige Saalkirche gemeint haben, von der man im 14. Jahrhundert nicht mehr wusste, dass sie erst unter Otto I. im 10. Jahrhundert (oder nach neuester Forschung sogar erst Ende 11./Anfang 12. Jh.) gebaut wurde.

Mit „Aula imperialis“ ist jedenfalls der gesamte kaiserliche „Saal“ gemeint, nicht etwa nur das Gebäude der erst seit den 1960er Jahren so genannten Aula regia. Mit „Curia imperialis“ wurde der kaiserliche „Hof“, der Meierhof, dem alle Königsgüter in Ingelheim unterstellt waren, bezeichnet. Dieser sollte die Chorherren unterstützen. Genau so verwendete auch Trithemius um 1500 das Wort "Aula" für den gesamten ehemaligen Palastkomplex. Wahrscheinlich aber wusste damals niemand mehr, wie die Pfalz Karls des Großen eigentlich ausgesehen hatte, die schon Jahrhunderte zuvor verfallen, umgebaut und überbaut worden war.

Diese Ernennung und Funktionsbeschreibung erfolgte erst über drei Jahre nach der Stiftung selbst. Das könnte bedeuten, dass die Bereitstellung bzw. Renovierung von Räumen zu diesem Zweck so lange gedauert hat und dass das Stift seine Arbeit erst danach allmählich aufnehmen konnte. Oder musste diese gut dotierte Stelle geschaffen werden, um in Prag Interessenten dafür zu gewinnen? Denn im dörflichen Nieder-Ingelheim war man weit weg vom "goldenen Prag" jener Zeit.

 

Gs, erstmals:15.08.14; Stand: 16.10.19