Die Portland-Cementfabrik, 1863 gegründet von Carl Krebs

 

Autor: Hartmut Geißler
nach Henn, Industrie-Entwicklung
Cramer, Dietmar: Die Geschichte von HeidelbergCement. Heidelberg 2013
und Archivmaterial des Ingelheimer Stadtarchivs sowie des HC-Archivs

 

Die "Carl Krebs Portland-Cementfabrik Ingelheim", 1863 vom Heidesheimer Ölmühlenbesitzer Carolus/Karl/Carl Krebs gegründet, lag auf dem heutigen Boehringergelände und produzierte bis zu ihrer Stilllegung 1907. Sie war die vierte, die in Deutschland gegründet wurde. Im Jahr 1899, einer Zeit mit guter Zementkonjunktur, hatte sie eine Belegschaft von 400 Arbeitern und war damit lange vor Boehringer der größte Industriebetrieb in Ingelheim.

Damals waren die Produktionsabläufe der Zeit entsprechend recht primitiv. Vor dem Mahlprozess mussten die Kalkbrocken von Hand auf Haselnussgröße zerschlagen werden. Trotzdem produzierte die Firma zur Blütezeit vor der Jahrhundertwende jährlich 3.000 Wagen, vornehmlich für den Unterwasserbau. 

Briefkopf der Cementfabrik 1899 (Privatbesitz)


Die Darstellung auf dem Briefkopf ist stark idealisiert, das Werksgelände repräsentativ vergrößert, der Rhein (oben) viel zu nahe.

Erkennen kann man auf dem Bild Folgendes:

1. Ganz unten links fährt die Eisenbahn.

2. Schräg oberhalb davon verläuft - stark verbreitert - die Binger Straße, befahren von Pferdefuhrwerken.

3. Eine Querstraße in der Bildmitte, auch stark verbreitert, stellt den früheren Weinheimer Weg dar, auf dem die Arbeiter von Frei-Weinheim zu den Werken liefen; er ist heute nur mehr in Bruchstücken erhalten.

4. Am rechten Bildrand stehen die Werksgebäude der Papierstofffabrik, neben der ganz rechts die kanalisierte Selz fließt.

5. Links unten beginnt das - damals noch kleine - Boehringer-Gelände.

6. Man war stolz darauf, dass die Schornsteine rauchten.


Nachdem der Transport des Rohmaterials von der Carolinenhöhe am Mainzer Berg auf Fuhrwerken durch die enge "Obergass" (Mainzer Straße) von Nieder-Ingelheim hindurch immer wieder zu Belästigungen und bedrohlichen Situationen geführt hatte, wurde im September 1899 eine Drahtseilbahn von drei Kilometer Länge über die Grundstraße, die Bahnhofstraße sowie über die Eisenbahn hinweg gebaut, eine teure Investition.

Sie konnte im April 1901 der Benutzung übergeben werden und erfüllte ihren Dienst offenbar ohne Komplikationen.

Die Grundstraße, über der die Drahtseilbahn des Cementwerkes verlief, mit Schutzdach/ Hist. Verein


Die Unternehmensleitung hatte anfangs wohl der Schwiegersohn des Firmengründers, Heinrich Ludwig Klippel, als "Inhaber" (so 1887), ein Enkel eines langjährigen Wackernheimer Bürgermeisters, der bei der Hochzeit 1871 als "Fabrikant in Nieder-Ingelheim" bezeichnet wurde. Aufgrund einer schwerwiegenden Erkrankung wurde er jedoch entmündigt und starb 1901 in Heppenheim. Seine Ehefrau Maria Christina Elisabetha, die Tochter des 1885 gestorbenen Firmengründers Carl Krebs, wurde 1896 als "Eigenthümerin der Firma Carl Krebs" bezeichnet.

Um zusätzliches Kapital einzubinden, wurde das Unternehmen 1897 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und hieß nun "Portland Cementfabrik Ingelheim a/Rh. A. G. vorm. Carl Krebs". Wie man sieht, nahm dieser Firmenname die Vereinigung Ingelheims zur Stadt, die erst 1939 erfolgte, 42 Jahre früher vorweg.

Anstoß erregte immer wieder die starke Staubemission des Zementwerkes, die auch Gegenstand von Untersuchungen der hessischen Gewerbeaufsicht wurde. So wurde schon 1897 vom Großherzoglichen Fabrikinspektor Engel die Entstaubungsanlage als unzureichend kritisiert. Nicht nur die Fabrik, auch ihre Umgebung sei von Zementstaub dick überzogen. Weiterhin beanstandete Engel die "die Arbeiter sehr schädigende Missstände". Daraufhin installierte man 1904 eine neue Ofenanlage und eine neue Zementmühle.

Die Übernahme durch die Zementwerke Heidelberg und Mannheim im Jahr 1906 sollte wohl in erster Linie dazu dienen, die im Zementsyndikat vereinbarten Ingelheimer Zement-Kontingente in die Heidelberger Verfügung zu bekommen. Dies geschah damals mit mehreren Zementwerken. Begründet wurde sie allerdings mit drohenden Klagen gegen die Staubentwicklung durch die benachbarte Firma Boehringer und andere Anlieger.

Auf eine Anfrage des Nieder-Ingelheimer Bürgermeisters vom 15. März 1907 wegen der befürchteten Einnahmeausfälle vom damals größten Industriebetrieb in Nieder-Ingelheim antwortete die Verwaltung (auf einem Briefbogen der Zentrale in Heidelberg) am 18. März 1907 - also postwendend - mit folgendem Brief:

Grossh. Bürgermeisterei Nieder-Ingelheim.

Auf Ihre gefl. Zuschrift von. 16. ds. an die Portlandcementfabrik Niederingelheim vorm. Krebs A. G. Niederingelheim beehren wir uns ergebenst zu erwidern, dass wir allerdings alleinige Besitzer der Actien vorgenannter Gesellschaft sind und dass wir auch die Absicht haben den Betrieb einzustellen.

Den Zeitpunkt können wir heute noch nicht bestimmt angeben, doch wird es im Interesse der Cementfabrik Ingelheim liegen die Einstellung noch im Herbst d. J. erfolgen zu lassen, da bei längerem Betriebe die Nachbarfirma Böhringer Sohn dort, wie uns schon angekündigt, mit einer Entschädigungsklage wegen Staubbelästigung auftreten wird. Ein anderer Nachbar Herr H. Weyell 2 dort ist ohnehin schon mit solchen Ansprüchen an uns herangetreten.

Hochachtungsvoll

 

So kam es im Verlauf des Jahres 1907 zur Stilllegung des Werkes. 1910 wurden die vier turmartigen Öfen gesprengt, einige Maschinen wurden im Weisenauer Werk weiter benutzt. Die Drahtseilbahn wurde erst 1913 demontiert und von den Heidelberger Cementwerken weiterverwendet als Seilbahn zwischen Nußloch und Leimen (Auskunft HC-Archiv HV0069).

 

Übrig blieb die elegante Fabrikantenvilla des Carl Krebs, die heutige "Villa Schneider" in der Bahnhofstraße, die seine Tochter bis zu ihrem Tod 1931 noch bewohnte.

 

Gs, erstmals 22.02.07; Stand: 19.07.21