



Wigbert – Der vergessene Heilige der Ingelheimer Burgkirche
Eine neue Ausgabe in der Reihe „Kleine Schriften“ des Historischen Vereins Ingelheims beleuchtet die Geschichte der Burgkirche: „Wer war Wigbert, der Kirchenheilige und Namengeber der Burgkirche in Ober-Ingelheim, die bis zur Reformation dem „St. Wigbert“ geweiht war?“
Bis zur Reformation war die heutige Burgkirche in Ober-Ingelheim dem Heiligen St. Wigbert geweiht. Erst 1940 erhielt sie ihren heutigen Namen, nachdem Ober-Ingelheim, Nieder-Ingelheim und Frei-Weinheim zur Stadt Ingelheim am Rhein vereint wurden. Denn dort gab es zwei namenlose evangelische Kirchen, die in Ober-Ingelheim und die im Nieder-Ingelheimer Saal. Bis zur Reformation im 16. Jahrhundert hieß sie „St. Wigbert“.
Wer war dieser Wigbert und wie kam die Kirche zu diesem Kirchentitel? Das herauszufinden bemühten sich Irene Ahl und Hartmut Geißler, beide Mitglieder im Historischen Verein und Gästeführer, in den Jahren 2023 und 2024 durch Besuche in Hersfeld, Fulda und Fritzlar. Ihre Erkenntnisse hat nun der Historische Verein in seiner Kleinen Schrift Nr. 16 (2025) veröffentlicht.
Durch ihre Recherchen konnte zwar die Person des Angelsachsen Wigbert und das umstrittene Schicksal seiner verehrten und begehrten Gebeine näher beleuchtet und beschrieben werden. Aufgrund seiner Verehrung in Hersfeld war er nämlich im Frühmittelalter einer der bekanntesten Klosterheiligen, nach dem viele Hersfelder Kirchen benannt wurden. Die wichtigste Literatur zu ihm besteht in einer Promotion der Universität Erlangen-Nürnberg von Harald Wunder („Die Wigbert-Tradition in Hersfeld und Fritzlar“, 1964), die in der wissenschaftlichen Stadtbibliothek Mainz vorhanden ist (28/3145). Wunder konnte 37 nach ihm benannte Wigbert-Kirchen zusammenstellen. Aber es waren keine Informationen darüber zu finden, wann genau und unter welchen Umständen die Ober-Ingelheimer Kirche dieses Patrozinium erhielt.
Die Quellenlage zu Wigbert ist dürftig. Zwar gibt es eine kurze lateinische Biografie, die der im Kloster Fulda ausgebildete Mönch Servatus Lupus im Jahr 836 verfasste, und zwar aufgrund einer Bitte des Hersfelder Abtes Bun und seiner Mönche. Sie wurde in den Monumenta Germaniae Historica SS 15, 1, S. 36-41, 1887 publiziert (heute auch im Internet benutzbar). In der (lateinischen) Einleitung zur Edition dieser Kurzbiografie urteilte der Herausgeber Oswald Holder-Egger, dass Lupus nur sehr wenig und ziemlich Dürftiges von den Hersfelder Mönchen über die Person Wigberts erfahren konnte, fast nur Berichte über die vielen Wunder, die ihm in Fritzlar und Hersfeld zugeschrieben wurden. Die drei darin sogar namentlich erwähnten Hersfelder Mönche Ernst, Baturich und Wolf, denen die Gebeine Wigberts auf dem Büraberg bei Fritzlar ausgehändigt worden sein sollen, dürften 60 Jahre später nicht mehr gelebt haben, sodass authentische Zeugen für diese Translation (Umbettung) kaum mehr befragt werden konnten. Warum äußerte dann der Hersfelder Abt diese Bitte an einen Ortsfremden, ausgerechnet im Konkurrenz-Kloster Fulda, das schon durch den dort bestatteten Bonifatius viele Pilger anlockte?
Zwei weitere Berichte unbekannter Autoren über eine Umbettung der Gebeine Wigberts vom Büraberg stammen aus dem Spätmittelalter. Nach ihnen aber sollen sie nicht nach Hersfeld, sondern nach Fritzlar zurückgebracht worden sein. Diese von Wunder als „Translatio I“ und „Translatio II“ benannten Berichte hatten andere Zielsetzungen, als die historische Wahrheit über Wigbert darzustellen, die man wahrscheinlich in Fritzlar Jahrhunderte später auch nicht besser kannte als in Hersfeld.
Was lässt sich nun sicher oder einigermaßen wahrscheinlich über Wigbert sagen?
Er stammte wie Wynfreth-Bonifatius und auch der Mainzer Bischof Lul, der das Kloster in Hersfeld als sein Eigenkloster gegründet hatte, aus einer adligen Familie im englischen Wessex. Er könnte etwas älter als Bonifatius gewesen sein und war wohl eher sein Mitarbeiter als sein Schüler. Von ihm wurde er zum Leiter (Magister) oder Abt des von ihm (Bonifatius) gegründeten Klosters in Fritzlar ernannt und mit dem Bau der Klosterkirche beauftragt. Einige Jahre danach wurde er von Bonifatius zu einem längeren Aufenthalt in das Kloster Ohrdruf (Landkreis Gotha) geschickt. Anschließend kehrte er nach Fritzlar zurück, wo er auch starb. Bestattet worden sei er vor der Kirche. Um ihn aber vor dem Vandalismus bei sächsischen Überfällen zu schützen (die Eder war die damalige Grenze zum noch heidnischen „Sachsen“), seien seine Gebeine auf den Büraberg gegenüber von Fritzlar transportiert worden, in eine sichere Burganlage aus merowingischer Zeit, die von den Sachsen tatsächlich nicht erobert wurde. Diese Kirchenburg besaß schon eine Kirche, die der irischen Heiligen Brigida geweiht ist und sogar für einige Jahre Sitz eines Bischofs war. Einer ihrer Bischöfe, Albuin, wurde später in Fritzlar ebenfalls als Heiliger verehrt.
Wigbert wurde (und wird) also an zwei Orten als Heiliger verehrt, zuerst in Hersfeld mit dem Schwerpunkt vom 9. bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts und seit dem 14. Jahrhundert auch in Fritzlar selbst, dem Ort seines Wirkens. Die Gläubigen in beiden Orten mussten deshalb wohl davon ausgehen, dass die Gebeine Wigberts in ihrem Ort seien.
In Hersfeld beendete die Reformation seine Verehrung im 16. Jahrhundert. Zwei Jahrhunderte später wurde auch sein Sarkophag zerstört, als französisches Militär beim Heranrücken eines preußischen Heeres 1761 die Stiftskirche in Brand steckte. Immerhin gibt es in Hersfeld noch eine Wigbertstraße und eine Wigbert-Höhe. Es existiert auch eine Webseite unter dem Namen https://www.wigbert.de/wigbertweb/straszen/index.html , in der noch heute behauptet wird: „In der Stiftsruine in Bad Hersfeld liegen die Gebeine des heiligen Wigbert begraben.“
In Fritzlar hingegen blieb die Erinnerung an den hl. Wigbert lebendiger. Es gab zwei Wigbert-Festtage, in der Domkrypta wurde im 14. Jahrhundert ein ihm gewidmetes Hochgrab errichtet, im Dom selbst wurden 1915 Glasfenster mit seinen Wundern eingesetzt und im Dommuseum kann man einen hölzernen Reliquienkasten betrachten, auf dem er zusammen mit anderen Heiligen abgebildet ist:
Abbildung 1: Wigbert in der Mitte des hölzernen Reliquiars; Foto: Dommuseum.
Auch eine Straße ist wie in Hersfeld nach ihm benannt worden:
Abbildung 2: Straßennamen; Foto: Geißler
In der Beantwortung der Frage, was mit den Gebeinen Wigberts auf dem Büraberg geschehen ist, teilen sich also die Überlieferungen: Entweder wurden seine Reliquien nach Hersfeld entführt oder sie wurden nach Fritzlar zurück überführt (oder auch beides nur in Teilen). Die Translation der Reliquien von Personen, die schon als Heilige verehrt wurden oder die man nachträglich zu Heiligen erklärte, war schon in karolingischer Zeit nichts Ungewöhnliches. In die oben genannte MGH-Edition sind außer dem Bericht über Wigbert 9 weitere Translationes aufgenommen worden. Bekannt ist auch an die Art und Weise, wie Einhard, der Biograph Karls des Großen, zu seinen zwei Heiligen in Seligenstadt kam: Sie wurden für ihn heimlich aus einer Katakombe in Rom entwendet.
Gelohnt hat sich diese Hersfelder Aktion. Harald Wunder fasste den Erfolg dieser Translation so zusammen:
Der Wigbertkult in Hersfeld hat dem Kloster im Mittelalter sehr nachhaltig das Gepräge gegeben. Die Hoffnungen und Erwartungen, die Bischof Lul auf die Erwerbung des Heiligen zugunsten seiner Stiftung gesetzt hatte, wurden erfüllt, ja weit übertroffen. Der Name Wigberts wurde seit dem 9. Jh. zumindest im östlichen Frankenreich zu einem Begriff, so daß er in die Reihe der bekanntesten Klosterheiligen der damaligen Zeit aufrückte und in Thüringen sogar zum erfolgreichen Konkurrenten seines im benachbarten Fulda bestatteten Meisters Bonifatius wurde. Nicht zuletzt durch die vielen Schenkungen an den Heiligen wurde Hersfeld zu einem der reichsten und bedeutendsten Klöster in Deutschland, dessen Grundbesitz bereits im frühen 9. Jh. nach Ausweis des Breviarium Lulli (Besitzverzeichnis des Lullus) etwa 1100 Hufen und 700 Mansen (Hofland unterschiedlichen Rechtes für eine Bauernfamilie), also ungefähr 15000 Hektar, umfaßte.
Nach der Mitte des 11. Jahrhunderts trat seine Verehrung in Hersfeld zugunsten eines Lullus-Kultes, des Klostergründers, etwas zurück und konnte auch nicht wieder belebt werden (Wunder, S. 159-162).
Demgegenüber wird in Fritzlar seiner noch verschiedentlich gedacht; eine Informationstafel neben seinem Hochgrab in der Domkrypta sagt über ihn:
Die Krypta des Heiligen Wigbert
Benannt nach dem Missionsgefährten und unmittelbaren Nachfolger des Heiligen Bonifatius. Der Heilige Wigbert – geboren um 670 in Wessex, Angelsachse, wohl in Nutscelle geboren und priesterlich ausgebildet – folgte um 730 Bonifatius in das hessisch-thüringische Missionsgebiet. Er war Abt des von Bonifatius gegründeten Fritzlarer Benediktinerklosters und ersetzte 732 die von Bonifatius erbaute Holzkirche durch eine steinerne Basilika. Wigbert war der erste Leiter der von Bonifatius gegründeten Klosterschule, aus der die spätere Schule des Chorherrenstifts Sankt Petri hervorging. Schon zu seinen Lebzeiten wurden ihm verschiedene Wunder zugeschrieben, so u.a. das Weinwunder: eines Tages fehlte für das Heilige Messopfer Wein, woraufhin Wigbert eine Weintraube holte und ihren Saft in den Kelch presste; der Traubensaft verwandelte sich in Wein. Wigberts genaues Todesjahr ist nicht bekannt. Das Hochgrab des Heiligen Wigbert in der Ostapsis des Hauptkrypta entstand Mitte des 14. Jahrhunderts und zeigt Wigbert, seine Kirche in den Händen haltend.
Auch das Bild eines Abtes mit einem Kirchenmodell in einer Hand als Schlussstein in der Chordecke der Ober-Ingelheimer St. Wigbert-/Burgkirche dürfte ihn meinen.
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Abb. 3: Schlussstein in der Ober-Ingelheimer Kirche; Foto: Geißler

Die Geschichte des ersten großen Industriewerkes in Ingelheim, der Portland-Cementfabrik, die der Heidesheimer Öl- und Knochenmüller Carl Krebs 1863 in Nieder-Ingelheim gründete, ist bislang noch nicht geschrieben worden. Lediglich Karl Heinz Henn widmete 2001 im Rahmen eines Vortrages einige Bemerkungen über die Industrialisierung Ingelheims. Jetzt hat Vorstandsmitglied Hartmut Geißler mit den „Beiträgen zur Ingelheimer Geschichte“, Band 62, diese Lücke geschlossen.
Dabei produzierte das Werk 44 Jahre lang hochwertigen Portland-Zement mit Rohmaterial aus Steinbrüchen am Mainzer Berg und beschäftigte um 1900 bis zu 400 Mitarbeiter, damals weit mehr als Boehringer, sogar angeworbene Gastarbeitende aus der damals österreichischen westlichen Ukraine. Es wird heute völlig vom Glanz des nachfolgenden Weltunternehmens Boehringer Ingelheim überstrahlt, von dem das Gelände an Selz, Eisenbahn und Binger Straße der 1907 stillgelegten Zementfabrik übernommen wurde. Jeder braucht und benutzt zwar Zement, heute oft aus China importiert, aber seine energieintensive Produktion mit ihren Rohstofftransporten und Staubemissionen macht sich selten Freunde. So gab es auch in Ingelheim jahrelange Konflikte um die Fuhrwerktransporte durch die Mainzer und Binger Straße sowie über den Verlauf der Transportschwebebahn über die Grundstraße und Bahnhofstraße hinweg.
Heute erinnern nur noch die schönste Fabrikantenvilla Ingelheims, die 1879 im damals modischen Stil der Neorenaissance erbaute „Villa Schneider“ in der Bahnhofstraße, an das Ehepaar Carl Krebs und seine Frau Christine aus Essenheim sowie ein verfallendes Familiengrab Krebs-Klippel im Kirchhof der Burgkirche an ihre Besitzer. Dies alles mag seinen Hauptgrund in der Tatsache haben, dass die Ingelheimer Quellenlage und die des Heidesheimer Archivs zur Cementfabrik nicht besonders gut sind, ganz im Gegensatz zu den gleichzeitig gegründeten Werken von Dyckerhoff in Amöneburg und von Lothary in Weisenau.
Das Firmenarchiv der Heidelberg-Mannheimer Cementwerke jedoch, die die Aktien des verschuldeten Ingelheimer Unternehmens 1906 aufkauften und das Werk 1907 stilllegten, enthält wichtige Unterlagen zu seiner Geschichte. Sie wurden digitalisiert und dem Autor zur Auswertung überlassen. Darunter ist das noch nie analysierte handschriftliche Protokollbuch des Aufsichtsrates der Aktiengesellschaft aus der Zeit ab 1897 mit den Bilanzberichten und Personalangaben.
Die Umstände der Fabrikgründung und ihre Frühphase jedoch liegen weiterhin im Dunklen. Deshalb wurde in dieser 100-Seiten-Schrift zugleich der Versuch unternommen, mit Parallelquellen aus damaligen Portland-Cementfabriken (Dyckerhoff und Lothary) auch die Ingelheimer Frühphase besser vorstellbar zu machen.
Die Quellenlage bringt es mit sich, dass die Darstellung zwei unterschiedliche Schwerpunkte hat: Für die frühe Phase überwiegen genealogische Quellen mit vielen Fotos der Familien Krebs aus Heidesheim und Klippel aus Wackernheim, denn der Schwiegersohn von Carl Krebs, Heinrich Ludwig Klippel, war viele Jahre an leitender Stelle in der Fabrik beschäftigt, und Berichte aus anderen Portland-Cement-Werken. Für die Phase der Aktiengesellschaft konnten ab 1897 reiche wirtschaftliche Informationen zum Unternehmen selbst ausgewertet werden. Im Anhang befinden sich Stammbäume der Familien Krebs und Klippel sowie eine Liste der Liegenschaften der Fabrik.
Druck und Umschlaggestaltung: Druckerei Eckoldt, Ingelheim
Preis im freien Verkauf: 13 € entweder bei der Buchhandlung Wagner oder bei der Museumsbibliothek, Ingelheim, Mainzer Straße 68 (Pestalozzischule).
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Eine vollständige Liste der "Beiträge zur Ingelheimer Geschichte" (seit 1949) und der "Kleinen Schriften - Ingelheimer Geschichtsthemen" (seit 2001) finden Sie hier:


