Autor und Fotos: Hartmut Geißler
Literatur dazu:
Krämer, Ober-Ingelheim,
Krienke, S. 426-428,
Weyell, Franz: Ingelheimer Mosaik, S. 60-61 (zu Haus Nr. 50)
Auskunft des ehemaligen Oberbürgermeisters Dr. Joachim Gerhard vom 19.03.26
Stiegelgasse 65
Das Anwesen, das sich bis zur Uffhubstraße hochzog, gehörte bis ca. 1580 den Busern/Beusern von Ingelheim. Hier nahm Kurfürst Ludwig VI. anlässlich der Huldigung am 16. Juli 1577, die in der Burgkirche stattfand, sein Quartier. Er kam durch das Ohrenbrücker Tor feierlich bis zu diesem Hof eingezogen, fuhr dann wieder durch das Ohrenbrücker Tor hinaus, auf dem Rheinweg westlich der Selz hinab bis zum unteren Altengässer Tor und die Altegasse hinauf bis zur Burgkirche.
Die heutige Hofanlage wurde ungefähr ab 1837 für den Apotheker und Rotweinhändler Philipp August Gebhard, einen Vorfahr des Theaterregisseurs Dr. Hanns Niedecken-Gebhard, in spätbarocker Bautradition errichtet. Seine Weinhandlung befand sich seit 1860 am Ober-Ingelheimer Marktplatz Nr. 6, wo Gebhard eine Apotheke gekauft hatte und zur Weinhandlung mit Kelterhaus umbaute. Sie wurde von Georg Niedecken, der 1877 die Tochter Gebhards geheiratet hatte, fortgeführt, auch als Winzerbetrieb. Die dortigen Zierweinfässer (der Jahrgänge 1959 bis 1983) werden heute im Winzerkeller ausgestellt.
1911 wurde hinter dem Stiegelgässer Hof ein englischer Landschaftsgarten für den neuen Besitzer, den Wiesbadener Kaufmann Gustav Adolf Bode, angelegt („Bode-Park“). Er erstreckt sich bis hinauf zu den Häusern in der Uffhubkurve.

Stiegelgasse 48/50
In der jetzigen Baugestalt stammt das Gebäude mit der Hausnummer 50 wahrscheinlich von 1733. Auf dem Grundstück wurde wahrscheinlich der Stammsitz der Freiherren und späteren Reichsgrafen "von Ingelheim“ errichtet (mehrere Epitaphien in der Burgkirche). Später erwarb es die Adelsfamilie der Horneck von Weinheim, ein altes, zur Ritterschaft am Rhein gehörendes freiherrliches Geschlecht, dessen Stammort das Städtchen Weinheim (an der Bergstraße) war. Ein Bernhart Horneck von Weinheim wurde 1505 zu einem Ingelheimer Schöffen gewählt. Dieser Familie gehörte das Anwesen wohl über 300 Jahre.
Die Hornecks verkauften es um 1800 an Peter Werner, den Sohn des von Horneckschen Gutsverwalters. Dieser war in der französischen Zeit Maire und danach Bürgermeister von Ober-Ingelheim. Von 1833 bis 1907 gehörte es Vater und Sohn Müller, und zwar Dr. Franz Joseph Müller und Dr. Anton Karl Moritz Müller, beide Friedensrichter am Ober-Ingelheimer Amtsgericht. Von deren Erben kaufte es Julius Wasem. Bis heute gehört das Anwesen Nr. 50 als Weingut und Hotel einem Zweig der Familie Wasem (Weyell in BIG 20, S. 60).


Stiegelgasse 48 im Park hinter Nr. 50
Ersterwähnung 1382, im 15. Jh. an Wilhelm von Ockenheim (Epitaph in der Burgkirche) verpachtet. Von ca. 1500 bis ins 19. Jh. im Besitz der Herren Horneck von Weinheim. Sie ließen 1590 den hohen Renaissancebau errichten, der versteckt und zurückgezogen in einem großen Park liegt. Von 1834 bis 1865 lag dort auch der Wohnsitz von Dr. Martin Mohr. Dieser stellte der deutsch-katholischen Gemeinde ein Wirtschaftsgebäude (an der Edelgasse, abgerissen) als Gotteshaus zur Verfügung (bis 1910).
1933 wohnte hier der pazifistische Studienrat Karl Balser zur Miete, der von den Nationalsozialisten aus dem Dienst an der Bürgerschule entfernt wurde.
Im Jahr 1920 kaufte Richard Scheller, der Besitzer der Mainzer Gutenberg-Druckerei, das Anwesen. Seine Witwe verkaufte das Haus mit Grundstück 1959 an das Unternehmen Boehringer, in dessen Besitz es bis heute ist. Es diente von 1962 bis 1966 dem späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, als dieser bei Boehringer beschäftigt war, als Wohnsitz.