Sie sind hier:   Ober-Ingelheim > Schnecke und Hammergässer Tor  > Die Schnecke wird Wohnturm

Der Spitzkegelturm im Unteren Zwerchweg wird zur Wohnung umgebaut, zur "Schnecke"

 

Autor: Hartmut Geißler

Nach Archivalien im Ingelheimer Stadtarchiv Rep.I/610, 1-4
und mit freundlicher Hilfe des Archivs beim Transkribieren

 

Eigentlich auf der Suche nach Archivmaterial zum "Hammergässer Tor", wurden dem Autor vom Archiv auch mehrere Seiten zu dem Turm im Unteren Zwerchweg übermittelt, in denen seine Lage "nahe beim Hammengässer Tor" erwähnt wurde, also Hammengässer, nicht Hammergässer. So wurde diese Gasse damals immer genannt.

Aus ihnen wurde aber zugleich klar, auf welche Weise der ehemalige Spitzkegelturm im Graben der Wehrmauer zu einem Wohnturm umgewandelt wurde und weshalb er an den Namen "Die Schnecke" kam.

Im Jahr 1808, also in napoleonischer Zeit, stellte der Bauer Franz Rohleder (auch Rolletter geschrieben), wohnhaft Stiegelgasse 2 (damaliger Zählung, nicht identifizierbar, vielleicht Ohrenbrücker Siedlung) einen Antrag an die Gemeindeverwaltung von Ober-Ingelheim, dass er sich gegen Zahlung einer Miete den (leer stehenden?) Spitzkegelturm in der Nähe des Hammergässer Tores zu einer Wohnung ausbauen dürfte.

Die Gemeindeverwaltung unter Bürgermeister Werner befürwortete den Antrag, verwies ihn aber zur Genehmigung an den französischen Präfekten in Mainz, Jeanbon St. André, weil der französische Staat Anspruch auf solche Ortsbefestigungen erhob.

Deshalb musste sich Rohleder, der des Französischen gewiss nicht mächtig war und der einen solchen Brief wahrscheinlich auch auf Deutsch nicht selbst hätte schreiben können, eines vereidigten Schreibers bedienen, sicherlich gegen Gebühren.

Dieser schrieb folgendes Baugesuch nach Mainz, vom Antragsteller krakelig unterzeichnet (und übersetzt vom Verfasser):

"Ober-Ingelheim, den 20. September 1808

Franz Roletter von Ober-Ingelheim an den Präfekten des Departements Donnersberg in Mainz

Herr Präfekt, es gibt in der Ortsbefestigung, von der Ober-Ingelheim umgeben ist, mehrere Türme, die mit wenig Kosten als Wohnung für einen armen Menschen eingerichtet werden können. Weil Wohnungen schwer zu finden sind, habe ich mich entschlossen, einen dieser Türme als eine kleine Wohnung für meine Familie einzurichten. Deshalb bat ich den Herrn Bürgermeister und den Gemeinderat, mir diese Bitte zu bewilligen, für eine jährliche Miete an die Gemeindekasse.

Man verwies mich weiter an Sie, Herr Präfekt, der Sie für die Bewilligung meiner Petition zuständig seien. Deshalb bitte ich Sie, Herr Präfekt, die Güte zu haben, anzuordnen, dass mir der Turm in der Ortsbefestigung ganz in der Nähe des sogenannten Hammengässer Tores zum Umbau in ein kleine Wohnung überlassen wird, nachdem ein Mietpreis durch Sachverständige festgelegt wurde, den ich jährlich an die Gemeindekasse zahlen muss. –

Weil es schon bald Winter ist, bitte ich Sie, Herr Präfekt, im Falle der Zustimmung die Entscheidung zu beschleunigen und ihre schnelle Ausführung anzuordnen.

Ich habe die Ehre mit dem tiefsten Respekt,
Ihr ergebenster und gehorsamster Diener

Frantz Rohleder"

Ausschnitt aus dem Katasterplan 1848 über den Wohnturm mit Anbauten

Mit zu diesen Akten gehört das Gutachten eines Maurermeisters, das vom Gemeinderat akzeptiert wurde:

"Aus Auftrag des hiesigen H Maires hat unterschriebener hiesiger Maurermeister Wilhelm Rauth jenen gemeinen Thurn ohnfern dem Hammengaßer Thor, welchen sich Franz Roheletter zur Wohnung zu recht machen will, angesehen und befunden, daß dieses ohne Benachtheiligung der Gemeinde, Vielmehr zum Nutzen derselben geschehen könne, auch die Strase bey Anlegung einer anzuweisenden Dungkaut nicht gehemmet werde,

übrigens das Anerbiethen des Roheletters, diesen Thurn auf eigene Kosten herzustellen, und nicht länger als auf 9. Jahren frey zu bewohnen, nach Verlauf dieser Zeit aber als dann der erzielt werdende Hauspreiß der gemeinen Caße heimfallen solle, angemessen und für die gemeinde um so Vortheilhafter seye, als dermalen dieser Thurn nichts eintraget, und die gemeinde für die Zukunft sich einen ansehnlichen Hauszinß zu Versprechen habe.

OberIngelheim d 6ten October 1808.

Wilhelm Rauth

Die Verleihung des Thurns an franz Rohletter findet für die Gemeine Caße vorteilhaft Werner Maire
ich bin obiger Meinung Kilian
ich bin derselbe Meinung Georg Heßel
ich bin der nemliche Meinung Fr. Gebhart"


Gs, erstmals: 30.11.20; Stand: 20.01.21