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Herr von Horneck und der Wackernheimer Kirschenbauer

 

Autor: Hartmut Geißler

Balthasar Porth berichtet in BIG 7, S. 30 über eine Begegnung eines Herrn von Horneck mit einem Wackernheimer Kirschenbauer, woraus sich eine Wackernheimer Redensart entwickelt habe:

… Die Familie derer von Horneck war in Ober-Ingelheim ansässig. Einem letzten Sprossen dieses Geschlechtes haftet folgende sprichwörtliche, immer wieder erwähnte Redensart im Dorfe an:

Als geiziger Junggeselle und Sonderling bekannt, legte er vor mehr als 100 Jahren den Weg von Ober-Ingelheim nach Mainz, übers Horn, dann der Straße mit Siebenmeilenstiefeln folgend, wenigstens einmal wöchentlich zu Fuß zurück. Wie er einst Mitte Juli seines Weges zog, pflückte am Ausgang der Kleinen Hohl ein Wackernheimer Bauersmann, der gern sein Hochdeutsch etwas geziert bekundete, schöne Herzkirschen, um einen am Fuß der Leiter stehenden Korb zu füllen. Der Baron trat näher und fragte, ob er einige Früchte genießen dürfe. „Ganz nach Belieben, Herr Baron!“ — war die Antwort und dieser, nicht blöde, aß sich dann auch gründlich satt. Schließlich fragte er, was er nun schuldig sei. Der gute Bauersmann, in der stillen Hoffnung der noble Herr werde sich gewiß nicht lumpen lassen, antwortete wiederum: „Ganz nach Belieben, Herr Baron!“ Dieser erzählte darauf, er sei in Mainz über den Markt gegangen, wo Kirschen das Pfund zu 3 Kreuzer zu kaufen waren. Nach seinem Überschlag habe er ungefähr 1 Pfund verspeist und gleich aus dem Korb beim Baume, so daß keinerlei Transportkosten erwachsen seien. Darum seien 2 Kreuzer für die Kirschen ein angemessener Preis. Gesagt, getan! „Ganz nach Belieben, Herr Baron!“ — war die enttäuschte Schlußrede des Bauern, nicht aber im Dorfe; denn hier hat dieser Ausdruck lange Zeit überdauert und fand immer wieder seine Anwendung.

Da diese Episode von Süßkirschen handelt, hat sie sich wahrscheinlich im 19. Jahrhundert ereignet, und zwar, wie auch der Hinweis "mehr als hundert Jahren" nahelegt, in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Während die Nieder-Ingelheimer Obstbauern nach dem Bau der Eisenbahn 1859 ihr Obst über die Bahn auch im preußischen Rheinland verkaufen konnten, musste man als Wackernheimer Bauer (ohne Eisenbahnanschluss) zu Fuß nach Mainz laufen, um es dort auf dem Markt anzubieten.

Die Wackernheimer Einwohner hatten die größten Nachteile vom Finther Widerstand gegen den Bau der Ludwigsbahn durch Finthen über den Mainzer Berg.

Nicht zutreffend ist Porths Behauptung im selben Text, dass auch die Herren von Nordeck ihren linksrheinischen Besitz in der Jakobinerzeit verkauft hätten. Richtig ist, dass sie weiterhin Besitz in Ober-Ingelheim hatten, denn am 6. April 1824 schenkte der Baron von Nordeck, der in Mainz von den Erträgen seines Grundbesitzes lebte, eines seiner Grundstücke in Ober-Ingelheim der katholischen Gemeinde, damit diese dort ein neues Schulhaus bauen konnte (heute Weingut Dautermann; StA Ingelhein, Rep. II 287).


Gs, erstmals: 11.01.20; Stand: 26.12.20