Die Rheinhessische Konserven-Aktien-Gesellschaft (später: "Kathra")

 

Autor: Hartmut Geißler
nach: Vey, Kriegsjahre, S. 404
und Engelen, Vom Entstehen S. 387 (Fabrikbeginn zu früh angesetzt)
sowie mit Dokumenten aus dem Stadtarchiv Rep. III 2876, 2879

Nachdem der Obsthändler Adam Heiser (1878-1956) im Jahr 1898 ein Wohnhaus mit dem üblichen Pferdestall, Schweinestall und Waschküche um einen Hof herum im Nieder-Ingelheimer Oberböhl gebaut hatte, damals Nr. 54, heute Nr. 18 (Abel), reiste er für einige Zeit nach England. Dort heiratete er 1904 in Christchurch (östl. von Bornemouth) Alice Langford und lebte mit ihr anscheinend in dem kleinen Fischerort Sidmouth, westl. von Bornemouth. Denn Alice bekam dort die ersten drei Kinder (1905, 1909, 1914) und zog mit ihnen noch vor Kriegsbeginn nach Nieder-Ingelheim, Binger Str. 21 (nicht mehr vorhanden), also nicht in das Haus am Oberböhl. Ihr Mann Adam, der schon vor ihr einmal  nach Deutschland gekommen sein muss, stellte ein Gesuch zur Errichtung eines genehmigungspflichtigen Dampfkessels für seine Konservenfabrik im Oberböhl, hinter seinem Haus und Hof. Der Kessel wurde genehmigt und die neue Fabrik nahm 1912 ihre Produktion auf. Nach der Übernahme durch seinen Sohn Wilhelm (1905-1945) wurde die Fabrik "Rheinhessische Konservenfabrik" genannt. Wilhelm Heiser war von 1918 bis 1925 Mitglied in der Nieder-Ingelheimer Winzergenossenschaft. Die Fabrik erstreckte sich auf einem schmalen Grundstück hinter seinen Häusern nach Süden und war damals nur vom Oberböhl aus zu erreichen. Zweimal wurde sie erweitert: im Sommer 1918, also noch während des Krieges, und 1925.

Sein Vater beabsichtrigte währenddessen, mit einem Compagnon Zimmer auf seinem Grundstück  an der Binger Straße eine Eisengießerei zu errichten (Ing. Anzeiger, 19.02.1921).

Ausschnitt aus dem Lageplan des Baugesuchs vom August 1918
(in Rot die beantragte Erweiterung der Fabrik von 1911/12) - Straße "Obere Böhlstraße" am linken Bildrand
Belegschaft (und Nachbarn?) des Obsthändlers bzw. der Konservenfabrik vor der Einfahrt auf dem Oberböhl (Aufnahmejahr unbekannt); Stadtarchiv Rep IV-261

1927 wurde der Betrieb zwangsversteigert und ging für 40.000 RM an die Firma Balthasar Zimmer. Später (in der Zeit des Nationalsozialismus; Gs) übernahm der Reichsnährstand die Fabrik. 1938 erwarb sie das Münchener Unternehmen KATHREINER für wohl 106.000 Mark. Künftig wurde sie KATHRA genannt. Ende 1949 arbeiteten dort 60 überwiegend weibliche Arbeitnehmer. Sie stellten jährlich 800.000-900.000 Dosen Obst und Gemüse von je einem Kilo her. Saisonweise waren auch bis zu 150 ausländische Frauen für das Unternehmen tätig. 1950 warb sie mit Obst- und Gemüse-Konserven, Marmeladen, Konfitüren und Gelees. Wenige Jahre später schloss sie ihre Tore. (Engelen, S. 387)

Ihre Anlagen übernahm 1968 Theo Hilgert für sein Bauunternehmen, das bis heute unter seinem Sohn Berthold besteht. 

Während der Hoch-Inflationsphase 1923 gab diese Fabrik ähnlich wie Boehringer Notgeld aus:

Notgeld der Konservenfabrik. (Privat)


Gs, erstmals: 20.02.07; Stand: 11.02.20