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Die konfessionelle Situation Großwinternheims im 17. Jahrhundert


Autor: Hartmut Geißler
Nach: Hellriegel, Ludwig: Die religiös-konfessionelle und soziologische Situation im 17. Jahrhundert am Beispiel des unteren Selztales (aus der Dissertation Pfarrer Dr. Hellriegels), BIG 28, S. 48 – 71


„Bis zum Jahre 1620 war die Bevölkerung Großwinternheims geschlossen kalvinistisch… Im Dezember 1620 wurden fünf Kompagnien spanischer Soldaten und deren Feldmeister in Großwinternheim einquartiert, insgesamt etwa 500 Mann… Die 1625 zaghaft begonnenen kaiserlichen Pläne, die Bevölkerung der Kurpfalz wieder der katholischen Religion zuzuführen, fanden schließlich 1627 in Großwinternheim ein Echo.“ (S. 46)

Der kalvinistische Pfarrer wurde abgesetzt, und es wurde wieder katholischer Gottesdienst gehalten, ob von einem eigenen Priester oder von Ober-Ingelheim aus, konnte Hellriegel nicht feststellen.

Dieser erste Versuch der Rekatholisierung endete mit dem Einmarsch der schwedischen Truppen 1631, es wurde wieder ein kalvinistischer Pfarrer eingesetzt. Nach dem Friedensschluss von 1648 blieb die Ausübung des katholischen Gottesdienstes noch bis 1652 verboten, Taufen von Kindern katholischer Ehen wurden von den kalvinistischen Pfarrern vorgenommen. Die Katholiken konnten aber in einer Kapelle des Obentrautschen Hofes ihre Religion ausüben, denn der Großwinternheimer Zweig der Obentrauts war katholisch geblieben. Im örtlichen Taufbuch der reformierten Gemeinde konnte Hellriegel „aufgrund sicherer Kriterien“ den Anteil der getauften Kinder aus katholischen Familien ermitteln. Er bewegte sich in den Jahren 1653 bis 1669 bei 1 bis 5 Kindern von 13 bis 22 überhaupt getauften Kindern pro Jahr.

Die meisten katholischen Familien dieser Zeit – außer den beiden Adelsfamilien der von Obentraut und der von Haxthausen selbst – waren zugereiste Hofleute, Wingertsleute, Knechte und Handwerker im Dienste dieser Adelsfamilien, mit einer hohen Fluktuation. Sie sollen aber, nach Hellriegel, „1685 ein gut entwickelte Gemeindebewusstsein“ (S. 53) entwickelt haben.

Durch den „Simultaneums" -Erlass des neuen (katholischen) Pfalzgrafen Philipp Wilhelm (Kurfürst 1685-1690), der in Düsseldorf residierte, wurde den Katholiken der Kurpfalz wieder die Ausübung ihrer Religion gestattet, und am 23. Januar 1689 wurde die Regelung in Großwinternheim eingeführt, dass beide Konfessionen die Kirche gemeinsam benutzen sollten, und zwar auf Befehl des Kommandanten der im Ingelheimer Saal stationierten französischen Truppen, des Grafen von Auvergne. Denn der Ingelheimer Grund war im Zuge des Pfälzer Erbfolgekrieges wieder von französischen Truppen besetzt worden.

Diese Regelung schaffte zwar den Katholiken Gleichberechtigung, führte aber zu so vielen Reibereien, dass die Kurpfälzer Regierung 1705 in der Pfälzer Kirchenteilung die Kirchen (und ihre Einkünfte) den beiden Konfessionen zuloste. Dabei erhielten die Katholiken in Großwinternheim ihre Kirche zurück, St. Johannes Evangelist, während die Kalvinisten sich am Standort der mittelalterlichen Michaelskapelle eine eigene Kirche bauen mussten. Bis diese gebaut war (1747), hielten sie ihre Gottesdienste im Großwinternheimer Rathaus ab.


Gs, erstmals: 05.01.15; Stand: 06.02.17