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Sebastian Münsters Ingelheimer Wurzeln


Autor: Hartmut Geißler 2006,
aufbauend auf einer Vorlage von Margarete Köhler


Seine Herkunft

Sebastian Münster ist am 20. Januar 1488 in Nieder-Ingelheim geboren, wie Burmeister 1963 überzeugend nachgewiesen hat. Der Familienname (auch Monster, Mönster, Munster) geht vermutlich auf den Namen eines weiter nicht bestimmbaren Ortes "Münster" zurück, aus dem die Familie zugezogen ist.

Wahrscheinlich waren bereits seine Urgroßeltern in Ingelheim ansässig. Aus Ober-Ingelheim sind ein Peter Münster (belegt 1402-1430) sowie zwei Söhne in Gerichtsakten erwähnt, ein Jakob (Jeckel) - Kirchenmeister an St. Wyprecht = St. Wigbert, der heutigen "Burgkirche" - und ein Peter (Peder).

Sebastians Vater Andreas (Endres) könnte ein Sohn dieses jüngeren Peter gewesen sein. Er hatte in Nieder-Ingelheim einige Zeit das angesehene Amt eines Spitalmeisters inne und betrieb sicherlich Landwirtschaft. Ein Spitalmeister besorgte die laufende Verwaltung, die Anlage von Kapital und sonstiger Vermögenswerte, er beaufsichtigte die Hausinsassen und sorgte für Verköstigung und Pflege. Auch hatte er sich um die Feldbestellung und die Ernte auf den Spitaläckern zu kümmern. Er wurde von den Gemeinden aus angesehenen und wohlhabenden Familien ausgewählt, in Ober-Ingelheim bisweilen sogar aus adeligen Sippen. Im Jahre 1497 lässt sich z. B. der Ritter Karl von Ingelheim (aus der Buserlinie) als Spitalmeister für das Ober-Ingelheimer St.- Jodokus-Spital und als Schöffe am Oberhof nachweisen. (Henn, Jodokus, S. 116)

Solche damaligen Spitäler sind nicht mit heutigen Krankenhäusern gleichzusetzen, sondern sie dienten als Gasthaus, Pilgerhaus, Armenhaus und auch als Krankenhaus. Geboren wurden in mittelalterlichen Spitälern nur die Kinder armer, alleinstehender Frauen; Sebastian Münster wurde natürlich zu Hause im elterlichen Hof geboren und nicht im Armen-Spital bei der Remigiuskirche.

Name und Familie der Mutter sind nicht bekannt. Sebastian erwähnt sie nie. Man weiß von einem Bruder, der vielleicht mit dem namentlich in Nieder-Ingelheim nachgewiesenen Hans (Hansen Monster) identisch ist und der vermutlich den elterlichen Betrieb übernommen hat. Von zweien seiner (Hans') Söhne, Joseph (Jurist) und Andreas (Theologe), die auch Sebastian Münster mehrfach zu fördern versuchte, ist einiges bekannt.

Wahrscheinlich mit diesem Bruder Hans ist Sebastian im Jahre 1525 zusammengetroffen. 22 Jahre später sahen sich die Brüder 1547 anlässlich eines Besuchs von Hans in Basel wieder. Münster berichtet in einem Brief davon.

Er selbst ist nach seiner Kindheit nie mehr in Ingelheim gewesen. Warum?

Nach Burmeister, 1963, S. 13, ergänzt mit Johannes M., 2006, lässt sich etwa folgende Stammtafel aufstellen:

*Johannes Münster als dritter Sohn von Hans Münster wurde mir freundlicherweise von Prof. Burmeister im Juli 2006 brieflich mitgeteilt; er schrieb dazu:

"Dieser 'Joannes Munsterus Ingelhaimensis' wurde im Sommer 1542 an der Universität Frankfurt/Oder immatrikuliert, und zwar gratis, wohl mit Rücksicht auf seinen einflussreichen Bruder Joseph Münster. Johannes Münster, aber machte wohl keine akademische Karriere, jedenfalls weiß man nichts darüber. Möglicherweise lebte er als Bauer in Ingelheim und der Besuch in Frankfurt/Oder diente gar nicht dem Studium, sondern nur einem Besuch bei seinem Bruder. Für ihn war es sicher ein schönes Erlebnis, so wie sein Onkel Sebastian und wie seine gelehrten Brüder Andreas und Joseph in eine Universitätsmatrikel eingetragen zu werden und damit akademische Bürgerrechte erlangt zu haben."

Das bäuerliche, aber wohl nicht ärmliche Milieu, in dem Münster aufgewachsen ist, hat ihn geprägt. Sein offenbar aus praktischer Erfahrung erwachsenes Interesse an Landwirtschaft und Weinbau lässt sich durch viele einschlägige Zitate aus der Cosmographie belegen. Außerdem erfahren wir durch einen Brief an seinen Lehrer Pellikan, dass er auf seinem Basler Grundstück erfolgreich Garten- und Weinbau betrieben hat.

Anscheinend wurde er frühzeitig von den Eltern für eine geistliches und gelehrtes Leben ausersehen. Denn als er Ingelheim verließ, hatte er schon eine Elementarausbildung genossen und sein Wissensstand entsprach bereits dem Trivium (Lateinunterricht in Grammatik, Logik und Rhetorik, d.h. die Abfassung von Briefen, Urkunden und die mündliche Disputation - alles in Latein!).

Andreas Saalwächter (BIG 9, 1958, S. 24) vermutete als Lehrer Sebastian Münsters einen Pfarrer von Nieder-Ingelheim, den gelehrten Wiegand "Pistor" (= Bäcker), 1488-1518 Pfarrer zu Nieder-Ingelheim mit dem Magistergrad, und seinen Bruder, der Altarist am Heilig-Geist-Hospital war.

Burmeister hält es für möglich, dass er von dem geistlichen Herrn Nikolaus Wassermann von Reinhausen, der von 1585 bis 1503 als Lateinschulmeister in Ober-Ingelheim wirkte, unterrichtet worden ist. Schreckenfuchs spricht von einem Lehrer, dessen Namen er allerdings nicht nennt. Andreas Saalwächter nahm dagegen in der Gedenkschrift der Stadt Ingelheim von 1952 an, Münster sei von dem örtlichen Pfarrer Weigand Becker, dem Kaplan des Spitals, Johannes Becker, und dem Pfarrer von Wackernheim, Johannes Bitzel, unterrichtet worden.

Wenn im späteren Leben eine der Devisen Münsters lautete: „Die Furcht vor Gott ist der Anfang der Erkenntnis“, dann muss die Grundlage für diese Einstellung in seiner Kindheit von den Eltern und den ersten Lehrern gelegt worden sein.

 

 

 

Mehrfach dürfte er in Mainz gewesen sein, denn er verfügt eine gute Kenntnis dieser Stadt. In einem Brief nennt er Mainz sogar seine Vaterstadt. Vielleicht hat ihn schon hier die Buchdruckerkunst zu faszinieren begonnen, die später sein Leben maßgeblich mitbestimmt hat. Es fällt auf, dass er sowohl in der Cosmographie als auch in seiner Bibelausgabe gut über die römischen Altertümer von Mainz Bescheid weiß. Umso erstaunlicher ist freilich seine nur fragmentarische Geschichte von Mainz in der Cosmographie, Ausg. 1550, S. 593

Links: Der sog. Eichelstein in Mainz, wahrscheinlich der Rest eines Denkmals für den römischen Feldherrn Drusus. Aus: Cosmographia 1550, S. 593

 

 

 

Konkret ist für das Jahr 1501 ein Besuch Münsters in Mainz bezeugt. Die dort von ihm (mit 13 Jahren) gesehenen siamesischen Zwillinge finden Erwähnung in der Cosmographie S. 625.

 

Wenn Münster auch nach seiner Ingelheimer Jugend für immer in der Fremde blieb, so spielten doch sein Geburtsort und die engere Heimat für ihn eine besondere Rolle. Auf seiner Mittelrheinkarte ist Ingelheim deutlich sichtbar vermerkt, und sowohl in der Cosmographie als auch in der Germaniae descriptio wird es ausführlich und liebevoll beschrieben. In den verschiedenen Ausgaben der Cosmographie sind seiner Heimatstadt Holzschnitte zugeordnet, in denen erkennbar Münsters Ortskenntnisse verwertet sind. Er zählt "Ingelheim" sogar zu den Reichsstädten. Seine Verbundenheit mit der alten Heimat bekundet Sebastian Münster am deutlichsten dadurch, dass er sich selbst als Basler Bürger noch immer stolz als S. Munsterus Ingelheimensis (oder Ingelhemius) bezeichnet.

Links: Standbild Sebastian Münsters von Karlheinz Oswald (1988) vor der Remigiuskirche, Ingelheim, etwas oberhalb der Stelle des mittelalterlichen Spitals.

Weil man nicht weiß, wo sein elterlicher Hof stand, wurde sein Denkmal dort errichtet, teilweise wohl auch in der irrigen Annahme, dass er im dortigen Spital geboren sei.

 

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Gs, erstmals: 26.07.06; Stand: 28.02.17