Der Winzerkeller der Winzergenossenschaft Nieder-Ingelheim


Autor: Hartmut Geißler
nach eigenen Recherchen im Ingelheimer Stadtarchiv und in Zusammenarbeit mit Katharina Ferch


Basisdaten zur Geschichte des Winzerkellers (von Katharina Ferch und Hartmut Geißler, 25.09.2020)

1901: Zusammenschluss von 106 Nieder-Ingelheimer Winzern zu einer Genossenschaft für das gemeinsame Keltern und den Absatz ihres Weines, Geräteeinkauf, Reblausbekämpfung und Fortbildung; Ähnliches geschah gleichzeitig an vielen Weinbau-Orten Deutschlands. Kaufmännischer Direktor wurde bis 1934 der ehemalige Lehrer und gleichzeitige Bürgermeister von Nieder-Ingelheim, Leonhard Mun-termann; ab 1923 wurde Franz Bambach, ebenfalls Lehrer in Nieder-Ingelheim, Rechner der Genossenschaft und ab 1933 NS-Bürgermeister.

1901: Im selben Jahr Gründung einer Winzergenossenschaft in Ober-Ingelheim; deren Weinkelterei lag an der Grundstraße 102, wo heute im rückwärtigen Gebäude das Restaurant Marone liegt. Beide Genossenschaften arbeiten wirtschaftlich erfolgreich.

1904: Bau des Nieder-Ingelheimer Winzerkellers in Eigenarbeit; schwierige Bodenverhältnisse, deswegen nachträgliche Verstärkung der Kreuzrippengewölbe und Fundamente im Osten; Kosten insgesamt etwa 120.000 Goldmark; Grundfläche 40 x 22 Meter, 2 Keller mit der Kelterhalle darüber; der Hochbau im Westen enthielt zuerst Brühküche und Kellermeisterwohnung, später die Gastwirtschaft und ab 1948 oben einen großen Gesellschaftsraum.

ab 1929: Absatzprobleme durch die Weltwirtschaftskrise, 1932 Eröffnung einer Straußwirtschaft im Winzerkeller

1934: „Gleichschaltung“ des Führungspersonals, Entlassung Muntermanns

1935/36: Bemühungen der Reichsregierung um Steigerung des Weinabsatzes durch Schutzzölle, Weinfeste (1935-1938 „Weinlesefeste“ in Ober-Ingelheim) und Weinpatenstädte (für NI: Finow, Eberswalde, München-Gladbach, Oldenburg)

Foto (etwa 1910): Hist. Verein


1908 zeigen sich erhebliche Risse und Set­zungen auf der östlichen Seite des Kellers. Es werden Gutachten eingeholt und eine Reparatur des Gebäudes angegangen. Der Schaden ist massiv, da auf dieser Seite Wasser in den Keller eintritt und der Baugrund dadurch zu weich ist. Es kostet 20.000,- (Gold-)Mark, weitere Schäden durch Untermauerung der Gewölbe im unteren Keller zu verhindern (siehe unten).

Zusätzliche Untermauerung des Gewölbes, das sich etwas gesenkt hatte,
im zweiten, dem unteren Keller; Foto 2019: H. Geißler

1951-1954: Einfache Anbauten (alle jetzt abgerissen): ein neues Treppenhaus vorne im Osten, ein Aufzugsgebäude hinten im Osten, ein Bürogebäude vorne im Westen, wo auch der Flaschenwein-verkauf stattfand

Seit den 1960er Jahren: Rückgang der Nebenerwerbswinzer mit kleinen Rebflächen, deren junge Generation mit besserer Schulbildung andere Berufe ergreift und oft wegzieht – die Mitgliederbasis und die ökonomische Basis der beiden Genossenschaften verringern sich. Die Bildung des gemeinsamen europäischen Marktes schafft neue Konkurrenz. Groß-Winzer kaufen die kleinen Flächen auf oder pachten sie, einige von ihnen bleiben durch Selbstvermarktung konkurrenzfähig (Verkauf ab Hof und später mit Internet).

1971: Vereinigung beider Genossenschaften; neuer Name: „Bezirkswinzergenossenschaft Kaiserpfalz eGmbH“

1975-1993: Anschluss an die „Zentralkellerei Rheinhessischer Winzergenossenschaften“ in Gau-Bickelheim (mit ca. 20 Mitgliedsgenossenschaften), die aber Anfang der 90er Jahre in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät – 1993 Trennung

1993: Aufspaltung in zwei Genossenschaften, eine produzierende Genossenschaft der Weinerzeugung und -vermarktung für die wenigen restlichen Mitglieder und eine zweite für die Immobilie des Winzerkellers („Winzerkeller Ingelheim e. G.“)

1993: Der Winzerkeller war unbenutzt und stand leer. Im selben Jahr Pachtvertrag mit dem Gau-Algesheimer Ehepaar Roos

1994: Umbauten im Inneren durch Familie Roos; Vermarktung der noch anfallenden Trauben und  Betrieb der Gastwirtschaft

2004: Nach der Hundertjahrfeier stellte sich die Frage: Was soll aus dem Winzerkeller werden?

2010: Beschluss des Stadtrates zum Kauf; nach längeren Verhandlungen Auflösung der Genossenschaft und Planung einer neuen Nutzung als Standort einer Vinothek, der Tourist-Information, eines Restaurants sowie von Tagungs- und Veranstaltungsräumen

Winzerkeller nach dem Umbau 2020; Gs

 

- 2010: Der Stadtrat von Ingelheim fasst den Beschluss, den Winzerkeller zu kaufen, um eine Vinothek zusammen mit der Touristinformation einzurichten.

Die Umbaumaßnahmen ab 2016 gestalteten sich schwieriger und auch kostspieliger als erwartet, sodass das umgebaute Haus erst im Verlauf des Jahres 2019 der erneuten Nutzung etappenweise übergeben werden konnte. Letzte Arbeiten dauerten noch bis ins Jahr 2020.

Es enthält eine anspruchsvolle Gaststätte mit einer großen und dachhohen, bepflanzten, lichten Halle, eine Vinothek Ingelheimer Winzer und die städtische Touristinformation, sowie ein Sitzungszimmer über der Gaststätte.

Tagungen oder Feiern größerer Gruppen können im dazu umgestalteten oberen Keller durchgeführt werden, während der untere Keller mit bemerkenswerten hölzernen Zierfässern des ehemaligen Weingutes Niedecken in Ober-Ingelheim zu Demonstrationszwecken dienen soll (siehe unten).

Sweit dem Corona-Sommer 2020 dient die große Halle auch als Ausstellungsraum mit Informationssäulen der Forschungsstelle Kaiserpfalz zu den "Säulen der Macht mittelalterlicher Könige".

Zierfass für den sonnenverwöhnten Jahrgang 1959 im unteren Keller; Foto 2019 H. Geißler
Der neugestaltete Winzerkeller mit großer Terrasse und vorgelagertem Weinberg von unten; Gs 2020

 

Gs, erstmals: 26.02.07; Stand: 03.12.20