Autor und Fotos: Hartmut Geißler,
nach Classen und
Hinweisen von Holger Grewe
(genordet!)
Blick nach Süden - Foto: HV/Geißler
Rahewin betont die neue Funktion der alten Pfalz, indem er den Schwerpunkt
der Baubeschreibung von den "opera egregia" Einhards
("wunderschöne Bauwerke") in seiner eigenen
Formulierung zu "opera fortissima" ("sehr starke Bauwerke")
verschiebt, die Friedrich "decentissime" ("aufs
Schönste") habe restaurieren lassen ("reparavit").
Von dem Wehrmauerring
sind noch erhebliche Reste erhalten, die allerdings in den oberen
Mauerbereichen erst aus späteren Epochen stammen (14. Jh.).
1. Verfall, Renovierung und Umbau unter Friedrich I. "Barbarossa"
In der Zeit der Salier-Könige (im 11./12. Jh.) war es still um die
Ingelheimer Pfalz geworden, da sie nicht mehr für Großveranstaltungen genutzt wurde.
Seit dem 12 Jahrhundert ist das Ingelheimer Reichsgut ein
Gebiet königlicher Dienstmannen oder Ministerialen, die bei
persönlicher Unfreiheit als Eigenleute des Königs ein ritterliches
leben führen. (Classen,
S. 122)
Allmählich verfielen deshalb
wohl die Pfalzgebäude. Der Mönch Rahewin, Sekretär und Fortsetzer
Ottos von Freising, beschreibt (etwa 1158/1160) ihren Zustand und die
Baumaßnahmen unter Friedrich I. "Barbarossa" vom bayrischen Freising aus folgendermaßen:
"Palatia siquidem a Karolo Magno quondam pulcherrima fabricata et regias
clarissimo opere decoratas aput Noviomagum et iuxta villam Inglinheim, opera quidem
fortissima,
sed iam tam neglectu quam vetustate fessa, decentissime reparavit et in eis maximam innatam sibi
animi magnitudinem demonstravit"
(Ottonis Frisingensis Episcopi et Ragewini Liber IV, cap. 76)
Übersetzung (Geißler):
"Pfalzen, die von Karl dem Großen einstmals wunderschön erbaut, und Königshöfe, die mit
wunderbarem Material verziert waren, bei Nimwegen, [und] neben dem Königshof Ingelheim, eigentlich
sehr starke Gebäude, die aber mittlerweile einerseits durch Vernachlässigung und andererseits durch
ihr Alter baufällig geworden waren, hat er aufs schönste restaurieren lassen und dadurch seine
ihm angeborene überragende Persönlichkeit unter Beweis gestellt."
Dies allerdings in starker Anlehnung an die Auswahl der Bauwerke
und die Diktion von Einhards Karlsbiografie drei Jahrhunderte
zuvor und eingebettet in einen überschwenglichen Lobpreis der Herrscherpersönlichkeit Barbarossas in Rahewins
Schlusskapitel. Ob Rahewin, der selbst wahrscheinlich nie in Ingelheim war,
Genaueres über die (Um-) Baumaßnahmen und die damalige Nutzung der Pfalz wusste, wird dadurch eher
unwahrscheinlich.
Erst in dieser Zeit, nämlich unter dem Stauferkönig Friedrich I. (1152-1190),
wurde die Pfalz, wohl im Zuge einer Karls-Renaissance und
in der politischen Absicht der "renovatio imperii Romani", d.h. der
Erneuerung des römischen Kaiserreichs, renoviert, umgebaut und wohl
auch erweitert. Auch wenn wir nichts über ihre konkrete Nutzung wissen, kann doch
vermutet werden, dass sie zumindest auch als Gedenkstätte für Karl
diente. Dass Besucher dieser altertümlichen "Gedenkpfalz", die so ganz
anders war als die in staufischer Zeit neu gebauten Burg-Pfalzen wie
Gelnhausen und Bad Wimpfen war, keine Spuren in schriftlicher Überlieferung
hinterlassen haben, mag daran liegen, dass sie nicht mehr zu politischen
Aktionen verwendet wurde. Dies widerspricht aber nicht der Möglichkeit,
ja, Wahrscheinlichkeit, dass die Pfalz weiterhin besucht wurde. Im
literarischen Bewusstsein jener Zeit hatte "Ingelheim"
als Stichwort für eine Pfalz Karls des Großen immer noch einen
festen Platz, gerade da, wo es legendenhaft wurde (Kaiserchronik,
Legende vom Geburtsort
Karls, vielleicht auch für das Treffen
Hildegards mit Friedrich).
Auch die
heutige Saalkirche
wurde gründlich im Stil der Zeit (romanisch) umgebaut und erhielt möglicherweise damals ihre Chorflankentürme.
Die Aula regia blieb als großer Hallenbau auch in dieser Zeit noch
erhalten.
Der erweiterte Pfalzbereich bekam aber zusätzlich eine grundlegend
neue Funktion:
Aus der Repräsentations- und Festtagspfalz wurde nun eine befestigte
Staufer-Reichsburg gemäß dem staufischen
Burgenbauprogramm. Die wachsenden Konflikte mit erstarkenden
Reichsfürsten hatten auf Seiten des Königs das Bedürfnis verstärkt,
wehrhafte Rückzugsplätze zu haben. Und die neue Burg von
Nieder-Ingelheim war so stark befestigt, dass sie ein halbes Jahrhundert
später, 1249,
ca. 40 Tage einer Belagerung standhielt, obwohl deren Einzelheiten unklar bleiben.
Bei diesen Baumaßnahmen, deren Details nicht überliefert sind, wurde anscheinend das Pfalzgebiet
etwa auf die doppelte Grundfläche nach Süden hin, wo es schon seit
karolingischer Zeit fundamentierte Steinbauten gab, erweitert.
Eine Tafel des historischen Rundweges zeigt das vermutlich karolingische
Pfalzareal in Blau und die -
wahrscheinlich - staufische Erweiterung in
Rot. Daneben ein Luftbild des Saalgebietes aus den 1930er Jahren,
auf dem man noch gut den (ehemaligen) Verlauf der Wehrmauern und des Grabens an der runden Bebauung
erkennen kann:


Hier als Beispiel das seit Mitte des 19. Jh. von Historikern, nie von Einheimischen,
so genannte "Heidesheimer Tor" von außen über den Graben hinweg. Es ist der
fortifikatorisch umgebaute Mittelbau (links) der karolingischen
Exedra
und Wehrmauerreste, die sich als Außenwände späterer Bauernhäuser erhalten haben:

In der Umgebung von Mainz, dessen Bürgerschaft bekanntlich zeitweise
Konflikte mit Barbarossa hatte, ergänzten sich somit rheinaufwärts die Feste
Landskrone in Oppenheim und rheinabwärts die Feste Ingelheim.
Obwohl die Ingelheimer Burg durch die fehlende Gunst einer Berglage nur
relativ schwach sein konnte, hielten die Staufer doch am Ingelheimer
Besitz fest, da er reich begütert war und so die staufischen
Dienstmannen besser ernähren konnte als manche stärkere Burg, meint
Classen.
Ob sich Friedrich I. wirklich hmit der seherisch begabten Binger Äbtissin Hildegard in Ingelheim
getroffen hat, ist umstritten.
Sein Schutzbrief für ihr Kloster ist im Rahmen des Reichstages in Mainz
(Ende April/Anfang Mai 1163 anlässlich eines Mainzer
Reichstages) ausgestellt worden.
Wenn man den Briefwechsel zwischen Kaiser und Äbtissin für echt hält, dann ginge
aus einem undatierten Antwortschreiben Friedrichs an Hildegard hervor,
dass er sie zu einem Treffen nach Ingelheim eingeladen hätte, um sich
von ihr Prophezeiungen machen zu lassen.
"Wenn von den rund 1000 Urkunden Barbarossas keine einzige in
Ingelheim datiert ist und von den nicht wenigen annalistischen Quellen
der Zeit keine einzige einen Kaiserbesuch dort nennt, so besagt das nur,
daß die Pfalz nicht für wichtige Geschäfte benutzt wurde; einen
gelegentlichen Aufenthalt schließt es nicht aus," betont
Classen (S. 125/26).
Im Zusammenhang mit dem großen Reichsfest Barbarossas für seine beiden
Söhne in Mainz 1184 war auch für die vielen Gäste (20.000 Ritter, nach anderen
Angaben sogar 70.000 Teilnehmer) ein Turnier in Ingelheim geplant, acht Tage nach Pfingsten,
das aber wegen eines Unwetters in Mainz mit einigen Toten im Zeltdorf abgesagt wurde. Wegen
Platzmangels in Mainz könnten durchaus einige der Gäste Barbarossas
auch damals noch in Ingelheim campiert haben. Und offenbar konnte man auf oder neben
dem weitläufigen Gelände der Ingelheimer Pfalz weiterhin schöne Feste feiern.
Die Vogtei über beide Ingelheim und die anderen Dörfer des später sog. Ingelheimer
Grundes hatte damals der Reichsministeriale Werner II. von Bolanden
(gemäß seinem Lehensbuch 1194/98):
"Die Vogtei über beide Ingelheim, über Winternheim, über
Bubenheim in der oberen Straße, auch über Wackernheim und Weinheim,
über das Kloster Hausen; und ich habe das Lehen des Waldes zwischen
Appenheim und Ingelheim und das Dorf Daxweiler und alles im Soonwald
liegende, was zu dem Hof (Ingelheim) gehört; die Münze in Ingelheim,
den Weinzehnt in Ingelheim und den Hof zu Mannendahl"
Classen (S. 123) nennt dies die erste Beschreibung dessen, was man
später "Ingelheimer Reich" oder "Ingelheimer Grund" nennt. Elsheim gehörte
damals noch nicht dazu, es lässt sich erst 1382 als zum Ingelheimer
Reich gehörig nachweisen.
2. Heinrich VI., Friedrich II. und Heinrich VII.
Um Ostern 1188 traf Heinrich VI., ein Sohn Barbarossas, in
Ingelheim mit dem Grafen Balduin V. vom Hennegau zu Verhandlungen
zusammen.
Nach Barbarossas Tod beim Kreuzzug in Kleinasien und dem frühen Tod dieses Sohnes Heinrich VI.
brachen Thronstreitigkeiten aus, in denen sich
schließlich der Sizilianer und Enkel Barbarossas Friedrich II.
durchsetzte, dessen Interessenschwerpunkt bekanntlich im Mittelmeerraum
und nicht in Deutschland lag.
Bei seinen seltenen Besuchen in Deutschland benutzte er, wenn überhaupt eine
Pfalz, dann die in Hagenau im Elsass, u.a. wegen ihrer großen
Bibliothek (!). Seine Hoftage fanden überwiegend in Städten statt, z.
B. in Basel.
Nach den regesta imperii ist eine Urkunde von ihm in Ingelheim
ausgestellt worden, im Jahre 1214 (oder 1217); ebenso eine von
seinem Sohn Heinrich VII. (bzw. von dessen Vormund Erzbischof Engelbert
v. Köln, denn Heinrich war erst 14 Jahre alt) auf der Durchreise 1225 –
vielleicht ein Hinweis darauf, dass die ehemalige Pfalz Ingelheim - der "Ingelheimer Saal" -
noch immer für die gelegentliche Beherbergung hoher
Gäste geeignet war. Insbesondere Oppenheim, aber auch Boppard, Oberwesel und
Andernach wurden aber von den Staufern nachweislich viel häufiger als Ingelheim besucht.
3. Von der Vogtei zu Schultheißen und Schöffen
Die Einrichtung einer Vogtei über die Ingelheimer Dörfer scheint unter
den späteren Staufern einer anderen Verwaltungsform gewichen zu sein: In Urkunden
tauchen nun (1194/98, 1205) zum ersten Mal "Schultheißen"
auf - je einer für die beiden Ingelheim - und "Schöffen"
von Ingelheim, Einwohner von Ingelheim und Personal der
Ingelheimer Gerichte.
Eine Wormser Chronik
aus dem 16. Jahrhundert schildert anschaulich die rechtlosen Zustände
nach dem Ende der Stauferherrschaft.
Noch im Jahr der Gründung des
Rheinischen Städtebundes (1254) zerstörten deshalb die Mainzer die
Zollburg
der Bolander in Ingelheim, wie schon vier Jahre zuvor die
Weisenauer Burg.
Trotz der turbulenten Zeiten des Interregnums wurde das Ingelheimer
Reichsgebiet nicht dem königlichen Besitz entfremdet. Auch wenn für
längere Zeit kein Besuch eines Königs in Ingelheim nachzuweisen ist,
so blieb es doch Reichsland.
„Friedrich Barbarossa hatte die „Kaiserpfalz“ erneuert, aber mit Recht nennt
der Kölner Chronist sie kaum ein Jahrhundert später „königliche
Burg“. Eine andere Quelle spricht anläßlich der Belagerung
Wilhelms von Holland gar nur vom königlichen Wirtschaftshof (curtis).
Die Eroberungen von 1249 und 1254 beenden aber auch die Geschichte der
Reichsburg Ingelheim. Was bleibt, ist ein sich unter königlicher Hoheit
selbständig verwaltender Bereich von Reichsgütern mit befestigten Dörfern
und einer Ritterschaft, die ihre Reichsfreiheit zu bewahren sucht. Der
von Barbarossa erneuerte Palast ist darin kaum mehr als ein Zeugnis
vergangener Größe.“ (Classen,
S, 129)
4. Letzte Königsaufenthalte und Verpachtungen
Letzte Königsaufenthalte in Ingelheim waren - immer nur nach dem Nachweis von
Beurkundungen - die
Besuche von
- Adolf von Nassau, der anscheinend in Ingelheim übernachtet
hat, wie Urkunden zeigen, die am 25. und am 26.09.1292 ausgestellt wurden, und von
- Albrecht I. von Österreich am 1.September 1298 (Urkunde für das
Erzstift Mainz)
Demgegenüber stehen 27 Aufenthalte der Könige von Rudolf I. bis
Albrecht I. in Oppenheim mit seiner starken Reichsburg und der
florierenden Reichsstadt - ein Beweis dafür, wie sehr die Ingelheimer
Pfalz bzw. Burg nach dem Ende der Stauferzeit und in dem sich anschließenden
„Interregnum“ ins politische Abseits
des Reichs geraten war.
Ein letztes Mal soll der Ingelheimer "Sa(a)l" im Jahre 1337 den großen
Glanz eines zahlreichen adligen Besuchs erlebt haben, sofern nämlich der
Bericht aus Rüxners Turnierbuch über ein großes
Turnier der rheinischen Ritterschaft an Allerheiligen des Jahres 1337
auf Realitäten beruht, wogegen es aber gewichtige Einwände gibt.
Die kaiserlichen Einkünfte
des Ingelheimer Reichsgrundes jedoch, die höchsten aus den nichtstädtischen
Besitzungen, gab es immer noch. Dieser wurde in
Verpfändungsurkunden
Classen
S. 132) bezeichnet als
"Ingelheim und Ingelheim, Winternheim und was dazu gehört"
Diese Einnahmen wurden nun - wie schon die Einkünfte anderer Reichsgüter zuvor - im 14. Jahrhundert mehrfach verpachtet:
erstmals vermutlich durch König Adolf von Nassau an die Grafen Johannes und Simon von Sponheim (indirekt aus einer späteren Urkunde erschlossen);
im Januar 1315 durch König Ludwig von
Bayern die beiden Dörfer Ingelheim ebenso wie Oppenheim, Odernheim,
die Schwabsburg und Nierstein für 2000 Kölnische Mark an den
Erzbischof von Mainz; allerdings wurde die Ingelheimer
Gerichtsbarkeit nicht eingeschränkt;
die Ingelheimer waren aber trotz solcher Verpfändungen immer noch
persönlich frei geblieben, "freie Reichsleute",
die einen eigenen "Personalverband auf territorialer
Grundlage" bildeten, wie Classen,
S. 132 es charakterisiert. Deshalb wurden sie auch im Spätmittelalter
mitunter "Bürger" genannt;
1375/76 schließlich an den Kurfürsten von der Pfalz bei Rhein, und so
wurde der "Saal" eine pfälzische Burg und war als
solche noch in langer Benutzung.
Sebastian Münster schreibt etwas melancholisch über den Zustand der Pfalz
in seinem Geburtsort (Nieder-) Ingelheim Mitte des 16. Jahrhunderts:
"Dann do ligt ein schlosß / das man jetztunt den Ingelheimer
sal nent / das vor acht hundert jaren
des grossen keyser Carles pallast gewesen ist...
Alle alten gebew seind auch fast verfallen / on die Creützkirch. Die
rinckmaur und der graben seind auch noch in gutem wesen..."
("Denn da liegt ein Schloß (eine Burg), das man jetzt den Ingelheimer Sal nennt, das
vor achthundert Jahren des großen Kaiser Karls Palast gewesen ist...
Alle alten Gebäude sind auch ziemlich verfallen, abgesehen von der
Kreuzkirche
[d. h. der heutigen Saalkirche]. Die Ringmauer und der
Graben sind auch noch in gutem Zustand.")
Bilder: Hartmut Geißler und Historischer Verein
Gs, erstmals: 20.08.05; Stand: 06.03.10

Themenseiten
Wehrmauer der Pfalz
Hildegard von Bingen und
Barbarossa
Belagerung
1249
Rechtlose
Zustände
Bolander Zollburg
Servitienverzeichnis
Legende von Karls Geburt in Ingelheim
Ein Turnier in Ingelheim 1337?
Literaturhinweise