Ingelheim von der Stauferzeit
bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts



Autor und Fotos: Hartmut Geißler,
nach Classen und Hinweisen von Holger Grewe



Inhalt:

1. Verfall, Renovierung und Umbau unter Friedrich I. "Barbarossa"
2. Heinrich VI., Friedrich II. und Heinrich VII.
3. Von der Vogtei zu Schultheißen und Schöffen
3. Von der Vogtei zu Schultheißen und Schöffen
4. Letzte Königsaufenthalte und Verpachtungen


1. Verfall, Renovierung und Umbau unter Friedrich I. "Barbarossa"


In der Zeit der Salier-Könige (im 11./12. Jh.) war es still um die Ingelheimer Pfalz geworden, da sie nicht mehr für Großveranstaltungen genutzt wurde.

Seit dem 12 Jahrhundert ist das Ingelheimer Reichsgut ein Gebiet königlicher Dienstmannen oder Ministerialen, die bei persönlicher Unfreiheit als Eigenleute des Königs ein ritterliches leben führen. (Classen, S. 122)

Allmählich verfielen deshalb wohl die Pfalzgebäude. Der Mönch Rahewin, Sekretär und Fortsetzer Ottos von Freising, beschreibt (etwa 1158/1160) ihren Zustand und die Baumaßnahmen unter Friedrich I. "Barbarossa" vom bayrischen Freising aus folgendermaßen:

"Palatia siquidem a Karolo Magno quondam pulcherrima fabricata et regias clarissimo opere decoratas aput Noviomagum et iuxta villam Inglinheim, opera quidem fortissima, sed iam tam neglectu quam vetustate fessa, decentissime reparavit et in eis maximam innatam sibi animi magnitudinem demonstravit"

(Ottonis Frisingensis Episcopi et Ragewini Liber IV, cap. 76)

Übersetzung (Geißler):

"Pfalzen, die von Karl dem Großen einstmals wunderschön erbaut, und Königshöfe, die mit wunderbarem Material verziert waren, bei Nimwegen, [und] neben dem Königshof Ingelheim, eigentlich sehr starke Gebäude, die aber mittlerweile einerseits durch Vernachlässigung und andererseits durch ihr Alter baufällig geworden waren, hat er aufs schönste restaurieren lassen und dadurch seine ihm angeborene überragende Persönlichkeit unter Beweis gestellt."

Dies allerdings in starker Anlehnung an die Auswahl der Bauwerke und die Diktion von Einhards Karlsbiografie drei Jahrhunderte zuvor und eingebettet in einen überschwenglichen Lobpreis der Herrscherpersönlichkeit Barbarossas in Rahewins Schlusskapitel. Ob Rahewin, der selbst wahrscheinlich nie in Ingelheim war, Genaueres über die (Um-) Baumaßnahmen und die damalige Nutzung der Pfalz wusste, wird dadurch eher unwahrscheinlich.

Erst in dieser Zeit, nämlich unter dem Stauferkönig Friedrich I. (1152-1190), wurde die Pfalz, wohl im Zuge einer Karls-Renaissance und in der politischen Absicht der "renovatio imperii Romani", d.h. der Erneuerung des römischen Kaiserreichs, renoviert, umgebaut und wohl auch erweitert. Auch wenn wir nichts über ihre konkrete Nutzung wissen, kann doch vermutet werden, dass sie zumindest auch als Gedenkstätte für Karl diente. Dass Besucher dieser altertümlichen "Gedenkpfalz", die so ganz anders war als die in staufischer Zeit neu gebauten Burg-Pfalzen wie Gelnhausen und Bad Wimpfen war, keine Spuren in schriftlicher Überlieferung hinterlassen haben, mag daran liegen, dass sie nicht mehr zu politischen Aktionen verwendet wurde. Dies widerspricht aber nicht der Möglichkeit, ja, Wahrscheinlichkeit, dass die Pfalz weiterhin besucht wurde. Im literarischen Bewusstsein jener Zeit hatte "Ingelheim" als Stichwort für eine Pfalz Karls des Großen immer noch einen festen Platz, gerade da, wo es legendenhaft wurde (Kaiserchronik, Legende vom Geburtsort Karls, vielleicht auch für das Treffen Hildegards mit Friedrich). 

Auch die heutige Saalkirche wurde gründlich im Stil der Zeit (romanisch) umgebaut und erhielt möglicherweise damals ihre Chorflankentürme. Die Aula regia blieb als großer Hallenbau auch in dieser Zeit noch erhalten.

Der erweiterte Pfalzbereich bekam aber zusätzlich eine grundlegend neue Funktion: Aus der Repräsentations- und Festtagspfalz wurde nun eine befestigte Staufer-Reichsburg gemäß dem staufischen Burgenbauprogramm. Die wachsenden Konflikte mit erstarkenden Reichsfürsten hatten auf Seiten des Königs das Bedürfnis verstärkt, wehrhafte Rückzugsplätze zu haben. Und die neue Burg von Nieder-Ingelheim war so stark befestigt, dass sie ein halbes Jahrhundert später, 1249, ca. 40 Tage einer Belagerung standhielt, obwohl deren Einzelheiten unklar bleiben.

Bei diesen Baumaßnahmen, deren Details nicht überliefert sind, wurde anscheinend das Pfalzgebiet etwa auf die doppelte Grundfläche nach Süden hin, wo es schon seit karolingischer Zeit fundamentierte Steinbauten gab, erweitert. Eine Tafel des historischen Rundweges zeigt das vermutlich karolingische Pfalzareal in Blau und die - wahrscheinlich - staufische Erweiterung in Rot. Daneben ein Luftbild des Saalgebietes aus den 1930er Jahren, auf dem man noch gut den (ehemaligen) Verlauf der Wehrmauern und des Grabens an der runden Bebauung erkennen kann:

(genordet!)

Blick nach Süden - Foto: HV/Geißler

Rahewin betont die neue Funktion der alten Pfalz, indem er den Schwerpunkt der Baubeschreibung von den "opera egregia" Einhards ("wunderschöne Bauwerke") in seiner eigenen Formulierung zu "opera fortissima" ("sehr starke Bauwerke") verschiebt, die Friedrich "decentissime" ("aufs Schönste") habe restaurieren lassen ("reparavit"). Von dem Wehrmauerring sind noch erhebliche Reste erhalten, die allerdings in den oberen Mauerbereichen erst aus späteren Epochen stammen (14. Jh.). 

Hier als Beispiel das seit Mitte des 19. Jh. von Historikern, nie von Einheimischen, so genannte "Heidesheimer Tor" von außen über den Graben hinweg. Es ist der fortifikatorisch umgebaute Mittelbau (links) der karolingischen Exedra und Wehrmauerreste, die sich als Außenwände späterer Bauernhäuser erhalten haben:


In der Umgebung von Mainz, dessen Bürgerschaft bekanntlich zeitweise Konflikte mit Barbarossa hatte, ergänzten sich somit rheinaufwärts die Feste Landskrone in Oppenheim und rheinabwärts die Feste Ingelheim. Obwohl die Ingelheimer Burg durch die fehlende Gunst einer Berglage nur relativ schwach sein konnte, hielten die Staufer doch am Ingelheimer Besitz fest, da er reich begütert war und so die staufischen Dienstmannen besser ernähren konnte als manche stärkere Burg, meint Classen.

Ob sich Friedrich I. wirklich hmit der seherisch begabten Binger Äbtissin Hildegard in Ingelheim getroffen hat, ist umstritten. Sein Schutzbrief für ihr Kloster ist im Rahmen des Reichstages in Mainz (Ende April/Anfang Mai 1163 anlässlich eines Mainzer Reichstages) ausgestellt worden. Wenn man den Briefwechsel zwischen Kaiser und Äbtissin für echt hält, dann ginge aus einem undatierten Antwortschreiben Friedrichs an Hildegard hervor, dass er sie zu einem Treffen nach Ingelheim eingeladen hätte, um sich von ihr Prophezeiungen machen zu lassen.

"Wenn von den rund 1000 Urkunden Barbarossas keine einzige in Ingelheim datiert ist und von den nicht wenigen annalistischen Quellen der Zeit keine einzige einen Kaiserbesuch dort nennt, so besagt das nur, daß die Pfalz nicht für wichtige Geschäfte benutzt wurde; einen gelegentlichen Aufenthalt schließt es nicht aus," betont Classen (S. 125/26).

Im Zusammenhang mit dem großen Reichsfest Barbarossas für seine beiden Söhne in Mainz 1184 war auch für die vielen Gäste (20.000 Ritter, nach anderen Angaben sogar 70.000 Teilnehmer) ein Turnier in Ingelheim geplant, acht Tage nach Pfingsten, das aber wegen eines Unwetters in Mainz mit einigen Toten im Zeltdorf abgesagt wurde. Wegen Platzmangels in Mainz könnten durchaus einige der Gäste Barbarossas auch damals noch in Ingelheim campiert haben. Und offenbar konnte man auf oder neben dem weitläufigen Gelände der Ingelheimer Pfalz weiterhin schöne Feste feiern.

Die Vogtei über beide Ingelheim und die anderen Dörfer des später sog. Ingelheimer Grundes hatte damals der Reichsministeriale Werner II. von Bolanden (gemäß seinem Lehensbuch 1194/98): 

"Die Vogtei über beide Ingelheim, über Winternheim, über Bubenheim in der oberen Straße, auch über Wackernheim und Weinheim, über das Kloster Hausen; und ich habe das Lehen des Waldes zwischen Appenheim und Ingelheim und das Dorf Daxweiler und alles im Soonwald liegende, was zu dem Hof (Ingelheim) gehört; die Münze in Ingelheim, den Weinzehnt in Ingelheim und den Hof zu Mannendahl"
 

Classen
(S. 123) nennt dies die erste Beschreibung dessen, was man später "Ingelheimer Reich" oder "Ingelheimer Grund" nennt. Elsheim gehörte damals noch nicht dazu, es lässt sich erst 1382 als zum Ingelheimer Reich gehörig nachweisen.



2. Heinrich VI., Friedrich II. und Heinrich VII.


Um Ostern 1188 traf Heinrich VI., ein Sohn Barbarossas, in Ingelheim mit dem Grafen Balduin V. vom Hennegau zu Verhandlungen zusammen.

Nach Barbarossas Tod beim Kreuzzug in Kleinasien und dem frühen Tod dieses Sohnes Heinrich VI. brachen Thronstreitigkeiten aus, in denen sich schließlich der Sizilianer und  Enkel Barbarossas Friedrich II. durchsetzte, dessen Interessenschwerpunkt bekanntlich im Mittelmeerraum und nicht in Deutschland lag.

Bei seinen seltenen Besuchen in Deutschland benutzte er, wenn überhaupt eine Pfalz, dann die in Hagenau im Elsass, u.a. wegen ihrer großen Bibliothek (!). Seine Hoftage fanden überwiegend in Städten statt, z. B. in Basel.

Nach den regesta imperii ist eine Urkunde von ihm in Ingelheim ausgestellt worden, im Jahre 1214 (oder 1217); ebenso eine von seinem Sohn Heinrich VII. (bzw. von dessen Vormund Erzbischof Engelbert v. Köln, denn Heinrich war erst 14 Jahre alt) auf der Durchreise 1225 – vielleicht ein Hinweis darauf, dass die ehemalige Pfalz Ingelheim - der "Ingelheimer Saal" - noch immer für die gelegentliche Beherbergung hoher Gäste geeignet war. Insbesondere Oppenheim, aber auch Boppard, Oberwesel und Andernach wurden aber von den Staufern nachweislich viel häufiger als Ingelheim besucht.



3. Von der Vogtei zu Schultheißen und Schöffen

Die Einrichtung einer Vogtei über die Ingelheimer Dörfer scheint unter den späteren Staufern einer anderen Verwaltungsform gewichen zu sein: In Urkunden tauchen nun (1194/98, 1205) zum ersten Mal "Schultheißen" auf - je einer für die beiden Ingelheim - und "Schöffen" von Ingelheim, Einwohner von Ingelheim und Personal der Ingelheimer Gerichte.

Eine Wormser Chronik aus dem 16. Jahrhundert schildert anschaulich die rechtlosen Zustände nach dem Ende der Stauferherrschaft. Noch im Jahr der Gründung des Rheinischen Städtebundes (1254) zerstörten deshalb die Mainzer die Zollburg der Bolander in Ingelheim, wie schon vier Jahre zuvor die Weisenauer Burg.

Trotz der turbulenten Zeiten des Interregnums wurde das Ingelheimer Reichsgebiet nicht dem königlichen Besitz entfremdet. Auch wenn für längere Zeit kein Besuch eines Königs in Ingelheim nachzuweisen ist, so blieb es doch Reichsland.

„Friedrich Barbarossa hatte die „Kaiserpfalz“ erneuert, aber mit Recht nennt der Kölner Chronist sie kaum ein Jahrhundert später „königliche Burg“. Eine andere Quelle spricht anläßlich der Belagerung Wilhelms von Holland gar nur vom königlichen Wirtschaftshof (curtis). Die Eroberungen von 1249 und 1254 beenden aber auch die Geschichte der Reichsburg Ingelheim. Was bleibt, ist ein sich unter königlicher Hoheit selbständig verwaltender Bereich von Reichsgütern mit befestigten Dörfern und einer Ritterschaft, die ihre Reichsfreiheit zu bewahren sucht. Der von Barbarossa erneuerte Palast ist darin kaum mehr als ein Zeugnis vergangener Größe.“
(Classen, S, 129)



4. Letzte Königsaufenthalte und Verpachtungen

Letzte Königsaufenthalte in Ingelheim waren - immer nur nach dem Nachweis von Beurkundungen - die Besuche von

- Adolf von Nassau, der anscheinend in Ingelheim übernachtet hat, wie Urkunden  zeigen, die am 25. und am 26.09.1292 ausgestellt wurden, und von
- Albrecht I. von Österreich am 1.September 1298 (Urkunde für das Erzstift   Mainz)

Demgegenüber stehen 27 Aufenthalte der Könige von Rudolf I. bis Albrecht I. in Oppenheim mit seiner starken Reichsburg und der florierenden Reichsstadt - ein Beweis dafür, wie sehr die Ingelheimer Pfalz bzw. Burg nach dem Ende der Stauferzeit und in dem sich anschließenden „Interregnum“ ins politische Abseits des Reichs geraten war. 

Ein letztes Mal soll der Ingelheimer "Sa(a)l" im Jahre 1337 den großen Glanz eines zahlreichen adligen Besuchs erlebt haben, sofern nämlich der Bericht aus Rüxners Turnierbuch über ein großes Turnier der rheinischen Ritterschaft an Allerheiligen des Jahres 1337 auf Realitäten beruht, wogegen es aber gewichtige Einwände gibt.

Die kaiserlichen Einkünfte des Ingelheimer Reichsgrundes jedoch, die höchsten aus den nichtstädtischen Besitzungen, gab es immer noch. Dieser wurde in Verpfändungsurkunden Classen S. 132) bezeichnet als

"Ingelheim und Ingelheim, Winternheim und was dazu gehört"

Diese Einnahmen wurden nun - wie schon die Einkünfte anderer Reichsgüter zuvor - im 14. Jahrhundert mehrfach verpachtet:


Sebastian Münster schreibt etwas melancholisch über den Zustand der Pfalz in seinem Geburtsort (Nieder-) Ingelheim Mitte des 16. Jahrhunderts:

"Dann do ligt ein schlosß / das man jetztunt den Ingelheimer sal nent / das vor acht hundert jaren des grossen keyser Carles pallast gewesen ist...
Alle alten gebew seind auch fast verfallen / on die Creützkirch. Die rinckmaur und der graben seind auch noch in gutem wesen..."

("Denn da liegt ein Schloß (eine Burg), das man jetzt den Ingelheimer Sal nennt, das vor achthundert Jahren des großen Kaiser Karls Palast gewesen ist...
Alle alten Gebäude sind auch ziemlich verfallen, abgesehen von der Kreuzkirche 
[d. h. der heutigen Saalkirche]. Die Ringmauer und der Graben sind auch noch in gutem Zustand.")




Bilder: Hartmut Geißler und Historischer Verein

Gs, erstmals: 20.08.05; Stand: 06.03.10