Westeuropa, Deutschland: Nach Karten von England, Spanien/Portugal und Frankreich platziert Münster eine Übersichtskarte von "teutschland", dessen Beschreibung (mit über 403 Seiten) zweifellos den inhaltlichen Schwerpunkt der Cosmographie bildet. Johannes Bodinus, Basel, nannte 1576 Münsters Werk deshalb einmal kritisch eine "Germanographie". Und innerhalb Deutschlands überwiegt der südwestliche Bereich, den Münster selbst am besten kannte. Je weiter entfernt die beschriebenen Weltgegenden lagen, desto mehr ersetzten Vermutungen und Phantasie die Wissenschaftlichkeit, die Münster eigentlich durchaus anstrebte, weil er sich dort auf nur wenige und oft sehr unwissenschaftliche Werke stützen musste. Den Schluss der großen Tafeln machen die neu entdeckten "Inseln" der "Nüw Welt"
Die folgenden Tafeln haben u.a. die skandinavischen Länder, Ost- und Südeuropa zum Inhalt, aber auch das Heilige Land und Indien sowie die "neuen Inseln" Amerikas. Der neu entdeckte Kontinent Amerika ist in den ersten Auflagen zwar auf der neuen Weltkarte ganz gut eingezeichnet und namentlich erwähnt (über Südamerika), er ist auch auf der letzten der großen Tafeln mit einer eigenen Karte vertreten, hat aber 1545 noch kein eigenes "Buch" erhalten, sondern wird nur relativ kurz nach den Reisenbeschreibungen von Kolumbus und Vespucci unter den "neuen Inseln", die die Spanier entdeckt hätten, als Teil Asiens abgehandelt. 3. Die Welt nach Schöpfungsgeschichte und Ptolemaios
4. Die Beschreibung von "Teutschland" Die Beschreibung der deutsche Landschaften, Fürstentümer und Städte beginnt ausführlich in der Schweiz, und zwar im Schweizer Wallis, das Münster selbst erkundet hatte. Dann beschreibt er Deutschland sozusagen in vier Streifen von West nach Ost, jeweils im Süden beginnend. Die Achse des ersten Streifens bildet der ihm (jedenfalls bis Ingelheim) bestens bekannte Rhein, dessen Lauf in drei aufeinander folgenden Karten dargestellt wird: Die Karten des Rheines: 1. Oberrhein (Schweiz, Elsass, Breisgau) - hier auch mit Ausschnitt um Basel 2. Mittelrhein (Straßburg bis Koblenz) - hier auch mit Ausschnitt von Mainz bis Bingen 3. Niederrhein (Köln bis zur Mündung) (jeweils nicht genordet!) Die deutsche Geschichte:
Die einzelnen Regionen: Daran schließen sich Schilderungen der verschiedenen Regionen an, wieder im Süden beginnend mit der Schweiz: "Heluetia: das ist: Scheitzerland oder Eydtgnoschafft, die erst provintz Teütscher nation". Im Zusammenhang mit dem Wallis beschreibt er Murmeltiere, von denen er 1544 zwei in Basel wie Haustiere hielt und über einen Zeitraum von "drey oder vier monaten die weyl sie bei mir gewesen" beobachten konnte. Die Städteschilderungen: Er beginnt mit Luzern, Zürich, Solothurn. Für Basel benutzt er 17 Seiten, an deren Ende er einen Bericht über ein "Monstrum" anfügt, ein Paar siamesischer Zwillingsjungen, die 1543 bei Basel geboren wurden. Zu Ingelheim Zu Mainz
Bekannte Künstler seiner Zeit fertigten Druckstöcke für die späteren Auflagen der Cosmographie an, u.a. kurzzeitig Hans Holbein d. J. und Hans Rudolf Manuel Deutsch. Auch Münster selbst schnitt Abbildungen in Holz und goss die Buchstaben für die Beschriftung der Landkarten , ein sehr wichtiges Verfahren. Wenn für eine Stadt (noch) keine eigene Abbildung zu bekommen war, dann wurde auch schon einmal für zwei oder sogar vier Städte dieselbe Ansicht verwendet, z.B. in der 1545er Ausgabe dasselbe kleine schematische Bildchen für die Städte Brandenburg Bern Lützelstein/Elsass Memmingen
So auch bei Basel und Koblenz, Frankfurt und Venedig, Ingelheim und Mailand. Man darf dabei aber nicht außer Acht lassen, dass die Anfertigung hochwertiger Holzschnitte mit Städteansichten eine gewaltige finanzielle Herausforderung darstellte, so dass solche Mehrfachverwendungen auch durch ökonomische Zwänge verursacht worden sein können. Auch andere Bildchen (z.B. Gehängte, Herrschergestalten, Fabelwesen, Vulkanausbrüche) wurden mehrfach verwendet. Es sind typisierte Illustrationen. Münster gab im April 1548 die bis dahin aufgelaufenen Gesamtkosten der Abbildungen mit 600 Gulden an, also dem Zehnfachen seines Jahresgehaltes! Er bat deshalb die Städte, deren Bilder aufgenommen werden sollten, und viele Fürsten um finanzielle Zuschüsse - aber wie zu erwarten, mit unterschiedlichen Ergebnissen. In späteren Auflagen ersetzten vielfach bessere Stadtansichten die vorherigen, z. B. bei Basel, wofür Münster in der Auflage von 1545 noch zwei einfache Bildchen verwenden musste, die später durch eine beeindruckende doppelseitige Stadtansicht abgelöst wurden, nämlich durch einen gelungenen doppelseitigen Holzschnitt von Hans Rudolf Manual Deutsch. Basel als Zentrum regionaler Zusammenarbeit: Während Münster ursprünglich (1528) eine mehr geographisch-mathematische Cosmographie vorgeschwebt hatte, bekam sein Projekt nach der Übersiedlung nach Basel immer mehr ein historisches Übergewicht, weil die Mitarbeiter, die er dort gewinnen konnte, eher der historischen Richtung der Weltbeschreibung anhingen. Sein wichtigster Mitarbeiter in Basel wurde Simon Grynaeus, aus dem Elsass Beatus Rhenanus und Pellikan, aus Augsburg Konrad Peutinger. Weitere siehe Burmeister 1963, S. 136 ff. Mitarbeiter aus ihren jeweiligen Regionen versuchte er durch Bittbriefe zu gewinnen, Obrigkeiten von Städten und Landesfürsten, z. B. Stanislaus von Laski, den Gesandten des polnischen Königs auf dem Reichstag in Augsburg, oder König Gustav Wasa in Stockholm; vielfach erhielt er allerdings nicht einmal eine Antwort. Viele haben aber bereitwillig mitgearbeitet, z. B. der Pfalzgraf Johannes II. von Simmern und der Heidelberger Pfalzgraf und Kurfürst Ottheinrich, auch der Bischof von Trier, Johannes V. von Isenburg. Die zu damaliger Zeit schwierigen Postverbindungen machten eine ähnliche Korrespondenz mit entfernteren Regionen - schon in Europa selbst - schwierig bzw. unmöglich. Vorurteile:
Seriöses und Vermischtes:
6. Phasen der Arbeit Münsters an seinem Manuskript a) Die erste Phase bis 1544 bestand zuerst einmal in der Ausarbeitung der Appendix geographica von Ptolemaeus, wobei die "Schreibarbeit des Gelehrten" im Vordergrund stand. Hier stützte sich Münster überwiegend auf vorhandene Literatur, antike wie zeitgenössische (Strabo, Ptolemaeus, Plinius, Tacitus, Marco Polo, Columbus, Vespucci, Bernhard von Breitenbach u.a.). Anfangs unternimmt er nur wenige Reisen und bemüht sich auch nur wenig darum, Regionalbeschreibungen von anderen Gelehrten zu bekommen. Dennoch wuchs ihm sein Material kurz vor der Veröffentlichung auf der Frankfurter Herbstmesse 1544 fast über den Kopf. Diese erste Auflage hat deswegen einen noch unvollkommenen Charakter. Trotzdem wurde sie sofort ein großer Erfolg. b) Die zweite Phase, die sich unmittelbar daran anschloss, zwingt Münster 1545 zu noch größerer Eile, denn er und sein Stiefsohn Heinrich Petri befürchteten die Konkurrenz eines ähnlichen Buches, der "Eydgenossenschafft" des Zürchers Johannes Stumpf. Beide Autoren konnten sich jedoch auf verschiedene Konzeptionen einigen, wobei sich Stumpf sich auf die Schweiz konzentrierte. c) Die dritte Phase von 1445 - 1550 nennt Burmeister die "wichtigste in der Entstehung der Cosmographie". Verstärkt bemühte sich Münster nun um authentische regionale Einzelbeiträge und gute Illustrationen, die nach Entwürfen künstlerisch gestaltet und in Holz geschnitten werden mussten, sogar durch Mitarbeiter in Straßburg und Zürich, was die Kosten in die Höhe trieb. Burmeister sieht sich außerstande, die Gesamtkosten der Cosmographie zu ermitteln. Ein Exemplar der Auflage von 1550 kostete den Käufer 2 Gulden, der Buchhändler musste an die Druckerei 1,6 Gulden zahlen, so dass die Auflage einen Gesamtwert von 7.200 Gulden hatte. 7. Ihre Nachwirkungen "Für die positive Aufnahme der Cosmographie spricht ... die ungeheure Nachwirkung, die die Cosmographie gehabt hat und die sie uns heute noch als das bedeutendste Werk Münsters erscheinen lässt. Die Ausbreitung der Cosmographie in zahlreichen Übersetzungen und Auflagen in ganz Europa war die Grundlage dieser Nachwirkung." (Burmeister 1963, S. 181) Seitens der katholischen Kirche wurde Münster, wohl vor allem wegen seiner rabbinischen Werke, mit Misstrauen betrachtet, und viele seiner Bücher wurden auf den Index gesetzt. Die Cosmographie musste "gereinigt" werden (s.u. bei den italienischen Auflagen). Die Cosmographie erschien nach Burmeister, Bibliographie, S. 62-91 in Deutsch in 21 Auflagen (mit zusammen ca. 50.000 Exemplaren), und zwar in den Jahren 1544, 1545, 1546, 1548, 1550, 1553, 1556, 1558, 1561, 1564, 1567, 1569, 1572, 1574, 1578, 1588, 1592, 1598, 1614, 1615, 1628; in Lateinisch in 5 Auflagen (mit zusammen ca. 10.000 Exemplaren), und zwar in den Jahren 1550, 1552, 1554, 1559, 1572; in Französisch in 6 Auflagen, und zwar in den Jahren 1552, 1556, 1560, 1565, 1568, 1575; in Italienisch in 2-3 Auflagen, "korrigiert und gereinigt" durch die Inquisition, und zwar in den Jahren 1558, o. J., 1575; in Tschechisch in 1 Auflage, und zwar 1554; und Teile aus ihr wurden in 7 Auflagen ins Englische übersetzt. Im Internet findet man mittlerweile fünf Ausgaben der Cosmographie, und zwar drei deutsche: - 1545, hrsg. von der Universität Düsseldorf: http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/content/titleinfo/193012 (mit einer sehr guter Übersicht zum Finden bestimmter
Kapitel)
(mit einer sehr guter Übersicht zum Finden bestimmter
Kapitel)
(lädt sehr langsam!)
http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k53517t.image.f1 (Band I, 2) http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k535572 (Band II) (Diese Hinweise verdanke ich Reiner
Leusch, 08.03.10.)
Gs, erstmals: 11.08.06; Stand: 09.03.10 |
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