Der Ingelheimer Raum in der Römerzeit
(1. bis 5. Jh. n. Chr.)
Autor: Hartmut Geißler
Beginn einer Hochkultur
Mit den Eroberungen der Römer kam eine Hochkultur des Mittelmeerraumes bis an den Rhein; sie brachte dem Ingelheimer Raum
zuerst ihr Militär, dann im Laufe der Zeit auch ihre Wirtschafts- und Sozialstruktur, ihre Straßen, ihren Handel, ihre Städte mit Forum,
Tempeln, Theatern, Amphitheatern, Thermen, allgemein ihre Steingebäude mit Ziegeldächern, ihren hohen Holzverbrauch für Heizung und Gewerbe
(Ziegel, Zement, Metalle), ihre Religionen, auch das Christentum, ihren Wein und nicht zuletzt ihre lateinische Schrift.
Somit beginnt mit der Römerzeit die aufgeschriebene Geschichte unseres Raumes. Für den Ingelheimer Raum allerdings beschränkt sich diese
Schriftlichkeit auf einige Inschriften, so dass die Ingelheimer Geschichte dieser fünf Jahrhunderte weitestgehend aus der Geschichte von
Mogontiacum/Mainz in Kombination mit archäologischen Funden erschlossen werden muss.
Ingelheim und römisches Mainz
Tatsächlich hing die Ingelheimer Geschichte damals aufs Engste von den Ereignissen in und um Mainz ab: Dort wurde unter Kaiser
Augustus und seinem General Drusus ab ca. 15 v. Chr. ein starker militärischer Stützpunkt errichtet, mit einer
dauerhaft stationierten Legion (das erste Jahrhundert über sogar zwei Legionen). Die umliegenden Siedlungsgebiete eines Stammes der
keltischen Treverer (der Aresaces) wurden unter Militärverwaltung gestellt. Sie mussten Tribute zahlen und eine
eigene Reitertruppe, die ala Treverorum, aufstellen und auch bezahlen. Zusammen mit den gleichfalls dort stationierten
nicht-römischen Hilfstruppen belief sich die Zahl der multiethnischen Mainzer Soldaten zeitweise auf ca. 14.000.
Von Mogontiacum/Mainz aus fanden Feldzüge nach Germanien statt und Mainz war lange Zeit Provinzhauptstadt der römischen Provinz
Germania superior (Obergermanien), die sich vom Mittelrhein (Neuwied) bis an den Genfer See hinzog, ab Diocletians Reformen
verkleinert als Provinz Germania I.
Die gesamte landwirtschaftliche Struktur des Mainzer Umlandes richtete sich auf die Versorgung des Militärs und der zivilen Bevölkerung von Mainz aus:
Getreide (hauptsächlich Dinkel), Gemüse, Obst, Fleisch und später vielleicht auch etwas Wein .
Hohe Befehlshaber und ausgediente Veteranen römischer wie nichtrömischer Herkunft siedelten nun allmählich im Mainzer Umland inmitten sich
romanisierender Kelten. Vor allem im zweiten Jahrhundert nach Christus gelangte unsere Region zu einem erheblichen Wohlstand in lang andauerndem Frieden.
Mainz war andererseits ein wichtiges Kriegsziel aufständischer römischer Befehlshaber (im 1. und 3. Jh.) und Ziel plündernder rechtsrheinischer
"Barbaren"-Horden (Franken und besonders Alemannen, ab 260 n. Chr. und immer wieder im 4. Jh.). Von solchen Überfällen wurde der
Ingelheimer Raum als Durchzugsgebiet zwischen Mainz und Trier/Koblenz immer wieder betroffen, insbesondere ab der zweiten
Hälfte des dritten Jahrhunderts, einem Jahrhundert, das mit seiner langen Wirtschaftskrise und Inflation (Münzverschlechterung)
ohnehin einen allgemeinen Niedergang brachte, der sich bestimmt auch im Ingelheimer Raum ausgewirkt hat.
Zusätzlich zu den "Römern" und romanisierten Kelten siedelten sich wahrscheinlich auch zunehmend Germanen in römischen Diensten hier an.
Kaiser Septimius Severus erlaubte zu Beginn des 3. Jahrhunderts fremdländischen Soldaten ihre Frauen mitzubringen.
Diese Erlaubnis sollte wahrscheinlich ihre Anwerbung erleichtern. Wenn also ein Mann auf einem Grabmonument in Toga
als "römischer Bürger" abgebildet wurde, dann kann das ein genuiner "Römer", z. B. aus Italien, gewesen sein, vielleicht aber auch ein Kelte
oder z. B. ein Syrer mit römischem Bürgerrecht, verliehen nach Beendigung seiner Dienstzeit.
Dies dürfte auch die ggf. noch vorhandene "romanische" Bevölkerungszusammensetzung im Ingelheimer Raum des beginnenden frühen Mittelalters
gewesen sein, die dann von einwandernden Franken überlagert wurde. Auch im Ingelheimer Raum können solche Franken mit ihren Familien
als Wehrbauern schon im vierten Jahrhundert angesiedelt worden sein - Belege dafür gibt es aber nicht.
Katastrophal war wahrscheinlich der Einfall von Vandalen, Alanen und Quaden in der Neujahrsnacht des 31. Januar
406, den u.a. auch Franken in römischen Diensten auf der anderen Seite des Rheines aufzuhalten versucht
hatten - vergeblich. Trotzdem ist noch eine Zeitlang bis zum Hunneneinfall 451 romanisches Leben in Mainz und Umgebung nachweisbar.
Mitte des 5. Jahrhunderts jedoch geht die römische/romanische Zeit am Rhein zu Ende.
Funde aus der Zeit des römischen Ingelheim
Drei Münzschatzfunde hat man auf Ingelheimer Gebiet bisher gemacht,
Münzen, die zwar erfolgreich versteckt, aber später nicht wieder ausgegraben
wurden, vielleicht weil ihre Besitzer umgebracht oder verschleppt wurden.
Archäologisch als römische Bauten nachgewiesen sind in Ingelheim
ca. 13 Villae rusticae, zwei Viae stratae ("Straßen")
und ein Vicus.
Eine Villa rustica war ein größeres oder kleineres Landgut, dessen Häuser, umgeben von einer Mauer,
inmitten ihres Landes lagen.
Ungefähr so wie diese Rekonstruktion der Villa rustica in Lauffen/Heilbronn durch das Limes-Museum, Aalen,
könnten auch einige der 13 bisher nachgewiesenen Gutshöfe in Ingelheim ausgesehen
haben.
Eine Straße führte wahrscheinlich gerade von Finthen kommend über den Mainzer Berg an Wackernheim vorbei, herunter durch Ingelheim nach Bingen,
an ihr lag der Vicus (Gewerbegebiet) in einer Ausdehnung etwa vom Saalgebiet in Nieder-Ingelheim bis zum heutigen Rathaus. Sie scheint
zweibahnig mit einer Furt die Selz überquert zu haben. Vielleicht hat diese Straße in Urkunden des 14. und 15. Jahrhunderts mit der Bezeichnung
"alte Strat" noch ihre Spuren hinterlassen ("alta strata" = hohe Straße, d.h. die über den Mainzer Berg;
so Karl Heinz Henn, BIG 39, S. 30).
Eine zweite nachgewiesene Straße führte von Mainz über Mombach, Budenheim, etwa
parallel zur heutigen Autobahn A 60 an Heidesheim vorbei durch Ingelheim.
Eine römische "Straße" (via strata) war tief
ausgehoben, geschottert, an wichtigen Stellen auch gepflastert, mit
Straßengräben an beiden Seiten. Sie verlief möglichst
gerade, um nicht nur für den Handel, sondern auch für das
Militär eine kurze Verbindung zu bilden.
Ein Vicus war kein Bauerndorf, sondern ein Gewerbemischgebiet von
Handwerkern, Händlern und Dienstleistern, oft auch einem
Tempel, mit Gebäuden,
die giebelseitig zur Straße hin standen. Auf eine dritte untergeordnete
Straße im Bereich der heutigen Grundstraße (ins Selztal
hinauf) weist ein römisches Gräberfeld am Nieder-Ingelheimer
Friedhof hin, denn römische Gräberfelder waren üblicherweise
außerorts und entlang von Straßen angelegt, so dass die
Grabmäler von den Reisenden gesehen werden konnten. Diese bisher
nur vermutete Querstraße dürfte in der Gegenrichtung ihre
Fortsetzung bis an den Rhein an der Selzmündung gefunden haben,
wo es sicher schon in römischer Zeit einen Hafenplatz gegeben
hat; der Vicus lag somit an der Kreuzung zweier Straßen.
Römische Gräber
Hier die Reste zweier Grabanlagen romanisierter Kelten im Ingelheimer Museum:
Links zwei überlebensgroße Figuren eines repräsentativen gallo-römischen Grabmonuments aus dem 1. Jh. n. Chr.; Fundort: Ingelheim, östl. oder westl. des Brückweges in der Höhe der Langgewann (heute nördl. der Autobahn), wo in römischer Zeit die nördliche Straße von Mainz nach Bingen verlief. Rechts
daneben ein Grabstein einer gallo-römischen Familie aus dem 2. oder 3. Jh. mit einer Relieffigur und einer Inschrift; (Fundort Ober-Ingelheim)
(Abgüsse; Originale im Museum
Wiesbaden)
Keine römische Militärstation
Reste einer bisweilen vermuteten Militärstation in Ingelheim sind
bisher nicht gefunden worden. Sie wird heute allgemein für unwahrscheinlich
gehalten und eigentlich auch als unnötig angesehen. Auch das
napoleonische Militär besaß zwar Quartierorte in Mainz und Bingen,
nicht aber in Ingelheim.
Dass (im 4. Jahrhundert)
auf dem Rhein patrouillierende Grenzschutzboote gelegentlich auch im Ingelheimer Hafen
festgemacht haben mögen, bleibt davon unberührt.
Frühes Christentum?
Wahrscheinlich mit griechisch-orientalischen Kaufleuten kam auch das Christentum
an den Rhein. So erklärt es sich, dass der neue Glaube zuerst einmal
auf Städte beschränkt blieb, wo Griechisch sprechende Menschen
lebten. In stark griechisch geprägten Kaiserzentrum Trier kann man
"Bischöfe" (<griech.> "Episkopoi") schon
seit dem 3. Jahrhundert nachweisen, in Mainz seit dem 4. Jahrhundert.
Aus dem Griechischen stammt auch das deutsche Lehnwort "Kirche",
vom graecolateinischen "Kyrika" (= Basilika; von <griech.>
Kyrios = "Herr") abgeleitet. Nachdem im vierten Jahrhundert
das Christentum im ganzen römischen Reich anerkannt und in den Kreisen
der höheren Gesellschaft sogar verpflichtend geworden war, könnte
man annehmen, dass auch die Ingelheimer Bevölkerung allmählich
christlich geworden ist. Aber viele Bauern auf dem Lande ("pagani"
= Landleute, Heiden) opferten wohl noch den alten Göttern bis ins
5. Jahrhundert hinein. Vielleicht deshalb wurde schon um 340, also noch
vor 381/2, dem allgemeinen Verbot heidnischer Kulte im ganzen Römischen
Reich, in der Mosel-/Rheinregion der Kult in den heidnischen Heiligtümern
untersagt. Viele Kultplätze wurden durch christliche Eiferer zerstört,
darunter wohl auch die Jupitersäule in Mainz. Aus Ingelheim gibt
es bislang keine Funde mit christlichen Hinweisen aus der Römerzeit
in (wohl aber aus Bingen, Mainz, Bad Kreuznach und Alzey).
Das Ende der Römerzeit
Der Ingelheimer Vicus und die umliegenden Villae rusticae waren möglicherweise
schon im vierten, aber spätestens im fünften Jahrhundert weitgehend
zerstört bzw. verlassen, so dass auch der Name dieses Vicus verloren
ging, auch wenn einfache Germanenhöfe den Hunnensturm 451 unbeachtet
überstanden haben mögen.
Dagegen haben die gallo-römischen
Namen der befestigten Orte, hinter deren Mauern die bedrängte Bevölkerung
Schutz suchte - Bingium (Bingen), Mogontiacum (Mainz), Cruciniacum (Kreuznach)
und Borbetomagus (Worms) - zumindest in verstümmelter Form überlebt.