Die Remigiuskirche in Nieder-Ingelheim

Autor und Fotos: Hartmut Geißler




von der Mainzer Straße aus



von der Belzerstraße aus

 

St. Remigius

Vorgängerbau 750
gew(eiht) St. Kilian
1155 Turmbau unter
Friedrich Barbarossa
Roman. Sturz über
Turmtür. 1740 Neu-
bau gew(eiht) St. Remigius


barocker Seiteneingang 
mit kurpfälzischem Wappen


barockes Langhaus von 1740, in leichtem Winkel
an den romanischen Turm stoßend

Turmtür mit romanischem Sturz,
karolingisch (?), später eingepasst


Ihr Pfarrhaus gegenüber in der Belzerstraße Nr. 8, der früheren Kirchgasse. 
Auf dem Sturz der Eingangstür steht die Jahreszahl 1759.

 

St. Kilian und St. Remigius - 
zwei verschiedene Kirchen oder ein und dieselbe 
mit Patronatswechsel und/oder Doppelpatronat?
 
Nach Saalwächter, Aus der Geschichte
Zur Zweihundertjahrfeier und
Schmitz, Pfalz und Fiskus


Umriss einer Kirche aus dem Merian- Stich Ober- Ingelheims von 1645, links, vor den Rheingaubergen, mit der wohl die Kilian-/ Remigius- Kirche Nieder- Ingelheims 
gemeint war.

Saalwächter nimmt an, dass es schon im römischen Vicus entlang der Mainzer/Binger Straße eine spätantike christliche Gemeinde gegeben habe. Aber auch wenn diese Vermutung reine Spekulation bleiben muss, so scheint doch die Nieder-Ingelheimer Pfarrkirche bzw. ihre Vorgängerbauten zu den frühesten Kirchen unserer Region zu zählen, wahrscheinlich schon aus Merowingerzeit.

"Die älteste schriftliche Nachricht von der heutigen Pfarrkirche datiert erst vom 19. Dezember 822. Kaiser Ludwig der Fromme (814-840) bestätigt der Kirche zu Würzburg auf die Bitte ihres Bischofs Wolfgar neben anderen Kirchen ... eine dem hl. Remigius erbaute Kirche in Ingelheim ..." (Saalwächter, S. 6)

Die Vergabung von Kirchen und der daran hängenden Rechte bedeutete übrigens, wie Classen betont, keinen Rückzug des Königs, denn hier wie in Ober-Ingelheim (St. Wigbert an das Kloster Hersfeld) waren beide Empfänger Reichskirchen, die ihrerseits dem König Abgaben und Dienste schuldeten. Vielleicht erreichten die Könige durch  solche Schenkungsakte gerade eine gute Verwaltung dieser Güter, was für die entstehende Pfalz natürlich von großer Bedeutung war.

Saalwächter vermutet allerdings - in der Nachfolge von Schoepflin, Cohausen und Loersch - diese in der Urkunde genannte Remigius- Kirche im Saalgebiet und setzt sie mit der heute so genannten Saalkirche gleich, in der er auch folgerichtig die Synode von 948 unter Otto I. stattfinden lässt. 

Dass die Beziehungen von Ingelheim nach Würzburg damals eng gewesen sein müssen, belegt er mit Verweisen auf zahlreiche Urkunden. Von daher rühre das frühere Patronat der Nieder-Ingelheimer Pfarrkirche, das des Würzburger Heiligen Kilian.
Dies würde bedeuten, dass es sich bei St. Kilian und St. Remigius ursprünglich um zwei verschiedene Kirchen gehandelt haben müsste, einmal um "St. Kilian",  der heutigen St. Remigius-Kirche entsprechend, und um eine Kirche "St. Remigius" im Saal.

Dies kann aber nicht die heutige Saalkirche gewesen sein, da sie archäologisch nachgewiesen erst unter Otto I. um 950 gebaut wurde. Zu dieser Zeit aber verlieh man kein Remigius-Patronat mehr, das in die merowingische Zeit (also zwei bis drei Jahrhunderte vorher) verweist; als kaiserliche Pfalzkapelle war sie ohnehin (wahrscheinlich) "exemt", keiner bischöflichen Aufsicht unterstellt und bedurfte gar keines Patronates.

Jedenfalls verkaufte das Domstift Würzburg den Ingelheimer Besitz (Hof mit Äckern, Weinbergen, Zehnten, Zinsen sowie das Kilians-Patronat mit allen Rechten) im Jahre 1270 an den Dekan Walter des St. Stephanstiftes in Mainz für 200 Mark kölnischer Denare in bar. Der Würzburger Zehnthof dürfte daher dem späteren Zehnthof von St. Stephan entsprechen, der in der Zeit der Franzosenherrschaft versteigert wurde und im Mündungsbereich der heutigen Ottonenstraße gegenüber der heutigen Remigiuskirche lag. Der Kiliansgarten entsprach nach Saalwächter der Gewann "Im Kirchengarten", eine Bezeichnung aus dem 17. Jahrhundert.

Saalwächter unterscheidet mögliche vier Bauperioden der Kilians-/Remigiuskirche:

a) eine frühchristliche Kapelle aus Stein oder Holz
b) eine Kirche der Karolingerzeit, aus der sich der Türsturz der Turmtür erhalten hat
c) eine Kirche der Stauferzeit, von der der heutige Turm stammt;
    Diese Kirche besaß nach Saalwächter, S. 14, neben dem Hauptaltar drei Altäre
    einen Heilig-Kreuz-Altar, der zum daneben stehenden Spital gehörte, einen
    Nikolaus-Altar mit einem Stipendium und einen Liebfrauen-Altar, zu dem es auch
    eine eigene  "Liebfrauenbruderschaft" gegeben hat (Saalwächter). Diese Altäre
    verschwanden nach der Reformation 1565.
d) die heutige barocke Kirche ("St. Remigius"), die 1739/40 nach dem Abriss der baufällig gewordenen Vorgängerkirche errichtet wurde. Für den Neubau, so weiß Saalwächter, seien auch Steine der abgerissenen Kreuzkapelle auf der Steig verwendet worden. Er nimmt an, dass die Kirche schon 1387 - wie heute auch - ummauert war.

Hinsichtlich der Geschichte des Patronatswechsels bzw. des Doppelpatronats legt er sich in der Jubiläumsbroschüre von 1958 ("Aus der Geschichte...") nicht eindeutig fest, tendiert allerdings dazu, dass schon die ursprüngliche Kirche dem Heiligen Kilian geweiht gewesen sei, wie dies auch die Inschriftenplatte an der Kirche (s. oben) erklärt ("gew. St. Kilian").

Deutlicher spricht dies noch die Jubiläumsschrift  von 1939 - "Zur Zweihundertjahrfeier" - aus (ohne Angabe eines Verfassers; Pfarrer Weil?):
Nachdem die Kirche bei der pfälzischen Kirchenteilung 1705 den Katholiken zugelost worden war, hätten diese, so die Jubiläumsschrift, den Namen ihrer bisherigen Pfarrkirche im Saal, die dem Hl. Remigius geweiht war, mitgenommen und auf die frühere Kiliankirche, die etwa 150 Jahre von Protestanten benutzt worden war, übertragen. Auf den Namen des Remigius sei der Neubau im Januar 1740 neu geweiht worden. Damit der alte Namen St. Kilian nicht in Vergessenheit geriete, habe der Mainzer Bischof Ludwig Maria Hugo (1921-1935) auf Bitten der Nieder-Ingelheimer Gemeinde 1932 St. Kilian zum zweiten Kirchenpatron erklärt

Auf eine diesbezügliche Nachfrage erklärte Frau Manstein vom Dom- und Diözesanarchiv am 15.11.2006:
"In den Beständen des Dom- und Diözesanarchivs Mainz läßt sich zur Geschichte des St. Kilian- Patroziniums in Nieder-Ingelheim lediglich das Gesuch des Pfarrers Wilhelm Weil vom 14. Juli 1932 an das Bischöfliche Ordinariat, den hl. Kilian als zweiten Patron der Pfarrkirche erklären zu wollen, nachweisen (Best.: Pfarrakten 1800-1945 Nieder-Ingelheim St. Remigius Nr.: 6 (Gottesdienst; Kirchenpatrone, Haupt- u. Nebenpatron). Die Genehmigung erteilte Bischof Hugo am 22. Juli 1932. In seinem Gesuch erläutert Pfarrer Weil, daß der hl. Kilian der ursprüngliche Patron der Nieder-Ingelheimer Pfarrkirche gewesen sei, während der hl. Remigius der Patron der mittlerweile evangelischen Palastkirche war."

Demgegenüber geht Schmitz (wie vor ihm schon Classen und nach ihm Stratmann, auch Prof. Felten, Mainz) davon aus, dass es sich bei St. Remigius und St. Kilian um ein und dieselbe Kirche gehandelt habe, nämlich um die heute so genannte "Remigiuskirche", die nach dem Übergang an das Bistum Würzburg bis zur Reformation zwei Patrozinien gehabt habe. Ein Zurücktreten des Gebrauchs des ursprünglichen Patroziniums im Spät- Mittelalter zugunsten St. Kilians sei auch bei den beiden anderen damals an Würzburg übertragenen Kirchen des Wormsgaues (St. Maria in Oppenheim und St. Martin Kreuznach) zu beobachten; aus dem Spätmittelalter ist auch der Name für diese Kirche in Nieder-Ingelheim als Kilianskirche überliefert. 

Zitat:
"Das Zurücktreten des ursprünglichen Patroziniums berechtigt im Falle Ingelheims jedoch nicht zu der Annahme eines Wechsels des alten Titelheiligen Remigius von der Würzburger Kirche auf die sogenannte Saalkirche. Für eine solche Hypothese bieten die Quellen keinen Anhaltspunkt. Im Gegenteil ist man bei vorurteilsloser Bewertung der Nachrichten zu 948 gezwungen, unter der als Tagungsort der Synode erwähnten Remigiuskirche die Würzburger Kirche auf dem 'Belzen' zu verstehen. 

Ebenso willkürlich wie die Annahme eines Patrozinienübergangs von der Würzburger Kirche auf die Saalkirche im 8./9. Jahrhundert ist die von seiner Rückführung im Zuge der kurpfälzischen Kirchenteilung von 1705, in deren Gefolge die heutige Remigiuskirche auf dem 'Belzen' der katholischen Gemeinde Nieder-Ingelheims zugesprochen wurde.

Richtig scheint uns vielmehr zu sein, daß zu dem älteren Remigiuspatrozinium der Kirche auf dem 'Belzen' während ihrer Zugehörigkeit zu Würzburg Kilian als zweites Patrozinium hinzugetreten ist und Remigius vorübergehend in den Hintergrund gedrängt hat und daß später, nachdem sie aus dem Würzburger Besitz ausgeschieden war, das ältere Patrozinium wieder in den Vordergrund gerückt ist.
Nur undeutlich läßt sich die ursprüngliche Funktion der Remigiuskirche ausmachen. Man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man in ihr die alte Fiskalkirche der merowingerzeitlichen villa Ingelheim sucht. Sie dürfte, was sich allerdings erst für spätere Zeit einwandfrei nachweisen läßt, bereits im 8./9. Jahrhundert Pfarrkirche der in ihrer Umgebung auf dem 'BeIzen' vermuteten ältesten dörflichen Siedlung gewesen sein, wofür nicht zuletzt die bei ihr liegenden Zehntrechte sprechen. Vielleicht kann gerade auch ihre in der Urkunde von 822 sich von der sonst gebräuchlichen Terminologie (basilica) abhebende Bezeichnung als ecclesia hierfür als Anhaltspunkt und Stütze dienen. Charakteristisch für ihre rechtliche Stellung innerhalb des Krongutbezirks ist jedenfalls, daß sie während des ganzen Mittelalters einzige Pfarrkirche von Nieder-Ingelheim, Frei-Weinheim und Sporkenheim war und später den Rang einer Mutterkirche gegenüber den ausgepfarrten Filialkirchen dieser Orte sowie zwei weiteren Kirchen auf dem Häuser Hof und in dem Heilig-Geist-Spital und schließlich gegenüber den beiden dem hl. Michael bzw. dem hl. Petrus geweihten Kapellen im Saal besaß."
(Schmitz, S. 309f.)

Wenn die Synode von 948 in einer "Remigiuskirche" stattgefunden hat, wie es der daran teilnehmende Flodoard u. a. berichten, und wenn dies die heutige Remigiuskirche gewesen sein soll, dann müsste sie aber zwei Jahrhunderte nach ihrem Übergang an das Bistum Würzburg in der Karolingerzeit immer noch nicht nach dem heiligen Kilian benannt gewesen sein. Das ist aber irgendwann im (Spät-? so Schmitz) Mittelalter geschehen. Einen Patron Kilian erwähnt übrigens keine der Quellen über die Synode von 948. Sie müsste dann im 10. Jahrhundert groß genug gewesen sein, die großer Anzahl aller Teilnehmer an der Synode von 948 aufzunehmen.


Der Kern des Dorfes Nieder-Ingelheim aus dem Katasterplan von 1812: blau die Kirche und rot die Häuser entlang der Belzerstraße (nach Norden) und der "Untergass" (Mainzer Straße, unten quer)
Eines ist jedenfalls sicher: Die heutige Remigiuskirche war die einzige Kirche in Nieder-Ingelheim (und dem Saal), die als Pfarrkirche einen Glockenturm hatte. Ihre Glocken hatten auch weltliche Funktionen. So musste z. B. geläutet werden, wenn ein neuer (kurpfälzischer) Beamter vorgestellt wurde (festgehalten für 1452, Saalwächter, S. 13). 
Die Saalkirche bekam ihren Glockenturm erst im Jahre 1861.

Die Remigiuskirche war auch sonstiger politischer Mittelpunkt des Ortes: Unter der Linde des Kirchplatzes fanden öffentliche Gerichtsverhandlungen statt, bei schlechtem Wetter und im Winter auch in der Michaelskapelle daneben, die über einem Beinhaus des Friedhofes an der Stelle des ehemaligen Schulhauses Belzerstraße 1 gestanden hat.

Ihr Friedhof diente auch als Freistätte für Verfolgte, auf der die Streitigkeiten nicht fortgesetzt wurden. Auf dem Friedhof wurde auch der Erbverzicht eines überschuldeten Erbes öffentlich kundgetan, indem z.B. die Witwe am Grab ihres verstorbenen Mannes ihren Mantel oder Schlüsselbund fallen ließ und die bisherige gemeinsame Wohnung danach nicht mehr betrat. Saalwächter (S. 16) nennt dafür fünf Beispiele aus den Jahren 1379 bis 1517.





 


Gs, erstmals: 23.10.06; Stand: 26.09.09