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Ingelheim unter pfälzischer Herrschaft Das Standardwerk zur "Geschichte der Kurpfalz" ist das gleichnamige zweibändige Werk von Meinrad Schaab. 1. Die Vielfalt der Pfalzbegriffe Kohnle (S. 11f.) unterscheidet folgende drei Pfalzbegriffe mit unterschiedlichem Gebrauch durch die Jahrhunderte:
Und viertens haben wir in Ingelheim eine "Pfalz", nämlich den repräsentativen Königshof aus karolingischer Zeit, das "palatium", mit der Aula Regia, der halbkreisförmigen Exedra und anderen repräsentativen Bauten.
Zur Verwaltung solcher Königshöfe für das Reisekönigtum gab es schon in merowingischer Zeit "Pfalzgrafen" (erste Erwähnung des Begriffs 577, lateinisch "comes palatii" und später "comes palatinus"), die sich im 10. und 11. Jahrhundert in den verschiedenen Stammesherzogtümern des deutschen Reiches regionalisierten. In einer Familie solcher Pfalzgrafen, den sog. Ezzonen und Hezzeliniden, aus dem nordlothringisch-niederrheinischen Raum wurde um das Jahr 1000 herum der Titel "Pfalzgraf" erblich. Ein Ezzo veranstaltete im Jahre 1025 in Aachen einen Hoftag des gesamten lothringischen Adels. (Schaab, S. 18-20) Später ging der Titel mit seinem Besitz auf andere Familien über, auch auf Mitglieder der Staufer und der Welfen. Der territoriale Schwerpunkt dieser rheinischen Pfalzgrafschaft verlagerte sich dabei aus dem nordlothringisch-niederrheinischen Raum über die Eifel und die Mosel in die Gebiete von Hunsrück und Neckar, also in die später so genannte "Rheinpfalz". 2. Die Wittelsbacher als "Pfalzgrafen" Im Jahre 1214 übertrug Kaiser Friedrich II. dem bayrischen Wittelsbacher Ludwig, dessen Vater Otto schon 1180 von Barbarossa das Herzogtum Bayern anstatt des abgesetzten Welfen Heinrich des Löwen bekommen hatte, zusätzlich diese Pfalzgrafschaft am Rhein. Die Familie der Wittelsbacher taucht erstmals 1079 in Quellen auf mit Otto I., dem Grafen von Scheyern, dessen Stammsitz südwestlich von Pfaffenhofen an der Ilm lag. Seit 1115 nannten sich diese Grafen nach ihrer neuen Burg Wittelsbach bei Aichach "Pfalzgrafen von Wittelsbach". Streitigkeiten um die Aufteilung des bayrischen und rheinpfälzischen Besitzes wurden unter König Ludwig dem Bayern im Hausvertrag von Pavia (1329) geregelt: Das Wittelsbacher Territorium wurde unter die Linien der "Pfalz" und Bayern aufgeteilt, die "Oberpfalz" (heute ein bayrischer Regierungsbezirk östlich von Nürnberg) kam an die rheinische "Pfalz", die sie im Dreißigjährigen Krieg an Bayern verlor. Beim Aussterben eines Familienzweiges sollte ein anderer in festgelegter Reihenfolge an seine Stelle treten und das Kurrecht sollte abwechselnd ausgeübt werden; das wurde aber nicht praktiziert , weil es unter Karl IV. in der Goldenen Bulle von 1356 allein den Pfalzgrafen bei Rhein zugewiesen wurde, was die bayerischen Wittelsbacher freilich nie akzeptierten. Im Laufe der Zeit ergaben sich mehrere Familienzweige der pfälzischen Wittelsbacher, deren Kurfürsten von Frau Köhler übersichtlich dargestellt sind. Man sollte diese Genealogie am besten ausdrucken und bei der Lektüre der Themenseiten zur Hand haben. 1. die alte Pfälzer Linie (Pfalz-Heidelberg) 2. die Linie Pfalz-Simmern (im Hunsrück) 3. die Linie Pfalz-Neuburg (an der Donau) 4. die Linie Pfalz-Sulzbach (heute Sulzbach-Rosenberg östlich von Nürnberg) 3. Die Verpfändung des Ingelheimer Reiches an Kurpfalz Als die deutschen Könige und römischen Kaiser keine ländlichen Pfalzen mehr zu Reichstagen, Synoden und Festen benutzten, wurde das Ingelheimer Reichsgebiet im 14. Jahrhundert mehrfach an verschiedene Geldgeber verpfändet, schließlich 1375/76 durch Kaiser Karl IV. an die Heidelberger "Kurpfalz". Im Jahre 1402 wurde diese Verpfändung erneuert und quasi zementiert, da der 1400 zum deutschen König erhobene Kurfürst Ruprecht von der Pfalz nun selbst als König das Verpfändungsgebiet (Oppenheim, Ingelheim u.a.), dessen eigener Pfandherr er ja war, nochmals für 100.000 Gulden an seinen Sohn Ludwig verpfändete, eine sehr hohe Summe, die man vom Reich her wohl kaum jemals wieder einlösen konnte und wollte (Urkunde vom 23.08.1402). Mit solchen "Verpfändungen" umging man das päpstliche Zinsverbot für Kredite.
Als im Dreißigjährigen Krieg die Kaiserlichen unter Spinola die Kurpfälzer besiegt und die Pfandorte eingenommen hatten (1621), wandte sich das Niersteiner Rittergericht - auch Nierstein gehörte zum Pfandgebiet - brieflich an den Kaiser Ferdinand II. (26. Mai) mit der Bitte, die Pfandschaft aufzuheben und die Pfandgebiete wieder direkt dem deutschen König zu unterstellen. Der Kaiser antwortete ein halbes Jahr später mit der Aufforderung, die Originalurkunden der Pfandschaft einzusenden, und schickte außerdem eine Kopie des Briefes an Spinola. Mehr wurde daraus aber nicht, im Gegenteil, die Regierung Ferdinands erwog sogar, die Oppenheimer Pfandgebiete im Austausch gegen anderes dem Kurfürstentum Mainz zu überlassen. (Reifenberg, S. 191) Im Friedensschluss 1648 wurde das bisherige Reichs-Pfandgebiet in einen regelrechten Territorialbesitz der wieder hergestellten Kurpfalz umgewandelt, zwar nicht ausdrücklich, aber von der Diktion des Vertrages als selbstverständlich vorausgesetzt (Reifenberg, S. 187). Kurpfälzisch blieb es bis zum Frieden von Lunéville 1801, in dem das Reich das gesamte Gebiet links des Rheins und damit auch den Ingelheimer Grund an Napoleons Frankreich abtrat. Ein kurpfälzischer "Schaffner" im ehemaligen Karlsstift, der seinerseits einem Amtmann im kurpfälzischen Oppenheim unterstand, verwaltete die Einnahmen des ehemaligen Stiftes. Nach Oppenheim wurden auch die anderen Abgaben abgeführt, die von Ingelheimern an Kurpfalz zu leisten waren. Die Dörfer des von der Pfälzer Verwaltung so genannten "Ingelheimer Grundes" - Nieder-Ingelheim, - Ober-Ingelheim, - Frei-Weinheim, - Groß-Winternheim, - Schwabenheim, - Wackernheim, - Bubenheim und - Elsheim waren zu einem Anhängsel der kurpfälzischen Amtsstadt Oppenheim geworden, zu der außer Nierstein auch noch Schwabsburg und Dexheim gehörten. 4. Der Ingelheimer Reichsgrund in Pfälzer Zeit Die vier Jahrhunderte der Zugehörigkeit des Ingelheimer Grundes zum Kurfürstentum der "Pfalz bei Rhein" - von etwa 1400 bis etwa 1800 - haben im historischen Gedächtnis der Ingelheimer meist nicht den Stellenwert wie die Epochen des frühen und hohen Mittelalters unter den Karolingern, den sächsischen und den salischen Kaisern, als die Ingelheimer "Pfalz" zeitweise ein politischer Ort mit europäischer Bedeutung war. Die ritterliche Blütezeit im 13., 14. und 15. Jahrhundert, als der Ingelheimer Oberhof von vielen Orten der Region um juristischen Rat angegangen wurde und als im 15. Jh. die Burgkirche neu gebaut wurde (s. die Rittergrabmäler dort), wird meist nicht mit der Kurpfalz in engere Verbindung gebracht, denn sie wurden in Kurpfälzer Zeit sozusagen nur fortgesetzt. In zwei Bereichen hat die Zugehörigkeit Ingelheims zur Kurpfalz allerdings tiefe und z. T. schmerzliche Spuren hinterlassen. Es waren
Bei Reifenberg (S. 183) findet sich eine Einwohner- und Vermögensstatistik für das Jahr 1577. Gleichwohl, so das Fazit von Rettingers demographischem Vergleich der Daten von Mainz mit denen des Umlandes, war "auf längere Perspektive sowohl im 17. als auch im 18. Jahrhundert ein Bevölkerungswachstum auf dem Lande zu konstatieren." - Davon muss man wohl auch in den Ingelheimer Dörfern ausgehen, auch wenn in Ober-Ingelheim die Bevölkerungszahl von ca. 1000 Einwohnern aus der Zeit um 1600 erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts wieder erreicht und dann übertroffen wurde. Aus Ober-Ingelheim ist auch eine Aufstellung von bürgerlichen Berufen und Ämtern bis aus der kurpfälzischen zeit bekannt. In diese Epoche der Zugehörigkeit zur Kurpfalz fallen auch die Hexenprozesse im Ingelheimer Grund, im Jahre 1543 und vielleicht auch noch 1555. Mindestens drei Frauen sind in ihrem Verlauf verbrannt worden. Die spätere Intensivierung kurpfälzischer Aufsicht über das Gerichtswesen auch im früher selbständigen Ingelheimer Grund dürfte im 17. Jahrhundert weitere Hexen-Prozesskaskaden wie in Kurmainz und Kurtrier wohl verhindert haben. Heutige Touristen suchen in der Regel nach der "Pfalz" Karls des Großen, aber fragen so gut wie nie nach Spuren der Kur-"Pfalz", und man könnte ihnen auch nur wenige Bauten aus jener Zeit zeigen, die auf Kurpfälzer Einfluss zurückgehen, fast nur die barocke Remigiuskirche in Nieder-Ingelheim und die ebenfalls barocke kleine Kirche St. Michael in Ober-Ingelheim, beide aus einer Epoche, in der katholische Pfalzgrafen herrschten. Schließlich haben die Pfälzer Kurfürsten durch die Schaffnerei im Saal die noch verwertbaren Baureste aus den Pfalzruinen lieber zum Bau des Heidelberger Schlosses abtransportieren lassen, z. B. Säulen, als selbst im Ingelheimer Grund zu investieren. Lediglich die auf den staufischen Burgenbau zurückgehenden Wehrmauern des Saales scheinen verschiedentlich ausgebessert worden zu sein.
Die Ausführung dieses Planes unterblieb jedoch aus Geldmangel, zumal der Dreißigjährige Krieg sowieso die kurpfälzische Herrschaft für Jahrzehnte hinwegfegte. Als die kurpfälzische Regierung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine merkantilistische Wirtschaftspolitik betrieb, wurde auch in Ingelheim der Anbau von Maulbeerbäumen zur Seidenraupenzucht gefördert. Ob sich die kurpfälzische "Chaussée-Commission", die 1764 gegründet worden ist, auch mit der von Mainz nach Bingen verlaufenden Straße befasst hat, davon ist nichts bekannt. Sie wurde wahrscheinlich erst in napoleonischer Zeit unter der Verwaltung des Präfekten Jeanbon St. André ausgebaut. An die Epoche der Zugehörigkeit zu Kurpfalz erinnert heute die "Kurpfalzstraße", die von der Grundstraße zum Sandhobel führt, sowie der daneben gelegene "Kurpfalzkindergarten". Der vorletzte Wittelsbacher Kurfürst, Karl-Theodor, starb 1799 in München. Da mit ihm die Linie Pfalz-Sulzbach erloschen war, folgte mit Maximilian Joseph (später "König Max") aus dem Hause Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld ein Vertreter der letzten nun noch existierenden Wittelsbacher Linie. Er war damit zugleich theoretisch auch noch Kurfürst von der Pfalz, obwohl es diese seit den französischen Revolutionskriegen linksrheinisch praktisch nicht mehr gab. Als im Frieden von Lunéville 1801 die deutschen Gebiete links des Rheines auch völkerrechtlich an Frankreich abgetreten worden waren, bestand die einzige Regierungshandlung des französisch erzogenen Maximilian Joseph als Pfalzgraf bei Rhein darin, auf diese pfälzischen Gebiete links des Rheines zu verzichten. Napoleon belohnte seine Treue zu Frankreich 1805 mit einer Aufwertung zum König (gültig ab 1.1.1806).
Gs, erstmals: 12.03.06; Stand: 15.02.10 |
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Themenseiten
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Das Privileg von 1747
Streit um die Zehntabgabe
Einwohner- und
Vermögensstatistik der Orte des Amtes Oppenheim 1577
Demographische
Daten von Ober-Ingelheim
Bevölkerungswachstum und
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Berufe und
Ämter in Ober-Ingelheim
Maulbeerbäume zur Seidenraupenzucht
Landwirtschaft im 18. Jh.
Ingelheim,
Frei-Weinheim und Groß-Winternheim im Jahre 1787
Literaturhinweise