Ingelheim unter pfälzischer Herrschaft 
(15. bis 18. Jahrhundert)

Autor: Hartmut Geißler  

Das Standardwerk zur "Geschichte der Kurpfalz" ist das gleichnamige zweibändige Werk von Meinrad Schaab.


1.
Die Vielfalt der Pfalzbegriffe

Kohnle (S. 11f.) unterscheidet folgende drei Pfalzbegriffe mit unterschiedlichem Gebrauch durch die Jahrhunderte:

  1. den dynastischen Pfalzbegriff, wobei "Pfalz" die Familie der pfälzischen Wittelsbacher, aus der seit 1214 die Pfalzgrafen bei Rhein stammen, bezeichnet

  2. den territorial-politischen Pfalzbegriff, der unter der "Pfalz" das versteht, worüber die Wittelsbacher regierten, also ihre Territorien (sprachlicher Gebrauch seit 1228 nachweisbar)

  3. den geographischen Pfalzbegriff, der unter der "Pfalz" eine Landschaft verstand bzw. versteht, die früher schwerpunktmäßig rechts des Rheines um Odenwald, Bergstraße und Neckar (Heidelberg, Mannheim) lag, linksrheinisch um Alzey und Neustadt/Weinstraße, am Mittelrhein um Bacharach und Kaub, heute aber fast nur mehr im Süden des Bundeslandes "Rheinland-Pfalz" so genannt wird, abgesehen von der heute bayerischen "Oberpfalz".

Gebiete der "Kurpfalz" am Rhein in Auswahl
aus "Pfalzatlas"

http://www.uni-heidelberg.de/fakultaeten/philosophie/zegk/fpi/karte.html
(16.08.09)
Der Ingelheimer Grund liegt grün und gelb am Rheinknie.
Detailkarte s.u.


Und viertens haben wir in Ingelheim eine "Pfalz", nämlich den repräsentativen Königshof aus karolingischer Zeit, das "palatium", mit der Aula Regia, der halbkreisförmigen Exedra und anderen repräsentativen Bauten. 

Es gibt also in Ingelheim eine "Pfalz", die früher zur "Pfalz" gehört hat, aber nicht in der heute so genannten "Pfalz" liegt, was so manchen Pfalzbesucher etwas verwirrt.

Zur Verwaltung solcher Königshöfe für das Reisekönigtum gab es schon in merowingischer Zeit "Pfalzgrafen" (erste Erwähnung des Begriffs 577, lateinisch "comes palatii" und später "comes palatinus"), die sich im 10. und 11. Jahrhundert in den verschiedenen Stammesherzogtümern des deutschen Reiches regionalisierten. In einer Familie solcher Pfalzgrafen, den sog. Ezzonen und Hezzeliniden, aus dem nordlothringisch-niederrheinischen Raum wurde um das Jahr 1000 herum der Titel "Pfalzgraf" erblich. Ein Ezzo veranstaltete im Jahre 1025 in Aachen einen Hoftag des gesamten lothringischen Adels. (Schaab, S. 18-20)

Später ging der Titel mit seinem Besitz auf andere Familien über, auch auf Mitglieder der Staufer und der Welfen.  Der territoriale Schwerpunkt dieser rheinischen Pfalzgrafschaft verlagerte sich dabei aus dem nordlothringisch-niederrheinischen Raum über die Eifel und die Mosel in die Gebiete von Hunsrück und Neckar, also in die später so genannte "Rheinpfalz".



2. Die Wittelsbacher als "Pfalzgrafen"

Im Jahre 1214 übertrug Kaiser Friedrich II. dem bayrischen Wittelsbacher Ludwig, dessen Vater Otto schon 1180 von Barbarossa das Herzogtum Bayern anstatt des abgesetzten Welfen Heinrich des Löwen bekommen hatte, zusätzlich diese Pfalzgrafschaft am Rhein

Die Familie der Wittelsbacher taucht erstmals 1079 in Quellen auf mit Otto I., dem Grafen von Scheyern, dessen Stammsitz südwestlich von Pfaffenhofen an der Ilm lag. Seit 1115 nannten sich diese Grafen nach ihrer neuen Burg Wittelsbach bei Aichach "Pfalzgrafen von Wittelsbach".

Streitigkeiten um die Aufteilung des bayrischen und rheinpfälzischen Besitzes wurden unter König Ludwig dem Bayern im Hausvertrag von Pavia (1329) geregelt:
Das Wittelsbacher Territorium wurde unter die Linien der "Pfalz" und Bayern aufgeteilt, die "Oberpfalz" (heute ein bayrischer Regierungsbezirk östlich von Nürnberg) kam an die rheinische "Pfalz", die sie im Dreißigjährigen Krieg an Bayern verlor.

Beim Aussterben eines Familienzweiges sollte ein anderer in festgelegter Reihenfolge an seine Stelle treten und das Kurrecht sollte abwechselnd ausgeübt werden; das wurde aber nicht praktiziert , weil es unter Karl IV. in der Goldenen Bulle von 1356 allein den Pfalzgrafen bei Rhein zugewiesen wurde, was die bayerischen Wittelsbacher freilich nie akzeptierten.

Im Laufe der Zeit ergaben sich mehrere Familienzweige der pfälzischen Wittelsbacher, deren Kurfürsten von Frau Köhler übersichtlich dargestellt sind. Man sollte diese Genealogie am besten ausdrucken und bei der Lektüre der Themenseiten zur Hand haben.

1. die alte Pfälzer Linie (Pfalz-Heidelberg)
2. die Linie Pfalz-Simmern (im Hunsrück)
3. die Linie Pfalz-Neuburg (an der Donau)
4. die Linie Pfalz-Sulzbach (heute Sulzbach-Rosenberg östlich von Nürnberg)



3. Die Verpfändung des Ingelheimer Reiches an Kurpfalz


Als die deutschen Könige und römischen Kaiser keine ländlichen Pfalzen mehr zu Reichstagen, Synoden und Festen benutzten, wurde das Ingelheimer Reichsgebiet im 14. Jahrhundert mehrfach an verschiedene Geldgeber verpfändet, schließlich 1375/76 durch Kaiser Karl IV. an die Heidelberger "Kurpfalz". Im Jahre 1402 wurde diese Verpfändung erneuert und quasi zementiert, da der 1400 zum deutschen König erhobene Kurfürst Ruprecht von der Pfalz nun selbst als König das Verpfändungsgebiet (Oppenheim, Ingelheim u.a.), dessen eigener Pfandherr er ja war, nochmals für 100.000 Gulden an seinen Sohn Ludwig verpfändete, eine sehr hohe Summe, die man vom Reich her wohl kaum jemals wieder einlösen konnte und wollte (Urkunde vom 23.08.1402). Mit solchen "Verpfändungen" umging man das päpstliche Zinsverbot für Kredite.


Östlich und westlich davon liegt (weiß)
Kurmainzer Gebiet
Beides aus "Pfalzatlas" (s.o.)

Als im Dreißigjährigen Krieg die Kaiserlichen unter Spinola die Kurpfälzer besiegt und die Pfandorte eingenommen hatten (1621), wandte sich das Niersteiner Rittergericht - auch Nierstein gehörte zum Pfandgebiet - brieflich an den Kaiser Ferdinand II. (26. Mai) mit der Bitte, die Pfandschaft aufzuheben und die Pfandgebiete wieder direkt dem deutschen König zu unterstellen. Der Kaiser antwortete ein halbes Jahr später mit der Aufforderung, die Originalurkunden der Pfandschaft einzusenden, und schickte außerdem eine Kopie des Briefes an Spinola. Mehr wurde daraus aber nicht, im Gegenteil, die Regierung Ferdinands erwog sogar, die Oppenheimer Pfandgebiete im Austausch gegen anderes dem Kurfürstentum Mainz zu überlassen. (Reifenberg, S. 191)

Im Friedensschluss 1648 wurde das bisherige Reichs-Pfandgebiet in einen regelrechten Territorialbesitz der wieder hergestellten Kurpfalz umgewandelt, zwar nicht ausdrücklich, aber von der Diktion des Vertrages als selbstverständlich vorausgesetzt (Reifenberg, S. 187). Kurpfälzisch blieb es bis zum Frieden von Lunéville 1801, in dem das Reich das gesamte Gebiet links des Rheins und damit auch den Ingelheimer Grund an Napoleons Frankreich abtrat.


Ein kurpfälzischer "Schaffner" im ehemaligen Karlsstift, der seinerseits einem Amtmann im kurpfälzischen Oppenheim
unterstand, verwaltete die Einnahmen des ehemaligen Stiftes. Nach Oppenheim wurden auch die anderen Abgaben abgeführt, die von Ingelheimern an Kurpfalz zu leisten waren. Die Dörfer des von der Pfälzer Verwaltung so genannten "Ingelheimer Grundes" 

- Nieder-Ingelheim, 
- Ober-Ingelheim, 
- Frei-Weinheim, 
- Groß-Winternheim, 
- Schwabenheim, 
- Wackernheim,
- Bubenheim und 
- Elsheim 
waren zu einem Anhängsel der kurpfälzischen Amtsstadt Oppenheim geworden, zu der außer Nierstein auch noch Schwabsburg und Dexheim gehörten.



4. Der Ingelheimer Reichsgrund in Pfälzer Zeit

Die vier Jahrhunderte der Zugehörigkeit des Ingelheimer Grundes zum Kurfürstentum der "Pfalz bei Rhein" - von etwa 1400 bis etwa 1800 - haben im historischen Gedächtnis der Ingelheimer meist nicht den Stellenwert wie die Epochen des frühen und hohen Mittelalters unter den Karolingern, den sächsischen und den salischen Kaisern, als die Ingelheimer "Pfalz" zeitweise ein politischer Ort mit europäischer Bedeutung war. 

Die ritterliche Blütezeit im 13., 14. und 15. Jahrhundert, als der Ingelheimer Oberhof von vielen Orten der Region um juristischen Rat angegangen wurde und als im 15. Jh. die Burgkirche neu gebaut wurde (s. die Rittergrabmäler dort), wird meist nicht mit der Kurpfalz in engere Verbindung gebracht, denn sie wurden in Kurpfälzer Zeit sozusagen nur fortgesetzt.

In zwei Bereichen hat die Zugehörigkeit Ingelheims zur Kurpfalz allerdings tiefe und z. T. schmerzliche Spuren hinterlassen. Es waren

  1. die vielen Kriege der Kurpfalz, in die auch Ingelheim verwickelt wurde und die besonders in Nieder-Ingelheim immer wieder zu Militärdurchzügen, Einquartierungen, Belagerungen und Verwüstungen geführt haben, und

  2. das wiederholte Hin und Her der drei Konfessionen (Katholiken, Lutheraner und Reformierte), insgesamt sieben Mal (so Schaab), je nachdem, welche Pfälzer Linie oder welche ausländische Besatzungsmacht ihre Konfession bei den Untertanen durchzusetzen versuchte.

Daher wird die Geschichte Ingelheims in dieser langen Epoche vorwiegend als eine Geschichte von Kriegen (und ihrem Gefolge als Geschichte von Seuchen und Hungersnöten) und als eine Geschichte von Konfessionsstreitigkeiten gesehen und beschrieben. Häufig in Verbindung mit Kriegen, aber auch in Friedenszeiten zogen immer wieder Seuchen durch das Land. Am schlimmsten war die Beulenpest- Epidemie, die im Jahre 1666 den Rhein herauf zog und auch in unserer Region zu einem Bevölkerungsverlust von ca. einem Drittel führte (s. Rettinger, S. 22f.). Philipp Krämer hat für Ober-Ingelheim sogar einen Bevölkerungsrückgang nach der Pest von 1666/67 auf unter 300 Seelen  von ca. 800 errechnet, also Verluste von mehr als 63% . 

Bei Reifenberg (S. 183) findet sich eine Einwohner- und Vermögensstatistik für das Jahr 1577.

Gleichwohl, so das Fazit von Rettingers demographischem Vergleich der Daten von Mainz mit denen des Umlandes, war "auf längere Perspektive sowohl im 17. als auch im 18. Jahrhundert ein Bevölkerungswachstum auf dem Lande zu konstatieren."  - Davon muss man wohl auch in den Ingelheimer Dörfern ausgehen, auch wenn in Ober-Ingelheim die Bevölkerungszahl von ca. 1000 Einwohnern aus der Zeit um 1600 erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts wieder erreicht und dann übertroffen wurde.
Aus Ober-Ingelheim ist auch eine Aufstellung von bürgerlichen Berufen und Ämtern bis aus der kurpfälzischen zeit bekannt.

In diese Epoche der Zugehörigkeit zur Kurpfalz fallen auch die Hexenprozesse im Ingelheimer Grund, im Jahre 1543 und vielleicht auch noch 1555. Mindestens drei Frauen sind in ihrem Verlauf verbrannt worden. Die spätere Intensivierung kurpfälzischer Aufsicht über das Gerichtswesen auch im früher selbständigen Ingelheimer Grund dürfte im 17. Jahrhundert weitere Hexen-Prozesskaskaden wie in Kurmainz und Kurtrier wohl verhindert haben.

Heutige Touristen suchen in der Regel nach der "Pfalz" Karls des Großen, aber fragen so gut wie nie nach Spuren der Kur-"Pfalz", und man könnte ihnen auch nur wenige Bauten aus jener Zeit zeigen, die auf Kurpfälzer Einfluss zurückgehen, fast nur die barocke Remigiuskirche in Nieder-Ingelheim und die ebenfalls barocke kleine Kirche St. Michael in Ober-Ingelheim, beide aus einer Epoche, in der katholische Pfalzgrafen herrschten. 

Schließlich haben die Pfälzer Kurfürsten durch die Schaffnerei im Saal die noch verwertbaren Baureste aus den Pfalzruinen lieber zum Bau des Heidelberger Schlosses abtransportieren lassen, z. B. Säulen, als selbst im Ingelheimer Grund zu investieren. Lediglich die auf den staufischen Burgenbau zurückgehenden Wehrmauern des Saales scheinen verschiedentlich ausgebessert worden zu sein.

Der gerade Mauerverlauf unten entspricht dem Verlauf der Aula Regia, oben in der Mitte ist das 
sog. Heidesheimer Tor, rechts unten der Boländer.

Nur von einer einzigen größeren Investitionsplanung ist etwas bekannt, nämlich vom Vorschlag des Kurpfälzer Beamten Laurentius Engelhart, der zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges durch die untere Pfalz reiste, um die dortigen Befestigungen zu inspizieren. Da die mittelalterlichen Wehrmauern des "Saales" nicht mehr in einem zeitgemäßen Verteidigungszustand waren, schlug er den Ausbau des Nieder-Ingelheimer Saales vor in eine damals moderne Festung.

Die Ausführung dieses Planes unterblieb jedoch aus Geldmangel, zumal der Dreißigjährige Krieg sowieso die kurpfälzische Herrschaft für Jahrzehnte hinwegfegte.

Als die kurpfälzische Regierung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine merkantilistische Wirtschaftspolitik betrieb, wurde auch in Ingelheim der Anbau von Maulbeerbäumen zur Seidenraupenzucht gefördert. 

Ob sich die kurpfälzische "Chaussée-Commission", die 1764 gegründet worden ist, auch mit der von Mainz nach Bingen verlaufenden Straße befasst hat, ist nicht bekannt. Sie wurde wahrscheinlich erst in napoleonischer Zeit unter der Verwaltung des Präfekten Jeanbon St. André ausgebaut.

An die Epoche der Zugehörigkeit zu Kurpfalz erinnert heute die "Kurpfalzstraße", die von der Grundstraße zum Sandhobel führt, sowie der daneben gelegene "Kurpfalzkindergarten".

Der vorletzte Wittelsbacher Kurfürst Karl-Theodor starb 1799 in München. Da mit ihm die Linie Pfalz-Sulzbach erloschen war, folgte mit Maximilian Joseph (später "König Max") aus dem Hause Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld ein Vertreter der letzten nun noch existierenden Wittelsbacher Linie. Er war damit zugleich theoretisch auch  noch Kurfürst von der Pfalz, obwohl es diese seit den französischen Revolutionskriegen linksrheinisch praktisch nicht mehr gab. Als im Frieden von Lunéville 1801 die deutschen Gebiete links des Rheines auch völkerrechtlich an Frankreich abgetreten worden waren, bestand die einzige Regierungshandlung des französisch erzogenen Maximilian Joseph als "Pfalzgraf bei Rhein" darin, auf diese ehemals pfälzischen Gebiete links des Rheines zu verzichten. Napoleon belohnte seine Treue zu Frankreich 1805 mit einer Aufwertung zum König (gültig ab 1.1.1806).







Gs, erstmals: 12.03.06; Stand: 23.08.10


Themenseiten


Die pfälzischen Kurfürsten (Überblick)

Die Religions- und Machtpolitik kurpfälzischer Herrscher in der Neuzeit

Doppeladler im Ingelheimer Reich

Burgmannen im Saal

Das Turnier von 1337

Ritter Philipp von Ingelheim

Schlacht bei Bulgnéville 1431

Der Ingelheimer Oberhof und die Haderbücher

Die Reformation in Ingelheim

Konfessionen in Ingelheim im 16. bis 18. Jahrhundert

Hexenprozesse 
in Ingelheim?


Ingelheimer Standeskämpfe und kurpfälzische Schlichtung

Ehen ohne Wissen und Erlaubnis der Eltern sind verboten

Kriege in Kurpfälzer Zeit

Die französische Gefangenschaft des Schultheißen von Nieder-Ingelheim 1704

Erlass Carl Ludwigs gegen Soldatenübergriffe

Streit um die Rheinauen

"Kundschaft über den Staden des Rheins" 1454

Der Festungsplan des 17.  Jahrhunderts

Die Remigiuskirche

Grabplatte Hartung, Pesttote von 1666 

Anton Otto von Cloß 

Die Cloß'sche Stiftung

Epitaph Gerhard von Schrieck (Remigiuskirche)

Lopes de Villanova

Haxthäuser Hof

Das Privileg von 1747

Streit um die Zehntabgabe

Einwohner- und Vermögensstatistik der Orte des Amtes Oppenheim 1577

Demographische Daten von Ober-Ingelheim

Bevölkerungswachstum und Auswanderung im 18. Jh.

Berufe und Ämter in Ober-Ingelheim

Maulbeerbäume zur Seidenraupenzucht

Landwirtschaft im 18. Jh.

Ingelheim, Frei-Weinheim und Groß-Winternheim im Jahre 1787

Literaturhinweise