| Ingelheim in der
Zeit der Ottonen und Salier (10. bis 12. Jh. n. Chr.) Autor: Hartmut Geißler Nach dem glanzvollen Beginn unter Karl dem Großen und seinem Sohn Ludwig ist die Ingelheimer Pfalz etwa ein Jahrhundert lang wenig benutzt und wahrscheinlich auch nicht mehr gepflegt worden.
In dieser Zeit der sächsischen Könige erlebte die Ingelheimer Pfalz Karls des Großen einen erneuten Aufschwung, sie wurde für große Feste und Reichstage renoviert und ausgebaut und hatte nun ihre zweite Blütezeit, die fast ein Jahrhundert anhielt. Ingelheim war in dieser Zeit - ähnlich wie in der Römerzeit - durch Rechte und Pflichten eng mit der benachbarten Metropole Mainz verbunden. Wie andere Dörfer beiderseits von Rhein und Mainmündung waren auch die Ingelheimer Dörfer für die Instandhaltung von 25 Zinnen der Mainzer Stadtbefestigung verpflichtet (Tribur 30, Nieder-Olm 24, Oppenheim mit Dienheim 18, Algesheim 16 Zinnen). Dafür genossen sie Schutzrecht in der Stadt und Abgabenfreiheit auf ihren Märkten (Classen S. 115) "Und doch vermag auch diese Zeit den Geschichtsschreiber des Ortes nicht voll zu befriedigen. Was wir erzählen können, das sind die Ereignisse weniger Tage und Wochen, an denen der Herrscher und seine Umgebung sich am Orte aufhielten. Von dem Orte selbst und seinen Bewohnern dagegen erfahren wir fast überhaupt nichts. Es klingt wie eine Ironie, aber die einzigen, von denen wir wissen, daß sie längere Zeit am Ort gewohnt haben, waren die Gefangenen; denn Ingelheim diente auch als Gefängnis für Personen fürstlichen Ranges. Heinrich, der Bruder Ottos des Großen, wurde etwa vom Mai bis Dezember 941 dort festgesetzt, bis er am Weihnachtsfest in Frankfurt des Königs Verzeihung erhielt; und sein Sohn Herzog Heinrich II. von Bayern, "der Zänker", war vom Sommer 974 bis zum Beginn des Jahres 976 in Ingelheim der Gefangene seines Vetters, Kaiser Ottos II. Unwillkürlich erhebt sich die Frage, wer die Pfalz in Abwesenheit des Königs verwaltete, wer für die Bewahrung der Gefangenen verantwortlich war; eine Frage, die um so brennender wird, als es beiden Heinrichen gelang, sich zu befreien. Wir hören nur, daß 941 ein Diakon der Mainzer Kirche seine Hand im Spiel gehabt haben soll, erfahren aber nichts über die eigentlichen Wächter und Verwalter der Pfalz". (Classen, S. 115) Befriedigende Antworten auf diese Fragen gibt es bis heute nicht. Belegte Herrscheraufenthalte (möglich sind viel mehr!): König Heinrich I. (919- 936) 1 mal Kaiser Otto I. (936- 973) 10 mal Kaiser Otto II. (973- 983) 3 mal Kaiser Otto III. (983-1002) 13 mal Heinrich II. (1002-1024) 6 mal Konrad II. (1024-1039) 3 mal Heinrich III. (1039-1056) 2 mal Heinrich IV. (1056-1106) 2 mal Heinrich V. (1106-1125) 1 mal Für Theophanu, die byzantinischen Mutter des jungen Otto III., wurde die Ingelheimer Pfalz geradezu zum „Hauptstützpunkt ihrer Regierung“ (Grewe). Nach seiner Kaiserkrönung in Rom 996 und unter einem anderen Berater (Gerbert von Reims) änderte sich das allerdings: Nun sollte Aachen die nach Rom zweite Residenz werden, Ingelheim musste zurücktreten. Während die karolingische Pfalz einen vorwiegend weltlichen Charakter gehabt hatte, wandelte sich ihre Funktion unter den Ottonen zu einer derjenigen Pfalzen, in denen in enger Verflechtung von weltlicher Macht und geistlicher Legitimation (imperium und sacerdotium) große Reichstreffen mit religiöser Begleitung organisiert wurden. Denn die neuen Könige benutzten die renovierte und umgebaute Pfalz in Ingelheim außer zu Reichstagen häufig zu Bischofssynoden und Festtagsfeiern an Ostern (kaum jedoch an Weihnachten - einmal 1029 nach den Hildesheimer Annalen - und an Pfingsten selten). Sie wurden stets begleitet von "Festkrönungen", unter den Ottonen mindestens siebenmal in Ingelheim, unter den Saliern noch mindestens dreimal. Für diesen politisch-religiösen Repräsentationsbedarf waren die beiden bisherigen kaiserlichen Pfalzkapellen, ein kleiner Trikonchenbau und auch dessen etwas größerer Nachfolgebau, deren Fundamente Holger Grewe 2005 nachgewiesen hat, zu klein, so dass nun (um 950) eine neue große Pfalzkirche im rechten Winkel zur die Aula Regia gebaut wurde, die heute so genannte (evangelische) "Saalkirche": Begonnen wurde sie als einschiffiger Kreuzkirchenbau mit halbrunder Apsis; in der Folgezeit erlebte sie manche Umbauten, Zerstörungen und Wiederaufbauten. Ihre Baugeschichte wurde durch die Grabungen von Sage, Ament und Wengenroth in den 1960er Jahren verlässlich erforscht. Holger Grewe übernimmt diese Ergebnisse und hat sie 2005 im nördlichen Seitenschiff der Kirche in Texten und Bildern dargestellt. Siehe Ball und Henn! Besichtigung: Eingang durch die nördliche Tür; Öffnungszeiten: wie das Museum Gleichzeitig diente die renovierte Pfalz aber auch weiter für wichtige politische Ereignisse, glanzvolle Hoftage und Synoden, z. B.: 941 setzte Otto seinen aufständischen Bruder Heinrich in Ingelheim in Haft. 948 Generalsynode in Anwesenheit König Ottos I. und des französischen Königs Ludwigs IV. zur Schlichtung innerfranzösischer Streitigkeiten 972, im Herbst, wieder eine große Synode für die gesamte deutsche Kirche 980 zu Ostern wieder eine große deutsche Synode unter Otto II.
Dieses Hochzeitsfest war die letzte große Feier in der Ingelheimer Pfalz. Was ein halbes Jahrhundert später folgte, war nur mehr ein trauriges Ereignis: 1105, am 31.Dezember, wird Heinrich IV. von seinem Sohn in Ingelheim zur Abdankung gezwungen, in Anwesenheit von Fürsten des Mainzer Reichstages Diese Vorgänge zeigen, dass sich das Leben im 11. Jh. gewandelt hatte; für Reichstage bevorzugt wurden nun nicht mehr ländliche Pfalzen wie Ingelheim, sondern die durch anwachsenden Handel aufblühenden Städte: z. B. Worms, Mainz, Frankfurt. Die mit der Festkrönung verbundenen Festtage wurden nun in Bischofsstädten gefeiert. Zu diesem Zweck erhielten viele Bischofskirchen schon unter Heinrich II. ausgedehnte Schenkungen an Grundbesitz und Hoheitsrechten, eine Tendenz, die sich unter seinen Nachfolgern fortsetzte. Die großen Dombauten sind ein eindrucksvolles Zeichen dieses Wandels: Dome in Mainz, Lüttich, Worms, Basel, Paderborn, Merseburg, Straßburg und Speyer - der Speyrer Dom, das Symbol eines Kaiserdomes schlechthin. Im Vergleich dazu, stellt Classen (S. 120) fest, war die Ingelheimer Pfalzkirche nur "ein bescheidenes und altmodisches Kirchlein". Zudem bevorzugten die Könige und Kaiser nunmehr feste Residenzen, die Zeit des Reisekönigtums ging allmählich zu Ende. Damit teilte die Ingelheimer Pfalz das Schicksal vieler anderer Pfalzen, so z.B. der Frankfurter Pfalz: Die ländlichen Pfalzen hatten als königliche Repräsentations- und Festtagsorte ausgedient. So fand 1105 z. B. der Reichstag zur Absetzung Heinrichs IV. in Mainz statt, während die Ingelheimer Pfalz lediglich aus Sicherheitsgründen zur Amtsenthebung und als Gefängnis (?) benutzt wurde. Den Ingelheimer Reichsdörfern gelang es bis ins 20. Jh. nicht zu einer „Stadt“ zu werden, etwa im Gegensatz zum benachbarten Gau-Algesheim, auch wenn sie sich z. T. durch Mauern umgaben. Das hatte wohl folgende Gründe: (Nieder-) Ingelheim liegt nicht direkt am Rhein, wenn auch an der wichtigen Straße von Mainz nach Bingen (und weiter nach Trier bzw. Köln); doch der geringe Querverkehr durch das Selztal ließ keinen größeren Marktort an der Kreuzung beider Straßen entstehen, obwohl Pfalzgraf Ruprecht I. am 27. September 1381 Nieder-Ingelheim das Privileg eines Wochenmarktes an Dienstagen einräumte (erneuert am 7.2.1572). Ober-Ingelheim liegt ruhig abseits im Selztal. Und Ingelheims Rheinhafen Frei-Weinheim liegt in einem flachen, stark überschwemmungsgefährdeten Ufergebiet, so dass auch er nie die Bedeutung der Häfen in Bingen und Mainz erreichen konnte, obwohl die Pfälzer Kurfürsten immer wieder auf ihren Hafenrechten (mit Kran) pochten. Getreidelt wurde sowieso aus geologischen Gründen auf der anderen Rheinseite, im Rheingau auf kurmainzischem Gebiet.
Gs, erstmals: 12.08.07; Stand: 01.06.09 |
