Ingelheim in der
Zeit der Ottonen und Salier
(10. bis 12. Jh. n. Chr.)
Autor: Hartmut Geißler
Nach dem glanzvollen Beginn unter Karl dem Großen und
seinem Sohn Ludwig ist die Ingelheimer Pfalz etwa ein Jahrhundert lang
wenig benutzt und wahrscheinlich auch nicht mehr gepflegt worden.
Als aber im 10. Jh. die (nieder-) sächsischen Herzöge die Karolinger
ablösten, als sie mit Heinrich I. den deutschen König stellten und mit dessen Sohn
Otto I. auch den "römische Kaiser", knüpften sie gezielt an karolingische
Traditionen an, z. B. an die Krönung in Aachen, der Lieblingspfalz Karls,
und an Aufenthalte in der karolingischen Pfalz Ingelheim.
Als erste erwähnen die Salzburger Annalen Ingelheim wieder kurz in einer
"trockenen" Bemerkung 928:
"Estas sicca fuit.
Colloquium ad Ingilheim" (= "Der Sommer war trocken. Hoftag
in Ingelheim.")
Otto I. und seine erste Frau Editha (?)
Magdeburg, Mitte 13. Jh.
aus: Ingelheim am Rhein 774-1974, S. 239
Den Zeitpunkt dieses Hoftages vermutet Classen,
S. 105, trotz der Verknüpfung mit dem trockenen Sommer kurz vor oder kurz nach dem Weihnachtsfest, das
Heinrich in Mainz feierte.
In dieser Zeit der sächsischen Könige erlebte die Ingelheimer Pfalz Karls des
Großen einen erneuten Aufschwung, sie wurde für große Feste und
Reichstage renoviert und ausgebaut und hatte nun ihre zweite Blütezeit, die
fast ein Jahrhundert anhielt.
Und weil die Großen des Reiches deswegen nicht selten in Ingelheim
unterkommen mussten, beschafften sich einige sogar Bauplätze für feste
Häuser, um nicht immer auf Zelte angewiesen zu sein. Denn die
Pfalzgebäude selbst konnten bei weitem nicht alle Gäste beherbergen.
Als Beispiel hier die Angaben aus einer Schenkungsurkunde Ottos III. vom
22.09.994 (aus Solingen), Dipl. Ottos III, 147:
Wegen der bisherigen häufigen und hilfsbereiten Beherbergung seines
Vaters (Ottos II.), seiner Mutter Theophanu und seiner eigenen Bewirtung
durch Hugo ("servitium") schenkt Otto ihm eine Bauplatz
in Ingelheim und ein Bauerngut in Ober-Ingelheim dazu:
"... desiderio ac petitioni illius concessimus et dedimus infra
curtem et palatium nostrum Inglinheim vocatum locum unum habentem
sexaginta duos pedes in longitudine iuxta eum locum quem dedimus
Argentinensis ecclesie Viderolto episcopo eiusdem mensure situm, ut ibi
faciat aedificia sibi congrua in quibus manere possit, quotienscumque
imperialis vel regalis conventus paschali aut alio tempore ibi habeatur..."
Übersetzung:
"... auf sein Verlangen und Bitten hin haben wir [ihm] überlassen und
gegeben ein Grundstück ("locum") unterhalb (!) von unserem
Hofgut und unserer Pfalz, genannt Inglinheim, von 62 Fuß in der Länge
[ca. 20 m] neben dem Grundstück, das wir dem Bischof der Kirche von
Straßburg, Wilderod, gegeben haben, mit denselben Maßen, damit er sich
dort passende Gebäude errichten kann, in denen er unterkommen kann,
sooft dort kaiserliche oder königliche Hoftage abgehalten werden, an
Ostern oder zu einer anderen Zeit."
Wahrscheinlich hat es also zu jenen Zeiten häufiger Benutzung der
Ingelheimer Pfalz eine ganze Reihe solcher Gästehäuser gegeben, auf
Streifengrundstücken nebeneinander, deren Streifenbreite
selbstverständlich war und deshalb nicht angeben wurde, nur die Länge.
Streifenhäuser der römischen Vici
hatten normalerweise eine Breite zwischen 5 und 16 m und eine Länge bis
zu 40 m (das Haus!). Solche "mansiones" der
Großen des Reiches sind nach Schmitz, Fiskus, S. 170, auch aus anderen
Königspfalzen bekannt: aus Frankfurt, Regensburg, Pavia und Aachen.
Wo in Ingelheim sie genau lagen, lässt sich diesem Wortlaut nicht entnehmen. Eine
Lage an
der oberen Mainzer Straße würde nicht zu "infra" =
"unterhalb" passen, was eher auf eine Lage an einer
unteren Straße verweist, also entweder an der heutigen Binger Straße oder an der
unteren Straße von Heidesheim her (heute Wilhelm- von- Erlanger-
Straße/Turnierstraße)
oder auf dem Böhl. "Zwischen" der Pfalz, und dem
vermutlichen Hofgut auf dem Belzen, wie Schmitz,
Fiskus, S. 169, es vorzieht, müsste heißen: "inter";
"innerhalb" der Pfalz müsste heißen "intra";
beide Lesarten setzen also einen Schreibfehler oder schlechtes Latein
voraus.
Nicht nur der König also war damals dauernd auf
Reisen ("Reisekönigtum"), sondern notgedrungen auch die
Großen des Reiches, ob in der Toskana ("Tuscien") oder in
Ingelheim. Heute kaufen sich manche Deutsche ein Haus in der Toskana,
damals brauchte der wichtigste Verbündete Ottos aus der Region, durch
die ein Zug nach Rom führen musste, eine Bleibe in Ingelheim.
Ausgestellt wurde die Urkunde übrigens in Sohlingen (sic!),
heute ein Ortsteil der Stadt Uslar am Solling.
Hugo scheint diesen Bauplatz dann doch nicht genutzt, sondern ihn an
einen Grafen
Tammo weiterempfohlen zu haben, wie aus
einer anderen Schenkungsurkunde Ottos III. von 12.05.1001 (Nr. 403) hervorgeht, vielleicht weil Otto nach seiner Volljährigkeit die
Pfalz in Ingelheim immer weniger benutzte.
Ingelheim war in jener Zeit - ähnlich wie in der Römerzeit - durch
Rechte und Pflichten auch eng mit der benachbarten Metropole Mainz verbunden.
Wie andere Dörfer beiderseits von Rhein und Mainmündung waren
auch die Ingelheimer Dörfer für die Instandhaltung von 25 Zinnen der
Mainzer Stadtbefestigung verpflichtet (Tribur 30, Nieder-Olm 24,
Oppenheim mit Dienheim 18, Algesheim 16 Zinnen). Dafür genossen sie
Schutzrecht in der Stadt und Abgabenfreiheit auf ihren Märkten (Classen
S. 115).
"Und doch vermag auch diese Zeit den Geschichtsschreiber des Ortes nicht voll
zu befriedigen. Was wir erzählen können, das sind die Ereignisse
weniger Tage und Wochen, an denen der Herrscher und seine Umgebung sich
am Orte aufhielten. Von dem Orte selbst und seinen Bewohnern dagegen
erfahren wir fast überhaupt nichts.
Es klingt wie eine Ironie, aber die einzigen, von denen wir wissen, daß
sie längere Zeit am Ort gewohnt haben, waren die Gefangenen; denn
Ingelheim diente auch als Gefängnis für Personen fürstlichen Ranges.
Heinrich, der Bruder Ottos des Großen, wurde etwa vom Mai bis Dezember
941 dort festgesetzt, bis er am Weihnachtsfest in Frankfurt des Königs
Verzeihung erhielt; und sein Sohn Herzog Heinrich II. von Bayern, "der
Zänker", war vom Sommer 974 bis zum Beginn des Jahres 976 in
Ingelheim der Gefangene seines Vetters, Kaiser Ottos II.
Unwillkürlich erhebt sich die Frage, wer die Pfalz in Abwesenheit des Königs
verwaltete, wer für die Bewahrung der Gefangenen verantwortlich war;
eine Frage, die um so brennender wird, als es beiden Heinrichen gelang,
sich zu befreien. Wir hören nur, daß 941 ein Diakon der Mainzer Kirche
seine Hand im Spiel gehabt haben soll, erfahren aber nichts über die
eigentlichen Wächter und Verwalter der Pfalz". (Classen,
S. 115)
Befriedigende Antworten auf diese Fragen gibt es
bis heute nicht.
Belegte Herrscheraufenthalte jeweils in ihrer Regierungszeit (möglich sind viel mehr!):
König Heinrich I. (919- 936) 1 mal:
927
Kaiser Otto I. (936- 973)
10 mal: 937, 941, 948, 953, 956, 958, 961, 965 (2),
972
Kaiser Otto II. (973- 983) 3 mal:
976, 977, 980
Kaiser Otto III.(983-1002)13 mal: 984, 935, 987, 988, 989, 990 (?), 992, 993,
994 (2?), 996 (2), 1000
Heinrich II.
(1002-1024)
6 mal: 1006, 1008, 1009, 1011, 1017, 1018
Konrad II.
(1024-1039) 3 mal: 1024, 1030,
1036
Heinrich III. (1039-1056)
2 mal: 1040, 1043
Heinrich IV. (1056-1106)
2 mal: 1065, 1105
Heinrich V. (1106-1125)
1 mal: 1105 (zur Absetzung seines Vaters)
Für Theophanu, die byzantinischen Mutter des jungen Otto
III., war die
Ingelheimer Pfalz geradezu ein „Hauptstützpunkt ihrer Regierung“
(Grewe). Nach seiner Kaiserkrönung in Rom 996 und unter einem
anderen Berater (Gerbert von Reims) änderte sich das allerdings: Nun
sollte Aachen die nach Rom zweite Residenz werden, Ingelheim musste
zurücktreten.
Während die karolingische Pfalz einen vorwiegend weltlichen
Charakter gehabt hatte, wandelte sich
ihre Funktion unter den Ottonen zu einer derjenigen Pfalzen, in denen in
enger
Verflechtung von weltlicher Macht und geistlicher Legitimation (imperium und sacerdotium)
große Reichstreffen mit religiöser Begleitung organisiert wurden. Denn die neuen
Könige benutzten die renovierte und umgebaute Pfalz in Ingelheim außer zu
Hoftagen
häufig
zu Bischofssynoden und Festtagsfeiern an Ostern (kaum jedoch an Weihnachten -
einmal 1029
nach den Hildesheimer Annalen - und an Pfingsten selten). Sie wurden stets begleitet von "Festkrönungen", unter
den Ottonen mindestens siebenmal in Ingelheim, unter den Saliern noch
mindestens dreimal.
Für diesen politisch-religiösen Repräsentationsbedarf waren die beiden bisherigen
kaiserlichen Pfalzkapellen, ein kleiner Trikonchenbau
und auch dessen etwas größerer Nachfolgebau, deren
Fundamente Holger Grewe 2005 nachgewiesen hat, wohl zu klein, so dass nun (um 950) eine neue große Pfalzkirche im rechten Winkel
zur die
Aula Regia gebaut wurde, die heute so genannte (evangelische) "Saalkirche":
Links die Saalkirche von Südosten; im Vordergrund der südliche
Querhausflügel mit romanischer Apsis und zwei Türmen, links dahinter ein
neuzeitlicher Glockenturm von 1861 mit dem in den 1960er Jahren wieder auf
den ottonischen Fundamenten aufgebauten Langhaus
Unten die romanische Apsis des 10. Jh.
Fotos: Geißler
Begonnen wurde sie als
einschiffiger Kreuzkirchenbau mit halbrunder Apsis; in der Folgezeit
erlebte sie manche Umbauten, Zerstörungen und Wiederaufbauten. Ihre Baugeschichte wurde durch die
Grabungen von
Sage, Ament und Wengenroth in den 1960er Jahren verlässlich erforscht.
Holger Grewe übernimmt diese Ergebnisse und hat sie 2005 im
nördlichen Seitenschiff der Kirche in Texten und Bildern dargestellt. Siehe
Ball
und Henn!
Besichtigung: Eingang durch die nördliche Tür;
Öffnungszeiten: wie das Museum
Gleichzeitig diente die renovierte Pfalz aber auch weiter für wichtige politische Ereignisse,
glanzvolle Hoftage und Synoden, z. B.:
941 setzte Otto seinen aufständischen Bruder Heinrich in Ingelheim
in Haft. 948Generalsynode in Anwesenheit König Ottos I. und
des französischen Königs Ludwigs IV. zur Schlichtung
innerfranzösischer Streitigkeiten 972,
im Herbst, wieder eine große Synode für die gesamte
deutsche Kirche 980 zu Ostern wieder eine große deutsche Synode unter Otto II.
Heinrich II., Miniatur aus der Kaiserchronik
1017 Heinrich II. feiert ein prächtiges Osterfest in
Ingelheim 1018 feiert er Pfingsten in Ingelheim
1040 Heinrich III. feiert Ostern (6. April), das
letzte
königliche Osterfest in Ingelheim. Er beendete hier seinen Umritt durch
das Reich nach der Regierungsübernahme. Sein Aufenthalt dauert bis Ende April. Es kommen
u.a. burgundische Große, dem König
zu huldigen, und Erzbischof Aribert von Mailand, dem durch
Vermittlung der versammelten Fürsten Versöhnung gewährt wird.
1043Hochzeitsfest Heinrichs III. mit Agnes von Poitou
Dieses Hochzeitsfest war die letzte große Feier in der Ingelheimer
Pfalz.
Was ein halbes Jahrhundert später folgte, war nur mehr ein trauriges Ereignis:
Diese Vorgänge zeigen, dass sich
das Leben im 11. Jh. wandelte; für Hoftage bevorzugt
wurden nun nicht mehr ländliche Pfalzen wie Ingelheim, sondern die durch anwachsenden
Handel aufblühenden Städte: z. B. Worms, Mainz, Frankfurt. Die
damit verbundene wachsende Geldwirtschaft ermöglichte es auch dem
königlichen Hof, die Versorgungsleistungen nicht mehr nur auf
ländlich-naturwirtschaftlicher Grundlage zu beziehen, sondern zunehmend
auf städtischen Märkten gegen Bezahlung.
Die
mit der Festkrönung verbundenen Festtage wurden nun in
Bischofsstädten gefeiert. Zu diesem Zweck erhielten viele
Bischofskirchen schon unter Heinrich II. ausgedehnte Schenkungen an
Grundbesitz und Hoheitsrechten, eine Tendenz, die sich unter seinen
Nachfolgern fortsetzte. Die großen Dombauten sind ein
eindrucksvolles Zeichen dieses Wandels: Dome in Mainz, Lüttich, Worms,
Basel, Paderborn, Merseburg, Straßburg und Speyer - der Speyrer Dom, das Symbol eines
Kaiserdomes schlechthin. Im Vergleich dazu, stellt Classen (S. 120) fest,
war die Ingelheimer Pfalzkirche nur "ein bescheidenes und
altmodisches Kirchlein".
Zudem bevorzugten die Könige und Kaiser nunmehr feste Residenzen, die
Zeit des Reisekönigtums ging allmählich zu Ende. Damit teilte die
Ingelheimer Pfalz das Schicksal vieler anderer Pfalzen: Die ländlichen Pfalzen hatten als königliche
Repräsentations- und Festtagsorte ausgedient.
So fand 1105 z. B. der Hoftag zur Absetzung Heinrichs IV. in Mainz statt,
während die Ingelheimer
Pfalz lediglich aus Sicherheitsgründen zur Amtsenthebung und als
Gefängnis (?) benutzt wurde.
Den
Ingelheimer Reichsdörfern gelang es bis ins 20. Jh. nicht zu einer „Stadt“
zu werden, etwa im Gegensatz zum benachbarten Gau-Algesheim, auch wenn sie sich z. T.
mit Mauern umgaben.
Das hat folgende Gründe:
(Nieder-)
Ingelheim liegt nicht direkt am Rhein, wenn auch an der wichtigen Straße von Mainz
nach Bingen (und weiter nach Trier bzw. Köln); doch der geringe
Querverkehr durch das Selztal ließ keinen größeren Marktort an der
Kreuzung beider Straßen entstehen, obwohl Pfalzgraf Ruprecht I. am 27.
September 1381 Nieder-Ingelheim das Privileg eines Wochenmarktes an
Dienstagen einräumte (erneuert am 7.2.1572).
Ober-Ingelheim liegt
zu abgelegen im damals wenig befahrenen Selztal.
Und Ingelheims Rheinhafen
Frei-Weinheim liegt in einem flachen, stark überschwemmungsgefährdeten
Ufergebiet, so dass auch er nie die Bedeutung der Häfen in Bingen und Mainz
erreichen konnte, obwohl die Pfälzer Kurfürsten immer wieder auf ihren
Hafenrechten (mit Kran)
pochten. Getreidelt wurde
sowieso aus geologischen Gründen auf der anderen
Rheinseite, im Rheingau auf kurmainzischem Gebiet, zwischen
Nieder-Heimbach und Nieder-Walluf.