Ober-Ingelheim

Autor: Ernst Kähler (mit Ergänzungen von Hartmut Geißler)


Kolorierter Merian-Stich von 1645, der an sich vorgibt, "Ingelheim" darzustellen,  aber im Vordergrund Ober-Ingelheim zeigt (vom Westerberg her gesehen).

Wappen und Beschriftung sind dabei verwechselt: Was links, entfernt vor den Rheingauhöhen, klein als "Ober-Ingelheim" überschrieben ist, ist in Wirklichkeit Nieder-Ingelheim, zu dem auch das Wappen (Reichsadler über Burgmauern) gehört (oben rechts).

Gut zu erkennen ist im Zentrum Ober-Ingelheims die "Burgkirche" mit Wehrmauerresten links und rechts sowie mehrere Vorlagetürme. Außerdem wird die recht dünne Bebauung innerhalb des Ortes deutlich, an der sich auch bis 1800 wenig geändert hat (s.u.).

Die ältesten dörflichen Siedlungsspuren Ober-Ingelheims gehen zurück auf die Zeit der fränkischen Landnahme und die sich daran anschließende christliche Missionierung. Mit dem 11. Jahrhundert erlangten hier im Dienste des Nieder-Ingelheimer Herrscherpalastes stehende freie Königsmannen umfangreiche Begüterung.  Deren privilegierte, bis in den Grafenstand aufgestiegene Geschlechter gaben dem geschlossenen mittelalterlichen Ortsbild seine noch heute in wesentlichen Strukturen zwischen Mainzer Berg und Selzbach nachvollziehbar prägende Gestalt. Umgeben von einer damals vergleichsweise imposanten, steinernen Befestigungsmauer mit sechs Toren und zahlreichen Vorlagetürmen, befand sich im Zentrum ein brunnenbestückter Marktplatz, auf den strahlenartig die ursprünglichen Gassen zuliefen. Kern der Verteidigungsanlage war jedoch die östlich am Hang aufragende "Burgkirche" mit doppeltem Zwinger- und Grabensystem. Die Außengestalt dieses Sakralbaues spiegelt sehr markant alle architektonischen Erweiterungen von der frühen Romanik bis zur späten Gotik wider. Ihr kostbar ausgestatteter Innenraum diente bis zur Französischen Revolution als stolze Grablege für den ritterlichen Adel. Der schützende Turm barg das Urkundenarchiv des sogenannten Oberhofes, einer überregionalen Gerichtsinstanz, deren lange erhaltene Aktenbände zusammen mit den Haderbüchern (Stichworte zu den Zivilstreitigkeiten vor den Ortsgerichten) inzwischen eine herausragende Stellung in der deutschen Rechtsforschung einnehmen. 
(= Text der Informationsstele an der Burgkirche, leicht überarbeitet)

Der Ortsname "Ober-Ingelheim" erscheint zum ersten Mal im Jahre 1053 als "in Inglinheim superiori" unter Heinrich III. in der Abschrift einer Bestätigung einer Urkunde Karls des Großen (vor 800), in der - zusätzlich zu weiteren Schenkungen - schon früherer Besitz des Klosters bestätigt wurde, der dem Kloster möglicherweise bei seiner Gründung (769) durch den Mainzer Erzbischof Lullus übertragen worden war. Die Urkunde Karls selbst ist nicht mehr erhalten.

Mit jener Schenkung verbunden war die Übertragung von 2 Hufen (ca. 60 Morgen) und 4 Mansen (Landarbeiterhöfe) in Ober-Ingelheim an das Hersfelder Kloster. 

Wenn diese Abschrift einer Bestätigung aus dem 11. Jahrhundert wirklich originalgetreu ist, dann hat es schon im 8. Jahrhundert zwei Ingelheim gegeben, ein so genanntes "Ober-Ingelheim" und dementsprechend auch ein "Nieder-Ingelheim".


Ortsplan von Ober-Ingelheim auf der Informationsstele vor der Burgkirche. Die Ziffern bezeichnen die 18 Stationen und können mit der Maus angeklickt werden.
 

Schon im Mittelalter wohnten in Ober-Ingelheim neben den adligen Familien und ihrem Gesinde auch viele nichtadlige Freie, "Bürger" oder lateinisch "cives" genannt. Es waren vor allem Bauern, Winzer, Handwerker und Händler.

Zu einigen demographischen Daten aus der frühen Neuzeit Ober-Ingelheims!

Am Ende des 19. Jahrhunderts und besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchsen aufgrund des starken Bevölkerungswachstums und der Industrialisierung Nieder-Ingelheims beide Orte durch Neubaugebiete zwischen Selz (Selztalstraße) und Mainzer Berg (Rotweinstraße) aufeinander zu, so dass sie heute "fugenlos" ineinander über gehen, ohne dass die ehemalige Gemarkungsgrenze noch zu erkennen ist.



Auf dem Plan von 1930 links ist die alte Gemarkungsgrenze rot eingetragen. Sie kreuzt die Grundstraße auf Höhe der San-Pietro/ Kreuzbergstraße und die Bahnhofstraße an der
Abzweigung der Mühlstraße.


"Vorreiter" dieser Neubautätigkeit war die Grundstraße. Ihr folgten die 1876 neu angelegte Bahnhofstraße, deren Durchbruch  auf der Karte unten schon eingezeichnet ist, und die Gebiete dazwischen. Zum 1. April 1939 wurde Ober-Ingelheim schließlich mit Nieder-Ingelheim, Frei-Weinheim und Sporkenheim zur "Stadt Ingelheim am Rhein" vereinigt

Links: 
Ältestes Elektrizitätswerk von Ober-Ingelheim an der Ecke Gärtnerstraße / Untere Froschau, in Betrieb von 1894 -1906. Es wurde errichtet von Friedrich Wilhelm Freund, der dazu seine bisherige Gerberei umbaute.

Da sich in Ober-Ingelheim aus Verkehrsgründen nur wenig Industrie ansiedelte, blieb sein mittelalterliche Ortskern bis heute  in seiner Struktur erhalten (wie oben und auf dem Plan unten von 1840 gut erkennbar). (Gs)


Literatur zur Ober-Ingelheimer Geschichte (hier klicken!)





Gs, erstmals: 08.03.06; Stand: 08.02.10


Themenseiten


  1. Burgkirche


  2. Zwingergelände, Malakoffturm,  Friedhof

  3. Geismarscher Hof

  4. Barocke Bürgerhäuser (frühere Kirchgasse)

  5. Marktplatz mit altem Rathaus

  6. Uffhubtor (am ehem. E-Werk / Hesselweg)

  7. u. 8. Zwei Vorlagetürme und Mauerabschnitte (Burgunder-Straße)

9. Stiegelgässer Tor / Stiegelpforte

10. Adlige Gutshöfe (Stiegelgasse / Edelgasse)

11. Ohrenbrücker Tor und  Kloster Engelthal

12. u. 13. Mauerreste und Vorlageturm (Unterer Zwerchweg)

14. Spitzkegelturm (an der heutigen Bahnhofstraße)

15. Rinderbach mit St. Jodokus-Spital

16. Partie der Wehrbefestigung am Seufzerpfad

17. Kath. Pfarrkirche St. Michael (Neuweg) und das alte hessische Amtsgericht

18. Synagogenplatz mit Gedenkstele

Zur "Uffhub" bzw. "Aufhofstraße"

Zu den Wehrmauern in Ober-Ingelheim allgemein

Zur Bahnhofstraße

Demographische Daten

Ober-Ingelheimer Adelsnamen