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Nieder-Ingelheim mit
"Ingelheim-West" Autor: Hartmut Geißler Karten: Historischer Verein und Archiv der Stadt Ingelheim Die Bezeichnungen "Ober-Ingelheim" und "Nieder-Ingelheim" wurden im Mittelalter üblich, um die zwei Ingelheimer Orte, die manchmal auch "Ingelheim und Ingelheim" oder "die beiden Ingelheim" genannt wurden und mit denen die Geschichte des Königshofes bzw. der Kaiserpfalz ursächlich verknüpft war, zu unterscheiden. Nieder-Ingelheim war der Standort dieses Königshofes, neben dem unter Karl dem Großen und seinem Sohn eine prächtige Pfalzanlage gebaut wurde. Diese Kernzelle Ingelheims lässt sich noch gut auf einem Ortsplan von 1840/43 zeigen:
Die Nieder-Ingelheimer Gemarkung erstreckte sich jedoch noch viel weiter nach Westen, als auf dem obigen schwarz-weißen Plan sichtbar ist, bis hin zu Gaulsheimer und Algesheimer Gebiet, wie eine französische Katasterkarte (s. unten) von 1812 zeigt; in der das Gebiet der oberen Karte von 1840 blau umrandet ist. Zu Details hier.
Die Geschichte Nieder-Ingelheims ist über viele Jahrhunderte hinweg identisch mit der Geschichte der Kaiserpfalz: Zeiten mit europäischer Bedeutung unter Karl dem Großen und seinem Sohn Ludwig dem Frommen, über die Ottonen, die sie am häufigsten besuchten, bis hin zum Umbau zur Burg unter den Staufern. Danach verlor sie ihre Bedeutung für das Reich, der gesamte "Ingelheimer Grund" wurde 1375/76 dauerhaft an Kurpfalz verpachtet, und die Ingelheimer Dörfer wurden ein Anhängsel von Oppenheim, wo der kurpfälzische Oberamtmann seinen Sitz hatte. Insbesondere Nieder-Ingelheim versank mehr und mehr in völlige Bedeutungslosigkeit und oft auch in Armut und Elend durch wiederholte Kriegszerstörungen aufgrund seiner Lage an der Rheinschiene. Von solchen Zerstörungen blieb Ober-Ingelheim durch seine strategisch unwichtige Lage (zurückgezogen im Selztal) verschont. In Nieder-Ingelheim wohnten keine Adelsfamilien wie in Ober-Ingelheim und Groß-Winternheim. Seit 1402 durften Bewohner des Dorfes Nieder-Ingelheim (am Belzer) auch legal im Saalgebiet siedeln, wie sie es schon einige Jahrzehnte zuvor begonnen hatten, so dass allmählich die Bau- und Wegestruktur der ehemaligen Pfalz durch kleinbäuerliche und Tagelöhner-Häuser und neue Wege überlagert wurden. Das 19. Jahrhundert jedoch brachte eine entscheidende Wende: Schon der napoleonische Straßenbau hatte den Verkehr auf der Mainzer/Binger Straße anwachsen lassen. Hinzu kam der (Aus-) Bau der "Grundstraße" durch die folgende hessische Regierung, von Nieder-Olm bis Nieder-Ingelheim. Sie mündet bei der Remigiuskirche in die Binger bzw. Mainzer Straße. Aufgrund einer stark wachsenden bäuerlichen Bevölkerung und der seit Napoleon rechtlich vorgeschriebenen Realteilung des Grundbesitzes gingen viele Bauern Nieder-Ingelheims zum arbeitsintensiveren Anbau von Obst und Gemüse über, was um die Jahrhundertwende zur Bildung der ersten Obst- und Gemüsegenossenschaften führte, aus denen sich die heutige VOG entwickelt hat. Der Bau der Eisenbahn ("Ludwigsbahn") von Mainz nach Bingen (Fertigstellung 1859) gab den Startschuss zur Industrialisierung Ingelheims, und die fand wegen des Bahnhofs, der im freien Feld westlich von Nieder-Ingelheim errichtet wurde, vornehmlich in der Nähe dieses Bahnhofes statt, das heißt auf Nieder-Ingelheimer Gemarkung. Von Ober-Ingelheim wurde eine neue gerade Straße hinab zu diesem Bahnhof gebaut, die Bahnhofstraße. Weltweit bekanntes Beispiel einer solchen Industrieansiedlung ist bis heute das Familienunternehmen Boehringer Ingelheim.
Weiter erschließend und entlastend wirkte seit 1970 der Bau der Autobahn A 60 parallel zur Eisenbahn mit zwei Abfahrten (Ingelheim Ost und Ingelheim West) - sie erwies sich als ideal für Pendler ins Rhein-Main-Gebiet, freilicht auch für Pendler aus dem Selztal, wodurch neue Verkehrsprobleme in den Orten an der Selz entstanden, so dass sich Ingelheim in den letzten Jahren und noch weiterhin intensiv darum bemüht, die Bahnhofstraße/Neuweg und die Binger Straße durch Umleitungsstraßen zu entlasten, damit sie verkehrsberuhigt und somit wieder fußgängerfreundlicher und einkaufsfreundlicher werden können. Mit der Industrialisierung kamen also neue Arbeitsplätze nach Ingelheim und später mit der Motorisierung der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden für die meisten Arbeitnehmer auch entferntere Arbeitsplätze leicht erreichbar, so dass die Bevölkerung und ihr Bedarf an Wohnraum und Infrastruktur enorm anwuchsen.
Folgerichtig entstand und entsteht das neue Zentrum des vereinigten Ingelheim auf Nieder-Ingelheimer Gebiet, nämlich zwischen dem Bahnhof und dem neuen Rathaus (1982), an der Binger und an der Bahnhofstraße. Auch die Verwaltung des Landkreises Mainz-Bingen nahm ihren Sitz in Ingelheim (1995), ebenfalls in diesem neuen verkehrsgünstigen Zentrum in Nieder-Ingelheim. So wurde Nieder-Ingelheim in der seit 1939 vereinigten Stadt Ingelheim zum bevölkerungsreichsten Stadtteil (Ende 2006 mit über 9591 Einwohnern gegenüber 4260 in Ober-Ingelheim). In napoleonischer Zeit (1806) waren es noch 1335 Einwohner gewesen. Es hat das höchste Steueraufkommen und die meisten Infrastruktureinrichtungen aller Ingelheimer Ortsteile, z. B. das Rathaus, die Energie- und Wasserversorgung, den Bahnhof, die Autobahnanschlüsse, die Gewerbegebiete, das Krankenhaus, die Berufsfeuerwehr, das Sportzentrum mit Freibad, das Haus der Jugend und alle weiterführenden Schulen. Da das gesamte Gelände zwischen Nieder- und Ober-Ingelheim aber mittlerweile mit Wohnhäusern überbaut wurde, wissen die meisten der dort lebenden Ingelheimer gar nicht, ob sie nun auf ehemaliger Nieder-Ingelheimer Gemarkung wohnen oder auf Ober-Ingelheimer. Die "beiden Ingelheim" sind nahtlos zusammengewachsen.
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