Autor: Hartmut Geißler
Karten: Historischer Verein und Archiv der Stadt Ingelheim
Die Bezeichnungen "Ober-Ingelheim" und
"Nieder-Ingelheim" wurden im Mittelalter üblich, um die zwei
Ingelheimer Orte, die manchmal auch "Ingelheim und Ingelheim"
oder "die beiden Ingelheim" genannt wurden und mit denen die
Geschichte des Königshofes bzw. der Kaiserpfalz ursächlich verknüpft
war, zu unterscheiden.
Nieder-Ingelheim war der Standort dieses Königshofes, neben dem
unter Karl dem Großen und seinem Sohn eine prächtige Pfalzanlage gebaut wurde. Diese
Kernzelle Ingelheims lässt sich noch gut auf einem Ortsplan von 1840/43
zeigen:
Man sieht am unteren Bildrand eine quer verlaufende
Straße von bzw. nach Mainz und von bzw. nach Bingen, die damals
die "Untergass",
die "Mittelgass"
und die "Obergass" genannt
wurde, heute die Binger und Mainzer Straße. Ihre Trasse bestand
wohl schon in römischer
Zeit, sie wurde durch das ganze
Mittelalter als kürzeste Verbindungsweg von Mainz nach Bingen
verwendet, z. B. von den Pilgern der Aachen-Wallfahrten, und in
napoleonischer Zeit vom Präfekten Jeanbon de St. André als
"Route Charlemagne" ausgebaut. Nördlich davon gab es
anfangs nur zwei oder drei Siedlungskerne, links die Häuser "Auf dem
Belzer" mit der Remigiuskirche, wo der ursprüngliche
merowingisch- karolingische Königshof ("villa regia"
oder "curtis regia") vermutet wird, und rechts die
kompakte Bebauung "Im Saal", dem Standort der Kaiser-Pfalz, die unter Barbarossa zu einem Burgstädtchen
erweitert wurde.
Auch die Bebauung "Auf dem Böhl" scheint ins
Mittelalter zurück zu reichen, weil man dort einen Gutshof
("Grangie")
des Klosters Eberbach vermutet.
Stadtrechte wie z.B. Gau-Algesheim bekam Nieder-Ingelheim freilich nie. Die Flurbezeichnung "Im Graben" zeigt
einen Teil des Grabenverlaufs um diese Burg.
Zusätzlich zu diesen beiden Siedlungskernen sind in der langen Friedenszeit und mit der wachsenden Bevölkerung des 19.
Jahrhunderts links und rechts der Binger/Mainzer Straße und auf dem
"Böhl" (heute: "Unterböhl"
und Oberböhl") weitere Höfe gebaut worden.
Die Nieder-Ingelheimer Gemarkung erstreckte sich jedoch noch viel weiter nach
Westen, als auf dem obigen schwarz-weißen Plan sichtbar ist, bis hin zu Gaulsheimer und Algesheimer Gebiet, wie eine
französische Katasterkarte (s. unten) von 1812 zeigt; in der das Gebiet der
oberen Karte von 1840 blau umrandet ist.
Der Rhein im Norden, Freiweinheim ist als eigene
Gemeinde ausgespart, im Westen grenzt Gaulsheim, im Süden Algesheim und
Oberingelheim, im Osten Heidesheim und Wackernheim. Die Beschriftung
ist französisch.
Die Geschichte Nieder-Ingelheims ist über viele Jahrhunderte hinweg
identisch mit der Geschichte der
Kaiserpfalz: Zeiten mit europäischer Bedeutung unter Karl dem Großen und seinem
Sohn Ludwig dem Frommen,über die
Ottonen, die sie am
häufigsten besuchten, bis hin zum Umbau zur Burg unter den Staufern.
Danach verlor sie ihre Bedeutung für das Reich, der gesamte
"Ingelheimer Grund" wurde 1375/76
dauerhaft an Kurpfalz verpachtet,
und die Ingelheimer Dörfer wurden ein Anhängsel von Oppenheim,
wo der kurpfälzische Oberamtmann seinen Sitz hatte.
Insbesondere Nieder-Ingelheim versank mehr und mehr in völlige Bedeutungslosigkeit
und oft auch in Armut und Elend durch wiederholte Kriegszerstörungen
aufgrund seiner Lage an der Rheinschiene. Von
solchen Zerstörungen blieb Ober-Ingelheim durch seine strategisch
unwichtige Lage (zurückgezogen im Selztal) verschont.
In Nieder-Ingelheim wohnten keine Adelsfamilien
wie in
Ober-Ingelheim und Groß-Winternheim.
Seit 1402 durften Bewohner des Dorfes Nieder-Ingelheim (am Belzer) auch
legal im Saalgebiet siedeln, wie sie es schon einige Jahrzehnte zuvor
begonnen hatten, so dass allmählich die Bau- und Wegestruktur der
ehemaligen Pfalz durch kleinbäuerliche und Tagelöhner-Häuser und neue Wege
überlagert wurden.
Das 19. Jahrhundert jedoch brachte eine entscheidende Wende: Schon der
napoleonische Straßenbau hatte den Verkehr auf der
Mainzer/Binger Straße anwachsen lassen. Hinzu kam der (Aus-) Bau der
"Grundstraße" durch die folgende hessische Regierung, von Nieder-Olm
bis Nieder-Ingelheim. Sie mündet bei der Remigiuskirche in die Binger
bzw. Mainzer Straße. Aufgrund einer stark wachsenden bäuerlichen
Bevölkerung und der seit Napoleon
rechtlich vorgeschriebenen Realteilung des Grundbesitzes gingen
viele Bauern
Nieder-Ingelheims zum arbeitsintensiveren Anbau von Obst und Gemüse
über, was um die Jahrhundertwende zur Bildung der ersten Obst-
und Gemüsegenossenschaften führte, aus denen sich die heutige VOG
entwickelt hat.
Der Bau der Eisenbahn
("Ludwigsbahn") von Mainz nach Bingen
(Fertigstellung 1859) gab
den Startschuss zur Industrialisierung Ingelheims, und die fand
wegen des Bahnhofs, der im freien Feld westlich von Nieder-Ingelheim
errichtet wurde,
vornehmlich in der Nähe dieses Bahnhofes statt, das heißt auf
Nieder-Ingelheimer Gemarkung. Von Ober-Ingelheim
wurde eine neue gerade Straße hinab zu diesem Bahnhof gebaut, die Bahnhofstraße.
Weltweit bekanntes Beispiel einer solchen
Industrieansiedlung ist bis heute das Familienunternehmen Boehringer
Ingelheim.
Noch bis 1930 (Entstehung dieser Karte) war die Bebauung außer im alten
Ortskern fast nur an den (neuen) Straßen entlang gewachsen, an
der Grundstraße (grün), der Bahnhofstraße
(rot) und der Binger Straße. Der
Bahnhof ist blau umkringelt. Violett
umrandet ist die damalige Fabrik von Boehringer zwischen der Eisenbahn
und der noch nicht umgeleiteter Binger Straße. Südlich
der Binger/Mainzer Straße verlief parallel die Drahtseilbahn, die
Kalksteine vom Mainzer Berg in die Zementfabrik transportierte. Das alte Saalgebiet
blieb abseits dieser industriellen Entwicklung am rechten Rand.
Die obere Mainzer Straße (die "R 9") fasste den
anschwellenden Autoverkehr, insbesondere während des Zweiten Weltkrieges,
nicht mehr, so dass sie zur Einbahnstraße aufwärts erklärt
wurde, nachdem 1940 für den Abwärtsverkehr eine Umgehung über
Stiftstraße, Turnierstraße und Wilhelm-von-Erlanger-Straße gebaut worden
war.
Weiter erschließend und entlastend wirkte seit 1970 der Bau der Autobahn A
60 parallel zur Eisenbahn mit zwei Abfahrten (Ingelheim Ost
und Ingelheim West) - sie erwies sich als ideal für Pendler ins
Rhein-Main-Gebiet, freilicht auch für Pendler aus dem Selztal,
wodurch neue Verkehrsprobleme in den Orten an der Selz entstanden, so dass sich
Ingelheim in den letzten Jahren und noch weiterhin intensiv darum
bemüht, die Bahnhofstraße/Neuweg und die Binger Straße durch Umleitungsstraßen
zu entlasten, damit sie verkehrsberuhigt und somit wieder
fußgängerfreundlicher und einkaufsfreundlicher werden können.
Mit der Industrialisierung kamen also neue Arbeitsplätze nach Ingelheim und
später mit der Motorisierung der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden
für die meisten Arbeitnehmer auch entferntere Arbeitsplätze leicht erreichbar, so dass
die Bevölkerung und ihr Bedarf an Wohnraum und Infrastruktur enorm anwuchsen.
Insbesondere der völlig neue Stadtteil "Ingelheim-West",
in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts auf Nieder- Ingelheimer
Gemarkung westlich der Rheinstraße, mit Wohnhäusern bebaut, bildet.
Foto: Heinz Beck
Wie seit den 90ern auch das Neubaugebiet "Im Herstel" - entstand so ein völlig neuer Stadtteil, für den es bisher keine andere Bezeichnung gibt als die nüchterne und geschichtslose postalische Benennung "Ingelheim-West".
Folgerichtig entstand und entsteht das neue Zentrum des vereinigten Ingelheim
auf Nieder-Ingelheimer Gebiet, nämlich zwischen dem Bahnhof und dem neuen
Rathaus (1982), an der Binger und an der Bahnhofstraße.
Auch die Verwaltung
des Landkreises Mainz-Bingen nahm ihren Sitz in Ingelheim
(1995), ebenfalls in diesem neuen verkehrsgünstigen Zentrum in
Nieder-Ingelheim.
So wurde Nieder-Ingelheim in der seit 1939 vereinigten Stadt Ingelheim zum
bevölkerungsreichsten Stadtteil (Ende 2006 mit über 9591
Einwohnern gegenüber 4260 in Ober-Ingelheim). In napoleonischer Zeit
(1806) waren es noch 1335 Einwohner gewesen.
Es hat das höchste Steueraufkommen
und die meisten Infrastruktureinrichtungen aller Ingelheimer Ortsteile,
z. B. das Rathaus, die Energie- und Wasserversorgung, den Bahnhof, die
Autobahnanschlüsse, die Gewerbegebiete, das Krankenhaus, die
Berufsfeuerwehr, das
Sportzentrum mit Freibad, das Haus der Jugend und alle weiterführenden Schulen.
Da
das gesamte Gelände zwischen Nieder- und Ober-Ingelheim aber mittlerweile
mit Wohnhäusern überbaut wurde, wissen die meisten der dort lebenden Ingelheimer gar nicht, ob sie nun auf ehemaliger Nieder-Ingelheimer
Gemarkung wohnen oder auf Ober-Ingelheimer. Die "beiden
Ingelheim" sind nahtlos zusammengewachsen.