Der Ingelheimer Raum in der Merowingerzeit 
(5. bis 8. Jh. n. Chr.)

Autor: Hartmut Geißler  


Katastrophe oder allmähliche Entwicklung?  

Ereignete sich nun im fünften Jahrhundert ein katastrophaler Zivilisationsbruch oder gab es eher eine allmähliche Entwicklung, die zu einer "Mischzivilisation" zwischen "Romanen" und "Germanen" in der Zeit vom 4. bis zum 6. Jahrhundert führte? Muss man eher von einer Siedlungskontinuität im Ingelheimer Raum ausgehen oder von einer entvölkerten Gegend, die von Franken neu besiedelt wurde ("Landnahme")? 
Wir wissen darüber zu wenig, um diese Fragen präzise beantworten zu können. 


Wer waren die "Franken"?  

Für ganz Nordgallien gilt, dass schon ab dem 3. Jahrhundert Söldner - adlige Kriegsherren mit ihren Familien (!) - aus nichtrömischem Gebiet angeworben wurden, die als Entlohnung Land zur Selbstversorgung erhielten, z.B. verlassene Villae, möglicherweise auch solche im Ingelheimer Raum. Nach ihrer Dienstzeit kehrten solche "Gast-Soldaten" entweder in ihre Heimat zurück; dann wurden sie bei ihrem Tode mit römischen Militärrequisiten bestattet. Oder sie blieben in ihren Dienstgebieten; dann findet man in ihren Gräbern die für Germanensöldner typischen Beigaben. Diese Männer sind keinem bestimmten "Stamm" zuzuweisen, wie man aus der Fundtopographie römischer Militärbeschläge in germanischen Gräbern erkennt. Im 4. und 5. Jahrhundert bestand wahrscheinlich schon das ganze Militär in Gallien aus nichtrömischen Söldnern. Verallgemeinernd wurden sie "Franken" genannt. "Franken siedelten in Gallien lange vor Chlodwig." Geary (S. 109). Er nennt als wichtigstes Indiz für die Durchdringung des römischen Gallien mit "Franken" das Vorkommen der ("fränkischen") Reihengräber, die sich auch in Ingelheim finden.  


Rheinhessen wird "fränkisch" 

Als kurz nach der Mitte des 5. Jahrhunderts die Rheingrenze endgültig aufgegeben wurde, strömten viele Germanen aus den bevölkerungsreicheren (!) rechtsrheinischen Gebieten in unseren Raum: Im heutigen südlichen Rheinhessen (Worms) siedelte sich ein Teilstamm der Burgunder an, ansonsten vor allem Alamannen aus den südwestdeutschen Gebieten. Als diese weiter nach Nordwesten ausgriffen, wurden sie 496 vom Franken-König Chlodwig I., der sich in der Konkurrenz verschiedener fränkischer Königreiche durchgesetzt hatte (s. u.), geschlagen. Im Gefolge dieses Sieges zogen "Franken" in unsere Gegend

Von wo aus?
Böhner schrieb dazu 1964: "Die Einzelheiten der fränkischen Landnahme im Mittelrheingebiet sind uns nicht bekannt. Wir wissen nicht, ob es von Franken erobert wurde, die vom Niederrhein her vordrangen, wo Köln gegen 460 endgültig in ihre Hand gekommen war, ob rechtsrheinische Franken das Land in Beisitz nahmen oder ob gar schon in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts nördlich vom Wormser Burgunderreich fränkische 'Verbündete' ansässig waren." (S. 47)

Sprachlich ist jedenfalls die Verwandtschaft der hiesigen Dialekte mit den hessischen rechts des Rheines viel enger als mit denen von der Mosel, von Koblenz oder gar von Köln.

Da solche "Franken" in ganz Gallien im Allgemeinen die spätantiken römischen Staatsgüter (Fiskalbesitz) übernahmen, könnte auch der merowingische Ingelheimer Königshof noch aus römischer Zeit stammen. Archäologische Belege oder schriftliche Quellen für diese Annahme gibt es aber nicht. Die ersten Reihengräber im Gräberfeld III (Rotwein-/Stevenagestraße) in Ingelheim werden jedenfalls in die Mitte des 5. Jahrhunderts datiert.


Frühe fränkische Spuren im Ingelheimer Raum 

Heute erinnern an diese fränkischen Siedlungsstellen die Ortsnamen auf "-heim", die vermutlich nach ihren jeweiligen Gründern, fränkischen Adligen, benannt wurden. So hat wahrscheinlich auch eine merowingischen Siedlungsstelle des sechsten (?) Jahrhunderts nach einem adligen Franken ihren Namen "Inghilinhaim" - so in der ältesten erhaltenen Originalurkunde von 807 - o.ä. erhalten. Daraus entwickelte sich allmählich das (oder die beiden?) mittelalterliche Dorf (wahrscheinlich Nieder-) "Ingelheim". Wenn im Mittelalter der Name "Ingelheim" ohne differenzierendes Unter-/Ober- verwendet wurde, dann war damit in der Regel das Pfalzgebiet, d.h. Nieder-Ingelheim gemeint. Zur Unterscheidung davon wurde das selzaufwärts gelegene Oberdorf schon früh "Ingelheim superior", "Ober-Ingelheim" genannt.

Die germanischen "Neusiedler" nutzten die Reste der verlassenen romanischen Villae als Steinbruch oder Friedhof (wie in Heidesheim). Als Unterkünfte jedoch bauten sie sich große schilfgedeckte Holzhäuser nach germanischer Tradition, in denen Mensch und Vieh unter einem Dach zusammen lebten.



Modell eines einfachen fränkischen Hofgutes im Ingelheimer Museum

Zentral im Hintergrund das gemeinsame Großhaus für Mensch und Vieh; ganz links ein Vorratshaus auf Stelzen, rechts davor ein Grubenhaus (vertieft im Boden); 
rechts vorn ein weiteres großes Wirtschaftshaus; alles war umzäunt.


Die eigentlichen Hofstellen sind heute archäologisch kaum mehr nachweisbar, ihre geringen Überreste (Pfostenlöcherspuren) liegen unter dicht besiedelten Ingelheimer Wohngebieten. Gefunden wurden aber einige dazu gehörige Reihen-Gräberfelder, die anfangs üblicherweise 150 bis 250 m oberhalb der Hofstellen lagen; insofern kann man aus Gräberfeldern auf das Vorhandensein von Hofstellen schließen.  
Teile eines größeren Gräberfeldes aus merowingischer Zeit wurden 1978/79 im Bereich Rotwein-/Stevenage-Straße untersucht (= "Gräberfeld III"). 

Wie ein Adliger in seiner Bestattungskleidung etwa ausgesehen hat, wurde anhand von Funden des sog. Fürstengrabes von Planig (Anfang 6. Jh., östlich von Bad Kreuznach) rekonstruiert (Frankenkatalog II S. 692); neben ihm die Figurine einer fränkischen Frau nach Grabfunden in Frei-Weinheim (im Ingelheimer Museum):


Fürst von Planig
"
   
Frauenfigurine
nach den Funden aus einem fränkischen Grab in Frei-Weinheim



Merowinger und iro-fränkische Mission

Ende des fünften Jahrhunderts ging unsere Region vom Einfluss des Kölner Frankenreiches über in den der sog. Merowinger, einer Königsfamilie, die seit Childerich (König der "Salfranken" in römischen Diensten, gestorben 481) in der Spätantike ihr Zentrum in den Städten Tournai - Soissons - Paris - Reims hatten. Hier romanisierten sich die Franken. 

Ende des fünften und Anfang des sechsten Jahrhunderts dehnte von dort König Chlodwig I. (482 - 511) seine Macht immer weiter nach Süden und Osten aus, besiegte den letzten Romanenkönig Syagrius 486, zehn Jahre später die Alamannen und 507 auch die Westgoten in Südwestfrankreich. Dadurch geriet die Ingelheimer Region im 6. Jahrhundert wieder unter einen sich verstärkenden romanischen Einfluss aus dem heutigen Frankreich und zugleich unter den Einfluss erneuter christlicher Missionstätigkeit, u.a. von irischen Mönchen, die - vom fränkischen Adel gefördert - in dieser Zeit das romanische Kirchensystem umgestalteten. 

Kirchen wurden gebaut - wahrscheinlich einfache Holzkirchen - und Patron einer (Nieder-) Ingelheimer Kirche wurde St. Remigius, der Bischof von Reims, der von ca. 436 bis ca. 533 gelebt hat und den Frankenkönig Chlodwig 496 (?) in Reims getauft haben soll. Er gilt allgemein als "Apostel der Franken" . 


Frühe Kirchen und ein Königshof in Ingelheim

Schriftlich erwähnt wurde die Remigiuskirche in Nieder-Ingelheim zum ersten Mal in einer Bestätigung (822) der Schenkungsurkunde des Frankenherzogs und Hausmeiers Karlmann von ungefähr 742/43. Ihre Einkünfte gehörten zusammen mit denen von 25 anderen Königskirchen zur Ausstattung des neugegründeten Bistums Würzburg, von denen 13 ein Martins- und 3 ein Remigiuspatrozinium hatten. Aus dem gesamten Wormsgau waren dies neben St. Remigius in Ingelheim St. Maria in Nierstein und St. Martin in Kreuznach. 

Nicht zuletzt wegen des Ingelheimer Weines wird sie ein sehr willkommenes Geschenk gewesen sein. Karlmann förderte durch seine Großzügigkeit das Wirken des Missionars Bonifatius und sicherte sich die Unterstützung Bischof Burkards, der die Interessen der Hausmeier in Rom als Gesandter vertrat. 
Wegen des von Burkard ins Leben gerufenen Kilianskultes erhielt die Remigiuskirche ein zusätzliches Kilianspatrozinium

In ihrer Nähe muss es auch schon vor dem Pfalzbau Karls des Großen einen Königshof ("villa" oder "curtis regia") gegeben haben. Das Ingelheimer Gebiet war merowingisches Königsland, woraus sich die besondere Rechtsstellung des "Ingelheimer Reiches" (ab 15. Jh. "Ingelheimer Grundes") entwickelte, eines Gebietes, das direkt den Königen unterstellt und  mit Sonderrechten ausgestattet war. Zu diesem Königsgut gehörten natürlich umfangreiche Ländereien, deren volles Ausmaß sich heute nicht mehr rekonstruieren lässt. 

Saalwächter vermutet z. B. einen Tiergarten oder "Brühl" in Ober-Ingelheim (Gewann "Im Brühl"). Sicher gehörten auch ein größere Waldungen dazu, u.a. der Königswald oder die Königsheide auf der Hochfläche des Westerberges und der Wald auf dem Mainzer Berg zwischen Ingelheim und Finthen; an beide erinnern noch heute Flurnamen.

Gleichfalls noch in merowingischer Zeit dürfte auch in Ober-Ingelheim auf einem frühen fränkischen Gräberfeld eine weitere Kirche gebaut worden sein. Nachdem ihre Einkünfte - von 11 Huben und vier Mansen - durch Karl den Großen an das Kloster Hersfeld geschenkt worden waren, bekam sie dessen Patrozinium St. Wigbert. Ihre Nachfolgekirche ist die heutige evangelische "Burgkirche" (Namensgebung erst 1939). Beide Kirchen hat Astrid Wenzel auf dem Siedlungsplan der Merowingerzeit einzeichnen lassen.




Gs, erstmals: 26.07.05; Stand: 15.02.10


Themenseiten

Germanen in Stadt und Land

Germanische Waffengräber in Nordgallien der Spätantike


Die fränkische "Landnahme" in den Jahren um 500


Fränkisches Bauernhaus

Merowingische Hofstellen in Ingelheim

Die Ortsnamen der merowingischen Höfe

Fränkische Reihengräber in Rheinhessen

Das fränkische Gräberfeld III in Ingelheim

Der „Fürst von Planig“


Fränkische Frau aus Frei-Weinheim


Frühe Christen in Ingelheim

Der Bertichildisgrabstein in Bingen-Kempten

Literaturhinweise