Ingelheim und die Karolinger 
(8. bis 10. Jahrhundert) 


Autoren: Margarethe Köhler und Hartmut Geißler 


Inhalt:
Von den Merowingern zu den Karolingern
Karl der Große und Ingelheim: der Bau einer imperialen "Pfalz"
Ausgrabungen und Modelle
Die Zeit Ludwigs des Frommen
Die späten Karolinger
 


Von den Merowingern zu den Karolingern

Die „Hausmeier“ 

Für die Bewohner des Ingelheimer Fiscus, d. h. des Königsgutes, war der Machtwechsel von den Merowingern zu den Karolingern im 8. Jahrhundert wahrscheinlich kein spürbares Ereignis; vielleicht hatte man mitbekommen, dass die Macht der zerstrittenen Merowinger-Familie seit dem 7. Jahrhundert geringer wurde und dass eine immer mächtiger werdende „Hausmeier“-Familie, die der „Arnulfinger“, der später so genannten Karolinger, sie im ganzen Frankenreich allmählich verdrängte. „Hausmeier“ ist die deutsche Version des lateinischen Major Domus (d.h. Oberer des <königlichen> Hauses). Es ist die Bezeichnung des obersten Amtsträgers der merowingischen Könige des 7. und 8. Jahrhunderts, der zuständig war für den königlichen Haushalt und seine Güter und damit auch für den Ingelheimer Königshof mit seinem umfangreichen Landbesitz.

Durch geschickte Diplomatie sicherten sich Karlmann und Pippin die Unterstützung der römischen Kirche (vgl. hierzu auch Merowingerzeit, letzter Abschnitt „Frühe Kirchen und ein Königshof in Ingelheim“). Im Jahre 751 schickte schließlich Pippin, ein Sohn Karl Martells, den letzten Merowingerkönig ins Kloster und ließ sich zum König der Franken ausrufen und salben. Dieser Pippin hat sich auch schon auf dem Ingelheimer Königshof aufgehalten, denn er soll hier nach der Biografie Luls von Lampert, cap. 8, im Jahre 755 den Abt Lul von Hersfeld, den späteren Erzbischof von Mainz, empfangen haben ("in curte regia Inghilenheim").

Mit Pippin begann eine lange Periode der Zusammenarbeit von fränkischen (später deutschen) Königen und römischen Päpsten, die unter seinem Sohn Karl dazu führte, dass dieser schließlich am Weihnachtstage 800 in Rom die alten Kaisertitel "Imperator Augustus" zusätzlich zum fränkischen und langobardischen Königstitel annahm. Damit verbunden war der Anspruch auf eine Fortsetzung des antiken Römischen Reiches im Westen, auf gleicher Ranghöhe mit dem byzantinischen Kaiser in Konstantinopel, mit dem es deshalb auch diplomatische Verwicklungen gab. 


Karl der Große und Ingelheim: 
Der Bau einer imperialen "Pfalz"
 

"Keine schriftliche Quelle berichtet uns von dem Ingelheim der Römer- und der Merowingerzeit. Nur den Scherben und Steinen, den Forschungen der Archäologen verdanken wir unsere Kenntnisse. Um die Mitte des 8. Jahrhunderts ändert sich das ganz plötzlich: Von nun an gibt es für drei Jahrhunderte kaum eine Chronik, einen Annalisten, der nicht etwas über Ereignisse in Ingelheim zu erzählen weiß. Zahlreiche Urkunden nennen den Namen des Ortes. 
Diese Wende verdankt Ingelheim der Königspfalz, die die Karolinger dort einrichteten."
(Peter Classen, S. 87)



Miniatur aus der Kaiserchronik
des 12. Jahrhunderts

Denn der König und spätere Kaiser Karl „der Große“ (Regierungszeit 768 – 814) wurde für Ingelheim dadurch bedeutsam, dass er den Befehl gab, "neben" (Einhard: „iuxta“) dem bisherigen Ingelheimer Königshof, der nördlich der heutigen Remigiuskirche angenommen wird, eine neue prächtige Palastanlage nach antiken (oder auch langobardischen, d. h. norditalienischen) Vorbildern zu bauen, gemäß der Absicht der renovatio imperii Romanorum, eine "Kaiser-Pfalz“, mit einem großem Versammlungsraum in der Form einer Basilika (Aula regia; Innenmaße: ca. 51 m lang und 14,5 m breit), nach Art der spätantiken Basilika bzw. Palastaula in Trier. Die neue Ingelheimer Pfalz erhielt noch weitere Gebäude aus Stein, so eine imponierende halbkreisförmige Exedra mit vorgesetzten Rundtürmen (siehe Modell) und eine fast 7 km lange unterirdische Wasserleitung in römischer Bauweise.

Interessant ist dabei, dass dieser Befehl zum Bau dieser imperialen Pfalz offenbar schon einige Jahre vor 800, dem Jahr der Kaiserkrönung in Rom, gegeben wurde. Daraus lässt sich schließen, dass der kaiserliche (?) Repräsentationsanspruch schon länger existierte und die Krönung  nur mehr der letzte Abschluss einer längeren Politik war. "König der Langobarden", d.h. von Norditalien einschließlich des lange byzantinischen Exarchats Ravenna, war Karl schon seit 774, nach der Eroberung von Pavia, der langobardischen Hauptstadt.

Im Früh- und Hochmittelalter spielten Königshöfe (villa oder curtis regia) oder prächtig ausgebauten "Pfalzen" (von lat. "palatium" = Palast) eine unersetzliche Rolle für den dauernd in seinem Reich herumreitenden König, sein Gefolge und seine oft Hunderte, wenn nicht Tausende von Gästen. Er konnte nicht von einer Hauptstadt aus regieren, sondern musste möglichst oft persönlich „vor Ort“ sein, bzw. seine Vasallen zu sich einladen, abgesehen davon dass es im Norden und Osten des Frankenreiches kaum noch Städte gab, die diesen Namen verdienen.

"Der König ist der größte Grundbesitzer des Reiches. Sein Besitz ist in großen Grundherrschaften organisiert, deren Mittelpunkte die Königshöfe bilden. Einige unter diesen Königshöfen sind in besonderer Weise dazu eingerichtet, den König und sein Gefolge zu beherbergen. Das sind die Pfalzen. Ein Autor der Zeit Ludwigs des Frommen nennt das, was man von einer Pfalz damals erwartet, apparatus regiae mansionis et commoditas itineris, »Einrichtungen für den Aufenthalt des Königs und Ausrüstung für seine Reise«. Verstreute Quellen lassen erkennen, was alles dazu gehört. Es muß Wohnräume geben, in denen der Herrscher, seine Familie und sein Gefolge standesgemäß untergebracht werden können; im engeren Sinn des Wortes heißt das königliche Wohngebäude palatium; in einer Kirche oder Kapelle müssen die den König umgebenden Kapläne die Messe für ihren Herrn lesen und dieser selbst sein Gebet verrichten können; Vorräte für die Beköstigung und darüber hinaus für die Ausrüstung auf der Weiterreise hält ein Wirtschaftshof bereit, der die umliegenden Königsgüter bewirtschaftet, vielleicht auch Abgaben von entfernterem Eigenbesitz des Herrschers oder von den ihm zu Abgaben verpflichte ten Bischöfen und Äbten einsammelt. Die Pferde des königlichen Trosses müssen nicht nur untergebracht und gefüttert, sondern auch ausgetauscht und ergänzt werden können; eines gewissen Vorrates baren Geldes, edler Steine oder ungemünzten edlen Metalles und wertvoller Geräte wird man schwerlich ganz entbehrt haben, auch wenn der »Schatz« des Königs eher konzentriert mit dem König reiste oder ständig an einem festen Platz bewahrt wurde. Zu alledem gehörten Menschen, die Wirtschaft und Dienst für den König wahrnahmen." (Peter Classen, S. 87/88)

Man kann aus Chroniken, insbesondere aber aus den Orts- und Zeitangaben von Urkunden die Reiserouten der Könige teilweise erschließen, ihr „Itinerar“ mit den Königshöfen oder Pfalzen, in denen sie Halt machten, "Hof" hielten und amtierten. 

Insgesamt hat man urkundliche Erwähnungen von ca. 150 Pfalzen Karls des Großen gezählt
, von denen aber bisher die wenigstens archäologisch gefunden und untersucht werden konnten. Die Ingelheimer Pfalz zählt neben Paderborn und Aachen mittlerweile zu den am besten erforschten.  

Dass sich dabei auch Bevorzugungen einzelner Pfalzen herausbildeten, ist nur natürlich; für Karl war es neben Worms vor allem Aachen, das in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens so etwas wie eine Residenz für ihn wurde, und das belgische Herstal an der Maas, nördlich von Liège (siehe: Itinerar Karls des Großen). In Ingelheim lässt sich Karl nur viermal nachweisen: 774 sehr kurz, 786/87 mehrere Monate lang, wahrscheinlich auch 791 und letztmalig 807. Karl selbst hat also die mit großem Aufwand gebaute Pfalz nur recht wenig genutzt.

Für seinen Sohn Ludwig (den Frommen) war die Ingelheimer Pfalz aber tatsächlich eine bevorzugte Pfalz (siehe unten).

Natürlich muss man auch damit rechnen, dass die Unterkunfts- und Versorgungsmöglichkeiten der Pfalzen nicht nur von den Königen selbst, sondern auch von anderen Personen aus ihrer Umgebung genutzt wurden, von ihren Frauen, anderen Verwandten, von Vertrauten und Dienstmannen, ohne dass deren Besuche nachweisbare Spuren hinterlassen haben müssen. Schmitz, Pfalz und Fiskus, S. 292/3) weist auf eine Schenkung des Gutes Windesheim an der Nahe an die Abtei Deutz hin, wahrscheinlich durch Otto III., in deren Zusammenhang auch festgelegt war, dass man dem Abt von Deutz, wenn er nach Ingelheim kam, dort die üblichen Abgaben und Dienste (Unterkunft, Verpflegung, Holz) leisten sollte.


Warum gerade in Ingelheim? 

Diese Frage hat sich schon Sebastian Münster am Ende seines Artikels über seinen Geburtsort  Ingelheim in der Cosmographie in der Mitte des 16. Jahrhunderts gestellt (Cosm., Ausg. 1545, S. 418). Er hält die schöne Lage zwischen Mainz und Bingen, dem Rheingau gegenüber, sowie die Jagdmöglichkeiten für die Ursache der mittelalterlichen Beliebtheit Ingelheims:


Classen führt neben der zentralen und verkehrsgünstigen Lage im Wormsgau, eine Regionalbezeichnung, die für Ingelheim später vom "Nahegau" abgelöst wurde, gleichfalls das schöne Panorama an, an das sich Sebastian Münster nach langen Jahren in der Fremde von Basel aus mit Freude erinnerte (s.o.).

Eigentlich war die Stelle, auf der die Pfalz errichtet wurde, vom Gelände her nicht besonders günstig, denn der Bauplatz lag auf einem zum Rhein hin geneigten Abhang, der zuerst einmal umfangreiche Erdarbeiten zum Niveauausgleich nötig machte (Aufschüttungen im Norden bis zu drei Metern!), um auf dem planierten Platz überhaupt einen Halbkreisbau, die Exedra, errichten zu können, denn dieser Bau mit einem Durchmesser von ca. 90 Matern erforderte natürlich einen waagerechten Untergrund. Es müssen also schon gewichtige Gründe gewesen sein, die Karl (oder seine Berater) auf diesem Bauplatz haben bestehen lassen.

Generell bevorzugten die Karolinger ländliche Regionen, im Unterschied zu den Merowingern, die noch von alten Römerstädten Galliens aus regiert hatten. Sicherlich war es auch die verkehrsgünstige Nähe zu Rhein und Main, denn das damalige Reisen war sehr beschwerlich. Wenn man den Wasserweg benutzen konnte, dann hat man diesen  - aber nur stromabwärts - dem mühsamen Reiten auf schlechten Wegen vorgezogen. Auf dem Rhein konnte Karl z. B. in nur einem Tag die 80 Kilometer von Ingelheim bis Koblenz rheinabwärts mit dem Schiff bewältigen. Vielleicht kam noch eine vergleichsweise günstige Gelegenheit zum Jagen in dem (damals) noch wildreichem Wald auf den Rheinauen hinzu. 

Das unbebaute Umfeld der Ingelheimer Pfalz bot jedenfalls Platz für viele Zelte oder provisorische Holzhäuser und entsprach so den Bedürfnissen des reisenden Hofes und seiner zahlreichen berittenen Gäste und ihrer Pferde. Ihr Lagerplatz könnte z. B. der „Heerstall“ (s. Flurname "Im Herstel") nördlich der Pfalz gewesen sein. Man rechnet damit, dass allein Karl mit einem Gefolge von über hundert Personen unterwegs war. 

Für Ingelheim sprachen sicher auch das milde Klima und der fruchtbare Boden, vor allem der mittlerweile florierende Weinanbau in Ingelheim. Möglicherweise wollte er auch durch den römisch-kaiserlichen Ausbau dieser Ingelheimer Pfalz einen Kontrapunkt zum Sitz des Mainzer Erzbischofs setzen. Andererseits entlastete eine Pfalz in Ingelheim genauso wie der Königshof in Kostheim auf der anderen Rheinseite den Mainzer Erzbischof von seinen Verpflichtungen zum "servitium" für den König, also zu seiner Verpflegung. Darauf weist Schmitz, Pfalz und Fiskus, S. 199, hin. Denn der Verbrauch des reisenden Königshofes - von eingeladenen Gästen ganz zu schweigen! - war gewaltig: Der Annalist Saxo bezifferte den Verbrauch des königlichen Hofes pro Tag im Jahre 968 - möglicherweise bei einer Königsgastung in einem Kloster - mit folgenden Mengen: "1000 Schweine und Schafe, 10 Fuder (= ca. 1000 Liter) Wein, 10 Fuder Bier, 1000 Malter Getreide, 8 Rinder, außerdem noch Hühner und Ferkel, Fische, Eier, Gemüse und vieles andere mehr." (MG. SS, VI, S. 622).

Auffällig ist ferner, dass alle spektakulären Großbauten, die Einhard aus der Zeit Karls erwähnt, an der Rheinschiene liegen: Nijmegen, Aachen (nicht weit davon), Ingelheim und Mainz. Lag das vielleicht auch an der günstigen Transportmöglichkeit auf dem Rhein? Siehe Pfalzsäulen!



Ausgrabungen und Modelle 

Nach den ersten systematischen Grabungen  (1909 -1914) glaubte Christian Rauch diesen Rekonstruktionsplan erstellen zu können (aus BIG 11): 

In diesem Modell aber werden verschiedene Bauphasen vom 8. bis zum 12. Jh. gleichzeitig gezeigt, die Saalkirche existierte jedoch in karolingischer Zeit noch nicht, und eine mit Mauern und Zinnen bewehrte Burg war die Pfalz unter den Karolingern auch nicht.


Nach weiteren Grabungen in den 60er Jahren unter Walter Sage läuft nun seit 1993 eine neue große Ausgrabungskampagne mit Holger Grewe, die schon zu vielen neuen Erkenntnissen geführt hat. Der aktuelle Wissensstand wird auf seinen Internetseiten faszinierend mit virtuellen interaktiven Rekonstruktionen präsentiert:

http://www.kaiserpfalz-ingelheim.de


Im Juli des Jahres 2006 wurde dem Museum von Holger Grewe und dem Historischen Verein als Auftraggeber ein neues Pfalzmodell übergeben:

Foto: Geißler

Dieses Modell macht zum ersten Mal das Gefälle des Geländes zum Rhein nach Norden hin sichtbar, auf dem Foto von links nach rechts und gut zu erkennen an der Exedraaußenwand im Vordergrund, die an ihrem linken Ende ein Stück in den Hang hinein gebaut werden musste und dadurch ihre sonstige Zweistöckigkeit einbüßte. Die Türme sind bis auf zwei nur als Stümpfe ausgeführt, da man ihre genaue Höhe und den oberen Abschluss nicht kennt. Nördlich an die Aula regia (links oben) schloss sich vermutlich eine Vorhalle an, ein Narthex. Die fehlende Bebauung im Inneren bedeutet nicht, dass es dort zur Zeit Karls keine weiteren Bauten gegeben habe - sie sind z. Z. nur nicht wissenschaftlich nachweisbar. Innen vor dem geraden Nordgebäude (rechts oben) ist ein Trikonchenbau, eine kleine Pfalzkapelle aus karolingischer Zeit, angefügt. Der gesamte Komplex war möglicherweise von einer Mauer umgeben. Mit Sicherheit gab es im Osten und Westen auch schon Gräben zur Ableitung des Quellwassers, die aber noch keine Verteidigungsfunktion hatten (der östliche Wasserabflussgraben ist im Vordergrund zu sehen).

Dieser Ingelheimer Palastbau wurde für fast drei Jahrhunderte und für viele Könige bzw. Kaiser ein wichtiger Ort für hochrangige politische und kirchliche Veranstaltungen, mit Häufungen unter dem Sohn Karls, Ludwig dem Frommen, und unter den Ottonen.

Als sich der Schwerpunkt königlichen Lebens im 12./13. Jahrhundert von ländlichen Stützpunkten in die neu aufblühenden Städte verschob, wurde die Ingelheimer Pfalz – wie andere Pfalzen auch – nicht mehr in bisheriger Weise benötigt. In staufischer Zeit wurde der Gebäudekomplex renoviert, erweitert und zu einer Burg umgebaut. Später (im 14. Jh.)  wurden die Einkünfte solcher Königsgüter vielfach verpachtet und die Pfalzgebäude selbst wurden anderweitig verwendet (die Ingelheimer Aula z. B. als Kloster). Sie verfielen, ihre Ruinen dienten den Bewohnern des Nieder-Ingelheimer Saalgebietes als Steinbruch und wurden schließlich (spätestens seit dem Beginn des 15. Jh.) von ihnen überbaut, wobei einzelne Mauern als Teile neuer Gebäude weiterverwendet wurden und dadurch (glücklicherweise) erhalten blieben. 

Ob dieser erste Pfalzbau jemals ganz fertig gestellt wurde, ist nicht sicher. Unter seinem Sohn Ludwig jedenfalls sind bisher keine weiteren Baumaßnahmen feststellbar (so Grewe 2006); die Anlage muss aber schon zu Karls Lebzeiten so weit gediehen sein, dass er sie 786/87 zu hochrangigen und spektakulären Veranstaltungen nutzen konnte. Für die Aachener Pfalz rechnet Grimme mit einer Bauzeit von ca. 10 Jahren  - es spricht nichts dafür, dass die Bauzeit in Ingelheim sich sehr viel länger hingezogen haben müsste.

Karl starb im Jahr 814 in Aachen, wo er auch bestattet wurde; ihm folgte sein Sohn Ludwig I. (814 – 843), dem der Beiname „der Fromme“ gegeben wurde. Schon sein Zeitgenosse Ermoldus Nigellus verbindet seinen Namen fast immer mit dem Eigenschaftswort "pius" ("fromm"). Er war noch zu Lebzeiten seines Vaters als Nachfolger für das ganze, ungeteilte Frankenreich eingesetzt worden. 



Die Zeit Ludwigs des Frommen 

Als Ludwig im Jahre 814 die Nachfolge seines Vaters antrat, war er bereits 36 Jahre alt. Bis dahin hatte er seit 781 als Unterkönig in Aquitanien regiert und brachte von dort seine Vertrauten mit, den Mönch Benedikt und den Kanzler Helisachar. Ludwig verfolgte andere Regierungsziele als sein Vater. Während Karl sich berufen sah, ein christliches Großreich zu schaffen, bemühte sich Ludwig, es vor dem Zerfall zu bewahren und im Inneren durch Reformen zu festigen. Er wurde aber immer wieder in Grenzsicherungskriege verwickelt und hatte sich ab 817 häufiger Attacken der Normannen und später der Sarazenen zu erwehren. Tatkräftig nahm er die Neugestaltung der kirchlichen und weltlichen Ordnung in Angriff. Die noch von seinem Vater in Gang gesetzte heute so genannte „Karolingische Renaissance“ wertete er für sich als Auftrag und Programm. Dieses Erbe hat er nicht nur bewahrt, sondern mit Eifer vermehrt. 
Die von ihm getroffenen Erbfolgeregelungen hatten nachhaltige Auswirkungen auf die Reichsgeschichte. Zunächst wurde 817 die Thronfolgeordnung, "Ordinatio Imperii" genannt, erlassen. Mit ihr sollte die Reichseinheit gesichert werden. Auf der Reichsversammlung von 829 jedoch verfügte er zu Gunsten seines nachgeborenen Sohnes Karl eine Änderung, mit der er diese Ordinatio selbst überging. Rebellion, Haft, Kirchenbuße und dauernde Auseinandersetzungen mit den Söhnen überschatteten die letzten 10 Lebensjahre des Kaisers, bis er auf einer Rheinaue vor Ingelheim - der "Jungau"? - im Jahre 840 starb. Sein Sohn Lothar II. versammelte im August 840 seine Anhänger in Ingelheim und setzte von hier aus den Erzbischof Ebo von Reims wieder in seine Rechte ein.

Ein Zusammenstellung seiner Aufenthalte in Ingelheim findet sich hier.



Die späten Karolinger 

Im Endeffekt entstand bei den folgenden Reichsteilungen ein stark romanisch geprägtes Westfrankenreich, aus dem das heutige „Frankreich“ hervorging, ein überwiegend germanisch geprägtes Ostfrankenreich, aus dem „Deutschland“ entstand, und Mittelreiche mit wechselnden Zuschnitten, die immer wieder zwischen Ost und West umstritten waren, "Lothringen". 

Ingelheim fiel als Teil des Wormsgaues 843 dauerhaft an das Ostreich
. Es wurde ein Teil des Reichsteiles, in dem überwiegend die "Volkssprache" ("thiudisca lingua") gesprochen wurde, also "Deutsch". Dessen erster König Ludwig („der Deutsche“) regierte von 843 bis 876. Nur von 1797 (bzw. völkerrechtlich von 1801) bis 1814 (Napoleon) gehörte das linke Rheinufer mit Ingelheim kurzzeitig zum ehemals westfränkischen "Frankreich" und man ließ hier den alten Namen "Franken" wieder aufleben.

Die späten Könige aus der Familie der Karolinger, die hauptsächlich von Bayern oder Schwaben aus regierten, sind wahrscheinlich insgesamt nur ca. siebenmal in Ingelheim durch schriftliche Überlieferung in Urkunden nachweisbar: 

  • Lothar I.                          (843 - 855): 1 mal als König: 840, Juni/August)

  • Ludwig I.                        (843 - 876): 2 mal: 868 und 876; er bevorzugte Worms 

  • Arnulf                              (878 - 899): 2 mal: 893 und 897

  • Ludwig IV., das Kind    (900 - 911): 2 mal: 904, 909 

Die für sie verkehrsgünstiger gelegene Frankfurter Pfalz verdrängte zu ihrer Zeit die Ingelheimer Pfalz.

Aus der Regierungszeit Ludwigs "des Frommen" (vom 6.2.835) stammt eine Urkunde des Klosters Prüm, in der ein „exactor palatii ingilenheim/hinglinheim“, namens Agano, mit dem Kloster Prüm einen Gebietstausch von 30 Morgen Weinbergs- und Ackerland vereinbart. Agano war anscheinend eine Art Pfalzverwalter, "Eintreiber" von Abgaben ("exactio" war die Eintreibung von jeder Form von Abgaben und Steuern); Schmitz, Pfalz und Fiskus, S. 56, nennt ihn einen "obersten königlichen Beamten". 
Unterschrieben bzw. gesiegelt haben diese Urkunde auch vier "Liberi homines", also Freie, mit Namen Gernand, Duodonius, Atto, Willibert, und neun "Fiscalines", Angehörige des Fiscus Ingelheim, nämlich: Hugo der Ältere, Williger, Hiltbreth, Albunc, Guntar, Teganolf, Otger, Hildebald und Guntbreth; es sind die ersten "Ingelheimer", deren Namen wir erfahren.
Einen "Pfalzgrafen" als Herrn der Pfalz scheint es damals nicht gegeben zu haben.

Später haben Ludwig „der Deutsche“ (852) und Karl „der Dicke“ (882) der Salvatorkapelle in Frankfurt, der dortigen Pfalzkirche, reiche Einkünfte des Ingelheimer Königshofes übertragen. Das Salvatorstift behielt diese Rechte bis ins 14. Jahrhundert. Nach 868 erscheint in königlichen Urkunden aus Ingelheim nicht mehr der Ausdruck "palatium", sondern nur noch "curtis regia", also "Königshof", wohl ein Indiz für die wieder gesunkene Bedeutung der Ingelheimer Pfalz.

Es häuften sich unter diesen späten Karolingern Einfälle von Ungarn in Süddeutschland und Normannen (Wikingern) an Küsten und flussaufwärts im Binnenland, ohne dass die Karolingerherrscher viel dagegen ausrichten konnten. Dies förderte im östlichen Frankenreich die Bildung von Stammesherzogtümern (Sachsen, Thüringen, Bayern, Schwaben, Lothringen und Franken). Die Karolinger wurden schließlich von neuen Königen aus dem „Stamm“ der Sachsen abgelöst. Sie, beginnend mit Otto I.,  renovierten und benutzten die Ingelheimer Pfalz wieder und brachten sie zu neuer und größerer Blüte.








Gs, erstmals: 31.07.05; Stand: 13.08.10

 

 

Themenseiten

Stammbaum 
der Karolinger


Biographie 
Karls des Großen


Itinerar Karls des Großen

Geburtsjahr 
Karls des Großen


Capitulare de villis

Grabungen, Modelle und Präsentationen

Die historische Bedeutung der Ingelheimer Pfalz

Tassilo von Bayern

Die Bedeutung der Pfalz für Ingelheim

Verschleppte Säulen

Wasserleitung

Ingelheimer Solidus
Biografie Ludwigs 
des Frommen

Ludwig der Fromme in Ingelheim

Ermoldus Nigellus: 
Pfalz und Jagd

Reformen Ludwigs

Kultur unter Ludwig

Erbfolgeregelung Ludwigs

Literaturhinweise