Für die Bewohner des Ingelheimer Fiscus, d. h. des Königsgutes, war der
Machtwechsel von den Merowingern zu den Karolingern im 8. Jahrhundert
wahrscheinlich kein spürbares Ereignis; vielleicht hatte man
mitbekommen, dass die Macht der zerstrittenen Merowinger-Familie seit
dem 7. Jahrhundert geringer wurde und dass eine immer mächtiger
werdende „Hausmeier“-Familie, die der „Arnulfinger“, der später
so genannten Karolinger, sie im ganzen Frankenreich allmählich
verdrängte. „Hausmeier“ ist die deutsche Version des lateinischen
„Major Domus“ (d.h. Oberer des <königlichen> Hauses).
Es ist die Bezeichnung des obersten Amtsträgers der merowingischen
Könige des 7. und 8. Jahrhunderts, der zuständig war für den königlichen
Haushalt und seine Güter und damit auch für den Ingelheimer Königshof
mit seinem umfangreichen Landbesitz.
Durch geschickte Diplomatie sicherten sich Karlmann und Pippin die
Unterstützung der römischen Kirche (vgl. hierzu auch Merowingerzeit,
letzter Abschnitt „Frühe Kirchen und ein Königshof in Ingelheim“).
Im Jahre 751 schickte schließlich Pippin, ein Sohn Karl Martells, den
letzten Merowingerkönig ins Kloster und ließ sich zum König der
Franken ausrufen und salben. Dieser Pippin hat sich auch schon auf
dem Ingelheimer Königshof aufgehalten, denn er soll hier nach der
Biografie Luls von Lampert, cap. 8, im Jahre 755 den Abt Lul
von Hersfeld, den späteren Erzbischof von Mainz, empfangen haben
("in curte regia Inghilenheim").
Mit Pippin begann eine lange Periode der
Zusammenarbeit von fränkischen (später deutschen) Königen und
römischen Päpsten, die unter seinem Sohn Karl dazu führte, dass
dieser schließlich am Weihnachtstage 800 in Rom die alten Kaisertitel "Imperator
Augustus" zusätzlich zum fränkischen und langobardischen Königstitel annahm. Damit
verbunden war der Anspruch auf eine Fortsetzung des antiken Römischen Reiches im Westen,
auf gleicher Ranghöhe mit dem byzantinischen Kaiser in Konstantinopel,
mit dem es deshalb auch diplomatische Verwicklungen gab.
"Keine schriftliche Quelle berichtet uns von dem Ingelheim der
Römer- und der Merowingerzeit. Nur den Scherben und Steinen, den
Forschungen der Archäologen verdanken wir unsere Kenntnisse. Um die
Mitte des 8. Jahrhunderts ändert sich das ganz plötzlich: Von nun an
gibt es für drei Jahrhunderte kaum eine Chronik, einen Annalisten, der
nicht etwas über Ereignisse in Ingelheim zu erzählen weiß. Zahlreiche
Urkunden nennen den Namen des Ortes.
Diese Wende verdankt Ingelheim der
Königspfalz, die die Karolinger dort einrichteten." (Peter
Classen, S. 87)
Miniatur aus der Kaiserchronik
des 12. Jahrhunderts
Denn der König und spätere Kaiser Karl „der Große“ (Regierungszeit 768 – 814) wurde für
Ingelheim dadurch bedeutsam, dass er den Befehl gab, "neben" (Einhard:
„iuxta“) dem bisherigen Ingelheimer Königshof, der nördlich der heutigen Remigiuskirche angenommen
wird, eine neue prächtige Palastanlage
nach antiken (oder auch langobardischen, d. h. norditalienischen) Vorbildern zu bauen, gemäß der Absicht der renovatio
imperii Romanorum, eine "Kaiser-Pfalz“, mit einem
großem Versammlungsraum in der Form einer
Basilika (Aula regia; Innenmaße: ca. 51 m lang und
14,5 m breit), nach Art der spätantiken Basilika
bzw. Palastaula in Trier. Die neue Ingelheimer Pfalz erhielt
noch weitere Gebäude aus Stein, so eine imponierende halbkreisförmige Exedra mit vorgesetzten
Rundtürmen (siehe Modell) und
eine fast 7 km
lange unterirdische Wasserleitung in römischer Bauweise.
Interessant ist dabei, dass dieser Befehl zum Bau dieser imperialen Pfalz
offenbar schon einige Jahre vor 800, dem Jahr der Kaiserkrönung in Rom,
gegeben wurde. Daraus lässt sich schließen, dass der kaiserliche (?)
Repräsentationsanspruch schon länger existierte und die Krönung nur mehr der
letzte Abschluss einer längeren Politik war. "König der
Langobarden", d.h. von Norditalien einschließlich des lange
byzantinischen Exarchats Ravenna, war Karl schon seit 774, nach
der Eroberung von Pavia, der langobardischen Hauptstadt.
Im Früh- und Hochmittelalter spielten Königshöfe (villa oder curtis
regia) oder prächtig ausgebauten "Pfalzen"
(von lat. "palatium" = Palast)
eine unersetzliche Rolle für den dauernd in seinem Reich herumreitenden
König, sein Gefolge und seine oft Hunderte, wenn nicht Tausende von Gästen. Er konnte nicht von einer Hauptstadt aus
regieren, sondern musste möglichst oft persönlich „vor Ort“ sein,
bzw. seine Vasallen zu sich einladen, abgesehen davon dass es im Norden
und Osten des Frankenreiches kaum noch Städte gab, die diesen Namen
verdienen.
"Der König ist der größte Grundbesitzer des Reiches. Sein Besitz
ist in großen Grundherrschaften organisiert, deren Mittelpunkte die Königshöfe
bilden. Einige unter diesen Königshöfen sind in besonderer Weise dazu
eingerichtet, den König und sein Gefolge zu beherbergen. Das sind die
Pfalzen. Ein Autor der Zeit Ludwigs des Frommen nennt das, was man von
einer Pfalz damals erwartet, apparatus regiae mansionis et commoditas
itineris, »Einrichtungen für den Aufenthalt des Königs und Ausrüstung
für seine Reise«. Verstreute Quellen lassen erkennen, was alles dazu
gehört. Es muß Wohnräume geben, in denen der Herrscher, seine Familie
und sein Gefolge standesgemäß untergebracht werden können; im engeren
Sinn des Wortes heißt das königliche Wohngebäude palatium; in
einer Kirche oder Kapelle müssen die den König umgebenden Kapläne die
Messe für ihren Herrn lesen und dieser selbst sein Gebet verrichten können;
Vorräte für die Beköstigung und darüber hinaus für die Ausrüstung
auf der Weiterreise hält ein Wirtschaftshof bereit, der die umliegenden
Königsgüter bewirtschaftet, vielleicht auch Abgaben von entfernterem
Eigenbesitz des Herrschers oder von den ihm zu Abgaben verpflichte ten
Bischöfen und Äbten einsammelt. Die Pferde des königlichen Trosses müssen
nicht nur untergebracht und gefüttert, sondern auch ausgetauscht und
ergänzt werden können; eines gewissen Vorrates baren Geldes, edler
Steine oder ungemünzten edlen Metalles und wertvoller Geräte wird man
schwerlich ganz entbehrt haben, auch wenn der »Schatz« des Königs
eher konzentriert mit dem König reiste oder ständig an einem festen
Platz bewahrt wurde. Zu alledem gehörten Menschen, die Wirtschaft und
Dienst für den König wahrnahmen." (Peter
Classen, S. 87/88)
Man
kann aus Chroniken, insbesondere aber aus den Orts- und Zeitangaben
von Urkunden die Reiserouten der Könige teilweise erschließen, ihr „Itinerar“
mit den Königshöfen oder Pfalzen, in denen sie Halt machten,
"Hof" hielten und
amtierten.
Insgesamt hat man urkundliche Erwähnungen von ca. 150 Pfalzen Karls des
Großen gezählt, von denen aber bisher die wenigstens
archäologisch gefunden und untersucht werden konnten. Die
Ingelheimer Pfalz zählt neben Paderborn und Aachen mittlerweile zu den am besten erforschten.
Dass sich dabei auch Bevorzugungen einzelner Pfalzen
herausbildeten, ist nur natürlich; für Karl war es neben Worms vor
allem Aachen, das in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens so etwas
wie eine Residenz für ihn wurde, und das belgische Herstal an der Maas,
nördlich von Liège (siehe: Itinerar Karls des Großen). In Ingelheim lässt sich Karl nur viermal nachweisen: 774 sehr kurz,
786/87
mehrere Monate lang, wahrscheinlich auch 791 und letztmalig 807. Karl
selbst hat also die mit großem Aufwand gebaute Pfalz nur recht wenig
genutzt.
Für
seinen Sohn Ludwig (den Frommen) war die Ingelheimer Pfalz aber
tatsächlich eine bevorzugte Pfalz (siehe
unten).
Natürlich muss man auch damit rechnen, dass die Unterkunfts- und Versorgungsmöglichkeiten
der Pfalzen nicht nur von den Königen selbst,
sondern auch von anderen Personen aus ihrer Umgebung genutzt wurden, von
ihren Frauen, anderen Verwandten, von Vertrauten und Dienstmannen, ohne dass deren Besuche
nachweisbare Spuren hinterlassen haben müssen. Schmitz,
Pfalz und Fiskus, S. 292/3) weist auf eine Schenkung des Gutes
Windesheim an der Nahe an die Abtei Deutz hin, wahrscheinlich durch Otto
III., in deren Zusammenhang auch festgelegt war, dass man dem Abt von
Deutz, wenn er nach Ingelheim kam, dort die üblichen Abgaben und
Dienste (Unterkunft, Verpflegung, Holz) leisten sollte.
Warum gerade in Ingelheim?
Diese Frage hat sich schon Sebastian Münster am Ende seines Artikels
über seinen Geburtsort Ingelheim in der Cosmographie
in der Mitte des 16. Jahrhunderts gestellt (Cosm., Ausg. 1545, S. 418). Er hält die schöne Lage zwischen Mainz und Bingen, dem Rheingau
gegenüber, sowie die Jagdmöglichkeiten für die Ursache der
mittelalterlichen Beliebtheit Ingelheims:
Classen
führt neben der zentralen und verkehrsgünstigen Lage im Wormsgau,
eine Regionalbezeichnung, die für Ingelheim später vom "Nahegau"
abgelöst wurde, gleichfalls das schöne Panorama an, an das sich Sebastian Münster nach
langen Jahren in der Fremde von Basel aus mit Freude erinnerte (s.o.).
Eigentlich war die Stelle, auf der die Pfalz errichtet wurde, vom Gelände
her nicht besonders günstig, denn der Bauplatz lag auf einem zum Rhein hin
geneigten Abhang, der zuerst einmal umfangreiche Erdarbeiten zum Niveauausgleich
nötig machte (Aufschüttungen im Norden bis zu drei Metern!), um auf dem
planierten Platz überhaupt einen Halbkreisbau, die Exedra, errichten zu können,
denn dieser Bau mit einem Durchmesser von ca. 90 Matern erforderte
natürlich einen waagerechten Untergrund. Es müssen also schon gewichtige Gründe gewesen sein, die Karl
(oder seine Berater) auf diesem Bauplatz haben bestehen lassen.
Generell bevorzugten die Karolinger ländliche
Regionen, im Unterschied zu den Merowingern, die noch von alten
Römerstädten Galliens aus regiert hatten. Sicherlich war es auch die
verkehrsgünstige Nähe zu Rhein und Main, denn das damalige Reisen
war sehr beschwerlich. Wenn man den Wasserweg benutzen konnte, dann hat
man diesen - aber nur stromabwärts - dem mühsamen Reiten auf schlechten Wegen
vorgezogen. Auf dem Rhein konnte Karl z. B. in nur einem Tag die 80
Kilometer von Ingelheim bis Koblenz rheinabwärts mit dem Schiff
bewältigen. Vielleicht kam noch eine vergleichsweise günstige Gelegenheit
zum Jagen in dem (damals) noch wildreichem Wald auf den
Rheinauen hinzu.
Das unbebaute Umfeld der Ingelheimer Pfalz bot jedenfalls Platz für viele Zelte oder provisorische Holzhäuser und entsprach so den
Bedürfnissen
des reisenden Hofes und seiner zahlreichen berittenen Gäste und ihrer
Pferde. Ihr Lagerplatz
könnte z. B. der „Heerstall“ (s. Flurname "Im Herstel") nördlich der
Pfalz gewesen sein. Man rechnet damit, dass allein Karl mit einem Gefolge von
über hundert Personen unterwegs war.
Für Ingelheim sprachen sicher auch das milde Klima und der
fruchtbare Boden, vor allem der mittlerweile florierende Weinanbau in
Ingelheim. Möglicherweise wollte er auch durch den
römisch-kaiserlichen Ausbau dieser Ingelheimer Pfalz einen Kontrapunkt
zum Sitz des Mainzer Erzbischofs setzen. Andererseits entlastete
eine Pfalz in Ingelheim genauso wie der Königshof in Kostheim auf der
anderen Rheinseite den Mainzer Erzbischof von seinen Verpflichtungen zum
"servitium" für den König, also zu seiner
Verpflegung. Darauf weist Schmitz,
Pfalz und Fiskus, S. 199, hin. Denn der Verbrauch des reisenden
Königshofes - von eingeladenen Gästen ganz zu schweigen! - war
gewaltig: Der Annalist Saxo bezifferte den Verbrauch des königlichen
Hofes pro Tag im Jahre 968 - möglicherweise bei einer
Königsgastung in einem Kloster - mit folgenden Mengen: "1000
Schweine und Schafe, 10 Fuder (= ca. 1000 Liter) Wein, 10 Fuder
Bier, 1000 Malter Getreide, 8 Rinder, außerdem noch Hühner und Ferkel,
Fische, Eier, Gemüse und vieles andere mehr." (MG. SS, VI, S.
622).
Auffällig ist ferner, dass alle spektakulären Großbauten, die Einhard
aus der Zeit Karls erwähnt, an der Rheinschiene liegen: Nijmegen,
Aachen (nicht weit davon), Ingelheim und Mainz. Lag das vielleicht auch an der
günstigen Transportmöglichkeit auf dem Rhein? Siehe Pfalzsäulen!
Nach den ersten systematischen Grabungen (1909 -1914) glaubte
Christian Rauch diesen Rekonstruktionsplan erstellen zu können (aus BIG 11):
In diesem Modell aber werden verschiedene Bauphasen vom
8. bis zum 12. Jh. gleichzeitig gezeigt, die Saalkirche existierte
jedoch in
karolingischer Zeit noch nicht, und eine mit Mauern und Zinnen bewehrte
Burg war die Pfalz unter den Karolingern auch nicht.
Nach weiteren Grabungen in den 60er Jahren unter Walter Sage läuft nun seit 1993 eine
neue große Ausgrabungskampagne mit Holger Grewe, die schon zu vielen neuen
Erkenntnissen geführt hat. Der aktuelle Wissensstand wird auf seinen Internetseiten
faszinierend mit virtuellen interaktiven Rekonstruktionen präsentiert:
http://www.kaiserpfalz-ingelheim.de
Im Juli des Jahres 2006 wurde dem Museum von Holger Grewe und dem Historischen
Verein als Auftraggeber ein neues Pfalzmodell übergeben:
Foto: Geißler
Dieses Modell macht zum ersten Mal das Gefälle des
Geländes zum Rhein nach Norden hin sichtbar, auf dem Foto von links
nach rechts und gut zu erkennen an
der Exedraaußenwand im Vordergrund, die an ihrem linken Ende ein Stück in den Hang hinein
gebaut werden musste und dadurch ihre sonstige Zweistöckigkeit einbüßte. Die Türme sind bis auf zwei nur
als Stümpfe ausgeführt,
da man ihre genaue Höhe und den oberen Abschluss nicht kennt. Nördlich an die Aula regia (links oben)
schloss sich vermutlich eine Vorhalle an, ein Narthex. Die fehlende Bebauung im
Inneren bedeutet nicht, dass es dort zur Zeit Karls keine weiteren
Bauten gegeben habe - sie sind z. Z. nur nicht wissenschaftlich
nachweisbar. Innen vor dem geraden Nordgebäude (rechts oben) ist ein Trikonchenbau, eine kleine Pfalzkapelle aus karolingischer Zeit, angefügt. Der gesamte Komplex war möglicherweise von einer Mauer
umgeben. Mit Sicherheit gab es im Osten und Westen auch schon Gräben
zur Ableitung des Quellwassers, die aber noch keine
Verteidigungsfunktion hatten (der östliche Wasserabflussgraben ist im Vordergrund zu sehen).
Als sich der Schwerpunkt königlichen
Lebens im 12./13. Jahrhundert von ländlichen Stützpunkten in die neu
aufblühenden Städte verschob, wurde die Ingelheimer Pfalz – wie
andere Pfalzen auch – nicht mehr in bisheriger Weise benötigt. In
staufischer Zeit wurde der Gebäudekomplex renoviert, erweitert und zu einer Burg
umgebaut. Später (im 14. Jh.) wurden die Einkünfte solcher Königsgüter vielfach verpachtet und die Pfalzgebäude selbst wurden anderweitig verwendet (die Ingelheimer Aula z. B. als Kloster). Sie verfielen, ihre Ruinen dienten den Bewohnern des Nieder-Ingelheimer Saalgebietes als Steinbruch und wurden schließlich
(spätestens seit dem Beginn des 15. Jh.) von ihnen überbaut, wobei einzelne Mauern als
Teile neuer Gebäude weiterverwendet wurden und dadurch
(glücklicherweise) erhalten blieben.
Ob dieser erste Pfalzbau jemals ganz fertig gestellt wurde, ist nicht
sicher.
Unter seinem Sohn Ludwig jedenfalls sind bisher keine weiteren Baumaßnahmen
feststellbar (so Grewe 2006); die Anlage muss aber schon zu Karls Lebzeiten so weit
gediehen sein, dass
er sie
786/87 zu hochrangigen und spektakulären
Veranstaltungen nutzen konnte. Für die Aachener Pfalz rechnet Grimme mit einer Bauzeit von ca. 10 Jahren - es spricht nichts dafür, dass die Bauzeit in Ingelheim sich sehr viel länger hingezogen haben müsste.
Karl starb im Jahr 814 in Aachen, wo er auch bestattet wurde; ihm folgte sein Sohn
Ludwig I. (814 – 843), dem der Beiname „der Fromme“
gegeben wurde. Schon sein Zeitgenosse Ermoldus
Nigellus verbindet seinen Namen fast immer mit dem Eigenschaftswort
"pius" ("fromm"). Er war noch zu Lebzeiten seines Vaters als Nachfolger
für das ganze, ungeteilte Frankenreich eingesetzt worden.
Als Ludwig im Jahre 814 die Nachfolge seines Vaters antrat, war er
bereits 36 Jahre alt. Bis dahin hatte er seit 781 als Unterkönig in
Aquitanien regiert und brachte von dort seine Vertrauten mit, den Mönch
Benedikt und den Kanzler Helisachar. Ludwig verfolgte andere
Regierungsziele als sein Vater. Während Karl sich berufen sah, ein
christliches Großreich zu schaffen, bemühte sich Ludwig, es vor dem
Zerfall zu bewahren und im Inneren durch Reformen zu festigen. Er wurde
aber immer wieder in Grenzsicherungskriege verwickelt und hatte sich ab
817 häufiger Attacken der Normannen und später der Sarazenen zu
erwehren. Tatkräftig nahm er die Neugestaltung der kirchlichen und
weltlichen Ordnung in Angriff. Die noch von seinem Vater in Gang
gesetzte heute so genannte „Karolingische Renaissance“ wertete er für sich als
Auftrag und Programm. Dieses Erbe hat er nicht nur bewahrt, sondern mit
Eifer vermehrt.
Die von ihm getroffenen Erbfolgeregelungen hatten
nachhaltige Auswirkungen auf die Reichsgeschichte. Zunächst wurde 817
die Thronfolgeordnung, "Ordinatio Imperii" genannt, erlassen. Mit
ihr sollte die Reichseinheit gesichert werden. Auf der Reichsversammlung
von 829 jedoch verfügte er zu Gunsten seines nachgeborenen Sohnes Karl
eine Änderung, mit der er diese Ordinatio selbst überging. Rebellion,
Haft, Kirchenbuße und dauernde Auseinandersetzungen mit den Söhnen
überschatteten die letzten 10 Lebensjahre des Kaisers, bis er auf einer
Rheinaue vor Ingelheim - der "Jungau"? - im Jahre 840 starb. Sein Sohn Lothar II.
versammelte im August 840 seine Anhänger in Ingelheim und setzte von
hier aus den
Erzbischof Ebo von Reims wieder in seine Rechte ein.
Ein Zusammenstellung seiner Aufenthalte in Ingelheim findet sich hier.
Im Endeffekt entstand bei den folgenden Reichsteilungen ein stark romanisch
geprägtes Westfrankenreich, aus dem das heutige „Frankreich“
hervorging, ein überwiegend germanisch geprägtes Ostfrankenreich, aus
dem „Deutschland“ entstand, und Mittelreiche mit wechselnden
Zuschnitten, die immer wieder zwischen Ost und West umstritten waren,
"Lothringen".
Ingelheim
fiel als Teil des Wormsgaues 843 dauerhaft an das Ostreich. Es
wurde ein Teil des Reichsteiles, in dem überwiegend die
"Volkssprache" ("thiudisca lingua")
gesprochen wurde, also "Deutsch". Dessen
erster König Ludwig („der Deutsche“) regierte von 843 bis 876. Nur
von 1797 (bzw. völkerrechtlich von 1801) bis 1814 (Napoleon)
gehörte das linke Rheinufer mit Ingelheim kurzzeitig zum ehemals
westfränkischen "Frankreich" und man ließ hier den alten
Namen "Franken" wieder aufleben.
Die späten Könige aus der Familie der Karolinger, die hauptsächlich von Bayern
oder Schwaben aus regierten, sind wahrscheinlich insgesamt nur ca.
siebenmal in Ingelheim
durch schriftliche Überlieferung in Urkunden nachweisbar:
Lothar I.
(843 - 855): 1 mal als König: 840, Juni/August)
Ludwig I.
(843 - 876): 2 mal: 868 und 876; er
bevorzugte Worms
Arnulf
(878 - 899): 2 mal: 893 und 897
Ludwig IV., das Kind (900 - 911): 2 mal: 904,
909
Die für sie verkehrsgünstiger gelegene Frankfurter
Pfalz verdrängte zu ihrer Zeit die Ingelheimer Pfalz.
Aus der Regierungszeit Ludwigs "des Frommen" (vom 6.2.835) stammt eine
Urkunde des Klosters Prüm, in der
ein „exactor palatii ingilenheim/hinglinheim“, namens Agano, mit dem
Kloster Prüm einen Gebietstausch von 30 Morgen Weinbergs- und Ackerland
vereinbart. Agano war anscheinend eine Art Pfalzverwalter, "Eintreiber"
von Abgaben ("exactio" war die Eintreibung von jeder
Form von Abgaben und Steuern); Schmitz,
Pfalz und Fiskus, S. 56, nennt ihn einen "obersten
königlichen Beamten".
Unterschrieben
bzw. gesiegelt haben diese Urkunde auch vier "Liberi homines",
also Freie, mit Namen Gernand, Duodonius, Atto, Willibert, und neun
"Fiscalines", Angehörige des Fiscus Ingelheim,
nämlich: Hugo der Ältere, Williger, Hiltbreth, Albunc, Guntar,
Teganolf, Otger, Hildebald und Guntbreth; es sind die ersten
"Ingelheimer", deren Namen wir erfahren.
Einen
"Pfalzgrafen" als Herrn der Pfalz scheint es damals nicht
gegeben zu haben.
Später
haben Ludwig „der Deutsche“ (852) und Karl „der Dicke“ (882) der
Salvatorkapelle in Frankfurt, der dortigen Pfalzkirche, reiche Einkünfte des Ingelheimer Königshofes
übertragen. Das Salvatorstift behielt diese Rechte bis ins 14.
Jahrhundert.
Nach 868 erscheint in königlichen Urkunden aus Ingelheim nicht mehr der
Ausdruck "palatium", sondern nur noch "curtis
regia", also "Königshof", wohl ein Indiz für die
wieder gesunkene Bedeutung der
Ingelheimer Pfalz.
Es häuften sich unter diesen späten Karolingern Einfälle
von Ungarn in Süddeutschland und Normannen (Wikingern) an Küsten und
flussaufwärts im Binnenland, ohne dass die Karolingerherrscher viel
dagegen ausrichten konnten. Dies förderte im östlichen Frankenreich die Bildung von Stammesherzogtümern
(Sachsen, Thüringen, Bayern, Schwaben, Lothringen und Franken). Die
Karolinger wurden schließlich von neuen Königen aus dem „Stamm“
der Sachsen abgelöst.
Sie, beginnend mit Otto
I., renovierten und benutzten die Ingelheimer Pfalz wieder
und brachten sie zu neuer und größerer Blüte.