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Ober-Ingelheim

 

Autor: Hartmut Geißler
Neufassung 2020

 

Ober-Ingelheim auf einem Stich von Matthäus Merian

Kolorierter Merian-Stich aus der Topographia Palatinatus Rheni von 1645, der vorgibt, "Ingelheim" darzustellen, aber im Vordergrund Ober-Ingelheim zeigt (vom Westerberg her gesehen).

Wappen und Beschriftung sind verwechselt: Was links, klein und  entfernt vor den Rheingauhöhen, als "Ober-Ingelheim" überschrieben ist, ist in Wirklichkeit Nieder-Ingelheim, zu dem auch das Wappen (Reichsadler über Burgmauern) gehört (oben rechts), und was groß mit "Ingelheim" überschrieben ist, das ist in Wirklichkeit Ober-Ingelheim mit einem überstigert großen Burgkirchenareal und idyllisch gelegenen Häusern, so als hätte es den Dreißigjährigen Krieg gar nicht gegeben.

Unten ein angeblicher Ortsplan aus der Zeit um 1800, veröffentlicht von Christian Rauch 1934, von ihm damals bearbeitet. Oben ist Osten.

Wichtig war Rauch, dem Ausgräber der Kaiserpfalz, damals offenbar die Befestigung Ober-Ingelheims, deren Mauern, Tore und Türme er schwarz markierte. Den noch vorhandenen oder von ihm vermuteten Burggraben machte er durch eine dünne Linie vor der Mauer kenntlich, was sich aber für das Stück unten neben dem Maßstab, parallel zur unteren Altegasse, anhand der Katasterpläne von 1812 und 1848, nicht bestätigen lässt. Richtig vermutet hat er die Fortsetzung des Grabens vom Stiegelgässer Tor hinab zum Mühlgraben, nicht richtig wiederum eine gestrichelte Linie, die in den letzten Jahren manchmal als Palisaden gedeutet wurde, von dort mitten durch die größtenteils nicht eingezeichneten Gebäude der Mühlenhofreite.

Insgesamt zeichnete er viel weniger Gebäude ein, als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts tatsächlich vorhanden waren, anscheinend nur die Wohngebäude, nicht die größere Zahl der Wirtschaftsgebäude. Dadurch gewinnt man den verfälschenden Eindruck, die Flächen Ober-Ingelheims seien um 1800 noch recht dünn bebaut gewesen. Dies verfälscht inbesondere die Vorstellung des großen Mühlenanwesens der ehemaligen Klostermühle, deren eigentliches Mühlengebäude auf der Insel zwischen Mühlgraben und Selz stand (von Rauch ausgelassen) und die dazugehörenden Wohn- und Wirtschaftsgebäude direkt am Mühlgraben (von Rauch ausgelassen), sodass in diesem Bereich gar keine zusätzliche Befestigung durch Mauer, Graben oder Palisaden möglich oder nötig war.

Daher darf man diesen von Rauch bearbeiteten Plan, der in der Vergangenheit unbedenklich für viele Abbildungen und auch das Tastmodell übernommen wurde, nur mit großer Vorsicht benutzen, denn seine Originalvorlage ist unbekannt und nicht auffindbar, sodass das Ausmaß seiner Bearbeitung nicht nachprüfbar ist. Da die französischen Katasterkarten von 1812 für den Ortsbereich immer noch verschwunden sind, können wir nicht wirklich darstellen, wie Ober-Ingelheim um 1800 ausgesehen hat. Man kann nur Rauchs Plan mit den Katasterplänen von 1848 vergleichen und entdeckt dann die Ungenauigkeiten, auch was die Türme angeht. Auch ein Gebück im unteren Ochsenborn, das bisweilen zusätzlich eingezeichnet wurde, lässt sich bisher nicht nachweisen; es ist sehr unwahrscheinlich.

Möglich erscheint nach dem Katasterplan von 1848 hingegen eine Fortsetzung der Wehrmauer vom oberen Altegässer Tor quer durch den oberen Ochsenborn bis zum Klostergelände.

Gut zu erkennen ist am oberen Bildrand rechts neben dem Burgkirchenareal (mit Zwingermauer) die "reform. Kirche" mit Wehrmauerresten links und rechts sowie mehrere Vorlagetürme. Unterhalb und rechts davon sind auch die katholische Kirche St. Michael und die luth. Kirche am Neuweg eingezeichnet. Mittelalterliche Durchgangsstraße war die Stiegelgasse - Markt - Rinderbach.

Ortsplan Rauchs von 1934; Repro: Gs

 

Die ältesten dörflichen Siedlungsspuren Ober-Ingelheims gehen zurück auf die Zeit der fränkischen Besiedlung im Zuge der "Völkerwanderung" und die spätere christliche Missionierung vom Frankenreich im Westen. Dass der Ort ebenso wie Nieder-Ingelheim schon in der Zeit der merowingischen Könige dicht besiedelt war, kann man an der immer größer werdenden Zahl von freigelegten fränkischen Gräbern aus dem 5.-8. Jh. ersehen.

Spätestens mit dem 11. Jahrhundert erlangten hier im Dienste des Nieder-Ingelheimer Herrscherpalastes stehende freie Königsmannen umfangreiche Begüterung. Deren privilegierte, bis in den Grafenstand aufgestiegene Geschlechter gaben dem geschlossenen mittelalterlichen Ortsbild seine noch heute in wesentlichen Strukturen nachvollziehbare Gestalt.

Umgeben von einer vergleichsweise imposanten, steinernen Befestigungsmauer mit sechs bzw. sieben Toren und zahlreichen Vorlagetürmen, befand sich im Zentrum ein brunnenbestückter Marktplatz, auf den strahlenartig die ursprünglichen Gassen zuliefen. Kern der Verteidigungsanlage war die östlich am Hang aufragende "Burgkirche" mit doppeltem Zwinger- und Grabensystem.

Die Außengestalt dieses Sakralbaues spiegelt sehr markant alle architektonischen Erweiterungen von der Romanik bis zur späten Gotik wider. Ihr kostbar ausgestatteter Innenraum diente bis ins 17. Jahrhundert als stolze Grablege für den Ingelheimer Adel.

Der schützende Turm barg das Urkundenarchiv des Ingelheimer Grundes, während das Archiv des Adels und der Gerichte in einem Nebenraum in der Nikolaus-Kapelle untergebracht war. Es gab also zwei Archiv-"Gewölbe" in der Burgkirche: das "Ratsgewölb" und das "Rittergewölb" .

Der Ortsname "Ober-Ingelheim" erscheint zum ersten Mal in einer originalen Schenkungsurkunde Ottos III. aus Ravenna vom 12. Mai 1001, in der einem Grafen Tammo eine Manse "in villa Inglinheim superiori in comitatu Emichoni comitis in pago Nahegouue dicta situm" übereignet wird (MGH, DO III, 837, 403; "im Hofgut Ober-Ingelheim in der Grafschaft des Grafen Emicho im Nahegau").

Ähnlich auch unter Heinrich III., allerdings in der Abschrift einer Bestätigung einer angeblichen Urkunde Karls des Großen (vor 800), in der - zusätzlich zu weiteren Schenkungen - schon früherer Besitz des Klosters Hersfeld bestätigt wurde, der dem Kloster möglicherweise bei seiner Gründung (769) durch den Mainzer Erzbischof Lullus übertragen worden war.

Die Urkunde Karls selbst ist nicht mehr erhalten. Mit jener Schenkung Karls verbunden war die Übertragung von 2 Höfen mit ca. 60 Morgen und 4 Mansen (Landarbeiterhöfe) in Ober-Ingelheim an das Hersfelder Kloster.

 

Schon im Mittelalter wohnten in Ober-Ingelheim neben den adligen Familien und ihrem Gesinde auch viele nichtadlige Freie, "Bürger" (oder lateinisch "cives") genannt. Es waren vor allem Bauern, die teilweise auch Wein anbauten, Handwerker und Händler. Dementsprechend gab es in Ober-Ingelheim wie bei einer Stadt mit Stadtrechten einen "Bürgermeister," einen "Rat" und eine "Gemeinde" (Haderbuch OI 1467, fol. 105).

Zu einigen demographischen Daten aus der frühen Neuzeit Ober-Ingelheims

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchsen Ober- und Nieder-Ingelheim aufgrund des starken Bevölkerungswachstums und der Industrialisierung Nieder-Ingelheims durch Neubaugebiete zwischen Selz (Selztalstraße) und Mainzer Berg (Rotweinstraße) aufeinander zu, so dass sie heute "fugenlos" ineinander übergehen, ohne dass die ehemalige Gemarkungsgrenze noch zu spüren ist.

Auf der hessischen Höhenschichtkarte von ca. 1900 (unten) ist sie rot eingetragen. Oben verläuft quer die Binger Straße. Zur ihr parallel ist der Verlauf der Schwebebahn für die Zementfabrik durch eine Linie mit kleinen Querstrichen eingezeichnet. Bemerkenswert ist die noch sehr dünne Wohnbebauung zwischen Ober- und Nieder-Ingelheim zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Gemarkungsgrenze kreuzte die Grundstraße auf Höhe der San-Pietro/Kreuzbergstraße und die Bahnhofstraße oberhalb der Abzweigung der Mühlstraße, so dass fast der ganze Teil der Bahnhofstraße mit ihrer Steigung in Ober-Ingelheimer Gemarkung liegt. Dem gegenüber gehörte der größere Teil der heutigen Grundstraße zu Nieder-Ingelheim, und auf der erst später ausgebauten Rotweinstraße ragte Nieder-Ingelheim bis zum Ober-Ingelheimer Friedhof und der Friedensstraße nach Süden.

Gemarkungsgrenze rot in in der Höhenschichtkarte von Hessen 1900-1902

 

"Vorreiterin" der Neubautätigkeit war die Grundstraße. Ihr folgten die 1876 neu angelegte Bahnhofstraße und dann die Gebiete dazwischen.

Mit Wirkung zum 1. April 1939 wurde Ober-Ingelheim schließlich mit Nieder-Ingelheim (mit Sporkenheim) und Frei-Weinheim zur "Stadt Ingelheim am Rhein" vereinigt.

Foto: H. Geißler

 

Rechts: das älteste Elektrizitätswerk von Ober-Ingelheim an der Ecke Gärtnerstraße / Untere Froschau, in Betrieb von 1894 -1906. Es wurde errichtet von Friedrich Wilhelm Freund, der dazu seine bisherige Gerberei umbaute.

Da sich in Ober-Ingelheim aus Verkehrsgründen nur wenig Industrie ansiedelte und auch in den 1970er Jahren aus Ober-Ingelheim keine autogerechte Stadt gemacht wurde, blieb sein mittelalterlicher Ortskern bis heute erhalten. Dies zeigen sowohl Rauchs Plan (oben) als auch der von 1840 (unten). Freilich werden heute, auch nach dem Hinzukommen von Neubaugebieten, immer mehr Klagen über fehlende Parkplätze laut...

Aus: Gerda Bernhard, Die beiden Ingelheim und ihre Umgebung. Frankfurt/M 1936, Anhang

 

Literatur zur Ober-Ingelheimer Geschichte

 

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Gs, erstmals: 08.03.06; Stand: 22.10.20