| Ingelheim
zur Zeit der französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons Autor: Hartmut Geißler Die große französische Revolution wirkte sich ab 1792 auch in Ingelheim aus. Aber da die Pariser Regierung anfangs die Neutralität von Kurpfalz und Nassau achtete, wurden deren Gebiete und damit auch der Ingelheimer Grund 1792/93 nicht direkt in die jakobinische Bewegung zur "Munizipalisierung" und in die Kampagne zur Wahl des Mainzer "Rheinisch-deutschen Nationalkonventes" einbezogen wie die kurmainzischen Orte, z. B. Gau-Algesheim. Gleichwohl bildete sich (nach Saalwächter) in Ober-Ingelheim ein "Cercle constitutionel", ein Verfassungsklub, der den Mainzer Jakobinern nahe stand. Bis 1797 hat der Ingelheimer Grund mindestens fünfmal seinen militärischen Besetzer gewechselt. Denn die Orte des Ingelheimer Grundes wurden sowohl von Franzosen, als auch von ihren deutschen Gegnern immer wieder als Einquartierungsgebiet genutzt, zeitweise gerieten sie auch in Kämpfe, trotz der kurpfälzischen Neutralität. In dem zwischen Österreich und Frankreich zu Campo Formio 1797 geschlossenen Frieden gab es eine Geheimklausel, die das Reichsgebiet links des Rheines Frankreich zusprach. Damit gehörte Ingelheim faktisch zu Frankreich. Im Baseler Sonderfrieden (April 1795) hatte Preußen schon vorher dasselbe Zugeständnis gemacht. Im Jahre 1797 war Ingelheim zuerst zwar noch frei von französischer Besatzung, auf dem linken Selzufer aber standen ihre Vorposten, so dass die Verbindung mit Frei-Weinheim unterbrochen war. Dessen Notlage wurde dadurch so vergrößert, dass die Einwohner drohten, sie müssten, wenn ihnen keine Hilfe zuteil werde, ihre Wohnungen aufgeben. Die Drohung auszuführen war jedoch nicht nötig. Am 30. Dezember 1797 marschierte die deutsche Besatzung aus Mainz ab, gefolgt von den in die Festung einrückenden französischen Truppen. Damit kam auch Ingelheim wieder unter französische Herrschaft. Um nun den politisch gewünschten Anschluss an Frankreich zu beschleunigen und besser zu legitimieren, wurden 1798 in allen Orten unserer Region Abstimmungen durchgeführt, in denen der Anschluss gefordert wurde. In diesem Zusammenhang wurden auch in den kurpfälzischen Gemeinden, die 1792/93 davon noch frei geblieben waren, Freiheitsbäume gesetzt, und zwar lebende Bäume, nachweislich in Appenheim, Bubenheim, Nieder- Hilbersheim, Ober-Hilbersheim und Schwabenheim, sowie in Ober- und Nieder-Ingelheim. Im Frieden von Lunéville (9. Februar 1801) schließlich willigten Kaiser und Reich auch völkerrechtlich in die Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich ein. Es stand bis 1802 unter der Kontrolle eines Generalkommissariats, danach wurde es verwaltungstechnisch neu organisiert, die Departementsverfassung wurde mit dem 3. August 1802 eingeführt.
Erklärtes Ziel Napoleons war es, die Bewohner der neuen Departements "vollständig französisch zu machen" (Springer, S. 256), und dieses Ziel verfolgte auch sein "Musterpräfekt" Jeanbon de St. André. Unter ihm wurde die „Route Charlemagne“ gebaut bzw. ausgebaut, eine wirtschaftlich und strategisch wichtige Straße von Basel am Rhein entlang bis nach Nijmegen, in unserer Gegend von Mainz-Finthen über den Mainzer Berg an Wackernheim vorbei und dann fast schnurgerade durch Nieder-Ingelheimer Gebiet hindurch bis Bingen. An dieser Achse, die wahrscheinlich einer alten römischen Straße folgte, entwickelte sich das Nieder-Ingelheim des 19. Jahrhunderts. Es ist die heutige Mainzer bzw. Binger Straße. An ihren Bau erinnert der zweisprachige sog. Napoleonstein gegenüber dem heutigen Hotel Multatuli. Diese napoleonische Zeit brachte auch dem Ingelheimer Grund einen allgemeinen Modernisierungsschub, der sich allerdings erst später voll auswirkte:
Die Beurteilung jener Epoche schwankt sehr stark in der Literatur, je nach Perspektive des Autors und nach Abfassungszeit. Einerseits werden die Kriegsleiden und die anfängliche Ausplünderung sehr stark hervorgehoben, andererseits die Einführung fortschrittlicher Institutionen im linksrheinischen Gebiet. Als positiv wurden wahrscheinlich von der hiesigen Bevölkerung empfunden ...
Sehr positiv äußert sich Wilhelm Hesse (im Buch gedruckt "Heße"), der von 1816 bis 1835 in der Verwaltung der Provinz Rheinhessen tätig war, in seinem Buch von 1835 über die Verbesserungen, die das französische Rechtswesen für Rheinhessen gebracht hat. (Hesse S. 90 - 118) Als negativ wurden andererseits sicherlich erlebt ...
Leider gibt es keinerlei schriftliche Zeugnisse, wie die damaligen "Ingelheimer" den Wandel ihrer Lebensumstände erlebt und bewertet haben. Man kann es höchstens aus einigen Indizien schließen oder die Bewertungen aus anderen Regionen übernehmen (am ausführlichsten bei Springer):
Gravierend, weil von dauerhafter Wirkung, war die große Besitzumschichtung von ca. zwei Dritteln des alten Grundbesitzes. Das war vor allem Kirchengut, aber auch der Grundbesitz des Adels. Er wurde nun von Bürgerlichen gekauft bzw. bei Versteigerungen erworben, es entstand eine neue Besitz- und Sozialstruktur. So gaben die "Grafen von Ingelheim" ihren Besitz im nun französischen Ingelheim auf und verkauften ihn unter Wert. Auch diese vormaligen Großgrundbesitzungen - nun in bürgerlicher Hand - konnten nun durch Teilverkauf oder Erbteilung aufgeteilt werden, was die Tendenz zu kleineren Parzellen förderte. Die neuen "Notabeln" im Donnersberg-Departement waren Beamte, Grundbesitzer, Industrielle. Nur wenige adlige Familien behielten ihre Wohnsitze linksrheinisch, so z. B. die Herren von Wallbrunn, die zur rheinischen Ritterschaft gehörten und auch in Groß-Winternheim begütert waren. Sie blieben ebenso wie die Wambold von Umstadt in Partenheim wohnen, ohne dass ihnen ihre Besitzungen enteignet oder geplündert und zerstört wurden. Napoleon selbst durchfuhr nur ein einziges Mal Ingelheim, und zwar mit einer Kutsche auf der neuen Straße von Köln über Koblenz, Bingen und Kreuznach kommend, im September 1804, während seine Frau Josephine das Schiff bis Mainz bevorzugte. Die "französische Zeit" ging zu Ende, als nach der sog. Völkerschlacht bei Leipzig (18. Oktober 1813) die verbündeten Truppen der Preußen, Österreicher, Russen und die kleineren Kontingente den Rhein überschritten (Blücher bei Kaub in der Neujahrsnacht 1814) und nach Frankreich weiterzogen. Erneut wurden die Orte des Ingelheimer Grundes zu Einquartierungen, Verpflegungsleistungen und sonstigen Dienstleitungen verpflichtet, zuerst für die sich zurückziehenden Franzosen, dann für die nachdrängenden Deutschen und verbündeten Russen und schließlich für diese Truppen, als sie wieder aus Frankreich zurück zogen. Zwischen 1814 und 1816 wurde das bisherige Departement Mont Tonnerre von einer provisorischen Militäradministration der siegreichen deutschen Staaten verwaltet, bis große Teile davon durch den Staatsvertrag zwischen Preußen, Österreich und Hessen-Darmstadt am 30. Juni 1816 an das Großherzogtum Hessen-Darmstadt fielen, als "Rheinhessen". Und zu diesem gehörten nun auch die Orte des ehemaligen Ingelheimer Grundes bzw. Kantons. Die vorrevolutionären Verhältnisse wurden nicht wieder hergestellt.
Gs, erstmals: 01.11.05; Stand: 13.07.10 |

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Literaturhinweise