| Ingelheim
vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Machtergreifung Hitlers (1914-1933) Autor: Hartmut Geißler 1. Eine kurze, aber dramatische Epoche Die Geschichte Ingelheims in dieser an sich kurzen, aber dramatischen Epoche von nur 19 Jahren ist sehr stark von der allgemeinen deutschen Geschichte jener zwei Jahrzehnte bestimmt:
Während im Mittelpunkt des historischen Interesses am 19. Jahrhundert eher die langsameren strukturellen Wandlungen in Bevölkerung, Bebauung und Beschäftigung standen, die aber für unsere Gegenwart die Basis des modernen Ingelheim gelegt haben, wird die Wahrnehmung dieser Epoche nun dominiert von kurzfristigen wirtschaftlichen und politischen Konstellationen, von Wirtschaftsschwankungen und den dauernden Wahlkämpfen und wechselnden Wahlergebnissen, sozusagen vom Fieber einer jungen und weithin unbeliebten Parteien-Demokratie, die sich in den Augen vieler Zeitgenossen nur schlecht zu bewähren schien. Gleichwohl gab es auch während dieser Zeit in Ingelheim eine sich festigende Industrialisierung, deshalb eine weiter wachsende Bevölkerung, weitere Wohnbebauung, ein sich ausweitendes Vereinsleben in großer kultureller Vielfalt, eine fortschreitende Technisierung und Auto-Mobilisierung. 2. Der "Weltkrieg" und die Revolution Zur Themenseite "Ingelheim im Ersten Weltkrieg" Im Herbst 1914 wurden auf den Höhen der Gemarkungen NiederIngelheim, Heidesheim und Wackernheim Feldbefestigungen erbaut, die glücklicherweise nie benötigt und im März 1927 wieder gesprengt wurden. Auch im noch vorwiegend agrarischen Ingelheim wurden schnell die Lebensmittel knapp; es folgten Lebensmittelrationierungen durch Lebensmittelkarten bei steigenden Preisen. Es wurde für Kriegsanleihen geworben, Buntmetall wurde beschlagnahmt, Felddiebstähle, Kohleverknappung und Schwarzhandel waren an der Tagesordnung. Kriegsgefangene wurden auch hier in der Landwirtschaft beschäftigt. Die Weinproduzenten erzielten bis zum Kriegsende steigende Preise. Ingelheim hatte 1914 für verwundete Soldaten 100 Lazarettplätze: im Ludwigstift, bei Boehringer und in Schulen. Pfarrer Korell organisierte Landferien für 65 Großstadtkinder aus Barmen (heute ein Teil Wuppertals) in Nieder-Ingelheim, Groß-Winternheim und Schwabenheim. Einige Kirchenglocken wurden eingeschmolzen. Zum Zwecke der Energieersparung wurde ab 1. Mai 1916 erstmalig die Sommerzeit eingeführt. Die große Grippe-Epidemie 1918 forderte auch in Ingelheim Todesopfer; zeitweise wurden deswegen die Schulen geschlossen. Im November 1918 wurden nach den Revolutionen in Berlin und den Landeshauptstädten, die zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten und zur Absetzung der Fürstenregierungen führten, auch in den Ingelheimer Orten Arbeiter- und Bauernräte sowie Bürgerwehren gebildet, nicht in wirklich revolutionärer Absicht, sondern um Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Beide Ingelheim dienten als Quartierorte für die von der Westfront zurückkehrenden Truppen (Massenquartiere in Schulen und Kirchen). Bis nach Japan hatte es Soldaten aus Ingelheim als Kriegsgefangene verschlagen; im März 1920 kehrten von dort drei Ingelheimer heim, August Weitzel (Uffub), Georg Krollmann (Neuweg) und Georg Saalwächter; außerdem noch Friedrich Bauer aus Frei-Weinheim am 4. April 1920. Für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges wurden später in beiden Ingelheim und in Frei-Weinheim Kriegerdenkmäler errichtet. Darauf sind insgesamt 278 Namen verzeichnet.
3. Die Nachkriegszeit bis 1923: Besetzung, Separatismus, Inflation Am 12. Dezember 1918 trafen die ersten französischen Besatzungstruppen hier ein. Von da ab standen auch die Ingelheimer Orte bis Ende Juni 1930 unter einem besonderen Besatzungsregime, das sich in vielen Bereichen des Ingelheimer Lebens auswirkte, bis zum 1. Dezember 1925 unter französischer Kontrolle, von da ab bis 1930 unter britischer, allerdings ohne dass britische Soldaten in Ingelheim stationiert waren. Die französische Besatzungsmacht unterstützte anfangs die separatistischen Bemühungen. Denn seit dem Einmarsch der Franzosen gab es immer wieder politische Initiativen, das linke Rheinufer vom Reich loszulösen (Separatismus). In Mainz wurde am 2. Juni 1919 eine "Rheinische Republik" ausgerufen, wogegen sich die Vorstände der rheinhessischen DVP, DDP, SPD und Zentrum in einer gemeinsamen Erklärung wendeten. In Ingelheim wirkte sich der Kampf gegen die "Separatisten" in Prügeleien aus, verstärkt im Krisenjahr 1923 (s. u.). Im Juni 1920 wurde das Hissen der alten Nationalfarben (schwarz-weiß-rot) und der neuen (schwarz-rot-gold) von den Besatzungsmächten in den Orten des besetzten Rheinlandes verboten. Die Nahrungsmittelknappheit des Krieges hielt auch nach dem Krieg an. Am 31. Januar 1920 meldete der Ingelheimer Anzeiger, dass die Gemeindeverwaltung von Ober-Ingelheim zur Sicherung der nächstjährigen Kartoffelversorgung 600 Zentner Saatkartoffeln gekauft habe, die den Landwirten mit einem kleinen Aufschlag überlassen würden, wenn diese ihrer Ablieferungspflicht an Speisekartoffeln nachkämen. Ein erstaunlich reges Vereinsleben mit Musik- und Theaterdarbietungen versuchte von den Misslichkeiten des Alltags abzulenken. Der Ingelheimer Anzeiger berichtete darüber aus dem Februar 1920:
Im Juli 1920 fand ein großes Gau-Turnfest in Nieder-Ingelheim statt und im selben Jahr etablierten sich die ersten Kinos in Ober- und Nieder-Ingelheim. Im Zusammenhang mit der Ruhrbesetzung durch die Franzosen 1923 wurden von deutscher Seite die Eisenbahner zu Streiks aufgerufen. Zahlreiche Personen wurden aus Ingelheim ausgewiesen, darunter 46 Eisenbahner, der Nieder-Ingelheimer Bürgermeister Muntermann, der Frei-Weinheimer Bürgermeister Kitzinger, der Pfarrer und Reichstagsabgeordnete Korell sowie Kommerzienrat Albert Boehringer mit seinem Sohn und Dr. Bopp von der Chemischen Fabrik Frei-Weinheim mit seiner Frau. Erst im Sommer 1924 durften sie wieder in ihre Ingelheimer Orte zurückkehren. In und um Ingelheim gab es drei Anschläge auf Personenzüge:
Philipp Dexheimer berichtet aus Frei-Weinheim über die Folgen dieser Inflation, dass ein Hausbauer u. U. später schon mit einem inflationären Monatsgehalt alle seine Bauschulden zurückzahlen konnte, dass aber andererseits ein Arbeiter sich noch am Zahltage von seinem Wochenlohn nur mehr einen halben Schoppen Wein und eine Zigarre kaufen konnte. Er selbst war neben seiner Lehrertätigkeit auch aushilfsweise für den ausgewiesenen Bürgermeister Kitzinger tätig. Nachdem er den Frei-Weinheimer Wirtschaftsplan für 1924 aufgestellt hatte, mussten schon alle Zahlen von Millionen auf Milliarden abgeändert werden, und die Gemeinderechnung konnte von der Oberrechnungskammer deswegen gar nicht mehr geprüft werden. Die Inflation endete auch in Ingelheim am 18. Oktober 1923 mit der Umstellung auf die "Rentenmark". Durch die gigantische Inflation der alten Mark waren alle Geldbesitzer und Schuldner praktisch enteignet worden, weil ihr Erspartes und ihre Schuld-Guthaben nichts mehr wert waren, eine der vielen Ursachen dafür, dass sich der dadurch verarmte bürgerliche Mittelstand mit diesem Staat, dieser "Weimarer Republik", und ihrer Parteiendemokratie immer weniger identifizieren mochte. Erneut riefen in diesem Krisenjahr 1923 Separatisten links des Rheines eine "Rheinische Republik" aus, in beiden Ingelheim am 31.10.1923. Zeitweise amtieren nun deren Repräsentanten als Kommunalverwaltung, ihre grün-weiß-roten Fahnen wehten über dem Rathäusern. In der Binger Festhalle verpflichtete der Kreiskommissar der Separatistenregierung Schorn am 7.11.1923 die Bürgermeister des Kreises zur Mitarbeit. Die Anwesenden erklärten, dass sie im Interesse der Bevölkerung auf ihrem Posten blieben, ihre Geschäfte weiter führen und nichts gegen die "Rheinische Republik" unternehmen würden. Einen Monat später versuchten Gegner der Separatisten, die sich auf dem Ober-Ingelheimer Rathausplatz versammelt hatten, das dortige Rathaus zu erstürmen. Mangels Schusswaffen scheiterte das Unterfangen aber, und bewaffnete Separatisten aus Bingen stellten die bisherigen Machtverhältnisse wieder her. Verschiedene Teilnehmer des Aufstandes wurden verhaftet, einige konnten fliehen. Die französische Besatzungsmacht hielt sich nunmehr aber mit der Unterstützung der Separatisten zurück. Am 18.12.1923 ging schließlich die Episode der Separatisten in Ingelheim zu Ende, am 7. Februar 1924 auch in Bingen. Für Frei-Weinheim schätzt Philipp Dexheimer die Zahl der Separatistenanhänger auf "fünf bis acht junge Leute". 4. 1924 bis zur Weltwirtschaftskrise "Golden" waren die Zwanziger Jahre nach dem Ende der Inflation auch in Ingelheim nicht. Zwar normalisierte sich vieles, die letzten Ausgewiesenen durften nach Ingelheim zurückkehren, es wurden aber immer wieder Klagen über Wohnungsnot, über mangelnde Handwerkeraufträge, über schleppende Weingeschäfte und über viele Arbeitslose laut. So wurden z. B. Ober-Ingelheimer Arbeitslose bei der Selzregulierung in den Jahren 1926/27 beschäftigt. Die fortdauernde Wohnungsnot veranlasste die Ober-Ingelheimer Gemeindeverwaltung, bei der Reichsbahndirektion drei Eisenbahnwagen als Notunterkünfte zu bestellen. Im Jahre 1927 belebte sich die Bautätigkeit in Ingelheim aber erheblich, so dass auch die Zahl der Arbeitslosen abnahm. Im Mai 1925 verlieh eine vielbesuchte Gewerbeschau in der alten Nieder-Ingelheimer Markthalle dem wachsenden Konjunkturoptimismus Ausdruck. Im März 1926 gründete sich in Ingelheim ein Radio-Klub. Wer sich noch kein eigenes Radio leisten konnte, hatte auch die Möglichkeit, für 30 Pfennig pro Person und Abend Radiokonzerte u. ä. bei der Firma Genzler und Baumgärtner in der Bahnhofstraße 3 zu hören (Annonce in der IZ vom 16.01.1926). Der schlechte Zustand des Museums in Nieder-Ingelheim sowie der Reste der Kaiserpfalz gaben in der Öffentlichkeit zur Besorgnis Anlass. Auch der Zustand der Rheinklause auf der Lebertsau wurde 1928 öffentlich bemängelt.
Im Jahre 1927 führte Ober-Ingelheim eine Müllabfuhr ein, die einmal wöchentlich den Abfall in eine Baugrube abfuhr. Im Juli 1927 wurde in Nieder-Ingelheim das 46. Rheinhessische Gauturnfest mit großem Aufwand und viel Anerkennung durchgeführt.
Mitte Februar 1929 war der Rhein in seiner ganzen Breite zugefroren, so dass man trockenen Fußes auf die andere Seite laufen konnte. Zu dem Spektakel setzte die Selztalbahn sogar Sonderomnibusse vom Bahnhof nach Frei-Weinheim ein. 5. Die Weltwirtschaftskrise und das Anwachsen der Nationalsozialisten In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1930 endete die Besatzungszeit. In beiden Ingelheim und Frei-Weinheim fanden Befreiungsfeiern statt. Aber besser wurde die allgemeine Lage durch diese "Befreiung" auch nicht. Dies macht z.B. die finanzielle Lage der Gemeinde Nieder-Ingelheim im neuen Jahr 1930 deutlich: steigende Soziallasten durch wachsende Arbeitslosigkeit, sinkende Einnahmen, wachsende Schulenlast. Dies illustriert die folgende Zeitungsmeldung:
Wirtschaft: Meldungen über eine sich wieder verschlechternde Wirtschaftslage häuften sich nun. In Ober-Ingelheim wurde ein Notstandsprogramm aufgelegt, nach dem Erwerbslose beim Bau von Straßen, Kanalisation und Pflasterung beschäftigt wurden; für 90.000 Mark nahm die Gemeinde dafür ein zinsverbilligtes Darlehen vom Reich auf. Im Angesicht der sich verschärfenden Notlage schränkten die Nieder- und Ober-Ingelheimer Vereine im Winter 1930/31 ihre Festlichkeiten stark ein. Trotz der allgemeinen Wirtschaftskrise hatte Boehringer Ingelheim zu Beginn des Jahres 1931 immer noch einen guten Auftragsbestand, so dass die ca. 550 Mitarbeiter noch in drei Schichten arbeiten konnten bzw. mussten! Die Erwerbslosenzahlen in Ober-Ingelheim erreichten 1931 gleichwohl einen neuen Höchststand mit 135 Personen (zuzüglich 64 Ausgesteuerte, die von kommunaler Sozialhilfe leben müssen), und mit 146 Erwerbslosen in Nieder-Ingelheim (zuzüglich 76 Ausgesteuerte). Aufgrund der sich weiter verschlechternden finanziellen Lage der Gemeinden mussten die Gehälter der kommunalen Bediensteten gekürzt werden. Zum Jahresende 1931 verschlechterte sich die Wirtschaftslage in Ingelheim so dramatisch, dass man nur noch mit Winterhilfssammlungen die Arbeitslosen und Ausgesteuerten unterstützen konnte. Frau Irmgard von Opel führte auf Schloss Westerhaus eine Weihnachtsbescherung für 120 Kinder durch. Im August 1931 mussten die Gemeinden der beiden Ingelheim wegen der schwierigen Finanzlage die Gehälter ihrer Beamten weiter kürzen. Gekürzt wurden Ende des Jahres auch die Wohlfahrtssätze. Anfang 1932 wurde für Nieder-Ingelheim eine Erwerbslosenzahl von 1400 Personen (allerdings einschließlich der Familienangehörigen!!) errechnet. Aufgrund der sich immer mehr zuspitzenden Finanzlage mussten sich die Gemeinden zunehmend verschulden. Im Voranschlag des Gemeinde-Etats für 1932 rechnete daher die Gemeindeverwaltung von Ober-Ingelheim mit einem Fehlbetrag von 113.000 Mark. Der Hessische Handwerkerker- und Gewerbetag in beiden Ingelheim im September 1932, der stark besucht war, versuchte zwar Hoffnung auf bessere wirtschaftliche Zeiten zu machen, aber gleichzeitig nahmen die Zwangversteigerungen von Immobilien Ingelheimer Bürger zu. Kultur: "Der Regisseur Niedecken-Gebhardt von der Berliner Staatsoper, früher Intendant in Münster, ist für die nächste Spielzeit als Oberregisseur an die Metropolitan Oper nach New York verpflichtet worden." - (Ingelheimer Zeitung, 9.5.1931. - Der Regisseur Dr. Hanns N.-G. war ein gebürtiger Ober-Ingelheimer)
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Themenseiten
Ingelheim im Ersten Weltkrieg
Das Kriegerdenkmal in Nieder-Ingelheim
Das Kriegerdenkmal in Ober-Ingelheim
Das
Kriegerdenkmal in Frei-Weinheim
Revolution in Ingelheim
Rheinlandbesetzung
Separatismus in Ingelheim
Wahlkämpfe und Wahlergebnisse in Ingelheim
Die Bürgermeister
Wirtschaftsleben
Umstrukturierung der Landwirtschaft
Berufsstruktur 1925
Inflation
Technisierung: Fahrrad, Motorrad, Auto, Radio, Telefon u.a.
Bevölkerungsentwicklung
Bauten der 20er und 30er Jahre
Schulen
Vereinsleben
Kultur
Werbung für Ober-Ingelheim 1930
Werbung für Nieder-Ingelheim 1930
Literaturhinweise