| Ingelheim
im 19. Jahrhundert bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 Autor und Fotos: Hartmut Geißler 1) Staat und Verwaltung
Das "Besitzergreifungs-Patent" vom 8. Juli 1816 sicherte "dem Lande die Erhaltung des wahrhaft Guten, was Aufklärung und Zeitverhältnisse herbeigeführt, die gleiche Vertheilung aller Staatslasten, sichere Justizverwaltung, die Wohlthaten eines gut eingerichteten öffentlichen Unterrichts, Freiheit des Glaubens und der Presse" zu (Hesse, Rheinhessen, S. 119). Damit wurden viele Ergebnisse der französischen Reformen, so der Code civil, beibehalten. Wilhelm Hesse, der von 1816 bis 1835 in der Mainzer Provinzialverwaltung tätig war, formuliert im Vorwort seines Rechenschaftsbuches von 1835 die politischen Ziele seiner Verwaltungstätigkeit in Rheinhessen. Es sollte... "... jeder wahrhaft Nothleidende durch die Hülfe und Sorge der Verwaltung geschützt und gesichert, ... keine Gemeinde ohne guten, oder doch wenigstens befriedigenden Unterricht, kein schlechtes Schulhaus mehr vorhanden seyn, und ... alle größere und kleinere Verbindungswege in vollkommen gutem Zustande sich befinden." (Hesse, S. V) Es sollten also die Anfänge eines Sozialstaates geschaffen werden, das Schulwesen verbessert und der Straßenbau vorangetrieben werden. Die französische Kantonsaufteilung blieb vorerst erhalten, also auch die Zusammensetzung des "Kantons Ober-Ingelheim", bis am 4.2.1835 neue Landkreise geschaffen wurden dadurch und die Ingelheimer Orte - ohne Rücksicht auf die alte Zusammengehörigkeit im Ingelheimer Grund – nun zu Gemeinden eines Landkreises „Bingen“ gehörten, zusammen mit ehemaligen kurpfälzischen und kurmainzischen Gebieten, deren Unterschiede die französische Revolution ja schon eingeebnet hatte. Die Landeshauptstadt war Darmstadt, wo die großherzogliche Familie, die Regierung und seit der Einführung einer Verfassung am 17.12.1820 ein Zweikammer- Parlament ihre Sitze hatten. Das Wahlrecht für die zweite Kammer war freilich durch Zensuswahlrecht und die Wahl von Wahlmännern stark auf den Machterhalt von Adel und Besitzbürgertum zugeschnitten. Immerhin gelang es Dr. Martin Mohr, dem Vizepräsidenten des Mainzer Kreisgerichtes, in dieses Parlament, den Landtag, gewählt zu werden, dessen Präsident er nach 1850 sogar wurde. Diese Zugehörigkeit Ingelheims zu Hessen dauerte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, denn sie ging auch durch die faktische Aufhebung der Länder unter Hitler nicht verloren, sondern verschwand erst durch die Grenzziehung der Besatzungszonen - am Rhein - durch die Siegermächte und ihre Politik der Neugründung von "Ländern", wodurch der Regierungsbezirk "Rheinhessen" Bestandteil des neuen Landes "Rheinland-Pfalz" wurde. Auch nach der Abschaffung der Regierungsbezirke blieb "Rheinhessen" bzw. "Rhoihesse" bis heute ein allgemein verwendeter und weit bekannter Regionalbegriff, vor allem in Tourismus und Weinwerbung. Heutige Spuren dieser Zugehörigkeit: Das erste Nieder-Ingelheimer Krankenhaus an der Ecke Heidesheimer Straße / Stiftstraße wurde nach dem damaligen Großherzog Ludwig III. "Ludwigstift" benannt und in Ober-Ingelheim gab es später eine "Ernst-Ludwig-Straße" nach dem letzten regierenden Großherzog. Sie wurde jedoch 1947 bei der Straßennamenbereinigung nach der Zusammenlegung der Ingelheimer Orte 1939 in ihrem nördlichen Teil zur Hugo-Loersch-Straße und im südlichen zur Präsident-Mohr-Straße umbenannt (Jung, S. 27), wohl weil es auch in Frei-Weinheim eine "Ludwigstraße" gab und diese ihren Namen behalten sollte.
2) Bevölkerungswachstum im 19. (und 20.) Jahrhundert Die Bevölkerung der heutigen vier Ortsteile wuchs schon vor der Industrialisierung, aber erst recht danach gewaltig an, begünstigt durch die langen Friedenszeiten des 19. Jahrhunderts, durch bessere Hygiene und durch wachsende landwirtschaftliche Produktivität. So verdoppelte sich die Bevölkerung der vier Urpsrungsorte des heutigen Ingelheim von 3.967 Einwohnern im Jahre 1815 auf 8.489 im Jahre 1905, und zwar leicht unterdurchschnittlich in Ober-Ingelheim, stark überdurchschnittlich in Nieder-Ingelheim, rasant in Frei-Weinheim und nur wenig in Groß-Winternheim, denn die Industrialisierung fand an der Rheinschiene statt, also in Nieder-Ingelheim und Frei-Weinheim, aber nicht im Selztal (Ober-Ingelheim und Groß-Winternheim). Dieses Wachstum speiste sich nicht nur aus der hohen Zahl überlebender Kinder der Einheimischen, sondern auch aus Zuwanderern ärmerer Gebiete, z.B. aus dem Hunsrück. Das 20. Jahrhundert brachte ein noch viel stärkeres Wachstum bis zu den 26.355 Einwohnern Ende 2006, dem vorläufigen Höhepunkt der letzten Jahre. D.h. die Bevölkerungszahl hat sich also seit 1905 nochmals mehr als verdreifacht. Auch dabei fand wiederum das größte Wachstum in der Gemarkung des alten Nieder-Ingelheim statt. Aber fast das ganze 19. Jahrhundert über trennten noch weite Felder und Wingert ohne Wohnbebauung die Siedlungskerne der vier Orte. Auch der Weiler Sporkenheim, der zu Nieder-Ingelheim gerechnet wurde, bestand aus nur wenigen Höfen. (s. Themenseite!) 3) Wirtschafts-, Siedlungs- und Sozialstruktur Die erste Hälfte der 1820er Jahre war von einem starken Preisverfall für Agrarprodukte gekennzeichnet, der teils durch Ausfuhrhemmnisse (Zölle), teils durch mehrere gute Ernten verursacht war. Dies führte zu Finanzproblemen bei Gutsbesitzern und zu Arbeitslosigkeit bei Tagelöhnern, so dass es viele Zwangsversteigerungen gab und der Tagelohn von 28 Kronen auf 12 Kronen sank. (Hesse, S. 159) Daher versuchten damals viele ärmere Rheinhessen, nach Brasilien auszuwandern, heimlich oder mit amtlicher Erlaubnis, angelockt auch durch die Versprechungen von Auswanderungs-Agenten, obwohl die Darmstädter Regierung und die Mainzer Provinzregierung eindringlich vor den Risiken warnten. Wer legal auswandern wollte, musste vorher nachweisen, dass er keine Schulden mehr hatte und dass niemand aus der Auswandererfamilie noch wehrpflichtig war. Bis zum Beginn der Industrialisierung in den 60er Jahren verging ein halbes Jahrhundert, in dem die Ingelheimer Orte durchweg landwirtschaftlich geprägt blieben. Landwirtschaft bestand damals noch aus einer Mischung von Feldbau, Sonderkulturen und Viehhaltung; 1883 gab es z. B. in den vier Ingelheimer Dörfern noch 2228 (!) Rinder und 1907 noch 2050 Schweine. Erst später bildeten sich reine Weinbaubetriebe heraus. Deshalb sind die entsprechenden klein- bis mittelbäuerlichen Hofformen bis heute für das Ortsbild prägend. Die größeren Adels- und Kirchengüter in Ober- und Nieder-Ingelheim waren von Bürgerlichen gekauft worden und konnten z. T. erfolgreich fortgeführt, aber auch geteilt werden. 1828 bzw. 1834 fielen durch politische Vereinbarungen (Deutscher Zollverein) die Zollgrenzen an Nahe (nach Preußen) und Rhein (nach Nassau) weg - eine große Erleichterungen für den Ingelheimer Handel, insbesondere für den Weinhandel. Noch in der Jahrhundertmitte existierten noch große landwirtschaftliche Flächen innerhalb der Wehrmauern von Ober-Ingelheim, und Wohnbebauung gab es nur an den wenigen innerörtlichen Straßenachsen. Die Güter von Groß-Winternheim wurden aufgeteilt, so dass dieser Ort, dessen Bild in der vorrevolutionären Zeit von wenigen großen Adelspalais geprägt war, nun durch kleinere Bauernhöfe dicht bebaut wurde. Seine Wehrmauern wurden weitgehend abgetragen. In Nieder-Ingelheim füllte die allmählich wachsende Wohnbebauung zuerst den Raum zwischen Belzer, Saal und Oberböhl aus, später wuchs sie an der Binger Straße entlang in Richtung Westen. Im letzten Drittel des Jahrhunderts wuchs in Nieder-Ingelheim und Frei-Weinheim die Zahl der Arbeiter und Angestellten beträchtlich. 4) Straßenbau Zur Verbesserung der Infrastruktur, aber auch zur Arbeitsbeschaffung ließ die hessisch-großherzogliche Regierung in den Jahren 1829-1832 zwölf Provinzialstraßen durch Rheinhessen bauen, davon zwei Straßen in Ingelheimer Gemarkung: a) Nieder-Ingelheim – Gau-Algesheim – Gensingen und b) Nieder-Olm – Stadecken – Elsheim – Schwabenheim – Groß-Winternheim – Ober-Ingelheim – Nieder-Ingelheim Die neuen Straßen sollten eine Breite von 30 Fuß [25 cm x 30 = 7,50 m; H. G.] zwischen den Straßengräben haben, davon 6 Fuß als Fußweg, 12 Fuß [= 3 m.] als Steinbahn und 12 Fuß als nicht gepflasterter Sommerweg. Neben die Straßen sollten Apfel-, Birn- und Nussbäume gepflanzt werden. Die Straße von Nieder-Olm nach Nieder-Ingelheim ersetzte den alten Rheinweg, der sich weiter unten an der Selz entlang zog. Da sie durch den früheren „Ingelheimer Grund“ verlief, bekam sie den Namen "Ingelheimer Grundstraße“, der sich als "Grundstraße" nur noch in Ingelheim erhalten hat. Zu den näheren Umständen dieser Straßenbaumaßnahmen, ihrer Finanzierung und zu Risszeichnungen siehe Hesse, Rheinhessen, S. 159 - 280. Die Gemeinden wurden darüber hinaus angehalten (und dazu auch finanziell unterstützt), "Vicinalwege" (aus-) zu bauen, gepflasterte Verbindungsstraßen zwischen den einzelnen Orten. 1900 beschloss der Nieder-Ingelheimer Gemeinderat, die Ortsdurchfahrt zu pflastern, also die heutige Mainzer und Binger Straße, die ein Jahrhundert vorher schon einmal gepflastert war. In Ober-Ingelheim wurde für diese neue Straße die Fortsetzung de „Neuwegs“ angelegt und durch die alte Wehrmauer gebrochen. Am Neuweg wurde 1909 das noch erhaltene Gebäude des hessischen Amtsgerichtes errichtet, damals bewundert wegen aller neuzeitlichen technischen Einrichtungen, mit denen es ausgestattet war: Zentralheizung, Wasserleitung, elektrisches Licht und Telefonanlage. Als Verbindung zum neuen Bahnhof in Nieder-Ingelheim wurde 1876 die gradlinig auf ihn zu führende Bahnhofstraße gebaut, wofür gleichfalls ein Stück der noch bestehenden Wehrmauer abgetragen werden musste. 5) Adlige und großbürgerliche Familien siedeln sich an In der zweiten Jahrhunderthälfte wurde Nieder-Ingelheim mit seinem schönen Blick auf Rhein und Rheingau, später verstärkt noch durch die gute Eisenbahnanbindung, attraktiv für überwiegend großbürgerliche Familien, die die ländliche Rhein-Idylle suchten, hier preiswerten Grundbesitz fanden und sich in vielfältiger Weise um Ingelheim verdient gemacht haben (außer Dekker). (Siehe Themenseite!) Zu nennen sind hier: Gustav Johann Freiherr von Mengden Natalie von Harder Albert Gerhard de Roock Friederike Gertrude van Krieken Dr. Wilhelm von Erlanger und seine junge Frau Caroline Eduard Douwes Dekker Heinrich (von) Opel 6) Jüdische Familien in Ingelheim und die Synagoge in Ober-Ingelheim Während im Mittelalter jüdische Familien in den Ingelheimer Orten nur vereinzelt nachzuweisen sind, gibt es seit dem 14. Jahrhundert deutlichere Hinweise auf hier ansässige Juden, die in Geld- und Pfandleihgeschäften sowie im Handel tätig waren. Dies setzte sich – mit Schwankungen – auch im 16. bis 18. Jahrhundert fort. Jüdische Friedhöfe gab es in Ober- und Nieder-Ingelheim (im Saal) sowie in Groß-Winternheim. Nach der Judenemanzipation in der französischen Zeit und gewiss im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Ingelheimer Dörfer im 19. Jahrhundert nahm auch hier die Zahl ansässiger jüdischer Familien stark zu, von 97 in OI, NI und GW im Jahre 1804 auf 162 im Jahre 1910. Sie waren überwiegend als Krämer, Wein- und Viehhändler und als Schlachter tätig, einige auch im Ackerbau. Um ein Gewerbe auszuüben, mussten sie nach einem Dekret Napoleons vom 1808, das im Großherzogtum Hessen übernommen wurde, jährlich gegen eine Gebühr zuerst ein Leumundszeugnis beim jüdischen Vorstand (das sog. Moral-Patent: kein Schacher- oder Wucherhandel) erwirken, aufgrund dessen der Gemeinderat über das Gesuch entschied. Diese diskriminierenden Bestimmungen wurden erst im neuen Reich 1871 abgeschafft. Unter den 789 Schulabgängern der Höheren Bürgerschule Ober-Ingelheim von 1895 bis 1936 waren 87 Schüler mosaischen Glaubens, also etwa 11 %. Im Jahre 1841 konnte sich die jüdische Gemeinde in Ober-Ingelheim eine neue Synagoge bauen, hinter dem Wohnhaus Nr. 25 in der Stiegelgasse gelegen. Sie wurde auch von Juden aus der Umgebung Ober-Ingelheims mitbenutzt und 1938 von den Nationalsozialisten zerstört. 7) Ingelheimer in der Revolution 1848/49 Der wachsende politische Unmut gegen die spätabsolutistische Fürstenregierungen im „Vormärz“ suchte sich ein in Rheinhessen vielfach benutztes Ventil, die Gründung von Veteranenvereinen oder lockeren Kameradschaften, die die Erinnerung an die freilich romantisch verklärte Zeit Napoleons pflegten. Nur in Groß-Winternheim erwuchs daraus auch ein Denkmal (1844 errichtet). Drei Personen bzw. Ereignisse zeugen vom Engagement Ingelheimer Bürger in den Revolutionsjahren 1848/49: die Aktivitäten von Dr. Martin Mohr, das fehlgeschlagene Attentat auf den preußischen Kronprinzen in Ingelheim und die Teilnahme von Freischärlern am vergeblichen Widerstand gegen die preußischen Truppen in Kirchheim-Bolanden (siehe Themenseite!). 8) Vereinsgründungen bis zum Ersten Weltkrieg (in Auswahl) Gesellschaftlich-politisch: 1. Kasino-Gesellschaft Ober-Ingelheim: 1846 Turn- und Sportvereine: 1. Turngemeinde Nieder-Ingelheim: 1847; Damenriege 1911 2. Turn- und Sportgemeinde Ober-Ingelheim: 1848; Damenriege 1912 3. Turn- und Sportgemeinde Groß-Winternheim: 1861 4. Turnverein Frei-Weinheim: 1902 5. ein Fußball-Klub in Nieder-Ingelheim (1908), dem Baron von Erlanger Wiesen am Wasserwerk zum Spielen zur Verfügung stellte Gesangvereine: 1. Gesangverein „Liederkranz“ Frei-Weinheim: 1857 2. Gesangverein „Germania“ Ober-Ingelheim: 1862 3. Männergesangverein Groß-Winternheim: 1866 4. Gesangverein „Einigkeit“ Nieder-Ingelheim: 1885 Fastnachtsvereine: 1. Carnevalsverein „Wäschbächer“, Nieder-Ingelheim: 1885 2. Ingelheimer Carnevalsverein Ober-Ingelheim: 1898 3. Carnevalsverein Frei-Weinheim: 1900 Kulturell: 1. Historischer Verein Ingelheim: 1905 9) Presse Nach der Revolution erschien auch die erste regelmäßige Ingelheimer Zeitung, das „Ingelheimer Wochenblatt“, und zwar ab dem 1.5.1852. 1899 begann der "Ingelheimer Beobachter" sein Erscheinen, der sich 1900 in "Ingelheimer Anzeiger" umbenennen musste. Parallel dazu erschien ab 1859 der "Rheinhessische Beobachter", der ab 1923 mit dem "Ingelheimer Beobachter/ Anzeiger zusammen gelegt wurde und fortan "Ingelheimer Zeitung" hieß (bis 1940 und 1950-1956). Diese wiederum wurde 1957 von der Mainzer "Allgemeinen Zeitung" übernommen. 10) Eisenbahn und Industrialisierung (siehe auch Themenseite Industrialisierung Ingelheims) Der Bau der hessischen „Ludwigsbahn“ von Mainz nach Bingen wurde nach langwierigen Verhandlungen mit einem Bankenkonsortium über die Finanzierung 1859 endlich vollendet. Ihr Bahnhof wurde wegen Grundstücksschwierigkeiten nicht unterhalb des Belzer gebaut, wohin die Grundstraße hätte verlängert werden können, sondern relativ weit entfernt ins freie Feld westlich von Nieder-Ingelheim. Die Eisenbahn hatte einen Anschluss an das preußische Eisenbahnnetz in Bingerbrück und gab den Startschuss zur Industrialisierung Nieder-Ingelheims, denn sie schuf in Zusammenhang mit der napoleonischen Straße und der Rheinstraße zum Hafen sowie der Selz als Frischwasserlieferant und Abwasserkanal sehr gute Standortbedingungen für Industrieansiedlungen. Außerdem zwang die Ingelheimer Sozialstruktur der kinderreichen Bauernfamilien mit immer kleineren Betriebsgrößen (nach Erbteilungen) viele junge Männer dazu, sich anderweitig zumindest eine Zusatzarbeit ("Arbeiter-Bauern") zu suchen. Und viele zogen die ganzjährig kontinuierliche Industriearbeit auch unter den schlechten damaligen Produktionsbedingen (lange Arbeitszeiten, gesundheitsschädigende Produktionsweisen) einer unregelmäßigen, weil saisonalen Tagelöhnerarbeit in der Landwirtschaft vor. Um diese Arbeitskräfte nicht zu verlieren, versuchten manche Bauern im Gemeinderat, aber auch Wilhelm von Erlanger, – vergeblich – solche Industrieansiedlungen zu verhindern. Nieder-Ingelheim wandelte sich deshalb relativ schnell von einem reinen Bauerndorf zu einer sowohl aus Bauern als auch Arbeitern gemischten Gemeinde und hatte so gegen Ende des 19. Jahrhunderts den größten Bevölkerungszuwachs. Vielfach wurden beide Tätigkeiten im Typ des „Feierabendbauern“ verbunden, der neben seiner industriellen Haupttätigkeit in immer geringeren Maße auch noch Landwirtschaft betreibt, eine Lebensgestaltung, die es vereinzelt bis heute gibt. Dass diese Verbindung beider Tätigkeiten auch von Unternehmensleitungen akzeptiert und sogar gefördert wurde, erkennt man an einer Zeitungsmeldung des Ingelheimer Anzeigers vom 20. September 1902: „Nieder-Ingelheim. Zum Schluß der Frühburgunderlese, die in diesem Jahr sehr reichlich ausfiel, gab Herr Fabrikant Albert Boehringer seinen Arbeitern, die beim Herbsten des Frühburgunders beschäftigt waren, am Freitagabend ein Winzerfest, das bei Gesang und Tanz und einem guten Trunk einen frohen Verlauf nahm.“ Zur Anbindung der Selztalgemeinden wurde 1904 die Selztalbahn der Süddeutschen Eisenbahngesellschaft eröffnet, die vom ausgebauten Hafen in Frei-Weinheim über den Nieder-Ingelheimer Bahnhof das Selztal hinauf bis nach Partenheim fuhr. Bei ihrem Bau wurde eine größerer Zahl ausländischer Arbeitskräfte beschäftigt, Italiener, die in Groß-Winternheim untergebracht waren und dort auch den Gottesdienst besuchten, so dass der Pfarrer Philipp Koch zuerst in deutscher und dann auch in italienischer Sprache predigte. Da die Bahn vielfach Zuckerrüben transportierte, bekam sie im Volksmund den liebevollen Namen „Zuckerlottchen". Ihr Betrieb wurde nach einem halben Jahrhundert wegen dauernder Unrentabilität eingestellt. Gegen Ende des Jahrhunderts entstanden für die wachsende Arbeiterzahl typische Arbeitersiedlungen (im Umfeld der Rheinstraße) und vereinzelte repräsentative Fabrikantenvillen (Villa Funke in der Rheinstraße und Villa Schneider in der neuen Bahnhofstraße). Diese Bahnhofstraße wurde 1876 als gerade Verbindung von Ober-Ingelheim zum neuen Bahnhof in Nieder-Ingelheim gebaut. Sie bot Platz für neue Villen, Winzerhöfe, für Wohn- und Geschäftshäuser und bildete zusammen mit der Grundstraße die beiden Achsen, an denen und zwischen denen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Nieder- und Ober-Ingelheim durch Wohnbebauung immer dichter zusammenwuchsen. In Ober-Ingelheim regelten ein "Ortsstatut" von 1887 und ein "Lokal-Polizei- Reglement" von 1906 die explodierende Bautätigkeit. Ein besonders schönes Beispiel für Bürgerhäuser der Gründerzeit und des Jugendstiles bietet die Grundstraße. Daher gab es auch schon vor dem Ersten Weltkrieg erste Initiativen, die beiden Ingelheim zu einer Stadt vereinigen (Juli 1909). Bei der Auto-Rallye Paris-Berlin fuhren am 26. Juni 1901 die Autos zwischen einer großen Zahl Schaulustiger „mit Schnellzugsgeschwindigkeit“ die Landstraße in Nieder-Ingelheim entlang. Der Nieder-Ingelheimer Julius Weitzel fuhr ab 1905 mit eigenem Auto durch die Orte. Die ersten Auto-Besitzer in Ober-Ingelheim sollen nach Herbert, S. 326, der Herr von Opel, die beiden Ärzte Dr. Höchstenbach und Dr. Levi sowie der Weingutsbesitzer Neus gewesen sein. Der anwachsende Autoverkehr führte aber schon 1912 zu einer – damals vergeblichen – Forderung, den ebenerdigen Bahnübergang im Bereich der Zementfabrik (heute Boehringer) durch eine Unterführung zu ersetzen, wegen der häufigen Verkehrsstörungen und der damit verbundenen Gefahren. Sogar beim Karussellbetrieb wurden Dampfmaschinen damals eingesetzt. Bei der Nieder-Ingelheimer Kerb konnten Kinder im September 1900 auf einem „Dampf-Karroussel“ fahren, das von einer Dampfmaschine von 400 PS angetrieben wurde. 11) Landwirtschaft im Wandel Auch die Landwirtschaft erfuhr im 19. Jahrhundert einen tief greifenden Strukturwandel. Nachdem nämlich durch das starke Bevölkerungswachstum in vielen Bauernfamilien die landwirtschaftliche Nutzfläche pro Betrieb immer mehr schrumpfte, mussten sich viele Kleinbauern verstärkt der Obst- und Gemüseerzeugung sowie dem Weinbau zuwenden. Tradition hatten beide in den Ingelheimer Orten. Sowohl die Kurpfälzer Regierung als auch die französische hatten das Pflanzen von Obstbäumen an den Straßenrändern gefordert. Für Ober-Ingelheim gibt das Visitationsprotokoll der Kreisverwaltung von 1835 zum Beispiel an, dass es viel Obstbäume und gutes Obst gebe sowie "eine private Baumschule". Seit der Jahrhundertmitte gab es überhaupt in Deutschland einen allgemeinen Aufschwung des Obstanbaues, der von den Regierungen und dem Deutschen Pomologenverein vielerorts gefördert wurde. Am Rhein, d.h. auf Frei-Weinheimer und Nieder-Ingelheimer Gemarkung, eigneten sich überschwemmungsgefährdete Anbauflächen besser für den Obstbau als für Getreide- oder Hackfruchtanbau. Die Eisenbahn (ab 1859) machte es dann möglich, relativ schnell große Mengen an frischem Obst und Gemüse (vor allem Äpfel, Kirschen, Spargel) zu weiter entfernten Zielen zu transportieren, z.B. ins preußische Rheinland bis ins Ruhrgebiet. Im Jahre 1900 wurden im Rahmen einer allgemeinen Obstbaumzählung im Deutschen Reich allein in Nieder-Ingelheim 62.530 Obstbäume gezählt. Dennoch erwähnt Lott unter den Gegenden mit verdichtetem landwirtschaftlichen Obstbau bzw. mit Obstbauzentren Ingelheim nicht (etwa im Gegensatz zum nahen Umland von Mainz). In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts dürften sich aber auch in Ingelheim die neuesten wissenschaftlichen Methoden zum Obstbau durchgesetzt haben. Zur besseren Vermarktung ihrer Produkte schlossen sich nach der Jahrhundertwende viele Erzeuger in Nieder-Ingelheim zu einem Obst- und Gartenbauverein zusammen (1901), der 1909 und 1911 die beiden Teile der Nieder-Ingelheimer Markthalle an der Binger Straße erbauen ließ. Die Ingelheimer Obstbauern folgten damit einem Trend zu Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaften, der in den 1880er Jahren in Deutschland begonnen hatte. Aus diesen Anfängen entwickelten sich im 20. Jahrhundert durch fortgesetzten Strukturwandel, besonders unter dem Einfluss der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, die 1967 gegründeten „Vereinigten Großmärkte für Obst und Gemüse Rheinhessen e.G.“ (VOG). Die Nieder- und Ober-Ingelheimer Winzer schlossen sich gleichfalls im Jahre 1901 zu (getrennten) Genossenschaften zusammen. An der Binger Straße entstand der schöne Bau der Nieder-Ingelheimer Winzergenossenschaft. Die Reblausplage führte im Jahre 1908 zu einer Krise des Weinbaues auch in Ingelheim; die Zeitung berichtete, dass der Mut der Winzer zu Neuanpflanzungen von Weinbergen geschwunden sei. Mangel an Arbeitskräften (!) und Missjahre hätten viele Weinbergsbesitzer veranlasst, selbst ertragfähige Weinberge in guten Lagen auszuhauen und anderes anzupflanzen. Die Situation besserte sich aber in den folgenden Jahren wieder. Im Jahre 1913 wurde vom Ober-Ingelheimer Gemeinderat eine Zusammenfassung von Lagebezeichnungen beschlossen, nach der es auf dem Mainzer Berg nur noch neun geben sollte (Horn, Burgweg, Hesselweg, Füllkeller, Auf der Platte, Burgweg, Pares, Atzel, Unft) und auf dem Westerberg noch vier (Salzborn, Kreis, Geisberg und Rheinhöhe). 12) Schulen, Krankenhaus Nach der französischen Zeit stand es zuerst einmal sehr schlimm um die Schulen Rheinhessens, sicherlich auch um die in Ingelheim. Hesse, Rheinhessen, beschreibt die Zustände allgemein (S. 127-128): "Nur wenige Schulhäuser waren von erträglicher Beschaffenheit. Fast alle hatten kaum Raum für den vierten Theil der schulfähigen Kinder; Bänke, Tischen waren in unbrauchbarem Zustande, die Lehrer mit oft sehr zahlreichen Familien auf ein kleines Stübchen mit einer Kammer beschränkt. Der Raum für zwei Kühe und das nötige Futter fehlte häufig. Selbst die Abtritte gehörten zu den seltenen Einrichtungen. < ... > Da in Rheinhessen der Steinbau wohlfeiler als der von Holz ist, so wurden die neuen Gebäude von Stein aufgeführt..." Zu Einzelheiten der Schulbauten und der Lehrerexistenz siehe hier! Das Bevölkerungswachstum der folgenden Jahrzehnte machte aber gegen Ende des Jahrhunderts wieder Neubauten nötig, die sich bis heute sehen lassen können. Während für die ständig wachsende Zahl von Schülern in Nieder-Ingelheim das beeindruckende Gebäude der "Pestalozzi-Schule" als Volksschule gebaut wurde (1880, Erweiterungen 1903 sowie 1912/13), wurde in Ober-Ingelheim 1883 die heutige "Präsident-Mohr-Schule" errichtet und 1892-94 erweitert. Frei-Weinheim hatte schon 1877 eine neue Volksschule gebaut (Erweiterung 1908). Die Schülerzahlen der Volksschulen erreichten damals eine beängstigende Höhe: In Nieder-Ingelheim waren 1902 in den beiden Unterklassen 115 bzw. 120 Kinder versammelt! Nach dem neuen hessischen Schulgesetz desselben Jahres 1902 durften „unter besonderen Umständen“ bis zu 100 Kinder in einer Klasse sein. Der Lehrerverband forderte 50 Schüler als Obergrenze. Ab 1904 (!) waren in hessischen Schulen offiziell nur noch „Verweis“ oder „Arrest“ zugelassen, während körperliche Züchtigung ganz fortfallen sollte. Die Praxis sah indessen noch sehr lange anders aus. Fünfzig Ober-Ingelheimer Schulkinder, sofern sie bedürftig waren, erhielten im Jahre 1910 vom Frauenverein täglich ein warmes Frühstück, bestehend aus einem Schoppen warmer Milch und zwei Paarweck. Außerdem gab es in Ober-Ingelheim erste Ansätze für weiter führende Schulen: 1890 wurde eine „Höhere Bürgerschule“ gegründet, eine öffentliche Lehranstalt unter staatlicher Aufsicht, orientiert an den Lehrplänen der Realschulen im Großherzogtum Hessen-Darmstadt, aber nur bis zum neunten Schuljahr. Sie begann mit 47 Schülern und fünf Lehrkräften. 1896 kamen die Mädchen der Höheren Töchterschule hinzu. Die Schule war seit 1891 unzureichend in einem eigenen kleinen Gebäude in Ober-Ingelheim, Bahnhofstraße 119, untergebracht. Im Jahre 1908 kostete das jährliche Schulgeld für diese Schule zwischen 100 und 140 Mark, für begabte und bedürftige Schüler konnte es erlassen werden. Erst 1924 wurde sie zur vollen Realschule (bis Klasse 10) ausgebaut. Heute ist ihr Gebäude schön restauriert. Aus ihr ging nach dem Zweiten Weltkrieg das heutige "Sebastian-Münster-Gymnasium" hervor. "1844 entstand in Ober-Ingelheim ein Gewerbeverein, und dieser gründete noch im gleichen Jahr eine Handwerker-Zeichenschule. Gelehrt wurden technisches Zeichnen und Rechnen. Der Unterricht wurde sonntags erteilt. Deshalb nannte man diese Schule auch Sonntagsschule. Etwa 1885 richtete der Staat dann eine Fortbildungsschule ein. Sie stand in Verbindung mit den Volksschulen, der Unterricht wurde von Volksschullehrern und Handwerksmeistern erteilt. Schulpflichtig war die schulentlassene Jugend, wenn sie einen handwerklichen oder kaufmännischen Beruf erlernte. Der Unterricht war in den Abendstunden ein- oder zweimal wöchentlich (Abendschule). In den Klassen saßen oft Schüler aus 10 oder mehr Berufen. Mit der Spezialisierung der Berufe um die Jahrhundertwende war dieser Zustand unhaltbar geworden, doch verhinderte der 1. Weltkrieg die Weiterentwicklung. Das Jahr 1922 brachte dann eine entscheidende Reform. Es wurden spezielle Lehrer für diese Schule ausgebildet (Gewerbelehrer, Handelslehrer, Landwirtschaftslehrer). Die Schule wurde umbenannt in Berufsschule, das Fächerangebot wurde erweitert. Räumlich war die Berufsschule in Ingelheim in der Pestalozzischule untergebracht." (Ingelheim 74, S. 60) Aus dem Jahre 1910 hat sich ein Leserbrief erhalten mit der Forderung nach einer Kleinkinderkrippe; eine Frau, die als Tagelöhnerin etwas verdienen müsse, finde nichts, wohin sie ihre noch nicht dreijährigen Kinder bringen könnte (Ingelheimer Anzeiger, 22. März 1910). Das neue dreistöckige Krankenhaus „Ludwigstift“ an der Ecke Stiftstraße / Heidesheimer Straße wurde nach einem Umbau 1911 fertiggestellt. Es hatte ein Operationszimmer, einen Röntgen-Apparat sowie Gas- und Elektrolicht. Finanziert wurde es von der Gemeinde und mithilfe großzügiger Spenden u.a. der Frau von Harder und Erlangers. Die Pflegesätze betrugen damals pro Tag für Mitglieder der Ortskrankenkasse 2 Mark einschl. ärztlicher Behandlung und etwaiger Operation, für Patienten dritter Klasse ebenfalls 2 Mark, für Patienten zweiter Klasse 3,50 Mark, und für die erster Klasse (mit Extrazimmer) 5,50 Mark. Kinder bis zum achten Lebensjahr kosteten in der dritten Klasse 1,20 Mark. Das Ludwigstift musste noch über zwei Jahrzehnte lang seinen Dienst tun, obwohl es immer weniger den gestiegenen Bedürfnissen genügen konnte, denn die Pläne für einen Neubau zerschlugen sich nach dem Krieg aufgrund der wirtschaftlichen Situation der Gemeinde immer wieder. Erst im Jahre 1939 konnte die Gemeinde das ehemalige Waisenhaus der Krieken'schen Stiftung kaufen und zu einem neuen Krankenhaus ausbauen, das freilich schon wenige Monate nach seiner Inbetriebnahme zu zwei Dritteln zu einem Kriegs-Lazarett umgewidmet wurde. 13) Freizeit, Kultur Am 1. August 1905 wurde das Freischwimmbad Frei-Weinheim-Ingelheim mit einem Wettschwimmen eingeweiht. Der „Club der Drahtlosen“, also der frühen Telegraphie, veranstaltete im August 1905 im Bahnhofsrestaurant Pitzer ein „Concert“. Auf dem Ober-Ingelheimer Kirchweihfest gab es 1906 u.a. ein „Etagenkarussell mit elektrischer Beleuchtung“, einen „Cinematograph Steiner“ und eine dreiundzwanzigjährige Frau mit zwei Köpfen, Rosalia Julie, die sich mit den Besuchern unterhalten und Lieder gesungen hat. 1909 begannen die ersten systematischen Ausgrabungen im Gelände der Kaiserpfalz durch Dr. Rauch, Gießen. Sie wurden 1914 durch den Krieg beendet. Im Jahre 1910 wurde der erste Verkehrsverein für Gesamt-Ingelheim gegründet, mit Mitgliedern aus den beiden Ingelheim und Frei-Weinheim. Vorsitzender wurde Fabrikant Dr. Bopp, der sich folgende Ziele gesetzt hatte: 1. Maßnahmen gegen die Schnackenplage (sic!), 2. Aufstellung von Ruhebänken in den Orten und auf Spazierwegen, 3. Beseitigung des Straßenstaubes auf den Automobilstraßen durch staubbindende Mittel, 4. Schaffung eines Spazierganges rund um Oberingelheim. Am 16. März 1914 spielte Paul Hindemith bei einem Konzert in der evangelischen Kirche in Ober-Ingelheim als bewunderter Geigenkünstler. 14) Kirchen Um die seit dem 16. Jahrhundert immer noch in drei Gruppen zersplitterten Konfessionen wenigstens auf evangelischer Seite zusammen zu schließen, veranlasste die großherzogliche Regierung eine Vereinigung der Lutheraner und Reformierten am 28. November 1822 zu einer "Vereinigten Evangelisch- Christlichen Kirche". Der wachsende Wohlstand und das zahlenmäßige Anwachsen der Gemeinden im 19. Jahrhundert zeigte sich in Kirchenaus- und -neubauten. So wurde schon seit den 50er Jahren die (noch verkürzte) Saalkirche renoviert und bekam 1861 ihren ersten Glockenturm. In Groß-Winternheim wurde 1888 die beeindruckende neue evangelische Kirche in neoromanischem Stil fertig gestellt; ähnlich in Frei-Weinheim, wo 1910 die neue evangelische Kirche an der Rheinstraße gebaut wurde. 15) Politik Das Ober-Ingelheimer Rathaus wurde 1824 im klassizistischen Stil am Markt erbaut – heute schön restauriert. Nieder-Ingelheim bekam sein neuromanisches Rathaus 1859, auch an seinem Marktplatz. In ihm finden heute Ausstellungen und die regelmäßigen Internationalen Tage statt. Aus dem Anwachsen von Arbeitern und Angestellten gegen Ende des Jahrhunderts ergaben sich allmählich erhebliche Konflikte mit den relativ wohlhabenden Bauern und Winzern, den Weinhändlern, Geschäftsleuten und Handwerkern, die die „Roten“ mit ihrem marxistisch-revolutionären Parteiprogramm misstrauisch betrachteten. Dies drückte sich auch in den Wahlergebnissen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert aus. Als erste regelrechte Ortsvereine politischer Parteien wurden in Ingelheim Ortsvereine der SPD gegründet, und zwar in Nieder-Ingelheim (auch für Frei- Weinheim) wahrscheinlich 1895 und in Ober-Ingelheim 1899. Ein Vorläufer von fest organisierten Parteien waren aber auch schon die revolutionären "demokratischen Vereine", die sich im Zuge der 48er Revolution in Rheinhessen gebildet und dem Mainzer Verein angeschlossen hatten, darunter auch Vereine in Schwabenheim und Groß-Winternheim. Dr. Martin Mohr aus Ober-Ingelheim war damals Mitglied eines provisorischen demokratischen Zentralausschusses für ganz Deutschland. 1910 siegte bei der Gemeinderatswahl in Nieder-Ingelheim die SPD mit großer Mehrheit. Die neuen Mehrheitsverhältnisse spiegelten sich auch in erbitterten Kämpfen um die Besetzung der Bürgermeisterstellen in Ober- und Nieder-Ingelheim wieder, die mit allen juristischen Mitteln ausgetragen wurden: Nach einer Wahlanfechtung 1909 und einer Neuwahl sowie erneuter (erfolgloser) Wahlanfechtung (wegen angeblich mangelnder Qualifikation Bauers) wurde endlich am 24. Mai 1910 der neue Bürgermeister in Ober-Ingelheim in sein Amt eingeführt, der von Freisinnigen und Sozialdemokraten unterstützte Karl Wilhelm Bauer. Auch in Nieder-Ingelheim gab es 1912 einen juristischen Kampf um die Wahl des neuen Bürgermeisters Leonhard Muntermann, eines früheren Volksschullehrers und damals Direktor der Winzergenossenschaft, dessen Wahl aber schließlich auch bestätigt wurde. Er löste den Bürgermeister Paul Chr. Saalwächter nach neun Dienstjahren ab, dessen repräsentatives Weingut an der Binger Straße direkt unterhalb der Winzergenossenschaft steht. Um den Dienstantritt Muntermanns zu verhindern, wurde von den Anhängern Saalwächters beim Gemeinderat der Antrag auf Einführung eines Berufsbürgermeisters gestellt, der nicht direkt vom Volk, sondern vom Gemeinderat zu wählen war, aber vergeblich. Die Kolonialpolitik des Reiches hinterließ auch in Ingelheim Spuren, nicht nur in Presseberichten über verschiedene koloniale Ereignisse, sondern auch persönliche: Unter dem Datum 26. Juli 1902 meldete der Ingelheimer Anzeiger die Rückkehr von zwei „China-Kämpfern“, die beim sog. Boxer-Aufstand eingesetzt waren, Gustav Schnell und Friedrich Esch aus Frei-Weinheim. Da nach dem hessischen Kommunalgesetz dem Höchstbesteuerten Sitz und Stimme im betreffenden Gemeinderat zustanden, kam es 1914 zu einer juristischen Kontroverse zwischen Kommerzienrat Albert Boehringer und Freifrau von Erlanger. Letztere bekam vom Provinzialausschuss in Mainz Recht, weil sie die nach dem Grundbesitz Höchstbesteuerte war, so wie es das Gesetz vorschrieb. Albert Boehringers Antrag wurde abgelehnt, obwohl er insgesamt mehr (verschiedene) Steuern zahlte als Frau von Erlanger und obwohl er 200 Arbeiter beschäftigte und sie nur 25. 16) Alldeutscher Verband, Heinrich Claß und der Bismarckturm Der um 1900 zunehmend nationalistische Geist im neuen Deutschen Reich fand auch in Ingelheim seinen Ausdruck. Im Jahre 1902 wurde von der Rheinhessischen Gruppe des stark nationalistischen und rassistischen Alldeutschen Verbandes beschlossen, auf der Waldeck in Ober-Ingelheimer Gemarkung und in Sichtweite des Niederwald-Denkmals – wie schon in vielen anderen Orten des Reiches – einen Bismarckturm zu erbauen. Engagiertester Vorkämpfer und Spendensammler für den Bau war der Mainzer Rechtsanwalt Heinrich Claß, der später durch seine nationalistisch-antisemitische Hetzschrift: „Wenn ich der Kaiser wär’ “ (1912, sieben Auflagen bis 1918) bekannt wurde. Darin pries er die Diktatur als Allheilmittel und hetzte gegen eine „jüdische Zersetzung“. Das Buch und sein Verfasser wurden auch von Hitler geschätzt. Claß kandidierte bei den Landtagswahlen 1902 im Wahlkreis Ingelheim-Finthen für den Alldeutschen Verband, erhielt aber nicht die Mehrheit der Wahlmännerstimmen (Personenwahl nach Steuerzensus durch Wahlmänner). Obwohl sich der Vorsitzende der Rheinhessischen Verbandsgruppen Avenarius aus Gau-Algesheim für einen Standort in Gau-Algesheim eingesetzt hatte, wurde schließlich der von der Gemeinde Ober-Ingelheim kostenlos angebotene Standort auf der Waldeck ausgewählt. 1907 einigte man sich auf den monumentalen Entwurf von Prof. Wilhelm Kreis in Dresden, so dass man zur Grundsteinlegung schreiten konnte. 1912 wurde der Bismarckturm mit einer nachträglich aufgesetzten Kuppel vollendet und am 12. Mai feierlich eingeweiht. Seitdem dient er - völlig unpolitisch - als beliebtes Ausflugsziel mit herrlichem Blick ins Rhein- und Selztal oder beeindruckt in der Weihnachtszeit, farbig angestrahlt, schon von weitem als "Ingelumer Kerz".
Gs, erstmals: 27.02.07; Stand: 04.03.10 |

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Markthalle in
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Winzergenossenschaft
Die Grundstraße mit
Jugendstil-Häusern
Die Bahnhofstraße in
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Das Ludwigstift
Die Selztalbahn
("Zuckerlottchen")
Pumpwerk Nieder-Ingelheim
Die "Uffhub" und der "Ernst-Eleonoren-Baum" in Ober-Ingelheim
Bismarck-Turm
Literaturhinweise